Lisa Weil am Hamburger Hauptbahnhof

Off Road Kids

Off Road Kids ist ein Sozialunternehmen, das wohnungslose junge Menschen unterstützt. Der Gründer kämpft um sein Unternehmen – und um Freiheit.




• In einer Nacht im Oktober lässt Lisa Weil (Name geändert) alles zurück. Den Ort, an dem sie es nicht mehr aushält, wegen der Dinge, die ihr Vater ihr antut. Sie legt ihren Haustürschlüssel und ihr Handy auf das Bett, den Abschiedsbrief an ihre Mutter und schleicht sich aus der Wohnung. Zum Bahnhof sind es nur fünf Minuten. Der nächste Zug geht nach Hamburg, zehn Stunden Fahrt sind es aus ihrer Heimatstadt in der Schweiz. Weil sie kein Ticket hat, versteckt sie sich in den Toiletten.

Damals war Lisa Weil 14, vor ein paar Monaten ist sie 30 geworden. Sie sitzt vor einem Café am Hamburger Hauptbahnhof, auf der Seite, wo es nicht zum Nike-Store geht, sondern wo die Obdachlosen in Schlafsäcken liegen. Ihre Haare hat sie lila gefärbt, an den Seiten abrasiert, am Hinterkopf zu Dreadlocks verfilzt. Sie trägt eine schwarze Kappe.

Hier war sie oft, nachdem sie in Hamburg angekommen war. Sie hatte kein Geld und kannte niemanden, bei dem sie hätte schlafen können. Zwei Jahre lang war sie obdachlos. „Platte machen“, sagt sie.

Erst zehn Jahre später traf sie Benthe Müller-Nickel von Off Road Kids. Da spritzte sie kein Heroin mehr, hatte aber weder Wohnung noch Bankkonto noch Ausweis. „Es hilft sehr, wenn da jemand ist, der an dich glaubt, wenn du dich selbst schon aufgegeben hast“, sagt Lisa Weil.

Auf der Homepage wirbt Off Roads Kids damit, schon 6291 junge Menschen aus der Wohnungs- und Obdachlosigkeit geführt zu haben. Es ist nicht die einzige Organisation, die das macht, aber diese ist speziell.

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Markus Seidel, der Gründer, mag Zahlen, er erwähnt sie immer wieder. Er verwendet auch gern den Begriff Social Return on Invest. Damit meint er, dass die etwa 3,6 Millionen Euro Spenden im Jahr, die für die Arbeit nötig sind, so eingesetzt werden, dass sie eine volkswirtschaftliche Rendite erzielen. Wenn Jugendliche keine Sozialhilfeempfänger werden, sparen die Steuerzahler Geld.

Dass Markus Seidel sich so ausdrückt, liegt daran, dass er sich als Unternehmer sieht und wie einer redet, aber auch pausenlos im Marketing-Modus ist. Manche in der Sozialbranche irritiert das.

Auf dem Bildschirm sieht man einen Mann, Anfang 50, mit sehr kurz geschnittenen Haaren und randloser Brille im Home Office vor einer Dachschräge sitzen. Er redet schnell und viel, wirkt konzentriert, aber auch gehetzt.

„Ich wurde nicht mit einem Helfersyndrom geboren“, sagt Seidel, als er von den Anfängen erzählt. Da war er Mitte 20 und Journalist. Er hatte im Fernsehen Reportagen über Straßenkinder in Deutschland gesehen, und dabei war ihm etwas aufgefallen. Ein Missstand und eine Marktlücke.

Viele junge Menschen, die es nicht mehr zu Hause aushalten, fahren vom Land in die Großstadt, um unterzutauchen. Doch dort können Streetworker ihnen nur begrenzt helfen. Denn bei Minderjährigen ist das Jugendamt des Heimatortes zuständig, und staatlich finanzierte Straßensozialarbeit ist in der Regel auf eine Stadt oder ein Stadtviertel beschränkt.

Markus Seidel wollte dieses Problem lösen – und erzählte Freunden von seiner Idee. Eine überregionale Hilfsorganisation mit Sozialarbeitern, die den Jugendlichen hinterherreisen können. Eine Brücke zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen den Großstädten sollte es werden, denn Straßenkinder bleiben selten an einem Ort. 1993 gründete er mit einigen von ihnen den Verein Off Road Kids. In Donaueschingen im Schwarzwald, wo sie damals lebten. Dann schrieb Seidel einen Brief ans Bundesfamilienministerium. Er brauche finanzielle Unterstützung.

„Die Antwort war: Alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben eine Adresse, es gibt keine minderjährigen Obdachlosen.“ Seidel glaubte das nicht. Also suchte und fand er Straßenkinder und veröffentlichte ihre Geschichten in einem Buch. Es wurde zu einem großen Erfolg, das Thema zum Medienthema. Bald darauf kontaktierte ihn eine Stiftung aus München und vermittelte den Kontakt zur Deutschen Bahn. 1995 hatte der Verein drei Sozialarbeiter, sie bekamen Freifahrkarten, etwas später Handys von Vodafone. Seidel finanzierte sein Leben mit einer kleinen Werbeagentur.

Bis heute ist Off Road Kids das einzige bundesweit aktive Hilfswerk in der Straßensozialarbeit. Andere Einrichtungen bieten Schlafplätze an und verteilen Essen oder Kleidung. Das lehnt Seidel ab. „Die Straße ist keine gute Kinderstube. Daher fördern wir nicht das Leben in der Obdachlosigkeit, sondern arbeiten mit den jungen Menschen an neuen Zukunftsperspektiven.“ Deshalb liegt der Fokus bei ihm auf der Beratung.

Es war auch ein Experiment. Er wollte wissen, wie weit er kommen kann als 26-Jähriger in einem Dickicht aus Gesetzen wie in der Jugendhilfe.


Gründer und Markenbotschafter: Markus Seidel hat ein überregionales Hilfswerk aufgebaut.

In den ersten fünf Jahren hielt Seidel 600 Vorträge in Wohltätigkeits-Clubs, schrieb Unternehmen und Stiftungen an und bat um Spenden. Er wurde ein guter Netzwerker und Off Road Kids immer größer. Inzwischen arbeiten 50 Leute für das Sozial- unternehmen, das neben den Beratungsstellen in Köln, Dortmund, Frankfurt, Berlin und Hamburg auch ein Kinderheim und eine Hotline für Eltern betreibt und mit einer Schule kooperiert, die Fernunterricht anbietet (siehe unten. „Unser Ziel ist die berufliche und gesellschaftliche Integration der jungen Menschen. Wenn bei dieser Arbeit Probleme auftauchen, versuchen wir sie zu lösen.“ Bis heute fast ausschließlich mit Spendengeldern, zu einem großen Teil von Firmen und Stiftungen.

Er arbeite gern mit Unternehmern zusammen, sagt Seidel. Die seien es gewohnt, schnell zu handeln, um ein Problem in den Griff zu bekommen und auf Marktveränderungen zu reagieren. Das mache es für Off Road Kids leichter, neue Projekte umzusetzen. Er sieht vor allem einen Vorteil an dieser Finanzierung: die Freiheit, so zu handeln, wie er es für richtig hält.

Vom Staat ist Seidel nicht so gern abhängig. Das hat jetzt in der Krise seinen Preis: Die Regierung gibt Geld aus, die meisten anderen sparen. Er hängt gerade ziemlich viel am Telefon, er braucht 10.000 Euro Spenden pro Tag, damit der Betrieb läuft.

Markus Seidel ruft abends um 21.30 Uhr zurück und schreibt Mails um 3.30 Uhr. Er sei einer, der Ideen lieber nachts aufschreibe, als sie am nächsten Morgen vergessen zu haben. Wofür er immer Ideen braucht, ist, woher er jedes Jahr die 3,6 Millionen Euro Spenden bekommt. Seidel, der Unternehmer, Netzwerker und Verkäufer, ist ein Experte auf dem Gebiet. Off Road Kids ist mittlerweile so bekannt, dass Fremde der Stiftung ihr Erbe überlassen und Influencer von sich aus Charity-Aktionen starten. Aber diese Situation ist selbst für einen wie ihn eine Herausforderung.

Seidel versteht seine Rolle im Unternehmen so: „Für Straßensozialarbeit brauchen Sie Fachleute. Meine Aufgabe besteht eben auch darin, ihre Arbeit zu ermöglichen.“

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Von der Arbeit kann Benthe Müller-Nickel lange erzählen. Sie ist seit 15 Jahren bei Off Road Kids und leitet den Standort in Hamburg, drei kleine Räume in einem unrenovierten Altbau in der Nähe des Hauptbahnhofs. Sie sieht aus wie Mitte 30, ist aber älter, hat kurze platinblonde Haare, auf dem Unterarm ein Tattoo und strahlt eine tiefe Ruhe aus. In ihrem Büro hängt ein Poster einer gealterten Patti Smith neben selbst gemalten Kinderbildern. „Für Benthe.“

Am Anfang seien sie jeden Tag vier bis fünf Stunden auf der Straße unterwegs gewesen. Hauptbahnhof, Sternschanze, Reeperbahn, sie waren da, wo die jungen Obdachlosen waren. „Es waren Gruppen, oft punkige Leute, später auch Emos, man hat diese Leute sofort erkannt.“ Wer heute ausreißt, findet über Netzwerke wie Facebook Leute, bei denen er eine Nacht auf dem Sofa verbringen kann. „Mit dem bärtigen Bettler vor dem Supermarkt wollen die Jungen nichts mehr zu tun haben“, sagt Benthe-Müller Nickel.

Das Deutsche Jugendinstitut schätzt die Zahl derer, die bis zu 26 Jahre alt sind und keinen festen Wohnsitz haben, auf 37 000. Zwei Drittel von ihnen sind wohnungslos, ein Drittel obdachlos. Die Gruppe der jungen Menschen auf den Straßen wird kleiner, die der unsichtbaren Obdachlosen größer.

15 bis 20 junge Menschen beraten Müller-Nickel und ihre drei Kollegen pro Woche, gehen mit ihnen zu Ämtern, um Ausweise oder Arbeitslosengeld zu beantragen, helfen dabei, Formulare auszufüllen, eine Wohnung oder einen Psychotherapeuten zu finden, einen Entzug zu machen, begleiten sie zum Frauenarzt oder Zahnarzt. „Je länger jemand vom System entkoppelt war, desto größer ist das Paket, das er mitbringt.“

Weil sie ihre Zielgruppe über die Straße immer schlechter erreichten, hatten ein paar Mitarbeiter die Idee für eine Online-Beratung. Sofahopper gibt es seit drei Jahren. Auf der Website kann man mit den Sozialarbeitern chatten und um einen Rückruf bitten. „Durch Corona haben wir viermal so viele Notrufe wie früher“, sagt Müller-Nickel, in Hamburg zwei bis drei pro Tag. Inzwischen nutzt schon etwas mehr als die Hälfte der Hilfesuchenden diesen Weg. Das Angebot soll auch verhindern, dass die jungen Menschen überhaupt in die Großstädte kommen, oft rufen sie noch aus den Heimatorten an. „Wir versuchen, mit ihnen vor Ort eine Lösung zu finden.“ Vielleicht doch einen Weg zurück zur Familie, eine Einrichtung, die helfen könnte, oder schnell einen Schlafplatz. Ein paarmal hätten sie dazu schon spontan Zimmer in Pensionen gemietet. „Wir können das einfach bezahlen und ausprobieren.“

Die Arbeit ist aber auch schwieriger geworden. Wohnungen in den Großstädten kann sich kaum noch wer leisten, für Menschen mit Hauptschulabschluss oder gar keinem Abschluss gibt es nicht mehr viele Jobs. Die meisten, die kommen, sind auf dem Papier schon erwachsen.

„Alle kommen freiwillig. Sie wollen auf eigenen Beinen stehen. Bei uns bestimmen sie den Weg und das Tempo“, sagt Benthe Müller-Nickel. Viele seien schon oft gescheitert und abgewiesen worden und hätten das Vertrauen in Erwachsene verloren. Sie sollen lernen, dass sie es sind, die über ihr Leben bestimmen, und dass man auch ohne Schulabschluss Träume haben darf. Zum Beispiel eines Tages einen Job zu haben und Teil der Gesellschaft zu sein. „Wir nehmen sie so lange an die Hand, bis sie allein stehen können.“ Manchmal dauert das Jahre.


Chefin und große Schwester: Benthe Müller-Nickel leitet die Beratungsstelle in Hamburg und kümmert sich um die jungen Menschen

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Off Road Kids tut viel dafür, dass diese Arbeit wahrgenommen wird. Etwa zehn Prozent der Spenden gibt das Sozialunternehmen für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit aus. Damit soll die Zielgruppe im Internet erreicht werden – und potenzielle Spender. Die PR-Botschaften und Jahresberichte sind voller Zahlen. 2019: 740 erfolgreiche Vermittlungen (feste Unterkunft, dazu Job oder Ausbildung), für die durchschnittlich 66 Arbeitsstunden aufgewendet worden seien, halb so viele wie im Vorjahr. Gute Zahlen bringen mehr Spenden.

Markus Seidel sagt: „Ich schaue mir an, wie erfolgreiche Unternehmen arbeiten, und übertrage das auf das Soziale.“

Bei der Konkurrenz kommt die Eigenwerbung nicht so gut an. Barbara Junne leitet Basis & Woge, einen von der Stadt geförderten Verein in Hamburg mit 180 Mitarbeitern, der junge Obdachlose berät, eine Aufenthaltsstätte für sie hat und mit ihnen Modekollektionen entwirft. Sie sagt: „Es ist schon klar, dass Off Road Kids so laut für sich trommelt, weil es sich in erster Linie aus Spenden finanziert. Aber weil Menschen unterschiedlich sind, braucht es vielfältige Hilfsangebote. Und auch wir machen gute Arbeit.“

Seidel fragt sich, wieso die anderen keine Zahlen veröffentlichen. Aber kann man die Wirksamkeit eines einzelnen Akteurs in einem komplexen Hilfesystem so einfach messen?

Off Road Kids ist auf die Kooperation mit anderen Organisationen angewiesen. Nur wer keinen Hunger mehr hat, in Ruhe schlafen und mal duschen konnte, kann auch gut an der Zukunft arbeiten.

In der Finanzkrise 2008 war es schon mal so, dass plötzlich kaum noch jemand spendete. Auch diesmal werde es weitergehen, sagt Seidel, aber die finanzielle Abhängigkeit störe ihn. Sein Unternehmen hangele sich von Jahr zu Jahr, außerdem macht er sich Sorgen, dass er keinen Nachfolger findet. Er ist jetzt 53 und verdient 4500 Euro brutto im Monat, seine Überstunden schätzt er auf mehrere Tausend. „Das will ja keiner machen.“

Deshalb ist aus seinem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit ein Plan geworden. Im Herbst will Off Road Kids anfangen, eine Software zur Dienstplangestaltung und Zeiterfassung für den sozialen Sektor zu vertreiben. Die hat eine Agentur entwickelt, auch für das Sozialunternehmen. Christoph Gröner, der Vorstandsvorsitzende der Immobilienentwicklungsgesellschaft CG Elementum AG, will an den fünf Streetworking-Standorten Gebäude kaufen, umbauen und an die Stiftung übergeben. Mit den Mieteinnahmen soll die dortige Arbeit finanziert werden, außerdem können in den Wohnungen einige der jungen Leute unterkommen. „Unser Ziel ist es, 1,5 Millionen Euro durch Spenden zu bekommen und den Rest selbst zu erwirtschaften.“

Markus Seidel kämpft für ein Werk, das an manchen Tagen droht, ihn aufzufressen. Er macht es gern: „Ich will mich nicht eines Tages auf dem Sterbebett ärgern, dass ich es versäumt habe, etwas zu unternehmen. Gesellschaftliches Engagement empfinde ich als sinnvoll und gut für das eigene Lebensgefühl.“

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Lisa Weil wohnt inzwischen in einer WG auf der Elbinsel Wilhelmsburg und betreut einen Patienten mit Multipler Sklerose. Mit Benthe Müller-Nickel trifft sie sich privat noch alle zwei Monate. Sie zündet sich eine Zigarette an und sagt, was Seidel freuen würde: „Zwei Jahre lang habe ich auf der Straße Leute angeschnorrt. Jetzt zahle ich brav meine Steuern.“ ---

Off Road Kids
ist seit 2008 eine Stiftung. Neben den im Text genannten Projekten betreibt diese mit zwei separaten gemeinnützigen GmbHs das Gesundheitsvorsorgeprogramm Streetwork+ und eine Eltern- und Familienberatung. Zu den großen Geldgebern gehören die Deutsche Bahn Stiftung, die Vodafone Stiftung, die CG Elementum AG, die Bahn-BKK, die Initiative „Wirtschaft kann Kinder“, Skala und Permira. Seit Kurzem kommt auch Geld vom Bundesfamilienministerium: Dieses unterstützt Sofahopper bis Ende 2021 mit 1,3 Millionen Euro.

Junge Wohnungs- und Obdachlose
sind laut dem Deutschen Jugendinstitut meist volljährig und männlich. Viele nehmen von sich aus Kontakt zu Hilfeeinrichtungen auf. Am häufigsten werden Beratungs-, am zweithäufigsten Überlebenshilfen genutzt – letztere vor allem von Obdachlosen. Immer häufiger sind darunter Heranwachsende, die von der öffentlichen Jugendhilfe unterstützt werden. Diese Hilfe wird oft mit dem 18. Geburtstag eingestellt. Mit den Anforderungen des Jobcenters, um ALG II zu bekommen, sind die jungen Menschen aber häufig überfordert, was mitunter zu Sanktionen und zum Wegfall aller Leistungen führt.