Das geht

Spürhunde der Lüfte

Die Nachfrage nach Bauland ist groß – doch unter vielen Grundstücken liegen noch Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Tüftler suchen mit Drohnen danach.





• Einen gefährlichen Fund sieht Julian Weßel auf seinem Bildschirm als rot-blauen Doppelpunkt. Der Unternehmer aus dem Ruhrgebiet erkundet Grundstücke mithilfe von Drohnen. Ein wichtiger Teil des Geschäftes: das Aufspüren alter Fliegerbomben. Die Idee, dafür Multi-kopter zu nutzen, kam dem 27-Jährigen während seines Geophysik-Studiums in Münster. Dort lernte Weßel, wie man verborgenes Metall aufspürt: „Mit Messausrüstung auf dem Rücken sind wir über Felder und Wege gelatscht. Irgendwann habe ich überlegt, wie man das auf eine modernere Art machen könnte.“

Unter den umgebauten Drohnen seiner Firma Asdro mit Sitz in Oberhausen hängt dazu ein pfeilförmiges Magnetometer. Der hochempfindliche Sensor erkennt Abweichungen im natürlichen Erdmagnetfeld. Aus den Daten errechnet ein Computer Karten, Gegenstände aus Metall erscheinen darauf als zwei entgegengesetzte Pole. Experten können schließlich anhand des Volumens und Gewichtes unterscheiden, ob sich hinter einem rot-blauen Doppelpunkt ein altes Ölfass verbirgt – oder eine 100-Kilo-Bombe.

Rund 10.000 Euro könne Asdro berechnen, wenn zwei Mitarbeiter zwei Tage lang ein zehn Hektar großes Grundstück nach Kampfmitteln absuchen, sagt Weßel. Für Nachfrage sorgt der Flächenhunger: „Im Ruhrgebiet gibt es unheimlich viele Bauprojekte, hier sind aber auch unheimlich viele Bomben vergraben“, sagt der Jungunternehmer. Im Jahr 2019 wurden auch in Bayern 105 Blindgänger gefunden, in Brandenburg 188. Dazu kommen Minen, Brandbomben und scharfe Munition.


Noch immer liegen viele Blindgänger unentdeckt unter der Erde.

Manche Orte lassen sich auf herkömmliche Art nur schwer untersuchen. Bisher laufen Kampfmittel-Entschärfer Baugrundstücke Schritt für Schritt ab, mit dem Magnetometer am Ende eines Rohres. Auf Wasserflächen oder an Deichen und anderen Schrägen kommt dieses Verfahren an seine Grenzen. Zu Asdros Kunden zählt deshalb auch der Hafen Duisburg, der größte Binnenhafen der Welt.

Auf flachem Land kann Zeit ein wichtiger Faktor sein. Als Anfang des Jahres auf dem 60 Hektar großen Tesla-Baugelände nahe Berlin nach Kampfmitteln gesucht wurde, mussten mehrere Räumungsfirmen anrücken. „Drohnen sind doppelt so schnell wie die Sondierung zu Fuß“, sagt Weßel. Manche Bauern ließen den Zutritt zu ihren Felder monatelang nicht zu, wenn diese frisch gesät sind oder voller Maispflanzen stehen. „Unsere Drohnen fliegen einfach drüber.“

Mit seinem Bruder hatte Weßel schon früh Drohnen selbst gebaut und mit Kameras ausgestattet: „Ich habe meine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt, und schon konnte ich fliegen, wohin ich wollte.“ Für Weßels Bachelorarbeit schaffte die Universität Münster 2017 eigens einen Multikopter an. Das größte Problem war anfangs der Wind: Da die Elektronik des Minifliegers die Messungen verzerren könne, sei das Seil zwischen Magnetometer und Drohne damals sieben Meter lang gewesen, sagt Weßel. Bei jeder Brise schaukelte es sich zu einem Pendel auf. Einmal sei es so stark hin und her geschwungen, dass sie Angst um sich gehabt hätten, erinnert sich der Gründer.

Für geophysikalische Messungen aus der Luft wurden lange nur teure Helikopter genutzt, etwa bei der lukrativen Suche nach Rohstoffen. 2018 flog Weßel nach Lappland, um bei einem Forschungsprojekt die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt zu vermessen – mit einer Drohne. Schon damals war Alexander Weyer dabei, der 30-jährige Geophysiker ist heute sein Partner bei Asdro.

Zu dieser Zeit hatte erst eine Handvoll deutscher Firmen erkannt, wie hilfreich Drohnen sind, um Kampfmittel aufzuspüren. Innerhalb weniger Jahre wurden die Geräte immer stabiler. Dank geringerer Kosten lohnte sich ihr Einsatz bald auch für kleinere Flächen. „Am Anfang haben die Steuerung und die Verortung der Messdaten allerdings noch nicht funktioniert“, sagt Holger Preetz von der Leitstelle des Bundes für Kampfmittelräumung. Seit Kurzem könne die Bombensuche per Drohne aber als Stand der Technik gelten.

„Uns war klar, dass wir die Technologie selbst auf den Markt bringen wollen“, sagt Weßel. Im Jahr 2019 brach er sein Geophysik-Studium kurz vor dem Abschluss ab und gründete Asdro. Eine Starthilfe von 92.000 Euro kam aus einem Exist-Gründerstipendium des Bundes, die Hafengesellschaft Duisport gab ein Darlehen im niedrigen fünfstelligen Bereich. Weitere 50.000 Euro Erspartes haben die Unternehmer selbst investiert. Dank erster Umsätze konnten sie so vier Multikopter anschaffen. Diese hätten inklusive Sensorik rund 120.000 Euro gekostet, sagt Weßel. Den Gründern gelang es, die Flugbewegung zu stabilisieren. Außerdem entwickelten sie einen Algorithmus, um Störsignale herauszurechnen. Nun erkenne die Technik Kampfmittel oder Leitungen in bis zu fünf Metern Tiefe. Zusätzlich machen die Drohnen hochauflösende Geländefotos.

Erste Kunden überzeugt das: Der Pipeline-Riese OGE hat die fliegende Messtechnik beim Bau neuer Gasleitungen getestet. Dabei haben die Multikopter Kampfmittel, Leitungen und archäologische Funde aufgespürt. „Von den Drohnen versprechen wir uns wesentlich schnellere Erkundungen“, sagt Carsten Schulze von OGE. Auch der Chemiekonzern Evonik testet die Drohnen.

Asdro hat im Jahr 2019 laut Julian Weßel 150.000 Euro umgesetzt, 2020 will er die Summe mindestens verdoppeln – etwa mit einer Software für Messtechniker und mehr Aufträgen auf Industriebrachen. Mit einem Radarverfahren sollen die Drohnen in Zukunft außerdem ein Phänomen erkennen, das im Ruhrgebiet verbreitet ist: Instabile unterirdische Hohlräume durch den Bergbau. ---