Selbstständige ziehen Resümee – Teil I

Die Freiheit und ihr Preis

Sie haben sich entschieden, auf eigene Rechnung zu arbeiten. In der Hoffnung auf mehr Selbstbestimmung – und vielleicht auch mehr Geld. Geht diese Rechnung auf? Vier persönliche Bilanzen.





„Die Selbstständigkeit war die beste Entscheidung, nicht nur finanziell.“

Selbstständig seit: 2017
Wöchentliche Arbeitszeit: 45 Stunden
Bruttoeinkommen: 5600 Euro im Monat
Einbußen durch die Coronakrise: keine

Warum arbeiten Sie auf eigene Rechnung?

Vor meiner Selbstständigkeit war ich Vollzeit in der Gastronomie angestellt. Als ich Vater wurde, wurde es wegen der Arbeitszeiten immer schwieriger für mich, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Ich hatte auch einfach keine Lust mehr, einem Arbeitgeber darüber Rechenschaft schuldig zu sein, wann ich arbeiten kann und will.

Als wir uns nach einer Tagesmutter für unseren Sohn umgeschaut haben, bin ich auf eine Infoveranstaltung gestoßen: „So werden Sie Tageseltern.“ Da bin ich hingegangen, und danach wusste ich: Das will ich machen. Als Tagesvater kann ich meinen Sohn mitbetreuen und bin da, während er aufwächst. Ich habe dann ein Jahr lang neben meinem Vollzeitjob eine Abendschule besucht und einen Abschluss als Kindertagespfleger gemacht.

2017 habe ich mich selbstständig gemacht. Anfangs durfte ich mich nur um drei Kinder gleichzeitig kümmern. Inzwischen habe ich die Erlaubnis, bis zu fünf Kinder zu betreuen. Bei uns zu Hause wurde es dafür zu eng, deshalb miete ich seit 2018 extra Räume in Köln an. Das kostet mich 950 Euro im Monat. Ich betreue fünf Kinder 45 Stunden die Woche und verdiene pro Kind sechs Euro brutto pro Stunde. Die Eltern zahlen ihren Beitrag an die Stadt, ich bekomme meine Stunden vom Jugendamt bezahlt.

Natürlich bin ich als Selbstständiger mehr für mich selbst verantwortlich. Aber es gibt in der Kinderbetreuung mehr Sicherheit als in anderen Branchen. 2020 durfte ich während des Lockdowns mehrere Wochen nicht arbeiten, aber für Erzieher und Kindertagespfleger gab es eine Lohnfortzahlung. Wäre ich noch in der Gastronomie, wäre ich wohl längst auf Arbeitslosengeld angewiesen.

Können Sie etwas zurücklegen?

Ja, schon. Finanziell hat sich der Schritt in die Selbstständigkeit für mich sehr gelohnt. Ich verdiene doppelt so viel wie vorher in der Gastronomie. Noch wichtiger ist mir, dass mein Gehalt jetzt fix ist. Ich bin nicht auf Trinkgeld oder Schwarzgeld angewiesen, wie es in dieser Branche oft der Fall ist. Dank meiner Selbstständigkeit konnten meine Frau und ich einen Kredit aufnehmen und mit unseren inzwischen drei Kindern in ein eigenes Haus in Leverkusen ziehen.

Würden Sie es noch mal so machen?

Auf jeden Fall. Die Selbstständigkeit war die beste Entscheidung, nicht nur finanziell. Ich mag meinen Job. Und ich bin auch stolz darauf, zur Akzeptanz von Männern in erzieherischen Berufen beizutragen. Das ist für mich eine schöne Art, Pionierarbeit zu leisten.

Dieser Artikel ist aus der neuen brand eins:

Unter den Sammelbegriff Selbstständige fallen Schauspieler genauso wie IT-Spezialisten und Gastronomen – eine bunte Welt. Sie fühlen sich von der Politik ignoriert, sind aber glücklicher als Angestellte. Was wir von ihnen lernen können und wie wichtig sie für unsere Wirtschaft sind.

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