Schwacher Staat, starker Staat

Wie stark sollte die Regierung die Wirtschaft lenken? Sind Soforthilfen für Firmen Almosen? Und wie lässt sich Gründergeist befeuern? Zwei Unternehmer, zwei Meinungen.


Tamaz Georgadze
ist Gründer des Fintechs Raisin, das unter der Marke Weltsparen bekannt ist. Die Firma mit mehr als 300 Mitarbeitern vermittelt Anleger, die Zinsen wollen, an Banken, die Geld brauchen. Georgadze hat mit 12 Jahren Abitur gemacht und mit 16 seinen Universitätsabschluss. Danach arbeitete er lange bei der Unternehmensberatung McKinsey, unter anderem als Partner.

„Bei Raisin ist ein Teil der Belegschaft von der Corona-Krise betroffen, wir können derzeit beispielsweise keine regionalen Events veranstalten. Ich könnte Kurzarbeit für sie beantragen, mache das aber nicht. Die Mitarbeiter einzeln auszusondern finde ich nicht fair. Man sollte auch keine Almosen beim Staat beantragen, wenn man sie als an sich gesundes Unternehmen nicht wirklich braucht.

Das sehen leider viele Firmen anders. Die Hürde, nach staatlicher Hilfe zu fragen, ist sehr niedrig, auch weil es ein Wettbewerbsnachteil sein kann, wenn der Nachbar zulangt und die eigene Firma nicht. Das Bundesfinanzministerium ist auch bereit, viel Geld auszugeben, weil der Staatshaushalt zurzeit ausgeglichen ist. Ich finde das gefährlich und behaupte, dass wir für die Rettung der Wirtschaft keine staatliche Rekapitalisierung auf Kosten der Steuerzahler brauchen. Besser wäre es, angeschlagene Unternehmen in die Insolvenz gehen zu lassen – ihnen die Rückkehr aber leichter zu machen. Dafür müssten wir das Insolvenzrecht so ändern, dass die Firmen beispielsweise bis zu zwölf Monate erweiterten Gläubigerschutz haben und sich restrukturieren können. Wenn sie sich danach wieder herauskämpfen, super, und wenn nicht, ist das eben so. Für die Überbrückung könnte der Staat mit Bürgschaften aushelfen.

Generell appelliere ich an Unternehmen, sich weniger auf den Staat zu verlassen und mehr zu wagen. Mit unserem Geschäftsmodell, einen Marktplatz für grenzübergreifende Geldanlagen anzubieten, haben wir etwas Neues entwickelt, bei vielen Unwägbarkeiten und bei einem nur teilweise einheitlichen Rechtsrahmen in der EU. Natürlich hätten wir auf die Vollendung des Binnenmarktes warten können. Aber da muss man einfach mal machen. Viele Unternehmen haben anscheinend vergessen, dass Neues aufzubauen auch Wagnis bedeutet.

Eine Teilschuld an dieser ängstlichen Haltung hat die Politik. Wir sprechen heute kaum noch über notwendige privatwirtschaftliche Lösungen. Ein Beispiel: Wir halten am Generationenvertrag fest und verschieben nur das Renteneintrittsalter nach hinten, das entlastet die jüngere Generation nicht genug. Besser wäre eine private Altersvorsorge über ETFs (Exchange Traded Fund, börsengehandelter Fonds). Hierfür kann der Staat bessere Rahmenbedingungen schaffen.

Kapitalismus gilt heute als uncool, Neoliberalismus oder freie Marktwirtschaft sind Schimpfbegriffe geworden. Viele erwarten, dass der Staat sich nicht nur einmischt, wo der Wettbewerb oder der Markt keine Antwort findet, sondern auch dort, wo Marktmittel reichen würden. Oft lenkt der Staat dann auch noch in die falsche Richtung: IT ist heute wichtig, aber wir investieren in Kohlebagger. Dass der Staat einen Status quo erhält, der langfristig vielen Menschen schaden kann, finde ich grundlegend falsch.

Auch bei der Subventionierung geht er zu weit, beispielsweise beim Ökostrom. Da sollte der Staat externe Kosten internalisieren, also es für Unternehmen sehr teuer machen, auf Kosten der Umwelt und der Menschen zu wirtschaften. Ich fordere daher eine harte Bepreisung des Ausstoßes von CO2. Das gibt CO2-neutralen Erzeugnissen einen Vorteil. Den Rest aber regelt der Markt. Tatsächlich hat sich der Staat jedoch drei oder vier Lieblingstechnologien wie die Solarenergie ausgesucht und fördert diese zusätzlich. Aber warum sollte der Staat wissen, was in zehn Jahren ist? Die Förderung führt nur zu Fehlanreizen von Kapital und zur Verschwendung von Steuergeld.

Das Gleiche gilt für Beteiligungen. Wenn sich für angeschlagene Unternehmen wie die Lufthansa kein Investor findet, dann sollte der Staat nur im äußersten Notfall Steuergeld einsetzen. Denn er ist ein schlechter Investor, er bleibt zu lange Anteilseigner und setzt zu wenig harte Maßnahmen durch, etwa Entlassungen oder Sparprogramme. Oft wäre es daher besser, der Staat würde mit Krediten oder Bürgschaften aushelfen und alles Weitere dem Markt überlassen.

Ich wünsche mir vom Staat, dass er geeignete Rahmenbedingungen für Einzelne und für Unternehmen schafft, etwa in der Bildung und der Infrastruktur. Allen die gleichen Startchancen zu ermöglichen, ist das Beste, was er tun kann. Ansonsten sollte er sich raushalten.“

Felix Haas
war schon zu Schulzeiten Unternehmer, ging später ins Silicon Valley und gründete 2006 in Deutschland die Firma Amiando, die Tickets für Business-Events anbietet. 2010 kaufte Xing das Unternehmen für einen unbekannten Preis. Haas trat als CEO ab und wurde 2013 Mitgründer von IDNow, einer Identifikationsplattform. Daneben hat er in diverse Firmen investiert und veranstaltet die Gründer-Konferenz Bits & Pretzels.

„Offensichtlich nimmt die Corona-Krise vielen die unternehmerische Handlungsfähigkeit, weil Umsatz und Einkommen dramatisch wegbrechen. Die Hälfte der Firmen in meinem Portfolio hat Kurzarbeit beantragt, von 10 bis 90 Prozent. Ich halte dieses Instrument für sehr sinnvoll, weil es effektiv und effizient ist. Effizient, weil es wenig Aufwand braucht, und effektiv, weil es sofort einen positiven Einfluss auf die Firma hat.

Man hätte ja sonst nur die Alternative, Leute rauszuschmeißen. Das würde sich ökonomisch viel länger auswirken. Bis die Firmen wieder aufgebaut sind, dauert es Jahre, und bis dahin hat Deutschland viel verpasst. Da finde ich es besser, wenn der Staat – so wie jetzt in der Krise – stark eingreift und große Mengen an Geld als zurückzahlbare Darlehen unbürokratisch zur Verfügung stellt.

Wir beschweren uns immer, dass der deutsche Staat zu risikoavers und langsam sei, gerade im Vergleich mit den USA. Da finde ich es vermessen, sich jetzt zu beklagen, dass vielleicht nicht hundert Prozent des Geldes an die Richtigen gegangen sind, sondern nur 80 oder 90 Prozent. Aber lieber so, als dass wir zu langsam sind und am Ende die Unternehmer im Regen stehen lassen, die das Geld wirklich brauchen.

Generell glaube ich natürlich als Unternehmer an freie Entscheidungen, daran, dass der Staat möglichst wenig eingreift. Aber wir leben nicht im reinen Kapitalismus, sondern in einer sozialen Marktwirtschaft, die uns nicht nur viel Wohlstand gebracht hat, sondern auch sozialen Frieden im Vergleich zu anderen Ländern. Und dafür zahle ich gerne den Preis.

Der Staat hat in Deutschland derzeit genau so viel Einfluss, wie ich es mir wünsche – solange er nicht als Unternehmer auftritt. Denn der Staat ist ein lausiger Unternehmer. Wenn wir also davon sprechen, dass er sich an Firmen beteiligt oder diktiert, welche Innovation nun förderungswürdig ist, finde ich das extrem schwierig. In Deutschland beispielsweise setzen jetzt alle auf Elektroautos statt auf Wasserstoff als Antriebskraft. Da frage ich mich: warum? Warum sollte der Staat hier eine bessere Entscheidung treffen können als der Markt?

In meinen Augen darf der Staat nur das Ziel vorgeben, nicht die Mittel. Er sollte also etwa die Anreize für die Entwicklung und Einführung emissionsfreier Autos vorgeben, aber nicht die Umsetzung diktieren – ob nun der Elektro- oder Wasserstoffantrieb besser ist. In den USA macht das die Darpa sehr klug, eine Behörde des Verteidigungsministeriums: Sie sucht Lösungen für Probleme, ohne sich auf eine Technologie zu versteifen.

Der Staat kann und sollte die richtigen Anreize setzen, damit sich mehr Menschen überhaupt trauen, Unternehmer zu werden. Da gibt es immer noch Hürden, vom Sozialneid, wenn man erfolgreich ist, bis zum Spott, wenn man pleitegeht. Ich selbst habe mich damals unglaublich schwergetan nach dem Studium. Da hatte ich einen Vertrag von McKinsey schon in der Tasche, meine Eltern waren stolz und dachten: ,Ach toll, der Junge ist auf der richtigen Bahn.‘ Dann hatte ich aber eine Idee für ein Start-up – und gleichzeitig eine große emotionale Hürde, diesen Vertrag zu zerreißen. Diese Hürde kann der Staat den jungen Menschen nehmen, und er macht das auch gut, etwa mit der Förderung von Stipendien oder Stiftungen. Die Entscheidung, was die Gründer mit dem Geld machen, sollen sie aber immer selbst treffen. Wir sind ja nicht in der Planwirtschaft der DDR.

Meiner Meinung nach muss ein Unternehmen nicht nur sein Ding machen, sondern auch für die Gesellschaft arbeiten. Man schaut leider zu sehr nur auf die finanziellen Kennzahlen: Wie ist der Cashflow? Wie der Umsatz? Wie der Gewinn? Aber keiner achtet darauf, welchen gesellschaftlichen Wert das Unternehmen vielleicht hat – genau das wünsche ich mir aber. Bei IDNow hilft gut ein Drittel der Belegschaft freitags bei der Münchener Tafel. Mit der Konferenz Bits & Pretzels verdienen wir so gut wie nichts, sondern machen das für die Unternehmer. So geben wir ein klein wenig an die Gesellschaft zurück.“ ---