„Es geht jetzt erst mal darum, Existenzen wieder auf die Reihe zu bekommen“

Catharina Bruns ist Unternehmerin und Vorsitzende der Kontist Stiftung, die sich für Selbstständige einsetzt. Ein Gespräch darüber, wie trotz der Krise eine neue Gründerkultur entstehen kann.



Foto: © Julia Scherkunowa


brand eins: Frau Bruns, die Coronakrise hat Selbstständige hart getroffen. Wird sich künftig überhaupt noch jemand diese Lebensform antun?

Catharina Bruns: „Sich die Selbstständigkeit antun“, diese Formulierung geht in die völlig falsche Richtung. Leider hört man solche Aussagen oft – die alten Bilder von „selbst“ und „ständig“, wenig Urlaub und schlechter Absicherung sind vielen noch sehr präsent. In Deutschland ist man angestellt, das ist die „Normalarbeit“. Aber Selbstständigkeit ist keine Zumutung, sondern die große Chance, sich etwas Eigenes aufzubauen und frei zu arbeiten.

Aber Sie können nicht abstreiten, dass es für Selbstständige aktuell schwer ist.

Es gibt auch einige, deren Geschäft jetzt boomt, weil es genau die richtigen Probleme löst. Ich habe zum Beispiel eine junge Gründerin kennengelernt, die Beratung für Remote Work, also Arbeit im Home Office, anbietet. Plötzlich ist das in Deutschland nicht nur angesagt, sondern dringend notwendig. Die Unternehmerin musste ihr Geschäft nun schnell entwickeln, um den Ansturm zu meistern. Andere passen sich gut an die Corona-Situation an.

Eine Freundin von mir, die eigentlich Locations für Hochzeiten vermietet, bietet jetzt Hochzeits-Boxen an. Das sind Pakete mit Kleinigkeiten wie Sekt oder Schokolade, die Paare trösten sollen, weil sie ihre Hochzeit verschieben mussten.

Nicht jeder kann sich neu erfinden.

Das stimmt, für den Großteil der Selbstständigen bedeutet die aktuelle Krise eine Katastrophe, beispielsweise für alle, die einen Laden oder ein Lokal haben, Lehrende an der Volkshochschule oder für Künstler und alle in der Veranstaltungsbranche. Durch das Chaos bei den Soforthilfen sind viele Betroffene am Ende mit den Nerven. Dabei müsste von staatlicher Seite unkompliziert überbrückt und entschädigt werden. Denn schuld sind die Selbstständigen an ihrer Situation nicht. Nur sind die Sicherheitsnetze für Angestellte eben besser, weshalb die Krise die Selbstständigen härter trifft.

Das klingt nicht, als würden Sie die derzeitige Ausnahmesituation auch als Chance fürs Unternehmertum begreifen.

Unternehmertum ist immer eine Chance. Aber jetzt geht es erst einmal darum, Existenzen wieder auf die Reihe zu bekommen. Viele sind in Schockstarre und müssen schauen, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Eine Krise ist nun einmal eine Krise.

Was ist jetzt am wichtigsten?

Jeder Selbstständige sollte schauen, ob er Soforthilfe oder Kredite in Anspruch nehmen will, um durch die Krise zu kommen. Aber wir sollten uns nicht nur auf den Staat verlassen. Jeder kann sich fragen: Was kann ich jetzt machen, um künftig ein stabiles Geschäft zu haben? Dazu gehören etwa Gutscheine, die Nagelstudios oder Cafés ausgeben, um ihre Liquidität zu erhalten, Bäcker, die Brötchen bringen, und Restaurants, die jetzt als Spezialitäten-Supermarkt agieren. Solche Ideen und Geschäftsmodelle brauchen wir, und das kann auch über die Krise hinaus Bestand haben. Wer jetzt die Möglichkeit hat, mehr Unternehmer zu sein als früher, sollte das auch tun.

Besteht derzeit nicht auch die Gefahr, dass sich Menschen aus der Not heraus selbstständig machen, weil sie nichts anderes finden?

Eine Firma zu gründen, obwohl man lieber angestellt wäre, halte ich für keine gute Idee. Die Chancen für Erfolg sind allenfalls mittelmäßig. Nur selten sind die Ideen richtig gut, und nur selten funktionieren sie langfristig. Die persönliche Not ist daher kein guter Grund, ein Unternehmen zu gründen – es muss einen Bedarf dafür geben.

Ideen gibt es viele.

Ideen sind aber keine Konzepte. Viele denken zu weit, zu fluffig. Sie sagen beispielsweise, dass die Welt egoistisch ist, und wollen, dass die Menschen wieder achtsamer sind. Das ist zwar ein schöner Wunsch, aber kein Geschäftskonzept.

Fehlt es vielen Selbstständigen also an einem Unternehmer-Gen?

Ich will auf keinen Fall von einem Unternehmer-Gen sprechen. Jeder kann Unternehmer sein. Ich glaube nur, dass es für viele in der Selbstständigkeit bisher nicht notwendig war, unternehmerisch zu denken. Viele haben ihre Dienstleistung angeboten, das lief gut und reichte aus. Dieses Old-School-Denken ist allerdings problematisch.

Wie meinen Sie das?

Freelancer bieten frei eine Dienstleistung an, etwa als Fotograf oder Designer. Wenn denen jetzt die Auftraggeber fehlen, dann haben sie ein Problem. Das wird in der Krise deutlich, hätte aber auch andere Ursachen haben können, beispielsweise die Digitalisierung oder die Insolvenz eines großen Auftraggebers.

Wie sähe richtiges Unternehmertum aus?

Wenn ich von Unternehmertum spreche, dann meine ich, Lösungen für Probleme zu finden und daraus ein Angebot zu machen. Für diese Art von Unternehmertum ist immer Platz. Ich denke da an Menschen, die bisher Modedesigner waren und jetzt Atemmasken produzieren, oder an eine Pizzeria, die jetzt online die Blumen des Ladens von nebenan anbietet. Das zeigt auch: Die Krise kann zur Gründerzeit werden.

Sagen wir, ich möchte eine Firma gründen. Würden Sie mir dazu raten, jetzt einen Tante-Emma-Laden aufzumachen?

Warum nicht? Auf das Konzept kommt es an! Ich würde vom Problem ausgehen. Ganz viele brauchen zurzeit Hilfe im Home Office, viele brauchen jemanden, der ihnen Einkäufe bringt. Da könnte man ansetzen, muss aber immer überlegen: Trägt das Geschäftsmodell auch nach der Krise? Das sollten Gründer nicht aus den Augen verlieren.

Geht es heute überhaupt noch ohne digitalen Ansatz?

So ganz ohne, auch ohne digitales Bezahlen?


In der Realität läuft ohne Freie nichts, aber der Staat versteht nur Angestellte.

Ja.

Das geht schon, aber warum sollten Sie das wollen? Das Internet bietet heute extrem viele Möglichkeiten. Meine Eltern konnten nicht einfach Unternehmer sein. Die mussten erst einmal einen Laden mieten und die Einrichtung kaufen. Das war meist Unternehmerfamilien vorbehalten und denen, die es sich leisten konnten. Die Digitalisierung macht es möglich, dass jeder auch mit wenig Kapital etwas auf die Beine stellen kann.

Nicht alle Gründer kennen sich mit dem Internet aus, oder?

Dann ist auch das ein Geschäftsmodell. Wenn jemand das Problem sieht, dass viele nicht mit dem Internet umgehen können, kann er das lösen und ein Angebot daraus machen.

Hätte ich als Entrepreneur zurzeit viel Unterstützung von anderen Selbstständigen?

Ein schöner Effekt zurzeit ist, dass sich viele Netzwerke gebildet haben und verschiedene Freiberuflerinnen und Selbstständige sich solidarisch untereinander zeigen. Sie helfen einander, sichtbarer zu werden. Ich habe auch das Gefühl, dass das krasse Konkurrenzdenken nicht so da ist und sich stattdessen eine Dynamik der Gemeinschaft entwickelt.

Und Unterstützung vom Staat?

Da hat sich nichts geändert. In der Realität läuft ohne Freie nichts, aber der Staat versteht nur Angestellte. Aus der industriellen Revolution heraus wurden Arbeiter zu Angestellten und erstritten immer mehr soziale Absicherung, und ich bin die Letzte, die das infrage stellen will. Das war Fortschritt. Aber es ist eben Fortschritt von gestern, heute muss er anders aussehen.

Wie denn?

Wenn ich mit Politikern spreche, dann haben die immer gute Argumente dafür, was sie machen. Aber in vielen Fällen geht dieses Angestellten-System an der Realität vorbei. Die Regelungen zur Scheinselbstständigkeit sind beispielsweise für viele Selbstständige und ihre Auftraggeber ein Problem, weil sie langfristig an Projekten arbeiten. Die kriegen Probleme mit dem Staat, obwohl es für sie super läuft. Solche Regeln müsste man anpassen an die Art, wie heute gearbeitet wird. Wir brauchen eine Offenheit für neue Rahmenbedingungen, die auch zu Selbstständigen passen. Ich sage ja nicht, dass jeder frei arbeiten soll. Aber die, die das wollen, sollen nicht bestraft werden.

Sehen wir dann in drei Jahren nicht mehr nur vier, sondern acht Millionen Selbstständige in Deutschland?

Das fände ich toll, aber ich glaube es nicht. Damit sich die Gründerkultur ändert, braucht es Vertrauen in diesen Lebensentwurf, von der Politik und in der Gesellschaft. Dafür werbe ich. ---