Rolle und Ruf von Unternehmern in …

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Unternehmer sind für viele im Land ein Feindbild. Geld verdienen? Bloß nicht so! Allerdings tun die Unbeliebten auch wenig, um ihren Ruf zu verbessern.

Text: Tassilo Hummel

„Unsere Unternehmer spielen mal wieder völlig gegen den Takt“, sagt Bruno Bonnell entnervt am Telefon. Als junger Mann gründete er Mitte der Achtzigerjahre ein Unternehmen für Computerspiele, zuletzt hat er in Robotik investiert. Er lebt in Lyon, seit 2017 ist er auch Politiker. Als Abgeordneter der Bewegung La République en Marche von Emmanuel Macron sitzt er in der Nationalversammlung – und ist dort als Firmenchef ein Exot.

Macron ist zwar der erste Präsident mit nennenswerter Berufserfahrung in der freien Wirtschaft und angetreten, die verhärteten Fronten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufzulösen, doch spätestens seit der Gelbwestenbewegung sind die Vorurteile gegenüber Firmenchefs wieder so präsent wie eh und je.

„Die Franzosen haben ein schwieriges Verhältnis zu wirtschaftlichem Erfolg“, sagt Bonnell. Es sei üblich, dass die klugen Köpfe erst auf eine „Grande École“ und anschließend in die hohe Staatsverwaltung gehen. In Frankreich ist vielerorts der Gedanke verbreitet, man solle Geld haben, es aber besser nicht als Unternehmer verdienen.

Firmenlenker kommen in den Talk-Runden der großen Fernseh- und Radiosender nicht vor, von Unternehmertum (entrepreneuriat) spricht sowieso fast niemand. Der verbreitete Terminus lautet Patronat, und der Patron – klassischerweise dargestellt mit Zylinderhut und Zigarre – ist für viele immer noch ein Profitgeier. Diese Wahrnehmung datiert aus der Zeit der industriellen Revolution. Der Journalist François Ruffin – inzwischen ein Sitznachbar von Bonnell am linken Rand des Parlaments – hat die Figur 2016 mit seinem bitterbösen Dokumentarfilm „Merci Patron!“ in die Gegenwart versetzt.

Dann kam das Virus. Mittlerweile befinden sich mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer des Landes in Kurzarbeit, die Probleme sind riesig. Der Weg aus der Krise böte Frankreichs Unternehmern eine einmalige Chance, ihr Image zu verbessern. Schließlich heißt Patron seinem lateinischen Wortsinn nach Beschützer und nicht Ausbeuter. Einige Initiativen gab es: Der Staat scheiterte monatelang daran, Schutzkleidung für sein medizinisches Personal zu beschaffen, Firmen bildeten Einkaufsgemeinschaften, um diese für ihre Belegschaften zu besorgen. Mehr als jedes zweite Textilunternehmen begann, statt Mode Millionen von Gesichtsmasken herzustellen. Trotz geschlossener Lokale kamen Gastronomen in Paris und anderswo auf kreative Ideen, um Frühlingsaperitife im Freien zu ermöglichen.

Allerdings versäumt es das organisierte Unternehmertum, konstruktiv in die Gesellschaft hineinzuwirken. Während noch völlig unklar ist, wie viele Menschen in naher Zukunft überhaupt noch einen Arbeitsplatz haben werden, und als wolle er alte Vorurteile bestätigen, gab der Arbeitgeberpräsident Geoffroy Roux de Bézieux der Zeitung »Le Figaro« kürzlich ein Interview. Darin sagte er, man müsse sich „früher oder später die Frage stellen“, ob Angestellte angesichts der Krise bei Arbeitszeit und bezahlten Feiertagen nicht gewisse Abstriche in Kauf nehmen sollten, um die Produktion wieder anzuschieben. Ein arbeitgebernaher Thinktank ging sogar noch weiter: Man könne doch im Herbst einfach die Schulferien streichen. Den Berufstätigen im Land würde die Kinderbetreuung erspart, sie könnten sich voll und ganz dem Bruttoinlandsprodukt widmen.

Bruno Bonnell enttäuschen solche Ankündigungen. „Unsere Unternehmer werden von klein auf regelrecht darauf dressiert, Wirtschaft von der Kosten- und nicht von der Investitionsseite her zu denken. Statt den Menschen Mut zu machen und sie dabei mitzunehmen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, denken sie in erster Linie an die Kosten.“


Foto: © bkr

Amerikaner verehren Gründer. Obwohl deren Leben gar nicht so traumhaft ist.

Text: Steffan Heuer

An jenen Abend kann sich Tal Winter noch gut erinnern: Es war 2012, ein Jahr nachdem sie endlich das erste Produkt ihrer Firma BKR auf den Markt gebracht hatte. An dem Konzept für eine Wasserflasche aus Glas, von einer modischen Silikonhülle geschützt, hatte sie, damals noch Anwältin für Familienrecht, seit 2006 gearbeitet und rund 210.000 Dollar Kapital von Freunden und Familienmitgliedern investiert.

„Ich kam auf diese Party in San Francisco, auf der fast nur Techies waren, und sie brachen in Applaus aus, als ich vorgestellt wurde. Da stand endlich eine Unternehmerin vor ihnen, die etwas herstellte, das man anfassen konnte“, sagt sie. Ihre Flaschen gelten heute als Fashion-Accessoires und sind in 32 Ländern erhältlich.

Tal Winter sagt: „Amerikaner verehren Unternehmer. Wenn man jemandem erzählt, dass man seine Idee zu einem Geschäft gemacht hat, leuchten dessen Augen. Aber das hängt vor allem damit zusammen, dass die wenigsten Leute wissen, wie schwer es ist, den Job aufzugeben und etwas Neues zu wagen. Sie projizieren ihre unerfüllten Wünsche auf dich. Da ist jemand, der seinen oder ihren Traum lebt – wow!“

Sie werkelte vier Jahre lang allein an ihrem Konzept, bevor sie die Firma gründete. Dabei halfen ihr Bekannte, die sich mit Industriedesign und Auftragsfertigung auskannten. „Es scheint ein Teil der US-Mentalität zu sein: Leute packen an – oder lieben es, anderen zuzusehen, die anpacken.“

In den USA gibt es sehr viele Freiberufler. Nach Angaben des Finanzamtes IRS meldeten 26,5 Millionen Amerikaner 2018, dass sie mit selbstständiger Arbeit – oft nebenbei – mindestens 1000 Dollar pro Jahr verdienten. An die 42 000 Menschen verdienten in diesem Zeitraum sogar mehr als eine Million Dollar. Im vergangenen Jahrzehnt ist diese Kategorie der „Unternehmer ohne Angestellte“ kontinuierlich gestiegen – und zwar dreimal so schnell wie die Zahl herkömmlicher Arbeitnehmer.

Darunter fallen keineswegs nur Menschen, die eine revolutio- näre Technik entwickeln wollen, sondern vor allem Heerscharen selbstständiger Freiberufler und Handwerker. Vom Uber-Fahrer und Designer mit eigenem Webshop über den Friseur bis zum Konditor für ausgefallene Torten.

„Die enorme Bedeutung von kleinen Unternehmern wird oft übersehen, weil wir vom Silicon Valley darauf abgerichtet worden sind, nur noch Tech-Gründer wahrzunehmen“, sagt Elizabeth MacBride, die das Unternehmertum in den USA seit Jahrzehnten als Reporterin beobachtet und darüber gerade das Buch „The New Builders“ schreibt. Sie feiert Kleinunternehmer als Baumeister der amerikanischen Volkswirtschaft und will ihnen mehr Gehör verschaffen – bei potenziellen Anlegern wie Politikern. Denn Unternehmen, die noch nicht ein Jahr alt sind, schufen 2015 – dem jüngsten Jahr, für das Zahlen vorliegen – mehr als drei Millionen Arbeitsplätze.

Für Elizabeth MacBride sind Solo-Unternehmer auch deshalb so wichtig, weil sie mitunter zu mittelständischen Arbeitgebern werden. „Nur eines von 100 Unternehmen bekommt Wagniskapital. Die meisten Gründer verfolgen viel bescheidenere Ziele – nämlich einen anständigen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Wer immer nur auf die großen Firmen und Börsengänge schaue, übersehe die Realität.

Möglicherweise könnte der tiefe wirtschaftliche Einschnitt nach Covid-19 wieder für mehr Augenmaß sorgen: „Das Zerrbild vom Draufgänger, der über Nacht reich wird, hat eigentlich ausgedient.“

Tal Winter ist mit BKR bislang nicht reich geworden, aber hat es gelernt, mit dem Auf und Ab der wirtschaftlichen Lage zu leben und ihr Geschäft beständig aus- und umzubauen. Sie beschäftigt nun zehn Mitarbeiter. „Wir hatten jahrelang auf Partner im Einzelhandel gesetzt, aber das ist jetzt wohl endgültig vorbei, wenn ich mir die vielen Pleiten selbst von erklusiven Kaufhausketten ansehe“, sagt sie. „Erfolgreich sein heißt, dass man nie fertig ist. Auch wenn meine Gesprächspartner oft denken, dass ich jetzt fein raus bin und mit Cocktails am Pool sitze.“

„Bisnesmen“ ist für viele im Land ein attraktiver Beruf. Nur ist es schwierig, damit Geld zu verdienen – zumindest auf legale Weise.

Text: Stefan Scholl

Vor 15 Jahren besaß Ruslan einen weißen Lada Niva mit ersten Rostflecken an der Karosserie, in Moskau ein eher blamables Fortbewegungsmittel. „Ich fahre einen weißen Jeep“, das klang damals sehr selbstironisch.

Jetzt aber kurvt er in einem weißen Jeep Wrangler herum, die Sesselbezüge sind aus Lammfell. „Die Mädchen“, sagt der 59-Jährige und lacht, „sehen mir wieder hinterher.“

Der studierte Zoologe versuchte sich als Leibwächter und Pelmeni-Fabrikant, mit Wurstständen und einem Reisebüro und häufte dabei nur Schulden an. Aber die sind beglichen, er befehligt inzwischen zwei Brigaden Handwerker, arbeitet mit Architekten und Designern zusammen, um Privathäuser, aber auch öffentliche Gebäude zu renovieren oder umzubauen. Ein illegaler Unternehmer, der keine Steuern zahlt, aber bis zu 30 Prozent des Umsatzes als Schmiergeld mit seinen Auftraggebern teilt. „Ich habe begriffen“, sagt Ruslan, „dass man mit ehrlicher Arbeit kein Geld verdienen kann.“

Unternehmertum gilt in Russland als Beruf mit doppeltem Boden. Nach einer Umfrage der russischen Gesellschaftskammer ein Traumjob, 38 Prozent der Schulkinder wollen „Bisnesmen“ (russische Aussprache) werden. Welcher Junge träumt nicht davon, im teuren Auto, mit Premium-Kreditkarten in der Tasche, durch Moskau zu brettern? Allerdings wünschen nur 20 Prozent der Eltern ihren Kindern diesen Beruf. Und in der Realität sind nach einer Studie der russischen Sparkasse nicht mehr als drei Pro- zent der Bevölkerung Unternehmer.

Russland ist kein traditionelles Unternehmerland. Schon der vorrevolutionäre Dichter Iwan Krylow verspottete den Kaufmann, der seinen Neffen lehrte, andere übers Ohr zu hauen, und dabei selbst betrogen wurde. Unter der Sowjetmacht galt Spekulation als Straftatbestand, bis heute bezweifeln auch russische Fachzeitschriften, dass ihre Landsleute sich als Unternehmer eig- nen. Es fehle ihnen „an Selbstvertrauen, Initiative, Risikobereit-schaft und dem Drang, etwas zu verändern“, schreibt das Journal »Kontur«.

Die Draufgänger in den Serien des Staatsfernsehens gründen auch keine Start-ups, sie jagen feindliche Spione oder Wirtschaftsverbrecher und arbeiten für die Sicherheitsdienste.

Dabei gibt es auch in Russlands Geschäftswelt charismatische Macher. Der Kraftprotz Michail Chodorkowski, seinerseits Inhaber des Ölkonzerns Yukos und reichster Mann im Land, wurde allerdings erst weltberühmt, als er vor Gericht und dann im Gefängnis landete. Wie er ist inzwischen auch der mega-smarte Pawel Durow ins Ausland emigriert, Russlands Mark Zuckerberg, Schöpfer des Sozialnetzes Vk.com und des Messengerdienstes Telegram. Beiden drohen in der Heimat Strafverfahren.

„Leute mit Talent und Unternehmergeist“, sagt ein deutscher Geschäftsmann mit langer Russland-Erfahrung, „gehen nach Kalifornien.“ Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums wollen 53 Prozent der Russen unter 24 Jahren auswandern. Auch weil in ihrer Heimat fast alle wichtigen Positionen für Verwandte und enge Freunde des Establishments reserviert sind. Statt Ideen hieven Beziehungen junge Russen in die komfortable Sphäre des russischen Staatskapitalismus, der laut der Rating-Agentur Moody’s bis zu 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kontrolliert.

Freies Unternehmertum dagegen gilt als harter Konkurrenz-, wenn nicht Überlebenskampf, meist im Dienstleistungsbereich. Und darüber schwebt das permanente Risiko, vom Staat in die Kategorie Steuerhinterzieher oder Betrüger eingeordnet zu werden. Viele „Bisnesmeny“ fliehen wie zu Sowjetzeiten in die Schattenwirtschaft, die nach amtlichen Angaben etwa 13 Prozent des BIPs produziert, eine Studie schwedischer Wirtschaftswissenschaftler kommt auf fast 45 Prozent. Zu ihnen hat sich auch Ruslan gesellt.

Was seine Arbeit für ihn bedeutet? „Das ist, wie einen Nagel in die Wand schlagen“, sagt Ruslan. „Er muss halten, damit andere Leute dort ihre Bilder aufhängen können. Aber du musst auch aufpassen, dass du dir selbst dabei nicht auf die Finger haust.“ Auch mit einem weißen Jeep, der Unternehmeralltag in Russland bleibt mühsam bis heikel.

Wieso gibt es in Israel so viele erfolgreiche Gründer? Aus Respekt vor einer sehr mächtigen Instanz.

Text: Mareike Enghusen

Die Erfolgsgeschichte von der Start-up-Nation wird viel erzählt – und stimmt: Junge Israelis träumen vom eigenen Unternehmen, angespornt von erfolgreichen Vorbildern wie Uri Levin, Entwickler und Mitgründer der Navigations-App Waze, und Amnon Shashua, Co-Gründer von Mobileye, die dank legendärer Exits zu Volkshelden geworden sind (Heldinnen gibt es kaum: Nur zehn Prozent der Hightech-Firmen in Israel werden von Frauen gegründet). Die Firma Mobileye etwa, die intelligente Fahrassistenzsysteme entwickelt, wurde im Jahr 2017 für 15,3 Milliarden US-Dollar von Intel übernommen – ein Rekord in der Geschichte des Landes.

Dass das kleine Land keine großen Firmen wie Siemens oder SAP hat, die Berufseinsteigern eine verlockende Alternative bieten könnten, trägt zum Trend zur Selbstständigkeit bei; zudem helfen Start-up-Inkubatoren, staatliche Fördertöpfe und üppig gefüllte Risikokapitalfonds angehenden Jungunternehmern bei den ersten Schritten.

Die meisten Israelis sehen Unternehmer als tüchtige, erfinderische Menschen, die das Land voranbringen. Hohe Gehälter und astronomische Abfindungen sind hiesigen Journalisten selten eine Schlagzeile wert. Wer gute Ideen hat und hart arbeitet, dem werden die Früchte gegönnt – in dieser Beziehung sind die Israelis nah bei den Amerikanern. Kapitalisten-Bashing ist dem Mainstream hier fremd. Die Handvoll traditioneller Linker, die sich darin übt, findet in der Öffentlichkeit kaum Gehör. Die Arbeitspartei, einst eng mit der Kibbuzbewegung verbandelt, hat ihre sozialistischen Wurzeln längst gekappt.

Groll erwecken allenfalls Konzerne aus der Lebensmittelbranche, die ihre Marktmacht nutzen, um Preise für Alltagsprodukte in absurde Höhen zu treiben. An der Teuerung von Hüttenkäse entzündeten sich 2011 die größten Sozialproteste in der Geschichte des Landes. Doch der Zorn der Studenten und Mittelschichtsfamilien richtete sich damals gegen namenlose Konglomerate und die Laisser-faire-Haltung der Regierung, nicht gegen einzelne Unternehmer.

In den Augen der meisten Israelis schaffen Unternehmer keine Probleme, sondern lösen sie – und viele von ihnen strengen sich an, diese Rolle öffentlichkeitswirksam zu erfüllen. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie entwickelten Hightech-Firmen in wenigen Wochen Software, um Kliniken und Pflegepersonal die Versorgung von Patienten zu erleichtern. Und der Mobileye-Gründer Amnon Shashua legte ein detailliertes Konzept für einen Exit des Landes aus dem Lockdown vor, das die Medien wohlwollend besprachen.

Manche Hightech-Unternehmer nutzen den Respekt, den sie genießen, zum Einstieg in die Politik: Dazu zählen Nir Barkat, langjähriger Bürgermeister von Jerusalem und nun Parlamentsabgeordneter, der frühere Verteidigungs- und Bildungsminister Naftali Bennett und der bekannte Gründer und Investor Erel Margalit. Letzterer erwarb sich während eines kurzen Gastspiels als Abgeordneter der Arbeitspartei wegen seiner Rhetorik den Ruf eines „israelischen Donald Trump“.

Extravagante Unternehmertypen wie Elon Musk oder Steve Jobs in den USA sind in Israel allerdings selten, sofern man nicht Adam Neumann dazuzählt, den erratischen WeWork-Gründer, der in Tel Aviv zur Welt kam. Israelische Entrepreneure erscheinen gern in kurzärmeligem Karohemd und Trekkingsandalen zum Interview, selbst wenn sie einen Ein-Milliarden-Dollar-Exit hinter sich haben.

Ähnlich wie im Silicon Valley sind viele Gründer eher links orientiert, was sie zu einer politischen Minderheit macht. Manche von ihnen sind in den sozialen Medien aktiv und oft Gäste bei Messen und Konferenzen. Die wenigsten aber verlassen den Diskursraum ihrer Branche. Eine Ausnahme ist Yossi Vardi, ein Urgestein der Hightech-Branche, der gemeinsam mit einem palästinensischen Unternehmer die Initiative „Breaking the Impasse“ ins Leben rief, um Politiker beider Seiten zu Friedensverhandlungen aufzurufen. Die meisten seiner Kollegen jedoch halten sich politisch zurück – kaum einer hat Lust, sich in Debatten einzumischen, die schnell hart und persönlich werden.

Yossi Vardi aber meldet sich gern zu Wort. Viel ist geschrieben worden über den Erfolg israelischer Hightech-Entrepreneure, ihre Kreativität, ihre Chuzpe, ihre Lust am Risiko. Vardi hat seine eigene Theorie dazu, was die jungen Gründer zu Höchstleistungen anspornt. „Das Geheimnis des israelischen Hightech ist die jüdische Mutter“, sagte er einmal in einem Interview. „Sie sagt ihrem Sohn: Nach all dem, was ich für dich getan habe, ist es da zu viel verlangt, dass du einen Nobelpreis nach Hause bringst?“

Sipho Pityana war Befreiungskämpfer, im Exil, in der Regierung – jetzt ist er Unternehmer. Für ihn kein Widerspruch. Im Gegenteil.

Text: Johannes Dieterich

Selbst während des Lockdowns ist Sipho Pityana nur schwer zu fassen: Der Präsident des größten südafrikanischen Wirtschaftsverbands Business Unity South Africa sagt einen Zoom-Termin nach dem anderen ab. Der 60-Jährige pendelt zwischen seinem Wohnsitz in Johannesburg und dem Amtssitz von Staatspräsident Cyril Ramaphosas in Pretoria hin und her, um diesen bei der stufenweisen Lockerung einer der striktesten Ausgangssperren der Welt zu beraten. „Ich rufe ihn an, er ruft mich an: Wir haben ein gesundes und respektvolles Verhältnis miteinander“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Bergbaumultis Anglogold Ashanti, der drittgrößten Goldminengesellschaft der Welt.

Das war nicht immer so. Mit Ramaphosas Vorgänger Jacob Zuma verband Pityana nur Verachtung und Hass. Der untersetzte Geschäftsmann hatte dem unter vielfachen Korruptionsverdacht stehenden Präsidenten des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) den Krieg erklärt: „Zuma must go“, lautete das Ziel seiner ungewöhnlichen Kampagne. Normalerweise halten sich Unternehmer auch hierzulande mit Kritik an hochrangigen Politikern zurück – nicht zuletzt, weil sie sich geschäftsschädigend auswirken könnte. Pityana war das egal: „Zuma drohte die Errungenschaften unserer Befreiung zunichte zu machen. Und ich hatte die Rückendeckung meines Aufsichtsrats.“

Sipho Pityana verkörpert den Typus eines Unternehmers, wie es ihn womöglich nur in Südafrika gibt: erst Befreiungskämpfer, dann Exilant, Heimkehrer, leitender Regierungsbeamter, Gründer einer Investmentfirma, engagierter Verteidiger der Verfassung und schließlich Sprecher der Geschäftswelt. „Er ist ein außerordentlich guter Lenker“, sagt Matthias Boddenberg, der Geschäftsführer der deutschen Auslandshandelskammer Süd- liches Afrika. „Einer, der auch strategisch denken kann.“

Pityanas bislang größter Verdienst: Mit seiner Anti-Zuma-Kampagne „Save South Africa“ trug er wesentlich zum Sturz des ANC-Chefs bei. Seitdem ist die Geschäftswelt stolz auf ihren Sprecher, und Millionen Südafrikaner haben ausgerechnet in der Unternehmerklasse einen Verbündeten entdeckt. Selbst die Gewerkschaften akzeptieren ihn. Denn Anfang der Achtzigerjahre war Pityana an ihrem Aufbau beteiligt.

Seine Zugehörigkeit zur Struggle-Aristokratie – wie die Elite des Befreiungskampfes genannt wird – sicherte Sipho Pityana sich durch seine Verbindung zu Steve Biko, einer Legende des Widerstands. Dieser gehörte Mitte der Siebzigerjahre zum Kreis der Gründer der Black-Consciousness-Bewegung. Nach Bikos Ermordung durch die Polizei, gelangte Pityana nach mehreren Verhaftungen ins Exil nach London. Dort studierte er Politik und Soziologie und arbeitete am Aufbau der weltweiten Anti-Apartheidbewegung mit – er war unter anderem an der Organisation des aufsehenerregenden „Free Nelson Mandela“-Konzerts 1988 im Wembley-Stadion beteiligt.

Als Nelson Mandela zwei Jahre später freikam, kehrte Pit-yana nach Südafrika zurück und wurde im Jahr 1994 in Mandelas Regierung Ministerialdirektor im Arbeitsministerium – seine „beruflich schönste Zeit“, sagt er heute. Das Vergnügen endete allerdings, als er ins Außenministerium versetzt wurde und nicht mehr sagen durfte, was er für richtig hielt. Er kehrte der aktiven Politik den Rücken. Weil es bei der Verwandlung Südafrikas vom rassistischen Kolonialstaat in eine Demokratie mit Chancengleichheit vor allem in der Wirtschaft haperte, wendete er sich 2002 der Geschäftswelt zu. „Hätte mir früher jemand gesagt, dass ich einmal als Unternehmer ende, hätte ich ihn für verrückt erklärt.“

Sein Werdegang legt nahe, dass Pityana mit klassischem Shareholder-Kapitalismus nichts anzufangen weiß. Er findet: Vor allem in Schwellenländern – aber wegen der Erderwärmung auch in anderen Teilen der Welt – müssten Unternehmer sich ihrer Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung einer gerechten Gesellschaft bewusst sein. In einer Krise gehöre für ihn dazu, nicht nur an die Zahlen, sondern auch an den Schutz der Beschäftigten zu denken. Korruption verurteilt er sowieso.

Anfang des Jahres wurde Sipho Pityana vom Weltwirtschaftsforum zum Co-Vorsitzenden des Afrika-Ausschusses gekürt. „Unternehmen müssen der Gesellschaft dienen“, sagt er. „Für mich gehören Business und ,Struggle‘ zusammen.“ ---