Godfather of Worscht

1994 übernimmt Lars Obendorfer den Imbiss seiner Familie in Frankfurt am Main, macht daraus eine Kette mit 24 Filialen in Deutschland. Und hat es mit seinen Würsten selbst bis nach Dubai geschafft.





Feuer und Flamme für sein Unternehmen: Lars Obendorfer

• Miete, Waren, Auto: Lars Obendorfer ist 23 Jahre alt, als er sich monatliche Kosten in Höhe von 22.000 D-Mark ans Bein bindet. Realschulabschluss, eine Lehre als Chemielaborant, ein paar Monate Erfahrung als Animateur auf Ibiza – und nun plötzlich Chef, weil er nach ein paar Monaten Einarbeitung durch seine Mutter den Imbiss seiner Eltern übernimmt.

„Das hatte schon etwas Überwältigendes. Ich hatte bis dahin 2000 Mark im Monat verdient. Da hast du erst mal Angst“, sagt Obendorfer heute.

Der „Snack Point“, in dem es Wurst, Hamburger und Reibekuchen gibt, steht im Grüneburgweg, mitten im Frankfurter Westend. Gegründet haben ihn die Großmutter und der Onkel 1970, als in den Straßen des Viertels der „Frankfurter Häuserkampf“ tobt – es geht um rücksichtslose Investoren und den Erhalt alter, verfallender Villen. Joschka Fischer, der Publizist Michel Friedman und der Impresario Johnny Klinke zählen damals zu den Kunden.

1993 übergeben Oma und Onkel an Obendorfers Mutter, sie sind erschöpft – und sterben kurz darauf. Als wäre das nicht genug, erhält sein herzkranker Vater eine schlechte Diagnose, und so will die Mutter die Zeit, die bleibt, mit ihrem Mann verbringen. Daher muss Lars ran.

Heute ist Obendorfer der Kopf hinter 24 deutschen Filialen, von Frankfurt bis Mainz, von Offenbach bis Darmstadt, von Aschaffenburg bis München. Längst ist „Best Worscht in Town“, wie die Kette inzwischen heißt, eine regionale Institution – berühmt für ihre Wurst, eigenwillige Gewürzmischungen, viel Schärfe, ein legendäres Brot und diese derbe Herzlichkeit, die den Frankfurtern zu eigen ist. Obendorfer babbelt frankfurterisch und erobert die Welt. In Dubai stehen zwei Dependancen, in Los Angeles sollte Ende Juni die erste öffnen – bis Corona kam.

Die Bude im Grüneburgweg ist zur Keimzelle eines kleinen Imperiums geworden, mit 12,4 Millionen Euro Umsatz im Jahr und etwa 100 Vollzeitstellen. Längst ist die Marke von China bis Amerika geschützt. Der Schritt in die USA könnte ein Meilenstein werden. Und in der Heimat hat ausgerechnet Corona dazu geführt, dass Best Worscht mittlerweile auch in Rewe-Märkten erhältlich ist. Die Geschichte der Imbisskette ist voll von solchen Gelegenheiten, von Leidenschaft und Ideen – aber auch voller Rückschläge. Und die haben ihren Anteil am Erfolg.

„Wow! I feel good …“ Wer Lars Obendorfer auf dem Handy anruft, bekommt James Brown zu hören. Wer ihn dann in der Firmenzentrale im Gewerbegebiet von Neu-Isenburg südlich von Frankfurt aufsucht, trifft einen tatsächlich gut gelaunten, 1,96 Meter großen Mann, mit strubbeligen blonden Haaren und Tattoos auf den kräftigen Oberarmen. „Hi, mein Schätzchen. Alles gut?“, begrüßt er einen Mitarbeiter, locker schwätzt er daher, jeder wird geduzt. Zum Gespräch bittet er in eine Art Jungsraum, mit großer Couch, großem Fernseher und Wimpel von Eintracht Frankfurt.


Scharfe Sachen: Manche Soßen eignen sich als Mutprobe

Alles beginnt 1994 damit, dass der junge Chef rasch die Kunden für sich gewinnt, mit seinen Sprüchen. Fängt es an zu regnen, ruft er den Wartenden schon mal zu: „Hey, macht euch um mich keine Gedanken, hier drinnen ist’s okay.“ Er gibt aber auch Regenschirme aus, reicht bei Sonne eine Cola. Hauptsache, der Gast geht mit einem Lächeln. Schon bald will er mehr Abwechslung bieten und beginnt, rund um Rinds- und Bratwürste eine eigene Produktwelt aufzubauen.

Mit einem Koch kreiert er sogenannte „Styles“ wie Jambalaya, eine Mischung aus 17 Gewürzen, der weitere folgen. Der Erfolg ist so groß, dass Obendorfer sich für die Herstellung irgendwann drei Betonmischer in die Garage stellt. Das Innere lässt er emaillieren, lebensmittelecht.

Er befasst sich mit Peperonis, Chilis und Habaneros. So entsteht das heutige System aus neun Styles und acht Schärfegraden, die sich mit der immer gleichen Grundsoße individuell kombinieren lassen. Sich an den richtig scharfen Varianten zu versuchen wird zur beliebten Herausforderung. Einige, erzählt er, seien dabei ohnmächtig geworden.

Spätestens als Obendorfer 2005 seinen ersten Chili-Contest abhält, wird auch das Fernsehen auf den Kerl mit dem losen Mundwerk aufmerksam und berichtet. Später spielt Obendorfer für den TV-Sender Kabel Eins den Tester und sucht nach Deutschlands bester Imbissbude, RTL engagiert ihn für die „Wahlstraße“. Parallel eröffnet er erste Filialen, gründet eine Familie, es sind gute Jahre. Doch auf einmal kommen die Einschläge.

2008 ist seine linke Gesichtshälfte plötzlich gelähmt. Ein Nerv hat sich entzündet, der Mund hängt, drei Monate lang muss er zur Reha. Schaut Obendorfer morgens in den Spiegel, fühlt er sich wie Quasimodo. „Das war der Dämpfer. Damals habe ich gelernt, mehr abzugeben“, sagt er. Es wird mehrfach versucht, bei ihm einzubrechen, einmal kommt es zu einem Überfall, der ihm mehrere Knochenbrüche beschert. Der Fiskus fordert eine hohe Nachzahlung, ein Kumpel, der sich bisher um die Werbung kümmerte, springt plötzlich ab, auch mit dem Metzger hakt es. Das Leben rüttelt ihn richtig durch.

Obendorfer reduziert seine Fernsehauftritte und professionalisiert etwa ab 2010 das Geschäft: Er beauftragt einen Gewürzhersteller mit der Produktion seiner Mischungen, findet einen neuen, größeren Metzger und entwickelt mit einem befreundeten Bäcker ein eigenes Brot – jenes dunkle Ausgehobene mit Roggen, Sauerteig und knuspriger Kruste, das sich heute auch separat bestens verkauft. Aus „Best Worscht in Town“, einst eine Formulierung in einem örtlichen Restaurantführer, wird eine Marke samt Corporate Design und eigener Werbefirma. Obendorfer malt erstmals Organigramme, holt sich eine Anwaltskanzlei an seine Seite. Die Zeiten, in denen er die Firma von seinem Keller aus führte, in dem er auch Playstation und Guitar Hero spielte, sind vorbei: „Damals habe ich angefangen, groß zu denken.“

Die Zahl der Filialen steigt nach und nach auf mehr als 20. „Ich brauche heute im Monat einen Sattelschlepper Ketchup“, sagt Lars Obendorfer. Das Gros der Filialen betreiben andere, im Franchise: Sie errichten die Niederlassung und zahlen einmalig 30 000 Euro für Marke, Beratung und Schulungen, später fünf Prozent des Umsatzes sowie für die Produkte.

Bei allem Wachstum: Best Worscht ist Lars. Wer will, kriegt die Pommes bei ihm „naggisch“ (ohne alles) und die Wurst mit „Zwiebelche“. Die Verkäufer heißen Worschtdealer, und wenn der Mann mit den markanten Brillen sich Godfather of Worscht nennt, dann weil er einen launigen Abend mit Freunden hatte und das lustig fand. Fragt man Alexander Huck, dessen Bäckerei das Brot für die Kette liefert, was bei Obendorfer Mensch, was Masche ist, antwortet er: „Das ist Lars, voll und ganz. Da ist nichts gespielt.“ Für ihn ist Obendorfer, den er seit mehr als 30 Jahren kennt, „einer, der sich nicht verbiegt“, ein „unglaublich fairer Mensch“, sowohl Geschäftspartnern als auch Mitarbeitern gegenüber. Bernd Kaffenberger, der sechs Rewe-Märkte führt und jüngst Produkte von Best Worscht ins Sortiment nahm, sagt: „Lars ist positiv bekloppt. Und die Leute stehen drauf. Die mögen es, wenn eine Marke ein Gesicht hat.“ Ein Kunde, erzählt er, sei dafür mehr als 80 Kilometer gefahren – einfache Strecke.

Gibt es Kritik auf Facebook oder Tripadvisor, antwortet Obendorfer selbst. Ist dem Kunden die Wurst zu scharf, bekommt er Ersatz oder das Geld zurück, auch weil das billiger kommt, als lange zu diskutieren und die Schlange warten zu lassen. Es ist dieser Mix aus guten Produkten, Sprüchen, Kundennähe und Geschäftstüchtigkeit, durch den Best Worscht groß geworden ist.

Eine Mischung, die offenbar auch im Ausland gut ankommt. „Es ist echt, es ist nicht antrainiert. Sie bauen mit den Kunden eine Beziehung auf, das kommt in Dubai selten vor“, sagt David Wilding, der das Franchise im Emirat leitet. Das Land sei sehr schön, aber die Leute seien sehr oberflächlich, erzählt der Brite, doch Best Worscht habe loyale Kunden.

Entstanden, so Wilding, sei der Ableger, weil ein lokaler Investor in Deutschland unterwegs gewesen und dabei von seinem Sohn bedrängt worden sei, diese Soßen zu probieren. Obgleich kein Fan von Fast Food, habe er am Ende fünf Würste bestellt – und ihn dann gebeten, diese Kette nach Dubai zu holen. Die Reaktion auf ihre erste Testfiliale Anfang 2019 sei „phänomenal“ gewesen, die Würste – die in Dubai neben Rind aus Geflügel bestehen – seien für viele „eine völlig neue Erfahrung“. Eine zweite, größere Filiale ist wegen Corona geschlossen und soll Ende des Jahres wieder an den Start gehen, ebenso ein Foodtruck. Zehn Filialen, glaubt Lars Obendorfer, könnten es werden.

Zu Hause, in Deutschland, ist die Situation kurios: Regelmäßig wird die Currywurst zum beliebtesten Essen der Nation gekürt. Trotzdem existiert keine bundesweite Kette wie bei Hamburgern, Pizza oder Kaffee. Bei denen, die ihn kennen, gilt Obendorfer als Kandidat, eine nationale Präsenz aufzubauen. „Wir rechnen ihm eine Pionierfunktion für eine Branche zu, die stark fragmentiert ist“, sagt Torben Leif Brodersen, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Franchiseverbands. Best Worscht verfüge über ein gutes Geschäftsmodell und klare Alleinstellungsmerkmale. „Schon der Name ist unverwechselbar und ein toller Wettbewerbsvorteil.“


Mehr Kumpel als Chef: Obendorfer mit Kollegen an der Wurstbude im Frankfurter Grüneburgweg


Eindeutiges Bekenntnis: Obendorfers Firmen-Tattoo

Obendorfer selbst sagt: „Mein Ziel ist, dass wir in fünf oder zehn Jahren in jeder deutschen Großstadt eine Filiale haben. Aber erreichen will ich das aus eigener Kraft.“ Er bekomme zwar jeden Tag fünf bis zehn Anfragen, eine Filiale aufmachen zu dürfen, auch Investoren meldeten sich immer wieder. Doch er wolle keine Expansion auf Biegen und Brechen: „Ich halte nichts von schnell, schnell, groß, groß. Ich wachse lieber langsam und gesund.“ Mirko Dähne, Inhaber von zwei Filialen, imponiert das. „Lars verzichtet eher auf Geld, als dass er etwas macht, was ihm komisch vorkommt.“

Ein Grund dafür ist, dass Obendorfer schon Reinfälle erlebt und Filialen geschlossen hat. Einmal, erzählt er, habe der Inhaber einfach nicht bezahlt und sich als Betrüger entpuppt, ein anderer sei vier Wochen nach Eröffnung verschwunden. In China – wo eine Filiale in Schanghai geplant war – habe er 60 000 Euro verloren, in Saudi-Arabien sei er an einen Hochstapler geraten, der angeblich 130 Filialen plante. „Ich hatte das volle Programm. Ich könnte ein Buch schreiben“, sagt Obendorfer. Heute gehe bei ihm nichts mehr ohne Bonitätsauskunft, polizeiliches Führungszeugnis und gründliche Standortanalyse.

Dort, wo alles begann, im Frankfurter Grüneburgweg, bietet sich zur Mittagszeit das übliche Bild: eine Schlange. Jugendliche, ein Handwerker, der Mitarbeiter einer Versicherung im grauen Anzug. „Bei uns im Büro ist es zum Ritual geworden, jeden Freitag hier hinzugehen“, sagt der Geschäftsführer einer IT-Firma. Er schätzt die vegane Wurst und liebt die Pommes.

Gegenüber hält ein Rettungswagen, drei Sanitäter mit schweren Stiefeln und orangefarbenen Hosen steigen aus und stellen sich hinten an. „Die Qualität stimmt einfach. Die Auswahl an Soßen ist groß, und das Brot ist das Beste“, sagt einer von ihnen. Bei der Schärfe komme es auf den Tag an, welchen Grad er wähle. „Im Dienst nehme ich maximal C. Ich muss danach ja noch reden können“, sagt er und lacht.

Wie am Grüneburgweg hat Obendorfer die meisten Filialen jüngst auf Mitnehmen umgestellt. Corona hat ihm sogar neue Arbeit beschert, denn plötzlich hatte er Zeit – und entsann sich Bernd Kaffenbergers, mit dem er längst mal was machen wollte. Kurzerhand gab es Würste, Soßen und Gewürze von Best Worscht bei Rewe in Bad Vilbel. „Das ist direkt eingeschlagen“, erzählt Kaffenberger. Andere Märkte hätten nachgezogen, mit vergleichbarem Erfolg. „Ein Kollege hat dienstags 50 Packen Bratwurst und 50 Packen Rindswurst bestellt. Freitags waren es dann 500 Packen – jeweils.“

Aktuell beliefert Obendorfer knapp 30 Märkte, schon bald will er mit Rewe Best Worscht in ganz Hessen in die Regale bringen – vorausgesetzt, seine Lieferanten können die Mengen stemmen. „Wenn wir wirklich 560 Märkte beliefern, reden wir über 250.000 Würste die Woche“, so Obendorfer. „Unsere Filialen brauchen im Moment 150.000, manchmal 200.000 Würste – im Monat.“

Auch sonst ist einiges geplant. Bald wird eine neue Website fertig sein, in Gießen, Wiesbaden und Offenbach sollen Filialen eröffnen. Der Start von US-Dependancen ist wegen Corona aufgeschoben, deshalb nur so viel: Es ist eine besonders wilde Geschichte. Obendorfer hat einen potenten Geschäftspartner, eine bekannte Rockband spielt eine Rolle – das könnte groß werden.

Es läuft. Immer mal wieder gibt es Angebote, Best Worscht zu verkaufen.„Aber jetzt steht mir überhaupt nicht der Sinn danach“, sagt Obendorfer. „Jetzt find’ ich’s geil!“

Ach, ja: Die Diagnose, die alles ins Rollen brachte – sie erwies sich als zu düster. Obendorfers Vater lebt noch immer. ---

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