Söder auf Speed

Er ist als Wissenschaftler erfolgreich und weltweit anerkannt, aber das ist dem aus Franken stammenden Peter Seeberger nicht genug: Er will seine Forschung als Unternehmer in die Welt bringen.





• Der Potsdam Science Park liegt draußen vor Berlin im Flachland Brandenburgs. Jede Stunde fährt ein Regio-Zug der deutschen Bahn bis Golm. Dort ist Endstation, „bitte alle aussteigen“. Dann geht es zu Fuß in der Frühsommerhitze über einen menschenleeren Campus bis zum Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Wenn Corona ir- gendwann vorbei ist, wimmelt es hier hof- fentlich wieder von Wissenschaftlern und Laboranten. Im Moment gleicht die Forschungseinrichtung einer Geisterstadt.

Lautlos öffnet sich die Tür zum Empfang, und ein Hüne mit grünblauem Mund- schutz erscheint. Es ist Professor Peter H. Seeberger, der geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Campus Golm. Der 53-Jährige stammt aus Franken, was man sofort hört. Er redet wie der bayerische Ministerpräsident, nur viel schneller. Eine Art Söder auf Speed.

Er habe gerade seine Anteile an der Pharma-Firma Vaxxilon verkaufen müssen, so eröffnet er das Gespräch, am Telefon, gegen seinen Willen. Er sei rausgedrängt worden, jetzt, da alles super laufe. Seeberger spricht ohne Punkt und Komma – und immer wieder „off the record“. Gar nicht einfach, den Überblick zu behalten zwischen „Darf man zitieren“ und „Darf man nicht zitieren“. Vaxxilon entwickle seit fünf Jahren in Reinach bei Basel synthetische Impfstoffe, sehr erfolgreich, ein Joint Venture zwischen dem Schweizer Pharmaunternehmen Idorsia, seiner eigenen Firma Seeberger Science und der Max-Planck-Innovation GmbH (MPI). Und nun sei er raus, Max Planck auch. „Ärgerlich.“ Die Details: „Off the record.“

Die MPI ist die Start-up-Schmiede der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Sie unterstützt die mehr als 10.000 Wissenschaftler der MPG dabei, ihre Erfindungen zu Geld zu machen. Seit Anfang der Neunzigerjahre wurden 4500 Erfindungen vermarktet und 156 Firmen ausgegründet. Dadurch schuf man 6000 Arbeitsplätze, der Umsatz betrug 500 Millionen Euro. Diese Zahlen wirken jedoch weniger beeindruckend, wenn man sie etwa mit der Technischen Universität München (TUM) vergleicht. Die hat nur 7000 wissenschaftliche Mitarbeiter, aber gründet pro Jahr 70 bis 80 Firmen und schuf dadurch 15.000 Arbeitsplätze. Die TUM ist allerdings mit der RWTH in Aachen und dem KIT in Karlsruhe eine der drei unternehmerisch aktivsten Universitäten Deutschlands. Die Max-Planck-Gesellschaft dagegen betreibt Grundlagenforschung. Da ist nicht so viel zu holen.

Das liegt unter anderem am traditionellen Misstrauen deutscher Forscher gegenüber dem Ergebnisdruck in Unternehmen. Untergräbt das Streben nach Profit nicht die Freiheit und Unbestechlichkeit der Forschung? Noch vor 50 Jahren weigerten sich die meisten Professoren, ihren Elfenbeinturm zu verlassen und sich als Unternehmer zu betätigen. „Aber mittlerweile gibt es einen Kulturwandel“, sagt Professor Holger Patzelt vom Lehrstuhl für Entrepreneurship an der TUM. „Jetzt gibt es eine neue Studentengeneration. Viele haben Angst vor dem Klimawandel und einer weltweiten Schieflage. Die kommen zu uns, weil sie wissen, dass wir Start-ups fördern. Denen geht es nicht darum, mit einer eigenen Firma reich zu werden, die wollen etwas bewirken und die Welt besser machen.“

Seeberger stammt noch aus der Generation davor. Er wurde 1966 in Nürnberg geboren und wollte zunächst Müllmann und dann Archäologe werden. Schließlich studierte er Chemie in Erlangen. Aber die Welt verbessern will auch er. „Das ist mein Antrieb als Entrepreneur“, sagt er. Grundlagenforschung verändere vielleicht das Bild von der Welt. Unternehmertum dagegen könne die Welt verändern.


Forschung, gepaart mit Unternehmergeist, kann die Welt verbessern – auch mittels dieser Apparatur, die Teil eines Zuckersynthese-Automaten ist

Seine erste Professur bekam er am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA, und wer da kein Start-up auf die Beine stellt, kann gleich wieder gehen. Seeberger gründete Ancora Pharmaceuticals, ein Pharmaunternehmen, das Impfstoffe aus Zuckermolekülen herstellt. Zuckermoleküle sind sein Spezialgebiet. Sie machen 80 Prozent der Biomasse aus und besetzen jede Zelloberfläche wie ein Pelz. Dieser Pelz steuert die Kommunikation mit anderen Zellen, dort docken Botenstoffe an, aber auch Krankheitserreger wie Bakterien und Viren, die ebenfalls von einem Zuckerpelz überzogen sind.

Wer die für die Infektion entscheidende Zuckerkette der Krankheitserreger synthetisch herstellt und diese in den Organismus einschleust, kann die Immunabwehr stimulieren, ohne den Erreger selbst verwenden zu müssen: der perfekte Impfstoff.

Seeberger arbeitet seit 20 Jahren daran, solche Zuckerketten zu entschlüsseln und nachzubauen. „Peter ist einer der Allerbesten seiner Generation auf diesem Gebiet“, sagt Professor Michael Klein von der University of Pennsylvania, ein Spezialist für Computer-Chemie. Zurzeit entwickelt Seeberger Impfstoffe gegen resistente Krankenhauskeime, die nicht mehr auf Antibiotika reagieren. Zwei zuckerbasierte Impfseren gegen Klebsiella pneumoniae (ein Auslöser von Lungenentzündung und Sepsis) und das Darmbakterium Clostridium difficile, das allein in der Europäischen Union jährlich bis zu 14 000 Todesopfer fordert, sind in der klinischen Erprobung. Es gibt Leute, die würden sich nicht wundern, wenn Seeberger für seine Zuckerforschung den Nobelpreis bekäme.

„Zuckerketten sind sehr komplex“, sagt Timothy M. Swager vom MIT, einer der bedeutendsten Chemiker der Welt. „Aber Seeberger hat es geschafft, mit ausgezeichneter Effizienz Zuckermoleküle aus bis zu hundert Bausteinen herzustellen. Dieser historische Durchbruch ebnet den Weg für Innovationen in der Biotechnologie und für neue Medikamente.“ Für die viel einfachere automatische Synthese von Peptiden, sagt Swager, habe es den Nobelpreis gegeben.

Der fehlt Peter Seeberger noch. Alle anderen Auszeichnungen hat er schon. Eine ganze Wand in seinem Büro ist voller Urkunden. Gegenüber hängt ein Poster mit Katzenbabys. Ihm ist das ein wenig peinlich. „Haben mir meine Kinder geschenkt“, sagt er.

Während er redet, hastet der Professor mit großen Schritten durch sein Institutsgebäude. Als geschäftsführender Direktor auf dem Campus Golm ist er verantwortlich für 500 Leute, seine eigene Abteilung hat 100 Mitarbeiter. Er hält 50 Vorträge pro Jahr, hat 55 Patente angemeldet. 30 davon sind lizenziert, das heißt: Jemand bezahlt dafür, die Erfindung zu verwenden. Außerdem hat er neun Firmen gegründet, vier davon wieder verkauft oder geschlossen – und keinerlei Interesse daran, kürzerzutreten.

Er könnte wahrscheinlich ganz allein die Hälfte der acht Patent- und Lizenzmanager der Max-Planck-Innovation beschäftigen, so viele Ideen hat er. Eine Patentanmeldung kostet zwischen 20.000 und 100.000 Euro. Bei Ausgründungen von Start-ups hält die Max-Planck-Gesellschaft ein Drittel der Anteile, ein Drittel bekommt das jeweilige Max-Planck-Institut, ein Drittel der Erfinder mit seinem Team. MPI sucht die Investoren, Gewinne werden anteilsmäßig ausgeschüttet. Das laufe inzwischen wie eine gut geölte Maschine, sagt Seeberger. „Die Geldgeber kennen mich, die wissen, dass ich keinen Bullshit mache.“

Das Synthese-Lab für Zuckermoleküle befindet sich im Erdgeschoss. Nur ein einziger Mitarbeiter ist zu sehen, ein Wissenschaftler aus Venezuela. Der Lockdown bremst auch Seebergers Arbeit. José arbeitet an einem von drei Geräten mit vielen Schläuchen, Kabeln, blinkenden LED-Lichtern. Damit werden vollautomatisch Zuckerketten zusammen- gebaut. „Früher“, sagt Seeberger, „haben fünf Leute mindestens ein Jahr lang daran gearbeitet, ein Molekül mit fünf Bausteinen herzustellen.“ Er zeigt auf eine seiner Synthese-Anlagen: „Die macht das in sechs Stunden.“ Zehn Maschinen hat er bisher weltweit verkauft, jede kostet um die 250 000 Euro. In der Ecke steht ein schickes weißes Designerobjekt, es sieht aus wie eine Mischung aus Espressomaschine, Thermomix und Badezimmerschrank. Das ist das neueste Modell, noch geheim, aber vielversprechend. „Peters Syn- thesizer-Projekt hat das Zeug dazu, dieses Gebiet der Chemie zu revolutionieren“, sagt der Computer-Chemie-Spezialist Michael Klein aus Pennsylvania.

Nebenan befindet sich Peter Seebergers Flow-Laboratorium. Damit hat er die Herstellung des Malariamittels Artemisinin stark vereinfacht. Statt die Substanzen in Reaktorbottichen zusammenzukochen, dann auszuleeren und neu anzusetzen, leitet er den Stoff kontinuierlich durch ein Röhrensystem. Das ist viel schneller, effektiver und billiger. „Das ist wichtig“, sagt Seeberger, „viele Menschen in den ärmsten Ländern der Welt können sich das teure Artemisinin nicht leisten und sterben an Malaria.“ 500 000 Menschen fallen der Tropenkrankheit pro Jahr zum Opfer. „Mit unserer Methode könnten wir Tausende Menschenleben retten.“

Leider geschehe das nicht, weil das äußerst lukrative Geschäft mit Malariamitteln fest in der Hand der Chinesen sei. „Wir sind nicht reingekommen in den Markt“, sagt Seeberger, „keine Chance.“ Artemisinin ist ein hochwirksames Medikament, das aus dem einjährigen Beifuß (Artemisia) gewonnen wird. Die Heilpflanze wird vor allem in Vietnam, Madagaskar und Ostafrika angebaut. „Wir haben die Pflanze nicht bekommen. China hat die einfach komplett aufgekauft.“ Für Seeberger eine schlimmere Niederlage als der Verkauf von Vaxxilon, weil sie Menschenleben kostet.

Aber Aufgeben ist für ihn keine Option. Wenn er keinen Beifuß kaufen kann, baut er ihn eben selber an. Er betreibt eigene Plantagen außerhalb der Reichweite Chinas: auf ehemaligen Tabakfeldern in Kentucky/USA. Dort wächst das Kraut extrem gut, und die Artemisinin-Ausbeute liegt bei üppigen zwei statt der üblichen 0,6 Prozent. Die Firma dort heißt ArtemiLife, eine Tochter von ArtemiFlow in Potsdam, deren Vorstandsvorsitzender Seeberger ist.

Und wenn der Malariamarkt dicht ist, sucht er sich eben einen anderen. Artemisinin wirkt auch gegen Krebs, an 114 Krebszelllinien wurde es bereits positiv getestet. Außerdem spricht viel dafür, dass es gegen Sars-CoV-2, das neuartige Corona-Virus, eingesetzt werden kann. Das Vor- gänger-Virus Sars-CoV-1 aus den Jahren 2002/2003 konnte damit erfolgreich bekämpft werden. Im Moment laufen Versuche mit Seebergers Artemisinin in den Hochsicherheitslaboratorien der Freien Uni- versität Berlin. Das Coronavirus wird mit dem Wirkstoff in Kontakt gebracht, anschließend prüft man, wie es reagiert.

„Es schaut ganz gut aus“, sagt Seeberger, „aber wir wissen noch nicht, ob Artemisinin besser als Prophylaxe oder als Therapeutikum wirkt.“ Das sollen klinische Studien klären. Aber er möchte noch nicht viel darüber reden. „Ein ganz sensibles Thema“, sagt er. „Ich will keine Erwartungen wecken, die ich dann nicht erfüllen kann.“

Peter Seeberger muss jetzt weg. Termine, Konferenz-Calls. Videomeetings – das Übliche in Corona-Zeiten. „Diese Wochen sind berstend voll“, sagt er. Er ist einer der Letzten im Institut, der Kollege aus Venezuela ist schon gegangen. ---

GlycoUniverse GmbH & Co KGaA, Potsdam, produziert unter anderem Zucker-Synthesizer

ArtemiFlow GmbH, Potsdam, stellt Medikamente gegen Malaria, Krebs sowie Vor- und Nachsorgemedikamente her. Tochtergesellschaften: ArtemiFlow USA und ArtemiLife USA

FluxPharm, Potsdam, Medikamentenproduzent

Glyxera, Magdeburg, Glycoanalysen. Seeberger hält Anteile in Höhe von zehn Prozent

Tacalyx GmbH, Berlin, entwickelt zuckerbasierte Impfstoffe gegen Krebs

Vaxxilon AG, Reinach, Schweiz, entwickelt zuckerbasierte Impfstoffe gegen resistente Krankenhauskeime. Kürzlich übernahm das Pharmaunternehmen Idorsia die Anteile von Seeberger und der Max-Planck- Gesellschaft

Ancora Pharmaceuticals in Beverly /USA wurde 2013 an die amerikanische Corden Pharma verkauft

I2chem Inc., Cambridge/USA, wurde nach fünf Jahren verkauft

SiBreax, Kilchberg/Schweiz, Pharmafirma. Seeberger hielt Anteile in Höhe von fünf Prozent, inzwischen geschlossen