Blick in die Bilanz – Zoom

Boom oder Doom?

Die Pandemie bescherte Zoom Video Communications einen Boom. Das größte Risiko der Firma sind die Sicherheitsmängel ihrer Technik.





• Bis vor wenigen Monaten war Zoom nur gut informierten Investoren ein Begriff: 2011 von Eric Yuan, einem gebürtigen Chinesen, in den USA gegründet, war die Firma eines von zahlreichen Einhörnern, also Start-ups, denen ein Wert von mehr als einer Milliarde Dollar zugeschrieben wird. Der Börsengang im April 2019 war vor allem deshalb ein Erfolg, weil Zoom – anders als etwa der Fahrdienstanbieter Uber – beim Gang aufs Parkett bereits schwarze Zahlen schrieb, wenn auch bescheidene.

In dem Ende Januar 2019 abgelaufenen Geschäftsjahr hatte Zoom mit Lizenzgebühren für seine Software einen Umsatz von rund 330 Millionen Dollar und einen Gewinn vor Steuern von 8,3 Millionen Dollar erwirtschaftet. Die Unternehmensbewertung stieg mit dem ersten Börsengang auf 16 Milliarden Dollar. Inzwischen wurde auch bekannt, dass die Firma, deren Produktentwicklung zu einem großen Teil in China stattfindet, Videokonferenzen chinesischer Menschenrechtsaktivisten in den USA und in Hongkong auf Druck der Regierung geblockt hat.

Dann kam die Corona-Krise – und aus zehn Millionen täglichen Zoom-Videokonferenz-Teilnehmern im Dezember 2019 wurden 300 Millionen Ende April dieses Jahres. „Zoomen“ ist mittlerweile umgangssprachlich fast so gebräuchlich wie „googeln“, und das nicht mehr nur auf dem Hauptabsatzmarkt USA, sondern überall. Mit dem Ansturm geriet allerdings genau jene Eigenschaft zur Gefahr, die ihn ausgelöst hatte: Zoom lässt sich sehr einfach bedienen. Doch als Sicherheitsmängel publik wurden – etwa Trolle, die Konferenzen aufmischten –, war das Entsetzen groß. Die Firma steht dazu, trotz weltweiter Kritik.CEO Yuan ist ein erfahrener Manager, der möglicherweise davon ausgeht, dass seine professionell aufgebaute und geführte Firma solche Turbulenzen übersteht. Vor der Zoom-Gründung arbeitete er für den Konkurrenten Webex. Ihm ist bewusst, dass Zoom keine neue Technik bietet, sondern eine bestehende optimiert – und damit in hartem Wettbewerb steht und mit geringen Margen auskommen muss. So betrug der Gewinn vor Steuern für das 2020 abgelaufene Geschäftsjahr mehr als 26,3 Millionen Dollar, das ergibt bezogen auf den Umsatz eine Gewinnmarge von 4,2 Prozent. Eric Yuan legt bei Zoom Wert auf solide Zahlen und hat die Firma krisensicher aufgestellt.

Sein Erfolgsrezept ist vor allem eine klare Fokussierung, zum einen auf die Benutzerfreundlichkeit, zum anderen auf drei Kennzahlen: die Zahl der Kunden mit mehr als zehn Mitarbeitern; die Zahl der Kunden, die mehr als 100 000 Dollar Umsatz im Jahr bringen; schließlich der Free Cash Flow (FCF). Während die ersten beiden unter anderem den zielgerichteten Einsatz des größten Kostenblocks, Sales und Marketing, sicherstellen, sorgt die dritte für Flexibilität. Der FCF ist der Zufluss an liquiden Mitteln aus dem operativen Geschäft minus Ausgaben für Immobilien und Geschäftsausstattung. Er gibt also an, was jährlich für zukunftsträchtige Investitionen übrig bleibt. Je höher er ist, desto liquider ist die Firma – und damit fähig, schnell auf Chancen oder Probleme zu reagieren. Bei Zoom ist der FCF seit Jahren positiv. Zuletzt betrug er knapp 252 Millionen Dollar.

Die Firma stand schon vor dem Börsengang gut da, war praktisch schuldenfrei. Aktuell verfügt Zoom über Cash und liquide Anlagen in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar – viel Geld, um das Sicherheitsproblem zu lösen und die Proteste auszusitzen. Zunächst entwarf Yuan einen 90-Tage-Plan, mit dem bis Anfang Juli die Mängel behoben werden sollen, und warb gleichzeitig den Sicherheits-Chef von Facebook ab. Kurz darauf gab er den Kauf des Verschlüsselungs-Start-ups Keybase bekannt, dessen Know-how Zoom sicherer machen soll. Der Kaufpreis dürfte deutlich über Keybase’ jüngster bekannter Bewertung von 42 Millionen Dollar gelegen haben. Schließlich verkündet die Firma, zwei neue Forschungs- und Entwicklungszentren in Pittsburgh und Phoenix zu eröffnen, Städte mit Top-Universitäten für Software-Ingenieure. Bis zu 500 von ihnen will Zoom neu einstellen. Ein Doom-Szenario sieht anders aus. ---

Zoom wurde im Jahr 2011 von Eric Yuan gegründet. 2013 kam die erste Software-Version heraus, die über die Jahre stetig erweitert wurde. 2019 ging Zoom an die Börse, wobei Yuan rund 20 Prozent der Aktien behielt. Während er eigentlich Firmen- kunden anvisiert, begannen in der Corona-Krise viele Private den Dienst zu nutzen, der in seiner Basis- version kostenlos und einfach zu bedienen ist. Zoom finanziert sich über monatliche Lizenzgebühren. Das Unternehmen beschäftigt gut 2500 Mitarbeiter in den USA, Australien und Großbritannien.