Der Geist von Höxter

In der ostwestfälischen Provinz geht es normalerweise beschaulich zu, jetzt aber weht ein Hauch von Revolution durch einen Landkreis. Unternehmer und Kommunalpolitiker werben für eine neue Art der Ökonomie.





• Der Wandel beginnt mit einem Buch. Dünn ist es und hat einen gelben Einband. Anfang 2017 spaziert der Apotheker Albrecht Binder damit ins Rathaus der ostwestfälischen Kleinstadt Steinheim, zum Bürgermeister.

Binder hat das Buch im März von seiner Tochter zum 55. Geburtstag geschenkt bekommen. „Gemeinwohl-Ökonomie“ heißt es, und der österreichische Autor Christian Felber stellt darin sein „Wirtschaftsmodell der Zukunft“ vor: Nicht mehr Profit solle das Wichtigste sein, sondern das Wohlergehen aller. Eine ethische Marktwirtschaft, Kooperation statt Wettbewerb, Nachhaltigkeit statt Ausbeutung.

Die Idee klingt gut, doch ist die Welt, ist Ostwestfalen dafür bereit? Familie Binder jedenfalls ist es. „Meine Frau und ich waren geflasht. Das ist genau das, was uns gefehlt hat“, sagt Albrecht Binder.

In seiner St. Rochus-Apotheke steht Biomilch auf einem Tisch, und an einer Wand hängt ein pinkfarbenes Plakat mit Buddha in vier Positionen – „für einen relaxten Apotheken-Alltag“. Im Minutentakt klingelt das Telefon, oder Kunden kommen herein. Binder ist die Ruhe selbst, gerade erklärt er am Telefon geduldig die korrekte Einnahme von Vitamin C.

Der 59-Jährige ist niemand, der auf die Barrikaden geht. Er singt im Chor und hat vier erwachsene Kinder. Er will eine bessere Welt, aber keinen Umsturz, sondern einen „Wandel mit System“. Es müsse sich etwas ändern, findet er, und das gehe nur, wenn man neue Ideen umsetze.

Sieben Monate, nachdem er Christian Felbers Buch gelesen hat, legt Binder die erste Gemeinwohl-Bilanz für seine Apotheke und die drei Filialen vor. Dafür musste er allerhand Fragen beantworten wie: Sind Firmengelder bei einer Ethikbank angelegt? Oder: Wie umweltfreundlich fahren die Angestellten zur Arbeit? Nicht an Umsatz und Gewinn wird unternehmerisches Handeln hier gemessen, sondern an den Werten Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitspracherechten für die Angestellten. Am Ende prüft ein Auditor den Bericht und vergibt Punkte.

Binders Apotheke bekommt 439 Punkte – auf einer Skala, die bei minus 3600 beginnt und bei 1000 endet. Ein annehmbares Ergebnis. Der Unternehmer macht schon einiges richtig: Er hat ein Elektrofahrrad für Botenfahrten, beschäftigt keine Zeitarbeiter, im Drucker liegt Recycling-Papier.

„Uns war Nachhaltigkeit immer schon wichtig“, sagt er. „Wir haben immer secondhand und bio gekauft. Aber jetzt werden wir nicht mehr als Ökos abgestempelt, sondern ernst genommen. Was wir tun, hat System.“ Binder möchte noch ökologischer, noch sozialer wirtschaften und noch mehr Gemeinwohlpunkte bekommen. Also legt er sich ins Zeug: Er least fünf Firmenfahrräder, erstellt eine CO₂-Bilanz, spendet einen Teil des Gewinns und zahlt einen anderen an seine Belegschaft aus. Selbst auf ein Unternehmergehalt verzichtet er, Familie Binder lebt von den Erträgen einer anderen Firma, die Sanitas heißt und biologische Nahrungsergänzungsmittel herstellt. Albrecht Binder ist einer der Geschäftsführer.

Der Apotheker trägt die Gemeinwohl-Idee weiter – zu Freunden, Geschäftsleuten, zum Bürgermeister. Mehrere machen mit, die Stadtverwaltung und Steinheimer Firmen wie der Biofeinkost-Hersteller Petersilchen und der Gefahrstoffberater Chemical Check. Plötzlich scheint ein Wandel möglich. Ausgerechnet hier, in der ostwestfälischen Provinz.

Steinheim ist eine unscheinbare Kleinstadt im Kreis Höxter, gut 35 Kilometer nordöstlich von Paderborn. Rund 12 600 Menschen leben hier. Noch. Die Alten sterben, die Jungen gehen weg. Seit 2015 ist der Ort um gut 400 Einwohner geschrumpft. In Steinheim regiert die CDU, es gibt einen Bahnhof, zwei Hotels, in der Innenstadt stehen viele Geschäfte leer.

Einst war die Stadt eine Hochburg der Möbelindustrie, mit zwölf Fabriken und rund 50 kleineren Betrieben. Doch Ende der Siebzigerjahre begann das Geschäft mit Stilmöbeln zu kriseln, die Wohnkultur veränderte sich, und nach dem Mauerfall konnten die Steinheimer Manufakturen nicht mehr mit der Billigkonkurrenz aus dem Ostblock mithalten. Rund tausend Arbeitsplätze verschwanden.


Erleuchtet: Der Apotheker Albrecht Binder verbreitet unermüdlich den Gemeinwohl-Gedanken.

Gelebte Kapitalismus-Kritik

Als der österreichische Tänzer und Aktivist Christian Felber 2010 seine Idee von einer Gemeinwohl-Ökonomie veröffentlichte, gab es in kapitalismuskritischen Kreisen viel Zustimmung. Die Ökonomen an den Universitäten und die Unternehmer in Industrieverbänden hingegen ignorierten das Konzept oder taten es als „weltfremd“ ab. Für die Reaktionen beider Seiten gibt es gute Gründe.

Die globale Finanzkrise hatte zwei Jahre zuvor offengelegt, dass das herrschende System die Weltwirtschaft zum Kollabieren bringen kann. Erderwärmung und Artensterben zeugen davon, dass wir auf Kosten der Umwelt wirtschaften. Felber kritisierte, dass die Mainstream-Ökonomie dem größtmöglichen Shareholder Value und einer Wachstumsdoktrin verpflichtet sei statt dem Gemeinwohl.

Er beließ es nicht dabei, sondern rief eine Bewegung ins Leben – mit dem Ziel, die Wirtschaft von unten zu verändern. Betriebe, die sich ihr anschließen, sind aufgefordert, nicht mehr nur ihr finanzielles Ergebnis zu bilanzieren, sondern auch ihren Beitrag zum Gemeinwohl. Bis heute unterstützen ein paar Tausend Unternehmen den Aufruf, 500 von ihnen erstellten eine Gemeinwohl-Bilanz und ließen sie von einem externen Auditor prüfen. Das ist ein Erfolg – auch wenn zu Recht eingewendet wurde, dass sich der Grad an Gemeinwohl-Orientierung nicht wirklich messen lasse und eine derartige Bilanz anfällig dafür sei, als Marketinginstrument missbraucht zu werden.

Die Ökonomen stoßen sich aber auch an Felbers Anspruch, die Gemeinwohl-Ökonomie sei ein alternatives Wirtschaftsmodell – sie ermuntere also nicht nur auf betriebswirtschaftlicher Ebene zu mehr Fairness und Nachhaltigkeit, sondern revolutioniere die gesamte Volkswirtschaft. Es brauche nur genügend Anhänger, um das System zu verändern. Es soll nicht mehr wachstumsgetrieben sein und auch nicht durch Konkurrenz geprägt, sondern durch Kooperation.

Warum aber sollten Unternehmen ohne die Aussicht auf Gewinn das Risiko eingehen zu investieren? Und was sollte sie ohne Konkurrenzdruck davon abhalten, für ihre Güter einen viel zu hohen Preis zu verlangen? Wirtschaftswissenschaftler monieren, dass Felber offenbar verkennt, wie fundamental Wettbewerb in unserer Wirtschaftsordnung ist – auch, um Unternehmen in ihre Grenzen zu verweisen.

Einer, der genau beschrieben hat, wa-rum der Kapitalismus auf Wachstum nicht verzichten kann, ist der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger (siehe auch brand eins 09/2019). Ohne Aussicht auf betriebliche Gewinne, die gesamtwirtschaftlich nichts anderes als Wachstum sind, würden die Investitionsketten reißen, und ohne Investitionen setze eine unkontrollierte Abwärtsspirale der gesamten Wirtschaft ein.

Zur Gemeinwohl-Ökonomie sagte Binswanger in einem Beitrag des »Deutschlandfunks«: Sie existiere nur in Nischen, und diese seien letztlich davon abhängig, dass der Rest der Wirtschaft gut funktioniere und die entsprechenden Einnahmen schaffe, damit die Menschen die Produkte der Gemeinwohl-Betriebe kaufen könnten.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist also gelebte Kritik am Kapitalismus. Aber keine Alternative zu ihm.

Auch andere Orte im Kreis Höxter haben Probleme. Die Arbeitslosenquote im Landkreis lag im September zwar bei nur 4,3 Prozent, aber alle hier kämpfen mit Landflucht, Überalterung und Fachkräftemangel. Wäre die Gemeinwohl-Ökonomie eine Lösung? Albrecht Binder trägt die Idee über die Stadtgrenzen hinaus. Ende 2017 gründet er mit seiner Frau und zwei weiteren Mitstreitern die Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie NRW. 2019 ergattern sie fast 130 000 Euro aus dem Leader-Programm, mit dem die Europäische Union und das Land den ländlichen Raum fördern. Binder startet das Projekt „Gemeinwohlregion Kreis Höxter“. Möglichst viele Betriebe, die zehn Kommunen und 116 Dörfer sollen mitmachen.

Ginge es nach Christian Felber, dem Begründer der Bewegung und Autor des Buchs, das Binder so fasziniert, sollen eines Tages alle Firmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Unternehmen mit gutem Ergebnis sollen nicht nur von Verbrauchern, sondern auch vom Staat bevorzugt werden, etwa Fördergelder erhalten oder einen niedrigeren Steuersatz zahlen. Noch ist das weit weg, eine Utopie. „Was soll Luther einst gesagt haben?“, sagt Binder. „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Er wirkt entschlossen.

Mittwoch, 2. September 2020, Stadthalle Steinheim. Ein großer Tag für Binder, seine Stiftung und die Stadt. Christian Felber, 48 Jahre alt, Publizist, Tänzer, Gründungsmitglied von Attac Österreich und Begründer der Gemeinwohlbewegung, ist aus Wien angereist. Er wird Steinheim zur ersten zertifizierten, gemeinwohl-bilanzierenden Stadt Deutschlands erklären.

Die „erste“, das klingt gut, nach Pioniergeist, PR-tauglich – die Lokalzeitung wird schon am Abend online titeln: „Deutschland schaut auf Steinheim.“ Der Grund: Die Stadtverwaltung hat eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt, ein Auditor hat die Bilanz geprüft und bewertet. Der 166-seitige Bericht ist nun öffentlich. Rund 20 000 Euro hat die Stadt dafür laut dem Kämmerer Heinz-Josef Senneka ausgegeben, allein 4180 Euro für das Audit und einen Jahresbeitrag in Höhe von 600 Euro für die Mitgliedschaft im Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland e. V. – die ist Voraussetzung für eine Zertifizierung.

Verändert hat sich in Steinheim eigentlich noch nichts, lediglich der Status quo wurde erfasst. Den Festakt gibt es trotzdem. Binder ist in Jackett und Trekkingsandalen gekommen, plaudert mit Politikern in Anzug. Da kommt Felber herein, über der Schulter trägt er einen Rucksack der Marke Vaude (siehe auch „Außer Konkurrenz“, brand eins 11 /2017) * – das Unternehmen erstellt seit 2015 eine Gemeinwohl-Bilanz und erreichte zuletzt 631 Punkte.

„Schön, wieder hier zu sein“, grüßt Felber jemanden am Eingang. Drei Jahre zuvor bekam der Salzburger in Steinheim eine Medaille für Querdenker und Pioniere. Damals ließ er sich abends in der Kneipe vom CDU-Bürgermeister versprechen, dass Steinheim sich auf den Weg machen werde. Der hielt Wort, brachte im Mai 2018 den Ratsbeschluss durch: Steinheim wird Gemeinwohl-Kommune. Zwei Nachbargemeinden, Brakel und Willebadessen, zogen nach.

Man nimmt Platz im Saal, Felber sitzt vorn. Der Bürgermeister hat eine Lebensmittelvergiftung, der Kämmerer Heinz-Josef Senneka vertritt ihn und verliert sich im Redemanuskript. Musikschüler tröten Elton Johns „Can You Feel the Love Tonight?“, ein Mädchen am Keyboard verspielt sich, tröstender Beifall.

Die Stimmung verändert sich augenblicklich, als Felber die Bühne betritt. Von „Turbokapitalismus“ redet er und vom „Ökozid“, er wettert: „Wir betreiben eine asoziale Marktwirtschaft!“ Holt aus: Gegründet vor zehn Jahren, habe seine Bewegung heute Anhänger in 35 Staaten, 3000 Unternehmen unterstützten sie, der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss befürworte das Modell, ehrenamtliche Regionalgruppen trügen es in die Gemeinden.

Und nun – „ein Hattrick im Kreis Höxter!“, jubelt Felber, – drei Gemeinwohlkommunen auf einmal, er tritt vor das Rednerpult und schlägt vor Freude zwei Räder. Sein Freizeitsakko flattert. Normalerweise macht er bei Vorträgen einen Kopfstand – um zu veranschaulichen, dass das Wirtschaftssystem verkehrt gepolt ist. Der ökonomische Autodidakt bezeichnet sich selbst als „ganzheitlichen Wirtschaftsreformer“. In Wirtschaftskreisen kommt das oft nicht gut an, doch Felber spricht klar und flammend, er reißt mit.


Endlich mal Erster: Steinheim wird bei einem Festakt von Christian Felber (Bild oben, links) zur gemeinwohl-bilanzierenden Stadt erklärt. Unten: Der Bürgermeister (mit Maske), der bei der Zertifikatübergabe krankheitsbedingt fehlte, bei einer Veranstaltung in der Stadthalle

Dass im Kreis Höxter gleich mehrere Unternehmen und Gemeinden mitmachen würden, damit habe er nicht gerechnet, wird Felber später auf Nachfrage sagen. „Hätte ja sein können, dass es nur ein PR-Gag der Stadt ist. Aber man meint es hier wirklich ernst.“

Auf Felbers Auftritt folgt eine Podiumsrunde. „Der Aufwand für die Gemeinwohl-Bilanz war enorm“, sagt der Klimaschutzbeauftragte der Stadt Alexander Rauer, „aber er lohnt sich.“ Sieben bis zehn Verwaltungsangestellte haben zusammen rund 550 bis 600 Arbeitsstunden für die Bilanz aufgewandt, in anderthalb Jahren. Sie mussten unter anderem erfassen: Wie umweltfreundlich sind die Dienstfahrzeuge? Wo wird Bürobedarf bestellt? Wie steht es um Diversität und Inklusion in der Verwaltung? Wie ethisch handeln die Banken, bei denen das Geld der Stadt liegt?

„Es ging nicht nur um harte Zahlen“, sagt Kämmerer Senneka, „das war ein kleiner Schock für mich.“ Denn mit Zahlen kennt er sich aus, die Jahresabschlüsse erstellt er mit seinen Kollegen routiniert. Finanziell steht Steinheim im Vergleich zu anderen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen ganz gut da. Der jährliche Ertrag der Stadt liegt laut Gesamtabschluss bei mehr als 34 Millionen Euro. Die Stadt macht keine Schulden und kann Darlehen, etwa für Abwasseranlagen, aus Gebühren tilgen, zum Abschluss von 2018 verfügte die Stadt über fast 21 Millionen Euro liquide Mittel.

Der Auditor Bernhard Oberrauch, der Steinheim „auf Herz und Nieren geprüft“ hat, wird per Video aus Südtirol zugeschaltet. Er war für sein Audit drei Tage lang vor Ort. Von den 4180 Euro, die Steinheim dafür zahlen musste, bekommt er etwas mehr als die Hälfte – er berechnet festgelegte 38 Arbeitsstunden à 60 Euro, auch wenn er laut eigener Aussage mehr Zeit investiert hat. Von dem Zertifizierungsbetrag bleiben dann noch 1900 Euro übrig, dieses Geld fließt in die Gemeinwohlbewegung – zur Finanzierung von Projekten, Verwaltung, IT oder Austauschtreffen der Auditoren.

Oberrauch hat Steinheim 423 Punkte gegeben. Mit am schlechtesten schnitt der Bereich E5 ab, „Gesellschaftliche Transparenz und Mitbestimmung“, unter anderem weil der jüngste und bislang einzige Bürgerentscheid zwei Jahrzehnte her ist. Auch A1, „Ethisches Beschaffungswesen“ brachte wenige Punkte; die Verwaltung heizt zwar beispielsweise das Freibad mit „Ökogas“ (sie nutzt gewöhnliches Erdgas und kompensiert die CO₂-Emissionen durch Klimaschutzprojekte), vergibt jedoch etwa im Hoch- und Tiefbau die Aufträge nur kostenorientiert, statt langfristige Kooperationen aufzubauen.

Gut sieht es hingegen bei C4 aus, „Gerechte Einkommensverteilung“, denn der Bürgermeister verdient laut Auditor knapp fünfmal so viel wie die städtische Haushaltshilfe im Kindergarten – eine relativ geringe Lohnspreizung. In Konzernen verdienen Spitzenmanager oft das 100-, manchmal gar das 500-Fache des Durchschnittsgehalts ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. „Die großen Player sollten sich am Stadtrat in Steinheim ein Beispiel nehmen“, wird Christian Felber später sagen.


„So kann es nicht weitergehen“: Hans Hermann Bluhm ist einer der Bürgermeister, die auf neue Impulse hoffen. Im Landkreis stehen viele Geschäfte leer, wie dieses (Foto links) direkt am Steinheimer Marktplatz

Beim Festakt in der Stadthalle trägt er nun das gerahmte Gemeinwohlzertifikat auf die Bühne, überreicht es dem Kämmerer. Die Lokaljournalisten fotografieren, statisches Lächeln, Applaus, Applaus, Binders Stiftungsleute knipsen mit dem Handy.

Der Festakt endet mit vegetarischen Häppchen. Aber die Arbeit beginnt erst. 423 Punkte, nun müssen sie hier ran: zum Beispiel dafür sorgen, dass mehr Verwaltungsleute Rad fahren, Leuchtstoffröhren durch LED-Lampen ersetzen und die Haushaltsplanung transparenter machen.

Zwei Tage später, neun Uhr, Gemeinwohltour durch den Landkreis. Durch das Autofenster sieht die dünn besiedelte Gegend idyllisch aus; bewaldete Hügel, niedliches Fachwerk, putzige Kirchen. Auf weiten Feldern hocken Krähen. Am Steuer sitzt Christian Einsiedel, 44 Jahre alt, Projektmanager bei Binders Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie. Er und ein Kollege teilen sich eine Vollzeitstelle aus den Fördermitteln. Ihre Mission: von der „Gemeinwohlregion Kreis Höxter“ künden, wo immer es geht. So predigen sie auf Bauernmärkten, überbringen Bürgermeistern die frohe Kunde – und betreuen Journalisten. Jede E-Mail beantwortet Einsiedel ausführlich, und sei es kurz vor Mitternacht.

Die Gemeinwohltour an diesem Morgen war seine Idee. Im Erdgas-Auto geht es über kurvenreiche Landstraßen nach Willebadessen, zum CDU-Bürgermeister, der im November in Pension geht. Einsiedel kündigt ihn als eloquenten Elder Statesman an, und das passt: Hans Hermann Bluhm, 61 Jahre alt, 16 davon im Amt, sandbrauner Anzug, Brille und Schnauzbart, schenkt mit ruhiger Hand Tee ein, setzt sich gelassen, lächelt.


Der Ausblick auf Steinheim vom ehemaligen Speicherturm der Stadt. Unten: Jerome Major, der Geschäftsführer der Lebenshilfe in Brakel, unterstützt die Initiative, obwohl er nicht an eine neue Wirtschaftsordnung glaubt

An der Wand in seinem Büro hängt ein großformatiges Gemälde. „Autolack auf Aluminium. Unverwüstlich“, sagt Bluhm stolz, „Klopfen Sie mal dagegen.“ Überhaupt kann er sich für alles begeistern, was mit Fahrzeugen zu tun hat. Wenn er von seinem ersten Auto erzählt, einem Mini Cooper mit 75 PS, strahlt er. Und dieser Bürgermeister hat sich kurz vor der Rente überzeugen lassen, mit seiner Kommune eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen? Ja, hat er. Am 19. November soll Felber das Zertifikat überreichen.

„Anfangs war ich skeptisch“, sagt Bluhm, „Ich dachte: Das klingt nach Gedanken von Marx und Engels, die da neu verarbeitet werden. Und wir sind hier in einer konservativen Gegend. Das kriege ich nie durch.“

Er hörte auf einer Bürgermeisterkonferenz im März 2019 von der Initiative, las Felbers Buch und fühlte sich in seiner Meinung, dass hier einer Sozialismus predige, bestärkt. Doch nach Gesprächen mit Einsiedel und dessen Kollegen merkte er rasch, dass ein Image-Gewinn für seine Stadt winkte. „Der Marketing-Aspekt war erst mal vorrangig“, sagt er. Außerdem könne die Bilanz helfen, die Verwaltung zu modernisieren: erkennen, was nicht läuft, und gezielt anpacken.

Heute steht auf Bluhms Büroschrank ein Porträt von sich selbst, kopfüber eingerahmt, dazu der Spruch „Für die Bürger auch mal einen Kopfstand wagen“. Inzwischen sei er überzeugt von der Vision. So könne es mit der Welt ja nicht weitergehen. Und dann sagt Bluhm einen Satz, der so wenig zu einem autobegeisterten Provinzbürgermeister passt wie Dinkelwaffeln zu Currywurst: „Wenn ich in 200 Jahren wiedergeboren würde und die Gemeinwohl-Ökonomie wäre unser Wirtschaftssystem, wäre meine Freude groß.“

Die Tour mit Einsiedel geht weiter, führt zur gemeinwohlbilanzierenden Lebenshilfe Brakel, zu einem Kloster und einem Yogazentrum. Zurück in Steinheim bedankt sich Einsiedel mit zum Namasté gefalteten Händen. Die Stiftung, für die er tätig ist, braucht Öffentlichkeit. Ihre Förderung läuft Ende 2020 aus.

Eine Kommune im Kreis Höxter hat dem Projekt eine klare Absage erteilt: Bad Driburg an der Westgrenze des Kreises, bekannt für sein Heilbad und den Gräflichen Park, hat im Mai 2019 einen Ratsbeschluss gefasst, sich nicht zu beteiligen.

Dafür ist vor allem Heinz-Jörg Wiegand verantwortlich, er ist Mitarbeiter der Stadt, zuständig unter anderem für Wirtschaftsförderung. Sein Bürgermeister erzählte ihm von der Idee, Wiegand besorgte sich Felbers Buch und recherchierte im Netz. Er fand mehrere kritische Artikel über Felber, den Aktivisten „ohne ökonomische Ausbildung“, und befand: Eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen sei zu zeitaufwendig und nicht Erfolg versprechend. Zumal Bad Driburg ohnehin schon engagiert sei, sagt Wiegand am Telefon, man habe längst eine Klimaschutz-Managerin, sei Fairtrade-Stadt und Europaaktive Kommune. „Da steckt ja auch überall eine Gemeinwohlorientierung drin.“

Er schrieb eine Beratungsvorlage für den Haupt- und Finanzausschuss sowie den Stadtrat, in der es heißt: „Insgesamt geht es um nicht weniger als um einen Umbau von Ökonomien wie auch des Finanzsektors und des Rechtssystems.“ Und weiter: „Die Realitätsnähe des gesamten Modells muss daher hinterfragt werden.“ Die Vorlage wurde mehrheitlich beschlossen.

Seitdem hat Bad Driburg das Projekt zu den Akten gelegt. Wiegand: „Das wird wohl auch nicht mehr aufgegriffen.“

Auch Jerome Major, 38, sieht die Gemeinwohl-Ökonomie kritisch. Trotzdem macht er mit. Für sein Unternehmen, die Lebenshilfe in Brakel, die Menschen mit Behinderung unterstützt, hat er die erste Gemeinwohl-Bilanz fast fertig.

Er sitzt im Besprechungsraum, glatt rasiert und in perfekt gebügeltem Hemd. Sechs Jahre war er Unternehmensberater bei Ernst & Young in Düsseldorf und New York. Ein klassischer Manager, kein Idealist. „Klar, wir müssen schon was tun, sonst geht der Planet baden, das sehe ich ein.“

Dem Gemeinwohl-Projekt habe er sich mit der Lebenshilfe Brakel nur angeschlossen, „weil es cool und neu ist und gut aussieht.“ Weil sein Unternehmen davon profitiere. Nicht weil er an eine neue Wirtschaftsordnung glaube.

„Die Mitarbeiter müssen zufrieden sein, nur dann machen sie auch gute Arbeit. Also komme ich ihnen entgegen, gebe ihnen ein E-Bike, bezahle ihnen einen Heilpraktiker und höre auf den Betriebsrat“, sagt er. Der Laden sei schon gut, aber er könne noch besser werden. Dank der neuen Bilanz habe er beispielsweise herausgefunden, dass die Lebenshilfe vieles bei Amazon bestellt, von Steckdosen bis WC-Reiniger. „Muss ja nicht sein. Ich gucke jetzt nach regionalen Alternativen.“

Doch Felbers Vorstellungen teilt Major nicht. Viele Aspekte des Modells seien schräg und abschreckend. Dass man sein Geld nur bei Ethikbanken anlegen solle. Dass Profit keine Rolle mehr spielen dürfe. Dass Unternehmen in den falschen Geschäftsfeldern per se Minuspunkte kassieren. „Eine Gemeinwohl-Bilanz muss sich auch für, sagen wir, Atomkraftwerkbetreiber lohnen“, sagt Major. „Erst dann wird das groß. So bleibt’s eine Nische.“

Eine schillernde Zukunftsvision für Idealisten, eine Anleitung zur Organisationsentwicklung für Unternehmer oder schickes Marketing für Kommunen – im Kreis Höxter sieht jeder etwas anderes in der Gemeinwohl-Ökonomie. Und vielleicht, man möchte es gern glauben, löst sie irgendetwas aus, treibt mehr Unternehmer zu ökologischer und ethischer Verantwortung oder motiviert Ökonomen, über alternative Wirtschaftsmodelle zu forschen. Vielleicht beginnt ein Wandel in diesem Sinne ja wirklich genau hier, in der ostwestfälischen Provinz, mit einem gelben Buch, Kopfstand und Biomilch. ---

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