Prost, Genossen!

Wirtshäuser, Bauernhöfe und eine Versicherung beteiligen Kunden am Unternehmen – und beleben so die alte Idee der Kooperative neu.





Das Gasthaus Domagk liegt versteckt in einem Innenhof, mitten in einem Neubaugebiet im Münchener Norden – nicht gerade Bestlage für ein Lokal. Zwei Wohnungsbaugenossenschaften sind auf dem ehemaligen Kasernengelände am Werkeln, irgendeine Baustelle sorgte hier in den vergangenen Jahren immer für Unruhe. Viele potenzielle Pächter und Investoren für ein geplantes Wirtshaus im Quartier winkten daher ab – hier würde sich so schnell keine Stammkundschaft finden lassen. Das sahen Renata Neukirchen und drei Mitstreiterinnen anders. Und machten ihre potenziellen Kunden im Quartier kurzerhand zu Miteigentümern des Restaurants.

Das Gasthaus ist das erste in München, das genossenschaftlich geführt wird. Bei der Gründungsfinanzierung halfen 40 Mitglieder, heute sind es 225. Ein Anteil kostet 500 Euro. Bei regelmäßigen Verhandlungen bestimmen die Wirtshaus-Eigentümer mit, was im Restaurant auf die Speisekarte kommt (ökologisch angebaute Lebensmittel aus der Region) und wer hier arbeiten darf (bevorzugt ältere Menschen, die ihren Lebensunterhalt sichern müssen, und solche mit Migrationshintergrund). „Hier geht es nicht um den Gewinn, sondern darum, etwas für sich und andere im Quartier zu tun“, sagt Geschäftsführerin Neukirchen. „Es tut den Menschen gut, Teil eines gemeinsamen Projektes zu sein, wir beleben die Nachbarschaft.“ Denn das Gasthaus ist längst mehr als nur ein Ort für die Mittagspause oder ein nettes gemeinsames Abendessen. Regelmäßig finden Ausstellungen, Lesungen und Konzerte statt.

Viele Genossenschaftler, die in den umliegenden Neubauten leben, treffen sich hier, um über weitere Projekte zu beraten. Auch in der Corona-Krise kann sich die Geschäftsführerin auf die Solidarität ihrer Miteigentümer verlassen: Als die Einnahmen einbrachen, übernahmen einige den Leasing-Betrag für die teure Kaffeemaschine. Außerdem rief Neukirchen ihre Nachbarn dazu auf, zusätzliche Anteile zu zeichnen. Innerhalb weniger Wochen kamen so 15 000 Euro zusammen. Um die Krise zu überwinden, reichte die Finanzspritze aber nicht. „Wir haben deshalb in einer Versammlung beschlossen, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten“, erzählt Neukirchen. Innerhalb von zwei Monaten kamen so weitere 10 000 Euro zusammen. Mit dem Geld druckte die Gemeinschaft unter anderem Werbeflyer für ein neues To-go-Angebot, um den Betrieb trotz Pandemie am Laufen zu halten.

Marie-Luise Meinhold ist Biologin und Ökonomin. Aus ihrem früheren Job bei einem Versicherungskonzern weiß sie: Versicherungen sind mächtige Investoren, die an den Kapitalmärkten viel Geld bewegen. Um ökologische Ziele geht es dabei nicht unbedingt. Meinhold will es anders machen und mit ihrem Versicherungs-Start-up Verde Sachversicherungen anbieten.

Das Prinzip: Wenn einem Kunden etwas kaputtgeht, finanziert die Versicherung ökologisch produzierten, hochwertigen Ersatz. Die Beiträge der Versicherungskunden fließen ausschließlich in grüne und ethische Finanzanlagen. Damit das Geschäft auch tatsächlich in diesem Sinne geführt wird, sollen die Kunden auch Teilhaber des Versicherungsunternehmens sein. So will die Gründerin verhindern, dass externe Kapitalgeber zu großen Einfluss bekommen.

Die Kunden direkt an der Versicherung zu beteiligen erwies sich allerdings als höchst kompliziert. Denn eine Genossenschaft ist für Versicherungen keine zugelassene Rechtsform. Im ersten Versuch gründete Meinhold einen Verein, in den die Genossenschaft integriert sein sollte – doch diese Variante kam bei potenziellen Investoren nicht gut an. Nun soll Verde auf zwei Säulen basieren: einer Genossenschaft und einer Aktiengesellschaft. Die Genossenschaft soll ein wichtiger Aktionär der AG sein, den Vorsitz im Nachhaltigkeitsrat innehaben und ein Mitglied in den Aufsichtsrat entsenden. So wäre die Mitsprache der Genossen gesichert.

Doch noch fehlen die vollständige Finanzierung und die Zulassung durch die Aufsichtsbehörde BaFin. Erst wenn beides erreicht ist, darf sich Verde als Versicherung bezeichnen. Momentan hat die Genossenschaft nach eigenen Aussagen zu wenige Mitglieder, die Anteile sind ab 300 Euro zu haben. Auch wenn einige Anteile für höhere Beträge erwerben, reicht das Geld bei Weitem noch nicht aus. Insgesamt muss Meinhold mindestens 3,5 Millionen Euro einsammeln, um die BaFin-Erlaubnis zu bekommen – dafür muss sie noch viele zukünftige Kundinnen und Kunden, Genossinnen und Genossen überzeugen. Bis es so weit ist, bietet sie eine „Fahrradabsicherung“ an – ein Schutz bei Diebstahl, der vorerst nicht Versicherung heißen darf.

Jeden Freitag wird der niedersächsische Hof Pente zum Treffpunkt einer bunten Gemeinschaft: Das solidarisch getragene Hofprojekt hat 350 Mitglieder, die hier jede Woche zum Beispiel mit Fleisch von artgerecht gehaltenen Schweinen, Brot oder frisch gepflückten Kohlköpfen versorgt werden. Wie inzwischen immer mehr Landwirte wollte Tobias Hartkemeyer, der den Hof gemeinsam mit seiner Frau Julia führt, nicht für den freien Markt produzieren. Er entschied sich daher für ein Modell, bei dem die Kunden Mitglieder und Investoren sind. Wer bei Pente Mitglied werden möchte, muss die Anrechte auf Anteile an der wöchentlichen Produktion erwerben, einen monatlichen Beitrag bezahlen – und die Lebensmittel jede Woche selbst abholen. Viele Kunden tun sich zu Fahrgemeinschaften zusammen und besuchen bei der Gelegenheit auch das ebenfalls von Mitgliedern betriebene Hof-Café, ernten Kräuter, die auf dem Beet der Mitglieder wachsen, oder beteiligen sich an Aktionen wie dem gemeinsamen Stampfen von Sauerkraut. „Wir sind durch dieses Modell weitgehend unabhängig von Marktschwankungen, und wir vermeiden Überproduktion“, sagt Hartkemeyer.

Viele Kunden beteiligen sich darüber hinaus finanziell an einer Stiftung. Die finanziert auch eine kleine Grundschule und einen Kindergarten auf dem Hof. Für den laufenden Betrieb reichen die Einnahmen – dieses Jahr allerdings braucht Hartkemeyer zusätzliches Kapital. „Wir haben lange nicht in unsere Infrastruktur investiert, und in den vergangenen Jahren ist das Interesse an unserem Angebot gewachsen“, sagt der Landwirt. Er muss zum Schutz gegen die Schweinepest neue, sicherere Ställe bauen. Und der Hof soll einen eigenen Raum für Workshops und Feste bekommen. In der Jahresvollversammlung des Vereins überzeugte er die Mitglieder von seinen Plänen. Alle Mitglieder zahlen nun etwas mehr für ihren Produktionsanteil. Mittlerweile seien bereits rund 40 000 Euro durch sogenannte Genussscheine und ein noch höherer Betrag über Beiträge an die Stiftung zusammengekommen, sagt der Landwirt. Die Genussscheine sind Wertpapiere, der angelegte Beitrag wird verzinst. Allerdings gibt es Zinsen nicht in Form einer Auszahlung, sondern als Bildungsgutscheine. Investoren können an Kursen auf dem Hof teilnehmen und den neuen Veranstaltungsraum für private Feste nutzen. Das Modell macht Schule: In den umliegenden Regionen hätten inzwischen vier weitere solidarische Hofprojekte den Betrieb aufgenommen, sagt Hartkemeyer. Für ihn ein Beweis dafür, dass es sich lohnt, Kunden zu Mitunternehmern zu machen.

Der ideale Supermarkt ist für Norbert Hegmann einer, der jederzeit genau die Produkte im Angebot hat, die sich seine Kunden wünschen. Um das anzubieten, hat er 2018 den Online-Supermarkt Myenso gegründet. Die Konkurrenz im digitalen Lebensmittelhandel ist hart, Branchengrößen aus dem Einzelhandel mischen ebenso mit wie Amazon. Hegmann setzt auf ein Sortiment, das genau auf seinen Kundenstamm zugeschnitten ist. Außerdem will er auch jungen und unbekannten Herstellern eine Chance geben, die es mit ihren Produkten nicht in die Regale der großen Supermarktketten schaffen.

Sein Vorhaben setze voraus, dass sein Team die Kunden und ihre Wünsche gut kennt, sagt Hegmann. Deshalb macht er die Kunden zu Mitgliedern des Supermarktes, an Entscheidungen über das Sortiment beteiligt er sie. Einmal im Monat beraten seine Leute über die Vorschläge der Mitglieder. Neben privaten Investoren und Banken finanzieren die Kunden das Supermarktprojekt zudem als Teilhaber mit. Ein Anteil kostet 100 Euro, bisher sind Beteiligungen im Wert von einer halben Million Euro vergeben. „Wir sind sehr stolz darauf, dass so viele Kunden uns ihr Geld anvertrauen. Ein klareres Zeichen dafür, dass sie unsere Idee unterstützen, gibt es nicht.“

In der Community entstand auch die Idee, den Supermarkt nicht mehr nur online anzubieten. Seit September 2019 eröffnet das Start-up zusätzlich Läden in ländlichen Regionen. Dort rechnet sich der Betrieb eines Supermarktes oft nicht mehr, vor allem wegen der hohen Personalkosten. Die Läden setzen daher auf Self-Service: Kunden schließen mit einer Mitgliedskarte selbst die Ladentür auf und bedienen sich am Sortiment vor Ort, über dessen Zusammensetzung sie mitbestimmen. Die Karte dient nicht nur als Ladenschlüssel: Nutzer laden sie mit Guthaben auf, um die Waren zu bezahlen. Kameras zeichnen zur Sicherheit den Kaufvorgang auf. So entsteht ein Dorf-Supermarkt, der an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr geöffnet ist. Im vergangenen Jahr eröffnete ein solcher Laden in Blender nahe Bremen und ein weiterer in Stuttgart. Im niedersächsischen Schnega gibt es seit Ende Oktober einen. 360 Bewohner wurden bereits vor der Eröffnung Teilhaber. ---

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