Videokonferenz Coaching

Dana Geissler ist Schauspielerin. Auf Bühne und Film allein hat sie sich nie verlassen – den Lockdown nutzte sie, um eine Firma zu gründen: Sie zeigt Führungskräften, wie man in Videokonferenzen gut rüberkommt.





• Dana Geissler ist 57 Jahre alt und freiberufliche Schauspielerin. Sie wirkte in mehr als 30 Filmen und Serien mit (darunter 45 Folgen „Die Wache“), ihre Stimme kennt man aus weit mehr als hundert Hörbüchern und Synchronisationen. Im vergangenen Jahr gründete sie die Coaching-Agentur Actors4business, in der 16 Schauspielerinnen und Schauspieler der Corona-Krise trotzen, indem sie Führungskräften beibringen, wie man in Videokonferenzen einen guten Eindruck macht.

Jetzt sitzt sie in ihrer Wohnung am Münchener Olympiapark. Sie trägt eine schwarze Bluse und roten Lippenstift. Einen Unterkörper hat sie nicht, wie die meisten Leute in Zoom-Konferenzen. Links hinter ihr vor dem hellgrauen Vorhang steht ein Blumengebinde in einer goldenen Vase. Rechts ist nichts. Ich stelle meine erste Frage.

brand eins: Sehe ich einigermaßen korrekt aus?

Dana Geissler: Für den Anfang ist das gar nicht so schlecht. Die Kamera könnte ein bisschen weiter weg sein. Man möchte beim Skypen und beim Zoomen gern das Gefühl haben, dass man den Menschen wie am Tisch gegenübersitzt. Stellen Sie sich mal die eigene Faust auf den Kopf, so viel Platz sollte oben sein. Unten sollte der Bildausschnitt bis zur Brust gehen.

Ich korrigiere den Bildausschnitt. Dana Geissler ist noch nicht zufrieden.

Geissler: Was die meisten falsch machen: Sie stellen den Laptop auf den Tisch. Die Kamera ist dann nicht auf Augenhöhe, so schauen sie von oben herab auf ihren Gesprächspartner. Das mag niemand. Genauso unangenehm ist es übrigens, wenn der Rechner zu hoch steht, dann guckt man unterwürfig von unten nach oben. Legen Sie ein paar dicke Bücher unter Ihren Laptop, dann ist die Kamera auf Augenhöhe.

Besser so?

Ja, der Ausschnitt ist jetzt super. Aber Ihre Stimme ist mir nicht tief genug.

Oje! Was kann ich da machen?

Ganz einfach, ich frage Sie jetzt ein paarmal hintereinander: Geht’s Ihnen gut? Und Sie antworten mit einem: Mmmhmm. Und jedes Mal ein bisschen tiefer.

Mmmhmmm, mmmhmmm, mmmhmmm.

Bitte sehr, geht doch, das ist der Brustton der Überzeugung. Wenn man souverän rüberkommen will, muss man mit seiner tiefsten Stimme sprechen. Die Stimme macht 35 Prozent unserer Wirkung aus. Noch wichtiger ist nur die Körpersprache: Wie sitze ich da? Das macht 58 Prozent der Wirkung aus.

Wie sitze ich richtig?

Vorn auf der Stuhlkante. Becken nach vorn kippen, Rücken gerade, Füße breitbeinig auf dem Boden, Hände auf den Oberschenkeln, damit Sie die Gestik im Griff haben. Wenn Sie zu viel vor Ihrem Gesicht herumfuchteln, hat die Kamera Stress mit dem Scharfstellen, und der Hintergrund beginnt zu flackern.

Und wo bleibt der Inhalt?

Das ist die dramatische Erkenntnis. Der Inhalt macht nur etwa sieben Prozent der Wirkung aus. Der ist nur nettes Beiwerk.

Wie wichtig ist das richtige Licht?

Schauspieler sagen: Licht ist alles. Licht macht dich jünger und frischer. Oder alt und krank. Und gerade in Videokonferenzen ist Licht das A und O. Wie oft sieht man auf Zoom Leute, die im warmen, orangestichigen Pornolicht ihres Wohnzimmers sitzen und versuchen, seriös rüberzukommen. Das klappt natürlich nicht. Wir brauchen kaltes Licht. Glühbirnen machen eher warmes Licht. Tageslicht ist kaltes Licht. Wenn Sie das nicht haben, kaufen Sie ein Ringlicht oder eine Schminkleuchte. Die gibt’s in jedem Drogeriemarkt. Bei mir liegt sie vor der Tastatur und leuchtet mich von unten sanft und kalt aus. Das macht den Hals länger und überstrahlt die Augenringe.

Ist Ihre Agentur Actors4business eine Reaktion auf die Corona-Krise, in der viele Schauspieler noch weniger zu tun haben als zuvor?

Absolut. Die Situation für Schauspieler ist grauenvoll. Es ist ja nicht nur so, dass kaum noch gedreht wird und Bühnen immer wieder geschlossen werden. Die Drehbücher sind komplett absurd geworden, weil man sich beim Dreh nicht mehr näherkommen darf. Selbst viele Hörbücher werden nicht mehr im Studio aufgenommen, sondern zu Hause. Die Branche ist total in Panik. Da wollten wir eine Alternative bieten. Actors4business bringt Schauspieler mit Führungskräften zusammen, die lernen wollen, wie man Videokonferenzen und Online-Präsentationen effektiv gestaltet und dabei maximale Wirkung erzielt.

Warum sind Schauspielerinnen und Schauspieler gute Online-Coaches?

Weil sie gelernt haben, sich darzustellen. Das ist eine gute Voraussetzung, aber es reicht natürlich nicht. Wer auf der Bühne erfolgreich ist, weiß nicht unbedingt, wie man eine Powerpoint-Präsentation gut rüberbringt, ohne die anderen zu überfordern oder als Person vollständig vom Screen zu verschwinden. Oder wie man ein Online-Bewerbungsgespräch führt. Oder wie man als Arzt eine Sprechstunde digital abhält. Wir schulen unsere Leute so, dass alle auf demselben Stand sind.

Macht Ihre Firma schon Gewinn?

Wir sind nicht viel älter als ein Jahr, kratzen schon an sechsstelligen Umsatzzahlen und machen Gewinn. Manchmal hat Corona auch etwas Gutes.

Das heißt, die Agentur ist Ihr künftiger beruflicher Schwerpunkt?

Coaching ist schon länger einer meiner persönlichen Schwerpunkte. Actors4business weitet das aus und ist ein Netzwerk, das Schauspielern berufliche Alternativen bieten soll. Ich ermutige Schauspieler, unsere Plattform zu nutzen und selbst zu akquirieren.

Wie ist denn grundsätzlich die Situation der freiberuflichen Schauspieler in Deutschland?

Etwa vier Prozent können von diesem Beruf leben, nur vier Prozent! Der Rest muss daneben andere Jobs machen oder übt die Schauspielerei nur als Hobby aus. Im Jahr gibt es nur ungefähr 800 Rollen im Fernsehen zu besetzen. Und um diese 800 Rollen schlagen sich Tausende von Schauspielern. Da sind erfolgreiche Schauspielerinnen wie Katja Riemann genauso dabei wie zum Beispiel ich. Für mein Alter gibt es jedes Jahr vielleicht 50 Rollen. Da kann man sich ausrechnen, wie hoch die Chancen sind, engagiert zu werden. Eigentlich könnte man gleich Lotto spielen.

Gilt das auch für Theater-Schauspieler?

Bei denen ist die Situation anders, aber auch potenziell trostlos. Wenn eine Schauspielerin jahrelang nur Theater gespielt hat, wird sie in der Regel arbeitslos, weil es für Frauen über 50 gar keine Rollen gibt. Dann haben die aber nie für ein Audiomedium gesprochen, nie synchronisiert – und kein Studio der Welt wird einer 50-Jährigen noch ein Hörspiel geben, wenn die das zuvor noch nie gemacht hat. Wer sich als Schauspieler nicht auf verschiedene Standbeine stellt, der ist verloren.

Was verdient man, wenn es gut läuft?

Ich habe ab den Neunzigerjahren total viel gedreht. Eine Polizeiserie für RTL, eine Comedy-Serie mit Mirco Nontschew, einen Pilcher-Film, einen Tatort … – ich war überall dabei. Manchmal hatte ich 50 000 Mark pro Monat auf dem Konto und dachte: Jetzt habe ich es geschafft. Aber von wegen!

Was ist passiert?

Ich war zur Harald Schmidt Show eingeladen wegen eines Pilcher-Films, in dem ich mitgespielt hatte, und er hat mich dazu gebracht, ein bisschen spöttisch über Rosamunde Pilcher zu reden – und, zack, war das ZDF beleidigt und hat mich nicht mehr besetzt. Da hatte ich einen echten Fehler gemacht, weil ich unerfahren war. Als Folge hatte ich das ZDF nicht mehr, und dann ist die Auftragslage total eingebrochen. Wenn ich da nicht schon an der Schauspielschule unterrichtet und als Trainerin gearbeitet hätte, dann wäre das eine Katastrophe gewesen.


Will man aristokratisch wirken, ist eine goldene Vase ein guter Anfang

Haben Sie je Nebenjobs angenommen? Kellnern? Taxi fahren?

Nein, ich habe nie artfremd gearbeitet. Das war mein Ehrgeiz. Ich wollte in meinem Beruf bleiben, auch wenn das Telefon mal nicht klingelt. Ich habe mich in dieser Hinsicht eher wie eine Geschäftsfrau verhalten und mich immer wieder neu erfunden und ständig akquiriert. Zum Beispiel bei den Hörbüchern: Als ich meinen Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen habe, merkte ich, dass ich das gut kann und dass es mir Spaß macht. Dann kam vor etwa 20 Jahren die Hörbuchwelle, und ich wollte unbedingt dabei sein. Ich habe bestimmt einen ganzen Monat lang nichts anderes gemacht, als mich bei Verlagen vorzustellen, Hörproben zu sprechen, Kontakte zu knüpfen. Ich wollte es unbedingt. Jetzt gibt es schon mehr als hundert Hörbücher von mir, und ich bin eine bekannte deutsche Hörbuchstimme.

Wieso haben Sie das geschafft und andere nicht?

Weil ich immer aus einer Position der Stärke heraus Neues gesucht habe. Hätte ich damit gewartet, bis ich arbeitslos und in Not bin, dann wäre das vielleicht nicht gelungen. Ich konnte aus dem Vollen schöpfen. Den jungen Kolleginnen und Kollegen empfehle ich: Stellt euch breit auf, lernt frühzeitig, euch selbst zu vermarkten, sucht nach neuen Betätigungsfeldern.

Sind viele Schauspieler an ihrer Misere selbst schuld, weil sie sich zu sehr auf das Gewohnte verlassen und nicht Akquise betreiben?

Das ist das größte Problem fast aller Schauspielerinnen und Schauspieler, dass sie nie irgendwo hingehen und sagen: Ich bin toll, nehmt mich!

Woran liegt das?

Schauspieler können nur sich selbst in die Waagschale werfen. Das ist anders, als wenn man ein Produkt verkaufen will. Dahinter kann man sich verstecken. Als Schauspieler muss man sich selbst verkaufen. Das ist nicht so einfach.

Auf der Bühne oder vor der Kamera verkaufen sie sich doch auch.

Das ist etwas anderes. Da spielen wir eine Rolle. Aber ich rede davon, für sich selbst Marketing zu machen.

Dafür gibt es doch Agenten.

Die meisten Schauspiel-Agenturen verwalten einen nur. Es gibt eine Internetseite, da ist man drauf, aber die Fotos und Videos muss man selbst herstellen. Ich zum Beispiel habe gerade wieder neue Bilder machen lassen und ein neues Filmchen „About Me“ gedreht, ein hochwertiger Zweiminüter, in dem man sich persönlich sichtbar macht. Das kostet gleich mal 1500 Euro.

Und lohnt sich das?

Man weiß nie, ob man dadurch jemals einen Job kriegt. Wenn man aber einen bekommt, dann hat man das Geld dafür an einem Tag wieder reingeholt.

Wie viele Drehtage hat man denn, wenn es richtig gut läuft?

In den Neunzigern hatte ich 120 Drehtage pro Jahr, manchmal 180. Da ging es mir richtig gut. Aber das gelingt nur wenigen Schauspielern, und auch dann ist es meistens vorübergehend. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die mal Erfolg hatten und dann mit 30 auf einen völlig anderen Beruf umschulten. Und ich kenne einige, die das nicht gemacht haben und jetzt Arbeitslosengeld beziehen.

Hat Corona diese Schwierigkeiten noch verschärft?

Natürlich, jetzt muss man noch mehr selbst auf die Beine stellen und noch mehr hoffen, dass man mal einen Drehtag bekommt. Und alle, die Bühnenschauspieler sind oder Live-Performer, sitzen jetzt zu Hause und haben gar nichts mehr.

Haben Sie Angst, dass nach Corona die Kassen so leer sind, dass es weniger Subventionen für Kunst und Kultur gibt?

Nein. Gerade in der Corona-Zeit hat sich doch gezeigt, wie wichtig Unterhaltung für die Menschen ist. Ohne Netflix hätten viele den Lockdown gar nicht überstanden. Die haben sich mit der britischen Fernsehserie „The Crown“ über Wasser gehalten. Da hat man schon gemerkt, dass wir Schauspieler unverzichtbar sind. Und auch die Theaterschauspieler müssen sich meiner Meinung nach nicht allzu große Sorgen machen. Wir sind das Land der Dichter und Denker, und Theater gehört dazu.

Es klingelt an der Tür. Dana Geissler springt auf. Nach kaum einer Minute ist sie zurück. Es war der Stromableser. In der Zwischenzeit habe ich mir den Blumenstrauß vor dem grauen Hintergrund genauer angeschaut.

brand eins: Warum ist der Hintergrund bei Ihnen grau?

Geissler: Das ist die neutralste Farbe, und sie stresst die Webcam am wenigsten. Was Sie machen, ist dagegen richtig anstrengend für die Kamera: schwarzes Hemd vor weißem Hintergrund. Da macht die Elektronik Ihr Gesicht gleich viel dunkler. Aber ich habe nicht immer einen grauen Hintergrund. Für Online-Lesungen hänge ich ein schwarzes Tuch auf, dann wirkt das wie im Theater, für Interviews als Schauspielerin ein rotes mit Glitzer. Der Hintergrund ist wichtig für das Image. Politiker stehen gern vor einem Bücherregal, weil sie dadurch belesen wirken. Und Forscher stehen gern in einem Labor herum. Wenn ich Heilpraktikerin wäre, säße ich vor einer Grünpflanze.

Was erzählt mir Ihr Blumenstrauß?

Der Strauß sagt etwas darüber aus, wie ich es mit der Ästhetik halte. Noch wichtiger ist die goldene Vase. Das gibt mir etwas Wertvolles. Das ist auch mein Image als Schauspielerin: sophisticated, eher ein bisschen aristokratisch.

So möchte ich auch gern rüberkommen. Ich werde mir eine goldene Vase zulegen. Dana Geissler muss das Gespräch beenden. Ein Online-Coaching steht im Terminkalender. Der Laden brummt! Zoom flackert ein wenig. Dann ist sie verschwunden.  

Die Situation

Zahl der hauptberuflichen Film- und Fernsehschauspieler in Deutschland (geschätzt): 5000
Zahl der abhängig beschäftigten Bühnenschauspieler in Deutschland: 1857
Zahl der Schauspieler, die mehr als 100 000 Euro brutto im Jahr verdienen, in Prozent: 4
Zahl der Schauspieler, die weniger als 20 000 Euro brutto im Jahr verdienen, in Prozent: 60

Quellen: Bundesverband Schauspiel, Deutscher Bühnenverein, Statista

 

Die Agentur

Actors4business wurde vor einem Jahr als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts von Peter Grünheid und Dana Geissler gegründet und erzielte seitdem einen Umsatz in Höhe von rund 100 000 Euro. Zu den Kunden zählen unter anderem der Bastei-Lübbe-Verlag, die DZ Bank, die Commerzbank, die Deutsche Bahn, Volkswagen und Ärzte, die sich auf Online-Sprechstunden vorbereiten.

 

Der gute Auftritt in der Video-Konferenz

1. Kamera auf Augenhöhe. Beim Reden in die Kamera gucken, nicht auf den Bildschirm
2. Am besten Tageslicht, sonst kaltes LED-Licht (Schminkleuchte)
3. Haltung: aufrecht auf der Stuhlvorderkante, Füße hüftbreit auf dem Boden
4. Kleidung möglichst einfarbig. Auch der Unterkörper sollte vollständig bekleidet sein (falls man überraschend aufstehen muss)
5. Sprache: je tiefer und ruhiger die Stimme, desto besser
6. Hintergrund: am besten helles Grau

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