Editorial

Unternehmer-Zeiten

• In diesen Monaten hat vermutlich so manchen Selbstständigen die Frage beschäftigt, ob angestellt sein nicht auch eine attraktive Lebensform ist. Wer keine Masken produziert oder in einer anderen krisenresistenten Branche tätig ist, erlebt einen Niedergang, gegen den auch die an Business Schools gelehrten Risikopläne kaum helfen. Und doch gilt für die meisten: Nach dem Katzenjammer ist vor dem Aufbruch. Nicht nur weil auch Angestellte die Krise spüren und um ihre Existenz fürchten – wer selbstbestimmt war, der will das bleiben.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Dafür steht in besonderer Weise Lars Obendorfer, der mit 23 Jahren die Wurstbude seiner Mutter übernahm. Inzwischen ist daraus „Best Worscht in Town“ geworden, mit 24 Filialen in Deutschland, zwei in Dubai und großen Plänen für Amerika. Corona? Kann ihn kaum aufhalten. Er hat in knapp 30 Unternehmerjahren schon größere Einschläge verkraftet (S. 54).

Aber ist das nicht eine der immer wieder gern erzählten Erfolgsgeschichten, die eine deutlich tristere Wirklichkeit überdecken? Was wird aus jenen Kleinunternehmern, Selbstständigen, Freiberuflern, die nicht vom gigantischen Konjunkturpaket der Bundesregierung profitieren? Catharina Bruns, die sich seit Jahren für mehr Selbstständigkeit einsetzt, warnt vor Selbstmitleid: Auch in diesen Zeiten gebe es Chancen, schön wäre nur, wenn Unternehmergeist nicht durch Bürokratie und Vorurteile behindert würde (S. 52).

Denn eine Gesellschaft, die diesen würdigt und fördert, ist Deutschland schon lange nicht mehr. Wer einen gut bezahlten Job aufgibt, um eigene Ideen zu verwirklichen, muss mit Unverständnis rechnen – und mit Neid, wenn das Vorhaben gelingt. Das ist ein bisschen wie in Frankreich und ganz anders als in Israel oder den USA. Allerdings tun hiesige Unternehmer und Unternehmerinnen auch selbst wenig dafür, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Vorbilder wie Sipho Pityana, der einst für Südafrikas Freiheit kämpfte, mit einer Investmentgesellschaft reich wurde und als Politiker für die Verfassung und gegen den skandalumwitterten Regierungschef Jacob Zuma stritt, werden hierzulande noch gesucht (S. 36, 42).

Dabei ist unternehmerisches Denken weit mehr als ein Mittel, den eigenen Wohlstand zu mehren. Wer Probleme als Herausforderung begreift, immer wieder nach Lösungen sucht, sich durch Rückschläge nicht aufhalten lässt, ist auch geeignet, größere Aufgaben anzugehen. So will Peter Seeberger mit seinem Impfstoff aus Zuckermolekülen gleich der ganzen Menschheit helfen, Markus Seidel holt mit seinem Sozialunternehmen Off Road Kids seit 27 Jahren jugendliche Ausreißer von der Straße, die drei Gründer von Voize wollen mit einer Sprach-App die Pflege verbessern, und die Organisation Ashoka engagiert sich seit Jahren dafür, soziales Engagement und Unternehmertum zu verbünden. Und nein, Entrepreneure sind nicht immer gute Menschen: Holger Fröhlich hat sich eine ganz besondere Spezies angesehen – Kriminelle, deren Anpassungsleistung an die Welt in Corona-Zeiten beeindruckend ist (S. 48, 78, 60, 86, 90).

Jetzt, da die Pandemie so vieles durcheinandergewirbelt hat, ist unternehmerisches Denken gefragter denn je. Nur wenige glauben an die Heilkraft des Konjunkturpakets, das bestenfalls ein Pflaster ist: Heilen können die angeschlagene Wirtschaft nur neue Ideen und die Bereitschaft, Fehlentwicklungen zu korrigieren, auch wenn es schmerzt (S. 70).

Vielleicht verhilft der Blick nach Kuba zu ein wenig Linderung. Dort ist unternehmerisches Denken überlebensnotwendig. Und: die Freude am Leben (S. 98). ---

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