Mehr Zeit für Menschlichkeit

Drei junge Unternehmer haben einen Sprachassistenten entwickelt, um die Altenpflege zu entlasten.





• Ein kurzer Stich, und schon tritt ein Blutstropfen aus dem Finger des Altenheimbewohners. Sefaat Kayan führt den Teststreifen an die Stelle, wenige Sekunden später zeigt das Messgerät den Blutzuckerwert an. Dieser bestimmt, wie viel Insulin die 24-jährige Altenpflegerin dem Mann vor dem Frühstück spritzt. Er lebt seit rund zwei Jahren im Haus St. Ulrich in Stuttgart und sitzt im Rollstuhl. Nachdem sie den Blutzuckerwert notiert hat, hilft Kayan ihm beim Waschen und Anziehen und schneidet das Frühstück in mundgerechte Stücke. Das dauere rund 20 Minuten, berichtet die Altenpflegerin am Telefon, die Dokumentation am Computer etwa fünf Minuten. Die Pflege muss akribisch erfasst werden, das nimmt etwa 30 Prozent der Arbeitszeit ein. „Eine Stunde pro Schicht ist das Minimum, aber es können auch mal drei Stunden sein, die ich vor dem Bildschirm sitze“, sagt Kayan. Zeit, die sie viel lieber mit den Bewohnern verbrächte.

Spracherkennung könnte das möglich machen. Schon heute diktieren wir unserem Navigationssystem Adressen, unterhalten uns mit Siri oder bestellen per Alexa bei Amazon. Wieso nicht auch die zu dokumentierenden Informationen bereits während der Pflege ins Smartphone sprechen? Das ist die Idee hinter dem Sprachassistenten, den drei junge Gründer mit ihrer Firma Voize entwickelt haben. Sie wollten mehr Zeit für Zwischenmenschliches schaffen, sagt Marcel Schmidberger, einer von ihnen. „Man wird Pflegekraft, weil man etwas mit Menschen machen will – und nicht, um vor dem Computer zu sitzen.“

Das Trio hat die App in engem Austausch mit Pflegeverbänden und Heimen entwickelt – und an die besonderen Anforderungen angepasst. Anders als herkömmliche Sprachassistenten, sagt Schmidberger, sei ihr Produkt eines für Fachleute auf einem eingegrenzten Gebiet. Der Assistent braucht keinen großen Wortschatz, muss aber medizinische Fachbegriffe zuverlässig erkennen. Zudem funktioniert ihre App größtenteils offline. Das sei unter anderem deshalb notwendig, sagt Schmidberger, weil das WLAN in vielen Einrichtungen nicht überall gleich gut funktioniere. Auch Datenschutz sei wichtig: „Produkte wie Alexa basieren darauf, dass sie die Sprachdaten in die Cloud schicken, wo diese analysiert und dann in Textform zurückgesendet werden.“ Voize verarbeitet den Text direkt auf dem Gerät, die Sprachdaten werden nicht gespeichert. Einzig für den Transfer des Eintrags in die Pflegesoftware werde WLAN benötigt, ergänzt Erik Ziegler. Aber auch hierbei schütze man die Daten, indem diese verschlüsselt und ohne Zwischenstation vom Gerät an das System geschickt würden.


Diktieren statt notieren: Die App der Informatikstudenten Marcel Schmidberger, Erik Ziegler und Fabio Schmidberger erstellt Einträge für die Pflegedokumentation per Sprache, zum Beispiel Ernährungsprotokolle

Der 22-Jährige hat Voize im Februar 2020 gemeinsam mit seinem Studienfreund Marcel Schmidberger, ebenfalls 22, und dessen Zwillingsbruder Fabio gegründet. Das Trio wurde für seine Idee bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem dritten Platz der Top 50 Start-ups in Deutschland im Ranking des Portals „Für-Gründer.de“. Die Idee entstand vor rund zwei Jahren: Ursprünglich, so Marcel Schmidberger, hätten sie an ein System gedacht, das von den Bewohnern per Knopf oder Sprachbefehl aktiviert wird, deren Anliegen aufnimmt und an das Personal weitergibt. Als die Brüder ihren Großvater im Altenheim besuchten, stellten sie das Konzept dort vor – und merkten, dass die Technik in der Dokumentation viel nützlicher sein könnte.

In deutschen Altenheimen fehlen laut einer aktuellen Studie rund 120 000 Mitarbeiter. Die Konsequenz: 69 Prozent der Altenpfleger gaben in einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes an, bei der Arbeit oft oder sehr häufig unter Zeitdruck zu stehen. Sebastian Menne sieht in der Digitalisierung einen Beitrag zur Entlastung. Der 34-Jährige ist stellvertretender Bereichsleiter der Altenhilfe des Caritasverbands für Stuttgart, zu dem auch das Haus St. Ulrich gehört. Im Sommer 2019 wurde dieser Bereich der erste Kooperationspartner von Voize. „Mich hat überzeugt, wie interessiert Fabio Schmidberger war“, sagt Menne. „Statt seine Idee in den Vordergrund zu stellen, hat er zunächst gefragt, ob er die Altenhilfe mal kennenlernen kann.“ Die Zwillinge hospitierten anschließend in mehreren Einrichtungen. Selbst zu sehen, wie viel Zeit die Mitarbeiter vor dem Computer verbringen, sagt Marcel Schmidberger, habe ihn darin bestärkt, eine Lösung für dieses Problem zu finden.

Die größte Hürde dabei: eine Schnittstelle für den Datenaustausch zwischen dem Smartphone und dem Dokumentationssystem zu finden. Über Monate hinweg hatten die drei nach einer entsprechenden Pflegesoftware gesucht. Mit Erfolg – seit Anfang Mai arbeiten sie mit Connext Communication zusammen, einem der führenden Softwareanbieter in der Sozialwirtschaft in Deutschland. Nun kann Voize mit den ersten Testkunden beginnen. Diese bezahlen für das Projekt einen einmaligen Preis im vierstelligen Bereich, je nach Größe der Einrichtung. Es handle sich um eine Art „Entwicklungspartnerschaft“, so Schmidberger. „Unsere Kunden investieren in ein Produkt, das wir in enger Zusammenarbeit weiterentwickeln.“ Langfristig denken die Gründer über ein Abo-Modell nach. Ihre App ist neben Pflegeheimen auch für andere Einrichtungen im Gesundheitswesen interessant – so gehört beispielsweise ein psychiatrisches Versorgungsunternehmen zu den Testkunden.

Tanja Schultz, die sich seit rund 30 Jahren mit Spracherkennung beschäftigt, hält das Konzept für sinnvoll. „Gesprochene Sprache ist das natürlichste Kommunikationsmittel des Menschen“, sagt die Professorin für Kognitive Systeme an der Universität Bremen. „Und sie ist ausgesprochen effizient.“ Daher sei die Dokumentation per Sprache „genau der richtige Weg“. Wichtig sei, dass ein solches System gut funktioniere – für die Spracherkennung sei es etwa eine Herausforderung, wenn jemand einen Dialekt oder Deutsch mit Akzent spreche. Daran arbeiten die Gründer von Voize: Mit Dialekten könne das System mittlerweile recht gut umgehen. Und für Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, habe ihr Assistent das Potenzial, die Dokumentation besonders zu erleichtern – auch weil die App Grammatikfehler korrigiert.

Beim Sprechen fühlten sich Kollegen, die gerade Deutsch lernen, sicherer als beim Schreiben, sagt Sefaat Kayan, die Altenpflegerin aus dem Haus St. Ulrich. Sie hat die App schon einmal getestet und hofft, diese bald einsetzen zu können. „Damit könnte ich bestimmt ein bis zwei Stunden am Tag sparen“, sagt sie. Zeit, die sie zum Beispiel gern mit dem Diabetes-Patienten verbrächte. Um öfter spazieren zu gehen – oder ein Spiel zu spielen. Am liebsten mag er „Mensch ärgere dich nicht“. ---