Social Media

Herzblut-Ökonomie

Internetplattformen zur Auftragsvermittlung an Freelancer haben einen schlechten Ruf, doch unter bestimmten Voraussetzungen bieten sie eine unternehmerische Perspektive.





Martin Fehrensen ist Autor von Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.

• Sie suchen ein Geschenk? Wie wäre es mit einer Whatsapp-Sprachnachricht der besonderen Art? Die Plattform Cameo vermittelt dafür Schauspieler, Sportler und Musiker. Ein Geburtstagslied etwa von John C. McGinley, dem Darsteller des fiesen Arztes Dr. Perry Cox in der Comedy-Serie „Scrubs“, kostet 230 Euro.

Kleine Dienste wie diese können heute zum Geschäft werden, weil Plattformen die Transaktion organisieren. Dieses Versprechen kennt man schon von der Gig Economy. Anders als bei Uber oder Amazon Mechanical Turk, die im Ruf stehen, prekäre, stupide Arbeit zu vermitteln, ist bei Cameo jedoch Individualität gefragt. Man kauft ja kein Ständchen von irgendwem, Prominenz ist hier Voraussetzung und Währung. Das Konzept scheint aufzugehen: Der Mitgründer Steven Galanis berichtet von bis zu 70.000 Buchungen pro Woche.

Für Geschäfte, die auf Individualität und Kreativität basieren, gibt es inzwischen diverse Plattformen: Anchor ist auf Podcast-Produzenten spezialisiert, Substack auf Newsletter-Autoren, Outschool auf virtuellen Unterricht. Auf letzterer finden Schüler mehr als 1000 Lehrer, die für sämtliche Fächer Video-Kurse mit eigenem didaktischen Konzept anbieten.

Manche Plattformen zielen nicht auf die Zusammenführung von Anbietern und Abnehmern ab, sondern helfen Produzenten, die auf Youtube oder Instagram, per Blog oder E-Mail-Newsletter ihr Publikum bereits gefunden haben, aus ihren Aktivitäten ein Geschäft zu machen. Beispiele für solche Plattformen sind Patreon, 2013 in San Francisco gegründet (siehe auch brand eins 05/2020: „Die Welt aus der Perspektive der Kreativen sehen“), und Steady, 2016 in Berlin ins Leben gerufen. Das Credo der Betreiber: Leidenschaftliche Produzenten finden ein Publikum, das zu finanzieller Unterstützung bereit ist – man muss ihm nur die Möglichkeit geben.

Bei André Peschke und Jochen Gebauer hat das geklappt. Die beiden arbeiteten früher als Redakteure für die Computerspiele-Zeitschrift »Gamestar«. Als Hobby produzierten sie nebenbei einen Podcast, in dem sie dank der Unabhängigkeit von Werbekunden ebenso ungezwungen wie kritisch über Spiele plauderten. In einem ersten Schritt baten sie um einen Unkostenbeitrag, bekamen dadurch 500 Euro pro Monat. Als sie dann einen Bonus-Podcast exklusiv für Unterstützer anboten, verdoppelten sich die Einnahmen. Schließlich gaben sie ihre Jobs auf und kündigten ihren Zuhörern an, welche neuen Formate sie planten: Reportagen, Kolumnen und Experten-Gespräche, journalistisch aufbereitet und nach eigener Angabe vollkommen unabhängig. Alle neuen Inhalte sind seitdem ausschließlich den – heute fast 6000 – Mitgliedern vorbehalten, für fünf Dollar pro Monat. The Pod, wie sich das Team um Peschke und Gebauer nennt, nutzt für die Verwaltung seiner Community und die Zahlungsabwicklung sowohl Patreon als auch Steady, gegen zehn Prozent der Einnahmen.

Dass das Internet neues Unternehmertum ermöglicht, weil Produzenten dank der Digitalisierung kein Massenpublikum brauchen, sondern in der Nische erfolgreich sein können, ist kein neuer Gedanke. Lange scheiterte die Umsetzung an der verbreiteten Vorstellung, Inhalte dürften im Netz nichts kosten. Das hat sich – nicht zuletzt durch die Plattformen – etwas gewandelt. Bei Patreon werden 150.000 Medienmacher jeden Monat von drei Millionen Nutzern unterstützt. Und Steady schüttet momentan an Hunderte Produzenten vierteljährlich Geld aus – im Schnitt eine Million Euro. ---