Neue Serie: Unternehmertum in Afrika

Folge 01: Der afrikanische Traum

Afrika. Da denken viele noch immer zuerst an Armut und Elend. Dabei ist der Kontinent im Aufbruch wie kein anderer. Überall gründen Menschen Unternehmen, schaffen Jobs. Und überspringen mal eben Jahrzehnte, technisch und ökologisch. Hier die erste Folge einer sechsteiligen Serie.





Ein Markt in Dakar, der Hauptstadt des Senegals

• Überall sind Wolken, über dem Kongo, über Gabun und dem Golf von Guinea, dicht und dunkel, aber dann, über Nigeria, reißt es auf, und wir sehen: Lagos. Das Flugzeug sinkt. Die Stadt schwillt an: Hütten und Hochhäuser, Schnellstraßen und Pisten, verstopft von Hunderttausenden Autos und Millionen von Menschen. Keiner der Passagiere filmt den Ausblick, kein Raunen, kein Staunen. Rückenlehnen klappen in die Senkrechte, Laptops zu. Jacketts werden geglättet, der »Economist« verstaut. Das hier ist kein Touristenflug. Es ist ein Business-Trip – der afrikanische Traum in Aktion.

Ein ganzer Kontinent träumt ihn. Er breitet sich aus in Köpfen und Unternehmen. Er inspiriert, treibt an. Er lässt Wasser in der Wüste fließen, macht aus Slums Smart Cities. Der afrikanische Traum – er war schon immer und ist noch immer der Traum von Freiheit. Nur träumen ihn heute nicht mehr Unabhängigkeitskämpfer, sondern Gründerinnen und Gründer. Sie fliegen Business-Klasse, lesen Wirtschaftsnachrichten, setzen auf Neues. In Nairobi, Kapstadt und Dakar, in Vorstandsetagen und Start-ups. Ihr Traum könnte entscheidend sein für die Zukunft eines ganzen Kontinents.

Lagos, die Stadt unter dem Flugzeug: ein Moloch. Viele sagen ein Albtraum. Es ist die größte Stadt Nigerias. Mehr als 15 Millionen Menschen leben hier. Lagos ist berühmt – für fossile Energien, junge Gründer, reiche Erben in Ferraris. Lagos ist berüchtigt – für Kriminalität, für Korruption, für Slums auf Pfählen im Wasser. Ein wilder Kapitalismus beherrscht die Straßen. Um jeden Preis wird gefeilscht, aus allem Geld gemacht. Lagos ist heiß und gefährlich wie ein mit Benzin gefüllter Dampfdrucktopf. Für uns ist es der letzte Stopp einer langen Reise.

Sechs Monate haben wir für die Serie „Unternehmertum in Afrika“ recherchiert. Wir waren in zwölf Ländern südlich der Sahara, in vier Zeit- und sechs Klimazonen. Wir saßen in Co-Working-Spaces und Fabrikhallen, in Tanklastern, vor Goldminen, im Hotel Ruanda, in Mode-Ateliers und Geldtransportern, auf alten Sklaveninseln, in Großstädten, im Busch. Ein halbes Jahr lang haben wir den afrikanischen Traum gesucht. Und wir haben ihn gefunden. Nirgendwo sonst gibt es so aufregende Unternehmerinnen und Unternehmer wie in Afrika. Nirgendwo ist Geldverdienen so spannend wie hier.


Nairobi, die Hauptstadt Kenias

„Afrika ist der letzte unberührte Markt der Welt“, sagt Mikael Samuelsson. Der Schwede – nordisch-nüchterne Art – ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Kapstadt. Er lehrt Wachstumsfinanzierung und quantitative Methoden. Das klingt nach Zahlen, Analysen, Excel-Realitäten. Aber seine Studentin- nen und Studenten sind Träumer: Afrikas Gründer von morgen. Samuelsson hat in Uganda und Kenia gearbeitet, in Sambia, Mosambik, Namibia und Botswana. Und überall hat er auf Zahlen geschaut. Zahlen, die steigen.

Die Bevölkerung des Kontinents wächst so schnell wie keine andere auf der Welt. 1,4 Milliarden Menschen leben dort heute. 2030 könnten es 1,7 sein – dann gäbe es mehr Afrikaner als Chinesen. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Mittelklasse verdreifacht – auf mehr als 330 Millionen Menschen. Im Jahr 2060 könnten es mehr als eine Milliarde sein. Und die Konsumausgaben steigen mit, jedes Jahr um fast vier Prozent, 2021 auf mehr als 1,93 Billionen Dollar. Aber am stärksten wachsen die Städte: Millionen Menschen wollen Wohnungen mieten, in Restaurants essen, unterhalten werden, wollen Laptops, Kleider, Kunst, wollen kaufen, kaufen, kaufen – viele zum ersten Mal.

„Die Nachfrage steigt immer weiter“, sagt Samuelsson. Und das Angebot komme kaum hinterher. Afrikas Märkte sind jung. Der Traum beginnt erst, sein Ausgang ist offen. Es ist ein Roulettespiel in vollem Gang. Die Kugel rollt, und jeder kann setzen. „In Deutschland konkurriert jede neue Idee mit zehn anderen“, sagt Samuelsson. „In Afrika nicht. Hier können Unternehmen mit dem Markt wachsen statt gegen die Konkurrenz. Das ist eine einmalige Chance“, sagt Samuelsson. Die Frage sei nur: Wird sie genutzt?

„Mehr als 400 afrikanische Firmen“, sagt Acha Leke, „machen mindestens eine Milliarde US-Dollar Jahresumsatz.“ Auch der Senior Partner bei McKinsey und Chef des Afrika-Büros der Unternehmensberatung mag Zahlen. „Afrika wird unterschätzt“, sagt Leke. Er spricht in unternehmensberaterknackigen Sätzen, schreibt mit an Reports und Büchern, deren Titel „Lions on the Move“ oder „Africa’s Business Revolution“ lauten. „Viele große afrikanische Firmen wachsen schneller und profitabler als die internationale Konkurrenz“, sagt er. Eines seiner Lieblingsbeispiele dafür ist die Equity Bank.

Vor 20 Jahren hatte in Kenia nur jeder Zehnte ein Bankkonto. Die Menschen wurden bar bezahlt und bunkerten ihre Scheine zu Hause. Kredite gab es kaum, schon gar keine kleinen. Dann kam Peter Munga. Er machte 2004 aus einer kleinen Bausparkasse die Equity Bank. Heute haben etwa 60 Prozent der Kenianer ein Konto, die Bank hat mehr als 14 Millionen Kunden, ein Gesamtvermögen in Höhe von rund fünf Milliarden Euro, und sie machte zuletzt fast 170 Millionen Euro Gewinn.

Geschichten von sagenhaftem Wachstum, von Erfolg aus dem Nichts – sie werden in Afrika häufig erzählt. Sie handeln zum Bei-spiel von Aliko Dangote, dem reichsten Mann des Kontinents, von Flutterwave, Interswitch und Jumia – den Einhörnern Afrikas, weil sie zu den seltenen Start-ups dieser Welt zählen, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Hunderte Websites feiern den afrikanischen Traum: „How we made it in Africa“, „Africa’s promising Entrepreneurs“. Auf einem Kontinent, wo Politiker massenhaft versagen, werden Gründer zu Helden. Ihre Geschichten erzählen von einem Afrika, das aufholt. Weil es dort viel Raum für Ideen gibt. Und mehr und mehr Kundinnen und Kunden. Weil sich alles bewegt, nicht nur Fintec und Apps, sondern auch Branchen, die im Rest der Welt schon lange besetzt sind.

Einer, der das erkannt hat, ist William Tewiah. „Ich war neu“, sagt er, „ich wollte da rein.“ Früher war Tewiah Investmentbanker in Europa. Heute ist er in Ghana Unternehmer. Auch um ihn wird es in dieser Serie gehen (Teil 3 in brand eins 02/2022). Seine Firma wächst enorm – in einer Branche, so alt, dass sich schon das britische Empire und Persien darum stritten. Tewiah verkauft Öl und Benzin. Er kämpft gegen Kriminelle, gegen alte Vorurteile und eine globale Industrie. „Der richtige Unternehmer“, sagt er, „kann in Afrika vieles bewegen.“ In Europa werde der Wohlstand verwaltet. „In Afrika gibt es noch echte Herausforderungen.“


William Tewiah, Geschäftsführer von Zen Petroleum in Ghana

September 2021 in Mitteleuropa, die »Welt« fragt: „Wann fliegen in Deutschland autonome Fluggeräte?“ Es geht um Lilium, ein Start-up aus Oberbayern. Die Firma ist gerade an die Börse gegangen. Das ist eine gute Nachricht – für alle, die zur Arbeit fliegen wollen. Denn: Lilium baut Flugtaxen. Das »Handelsblatt« nennt das eine „Revolution“.

September 2021 in Subsahara-Afrika: In Addis Abeba fährt eine S-Bahn, die einzige südlich der Sahara. Das ist keine Schlagzeile, bloß eine Feststellung. Afrika hat das schlechteste Straßennetz der Welt, das schlechteste Gesundheitswesen, das schlechteste Stromnetz. Alles Mängel, alles Defizite, alles Defekte. Aber für Unternehmer eben auch: alles aufregend, alles Potenzial. Revolutionen sind in Afrika Alltag, weil so viel revolutioniert werden muss. Alles geht besser, schneller, schlauer. Und wer das schafft, wird reich. Und berühmt. Und verändert das Leben von Millionen, so wie Lori Systems, eine Firma aus Kenia.

„Nirgendwo ist der Transport von Waren so teuer wie in Afrika“, sagt Uche Ogboi. Auch um sie wird es später in dieser Serie gehen und um ihre Firma: Lori Systems, eine Art Uber für Trucks. In Europa und den USA machen Transportkosten 6 Prozent aller Preise aus. „In Afrika sind es bis zu 70“, sagt Ogboi. Das liegt an kaputten Straßen, geschlossenen Grenzen, fehlenden Krediten, an Fahrern und Transporteuren, an Korruption, Klau und Klima – am Chaos. „Wir wollen das ändern“, sagt Ogboi. „Und Afrika wettbewerbsfähig machen.“ Sollte sie damit Erfolg haben, wäre das eine Revolution, eine echte, schon wieder.

Disruption ist in Afrika kein abgedroschenes Schlagwort, sondern notwendig. Das macht Gründer hier so wichtig. Weil sie wachsen müssen, an der Größe der Probleme.

Unser Flugzeug rollt aus. Stoppt. Willkommen in Lagos – am Murtala Muhammed International Airport, benannt nach einem Präsidenten, der von Demokratie träumte und erschossen wurde. Die Sonne steht tief. Der Himmel sieht aus wie eine fleischfressende Pflanze. Wir drängen aus der Maschine. Absätze klackern auf Beton, Trolleys schnurren. Dann stoppt die Menge: Covid-Test-Kontrolle. Der Mann am Schalter ist jung, freundlich – und korrupt. „Ich kann den QR-Code nicht scannen“, sagt er. „Was habt ihr mir mitgebracht?“ Er ist nicht der Einzige, der Geld will, er ist nur der Erste. Ein Grenzbeamter in Uniform fragt: „Was habt ihr für mich?“ Ein Soldat mit Gewehr verlangt eine Spende. Die Frau am Zoll öffnet Koffer, sucht und sagt: „Schöne Tasche. Darf ich die haben?“


Clarisse Iribagiza, Mitgründerin des Mobilfunkanbieters HeHe in Ruanda

Sechs der zehn korruptesten Länder der Welt liegen in Afrika. Es ist ein armer Kontinent. Ein harter Kontinent. In Teilen: ein gefährlicher. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie reichen von den Portugiesen, die als erste Europäer ihre Fahne in den Sand der Goldküste rammten, über Sklavenhandel und Kolonialismus bis zu den Bürgerkriegen der Neunzigerjahre. Sehr lange prägte nur dieses Elend Afrikas Bild in der Welt: das Herz der Finsternis, der chancenlose Kontinent, das Armenhaus der Erde. Aber dann änderte sich die Geschichte.

George Soros, Investment-Guru und Hedgefonds-Milliardär, nannte Afrika 2006 „einen der wenigen Lichtblicke am düsteren Horizont der Weltwirtschaft“. Und das war nur der Anfang. „Africa rising“ hieß es fortan, Acha Leke und McKinsey schrieben über Löwen im Aufbruch. Ökonomen beschworen den Aufstieg. Die Zahlen, von denen der Wissenschaftler Samuelsson spricht, begannen zu wachsen: Die Lebenserwartung stieg. Mehr und mehr Menschen lernten lesen und schreiben. Immer mehr gehörten zur Mittelschicht. Immer weniger lebten in Armut. Von 2000 bis 2010 war Afrikas Wirtschaft die am zweitschnellsten wachsende der Welt. Nun prägte der Aufstieg das Afrika-Bild. Und für kein Land galt das so sehr wie für Ruanda.

Vor 27 Jahren ging in Ruanda die Welt unter: Eine Million Menschen fielen dem damaligen Völkermord an den Tutsi zum Opfer. Das Land war ein Schlachthaus, die Hauptstadt verwüstet. Das war 1994. Heute wirkt die Hauptstadt Kigali wie ein Stück Schweiz in Afrika: Häuserketten vor Bergidyll. Plastiktüten sind seit 2008 verboten. Auf leeren Straßen stoppen Autos bei Rot. Ruanda wächst und wirtschaftswundert, ist Liebling der Investoren, Vorreiter der Digitalisierung. In dieser Serie wird es auch um Ruanda gehen. Und um eine Gründerin von dort: Clarisse Iribagiza. Auch sie revolutioniert etwas – die Landwirtschaft. Über ihr Land sagt sie: „Die Zukunft ist hier.“ Und viele gaben ihr recht, sahen Afrikas Zukunft im ruandischen Modell. Dann kam Corona.


Jean-Claude Homawoo, Mitgründer von Lori Systems in Nairobi

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Subsahara-Afrika, um das es in dieser Serie geht, ist der südlich der Sahara gelegene Teil des afrikanischen Kontinents. Er umfasst 49 Staaten.

Dauer der Recherche-Reise in Wochen 24
Zahl der besuchten Länder in Afrika 12
Zahl der durchreisten Klimazonen 6
Zahl der Zeitzonen 4
Zahl der zurückgelegten Kilometer 42.000

Die Recherche wurde von zwei Institutionen unterstützt: Hauptförderer war das Medienprogramm Subsahara-Afrika der Konrad-Adenauer-Stiftung in Johannesburg. Außerdem unterstützte das Projekt die Agentur für Wirtschaft & Entwicklung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

 

Grafik: Carte Blanche Design Studio

2020 erlebte Afrika die erste Rezession seit einem Vierteljahrhundert. 58 Millionen Menschen, sagt die Weltbank, könnten zurück in die Armut stürzen. Die Mittelklasse schrumpft, der Tourismus verschwindet, die Rohstoffexporte stocken. In Europa und Amerika, in Asien und Australien scheint das Gröbste überwunden. Aber in Afrika sind nur vier Prozent aller Menschen geimpft. Die Pandemie trifft den Kontinent wie einen Läufer im Sprint. Afrika strauchelt.

„Die größte Herausforderung ist jetzt, mehr Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Margaret McMillan. „Davon hängt alles ab.“ Sie unterrichtet Ökonomie an der Tufts University in Massachusetts, USA. Und erforscht die Industrialisierung Afrikas, beobachtet seit mehr als 20 Jahren die Märkte in Äthiopien, Tansania und Ruanda. Jedes Jahr strömen in Afrika 20 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt. Schon jetzt leben in den Ländern südlich der Sahara 14 Prozent aller Menschen des Planeten, die im erwerbsfähigen Alter sind. Spätestens 2036 werden es mehr sein als auf der restlichen Welt zusammen. Wenn sie Arbeit finden, könnte der Kontinent boomen. Wenn nicht, werden sie Afrika verlassen: Millionen Wirtschaftsflüchtlinge jedes Jahr. „Für sie müssen Jobs kreiert werden“, sagt McMillan. „In Afrika kann man die Bedeutung von Unternehmern gar nicht hoch genug einschätzen.“

Jobs, Jobs, Jobs also. Aber wie soll das gehen? Sangu Delle sagt: „Vor allem mithilfe des Internets.“ Delle ist Unternehmer und Investor. Er kommt aus Ghana. Er ist jung und motiviert, hält TED-Talks und schreibt Bücher. Delle predigt den afrikanischen Traum wie von einer Kanzel. Und klatscht dabei in die Hände. „Das Internet“ – klatsch! – „macht Afrika“ – klatsch! – „sexy“ – klatsch! „Nirgendwo“, sagt Delle, „treibt es den Fortschritt so an wie hier.“ Das Internet war ein Game Changer. Jetzt soll es den Traum retten.

Vor 20 Jahren gab es in Subsahara-Afrika weniger Telefonanschlüsse als in Manhattan. Aber schon 2013 waren in Afrika mehr als 650 Millionen Mobilfunkverträge geschlossen – circa einer für jeden Erwachsenen. Knapp die Hälfte aller weltweiten Nutzerinnen und Nutzer von Mobile Money – ein Service, bei dem man per Handy Geld versenden und empfangen kann – lebt heute südlich der Sahara. 64 Prozent aller weltweiten Mobile-Transaktionen fanden im Jahr 2020 in Afrika statt. Und jeden Tag verbinden sich auf dem Kontinent mehr als 90 000 neue Kunden zum ersten Mal mit dem Internet.

Afrika überspringt die Ära der Sparbücher, Schecks und Überweisungsträger. Es holt Jahrzehnte auf, in Jahren. Das galt in Kenia, als die Equity Bank wuchs. Und gilt in Afrika in vielen Branchen. Keine großen Taxifirmen, das heißt: mehr Platz für Ride-Hailing (siehe auch brand eins 07/2019: „Ohne Kumpels, Kontakte, Kapital“) *. Keine Einzelhandelsketten bedeutet: E-Commerce-Boom. Das ist der Traum von Afrikas Tech-Branche: Leapfrogging – das Auslassen einzelner Stufen im Entwicklungsprozess.


Sarah Diouf, Modedesignerin aus Dakar

Das Internet lässt in Afrika auch kleine Unternehmen groß träumen. Früher lag zwischen Dakar und New York eine Welt – heute ist es nur noch ein Klick. Deshalb gibt es nun Karrieren wie die von Sarah Diouf.

Auch von ihr werden wir in dieser Serie erzählen: einer Modedesignerin aus dem Senegal, 31 Jahre alt und weltweit bekannt (Teil 2 in brand eins 01/2022). Sie produziert in Dakar und verkauft in Europa und den USA. Beyoncé trägt ihre Kleider, Alicia Keys, Naomi Campbell. Ihr Label Tongoro ist berühmt, aber klein. Das Marketing findet auf Instagram statt, verkauft wird nur online. Die Welt kann Tongoro im Internet sehen – und der Senegal profitiert. Denn in Dakar beschäftigt Diouf Schneider, Models, Fotografen, kauft Stoffe auf lokalen Märkten, zahlt Miete an örtliche Immobilienbesitzer, macht Geld und gibt Geld aus.

„Jedes erfolgreiche Start-up“, sagt Sangu Delle, „erzeugt einen Welleneffekt.“ Neue Arbeitsplätze schaffen neue Konsumenten, schaffen Nachfrage, die bedient werden muss. Das gilt im Kleinen für Diouf und im Großen für Mobile Money. Millionen können jetzt Geld verwalten, kaufen und verkaufen, Firmen gründen und noch mehr Wellen schlagen. „Wir erschaffen ganze Systeme – jetzt müssen sie wachsen“, sagt Delle. „Wir brauchen panafrikanische Riesen, die auf dem ganzen Kontinent operieren.“ Bis jetzt passiert das kaum. Nur wenige Unternehmen expandieren über ihre Länder hinaus. Aber das könnte sich bald ändern.

Afrika ist ein Kontinent mit 54 Staaten. Und jeder hat eigene Import- und Exportbeschränkungen, Währungen und Zollvorschriften. Die Afrikanische Union, ein Zusammenschluss aller international anerkannten Staaten des Kontinents, ist nicht die EU. Es gibt keinen einheitlichen Binnenmarkt, sondern Dutzende Märkte. Das lähmt Wachstum und Handel. Jede Woche exportieren die Staaten südlich der Sahara Waren und Rohstoffe im Wert von 6,5 Milliarden Dollar. Aber nur ein Fünftel davon geht in die Nachbarländer – der große Rest nach Europa, Asien, Amerika. Zumindest bis jetzt. Denn Afrikas Märkte stehen vor einem großen Wandel. Er heißt: AfCFTA.

Das African-Continental-Free-Trade-Area-Abkommen regelt die Errichtung einer panafrikanischen Freihandelszone. 22 Länder hatten es 2019 ratifiziert, und fast alle anderen Staaten des Kontinents haben seitdem unterschrieben. Das Abkommen soll die unterschiedlichen Handelsblöcke Afrikas vereinen, aus 54 Ländern einen gigantischen gemeinsamen Markt machen, mit mehr als einer Milliarde Menschen. Bislang ist es vor allem eine Absichtserklärung. Aber in den nächsten Jahren und Jahrzehnten soll daraus eine Zoll-, Währungs- und Wirtschaftsunion werden. „Wenn das funktioniert“, sagt Mikael Samuelsson, „wird es alles verändern.“

Am Flughafen in Lagos wird es dunkler und dunkler. Die Sonne geht unter. Wir warten. Vier Stunden lang werden unsere Visa bearbeitet. Mit uns warten ein paar Amerikaner, viele Chinesen und gefühlt halb Afrika. Es gibt Rimowa-Koffer und Sporttaschen, zwei Männer trinken Bier, eine Frau schläft ein. Wir sehen Kaftane, Kleider und Jogginghosen, schicke Anzüge, dicke Bäuche, Kroko-Schuhe. Vor Nigerias Visa-Kontrolle sind wir alle gleich: nass geschwitzt. Der Ventilator versagt gegen Hitze und Ungeduld. Unmut wabert von Reihe zu Reihe, auf Englisch, Französisch, Arabisch, Amharisch – und Deutsch. Die Grenzbeamten bearbeiten die Visa mit Tablets und Bleistiften, telefonieren per Festnetz, tippen auf Displays, scannen Finger, kritzeln in Blöcke.

In Afrika passiert vieles gleichzeitig.

Menschen bezahlen per Smartphone Zwiebeln am Straßenrand. Esel schleppen Zementsäcke. Hochhäuser wachsen. Mittel- alter und Moderne. In Afrika sprechen Hunderte Kulturen mehr als zweitausend Sprachen. Es ist ein großes Stück Welt. China, Europa, USA – alle würden gemeinsam hineinpassen. Der Kontinent ist extrem vielfältig: Botswana liegt im Demokratie-Index vor Belgien, Eritrea ist das Nordkorea Afrikas. Nach Somalia fliegt nur, wer muss – und nach Südafrika Flitterwöchner für Weintouren durch Stellenbosch. „In Afrika liegen neun der zehn ärmsten Länder der Welt“, sagt Sangu Delle. „Aber auch acht der zwanzig am schnellsten wachsenden Wirtschaften.“

In Afrika ist alles da und deshalb auch immer alles wahr: Armut und Aufstieg, Diktatur und Demokratie – alles lässt sich belegen. Afro-Optimisten und Afro-Pessimisten – alle finden ihren Beweis. Kaum jemand schaut zweimal, wenn schon der erste Blick zeigt: Was ich glaube, stimmt. Das schafft persönliche Wahrheiten statt Fakten, verengt den Blick, endet in Klischees. Unternehmer in Afrika? Für viele heißt das: Öl-Milliardäre, korrupte Typen, fette Bäuche. Oder: arme Existenzgründerinnen, mutig und tapfer – gebt der Frau mit der Ziege einen Mikrokredit! Oder: innovative Sozialunternehmer, die – trotz widriger Umstände – Menschen helfen, indem sie Tampons aus Blättern fertigen oder Schuhe nähen aus Slum-Müll. Sie alle mag es geben. Um keinen von ihnen wird es in dieser Serie gehen.


Temie Giwa-Tuboson, Gründerin und Chefin von Lifebank in Nigeria

Wir haben uns Unternehmerinnen angeschaut, die überall erfolgreich sein könnten – mit Konzepten, die nicht nur in Afrika funktionieren. Wir berichten von innovativen Geschäftsideen und erzählen individuelle Geschichten. Wir wollen verstehen: Was macht die Unternehmer hier erfolgreich? Wovor haben sie Angst? Wie denken, handeln, hoffen sie? Und ist irgendetwas davon besonders afrikanisch?

In dieser Serie geht es um Unternehmer und Unternehmerinnen, die kämpfen und manchmal scheitern, aber immer etwas bewegen.

Wird sich ihr Traum erfüllen?

Mikael Samuelsson: „Vielleicht.“

Acha Leke: „Wenn wir nachhaltig wachsen.“

Sangu Delle: „Afrika steigt auf. Aber nicht alle Afrikaner.“

Margaret McMillan: „Ich hoffe es.“

Sechs Stunden sitzen wir im Flughafen von Lagos. Dann sagt ein Beamter: „You’re free to go.“ Draußen ist die Nacht wie ein Dampfbad. Wir schieben uns durch Gedränge und Geschrei, Geldwechsler, Kofferträger. Das Taxi riecht nach Lufterfrischer. Der Fahrer spielt Hip-Hop. Dann gewinnen wir an Tempo. Fahrtwind, endlich. Rechts versinken die Slums von Makoko im Wasser. Vor uns glitzert die Skyline von Victoria Island, wo Luxusmode in den Schaufenstern hängt, wo Menschen nachts auf Dachterrassen feiern, wo das Meer trockengelegt wird, um ein neues Viertel zu bauen.

Das ist Lagos, die Stadt, in der der afrikanische Traum zum Fiebertraum wird. Auch hier werden wir eine Unternehmerin treffen: Temie Giwa-Tubosun, die Vorstandsvorsitzende von Lifebank. Sie rettet mit Blutkonserven Leben. Der Alibaba-Gründer Jack Ma hat in ihre Firma investiert. Mark Zuckerberg hat über sie gesagt: „Wenn sie Erfolg hat, wird sie nicht nur Lagos verändern, nicht nur Nigeria, sondern Länder auf der ganzen Welt.“ ---

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Zahl der Menschen in Millionen, die in Afrika zur Mittelschicht* gehören, im Jahr

1980 111
2014 330
2060 1100

* Die Mittelschicht in Afrika ist vor allem durch ein höheres Einkommen und Eigentum im Vergleich zum Durchschnitt definiert.

Konsumausgaben in Afrika, im Jahr 2021 (geschätzt) in Milliarden Dollar 1900
Konsumausgaben in Frankreich, im Jahr 2020 in Milliarden Dollar 2100
Zahl der Firmen in Afrika, die mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr machen 400
Zahl der Menschen über 15, die vor 20 Jahren ein Bankkonto in Kenia hatten, in Prozent 10
Zahl der Menschen über 15, die heute ein Bankkonto in Kenia haben, in Prozent 60
Zahl der sogenannten Einhörner (Unternehmen, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind) in Afrika 3
Zahl der Einhörner weltweit 800
Zahl der afrikanischen Staaten unter den zehn korruptesten Ländern der Welt 6
Jahr, seitdem es in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, illegal ist, Plastiktüten herzustellen, zu importieren, zu verkaufen oder zu benutzen 2008
Zahl der Sprachen in Afrika > 2100
Jahr, in dem es in Afrika so viele Mobilfunkverträge wie erwachsene Einwohner gibt 2013
Anteil der Nutzer von elektronischen Geldbörsenservices (Mobile Money), die in Subhsahara-Afrika leben, in Prozent 46
Anteil aller Mobile-Money-Transaktionen, die in Subsahara-Afrika stattfinden, in Prozent 66
Zahl der Menschen in Subsahara-Afrika, die täglich das Internet zum ersten Mal benutzen > 90.000
Zahl der afrikanischen Staaten, die am neuen Abkommen zur panafrikanischen Freihandelszone beteiligt sind 53
Zahl der Staaten in Afrika 54
Fläche von Afrika, in Millionen Quadratkilometern 30,4
Fläche von China, Europa und USA zusammen, in Millionen Quadratkilometern 30,6

Rang im Demokratie-Index weltweit, im Jahr 2020:

Deutschland 14
Botswana 33
Belgien 36
Eritrea 153
Zahl der afrikanischen Länder, die zu den ärmsten 10 Ländern der Welt zählen 9
Zahl der afrikanischen Länder, deren Wirtschaft zu den 20 weltweit am schnellsten wachsenden zählt 8