Wirtschaftsgeschichte

Die Mutter aller Goldadern

Im Goldrausch zogen Tausende von überall her in den Wilden Westen. Ellen Nay war ihnen überlegen, weil sie das Suchen nach Bodenschätzen von klein auf gelernt hatte.





• Der Felsbrocken sah unspektakulär aus, zur Hälfte war er mit Sand bedeckt. Trotzdem blieb Ellen Nay stehen, bückte sich, fasste ihn an. Rückblickend beschrieb sie diesen Moment im kargen Hinterland Nevadas so: „Ich brach ein kleines Stück ab und entdeckte einen hübschen goldenen Punkt darin. Ich brach ein größeres Stück ab und, Gott Gütiger, es war zur Hälfte mit etwas Gelbem bedeckt, das aussah wie Gold, aber ich traute meinen Augen nicht.“

Sie habe ihre Haube auf den Boden geworfen und sei zu Joe gerannt, ihrem Ehemann. Auch er sei ganz aufgeregt gewesen, als er das Bruchstück sah, habe sein lahmes Bein völlig vergessen und sei mit ihr zur Fundstelle gelaufen. „Wir wickelten den Felsbrocken in meine Schürze, und Joe trug ihn. Er wog 75 Pfund und war voller Gold.“

Später habe man sich diese Geschichte so erzählt, als sei die Entdeckung reiner Zufall gewesen, schreibt Sally Zanjani in ihrem Buch „A Mine of Her Own – Women Prospectors in the American West. 1850–1950“. Die Leute hörten gern solche Erzählungen: Jemand wäscht im Bach seine Kleider, und zufällig schweift sein Blick über eine gelbe Ader im Boden. Er will gerade einen Stein nach diesem lästigen Vogel werfen, als er merkt, dass er pures Gold in der Hand hält. So habe auch Ellen Nay auf dem Grundstück über der Goldader bloß Glück gehabt. Sally Zanjani vermutet, dass der Reiz solcher Geschichten in deren Botschaft liegt: „Jeder Idiot, egal wie wenig er vom Goldsuchen versteht, hat die Chance auf einen Volltreffer.“


„Sie liebte das Goldsuchen einfach. Sie bekam es nie aus dem Kopf.“

Ellen Nay verstand jedoch etwas vom Goldsuchen, und ihr Fund war kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Sie wurde 1879 in Tybo, Nevada geboren. Als Kind zog sie mit ihren Eltern und Geschwistern, später mit ihrem Ehemann und zwei kleinen Töchtern, in Zentral-Nevada von Ort zu Ort, um nach Schätzen im Boden zu suchen. Sie investierte in Claims, sie erlebte Rückschläge, sie fing wieder von vorn an. Auch das Grundstück, auf dem sie 1909 schließlich die Ader entdeckte, war ihr eigenes. Sie hatte es gekauft, um dort nach Gold zu suchen.

Edward Clifford, Ellen Nays Vater, war Bergarbeiter. Als irischer Einwanderer war er an der Ostküste der Vereinigten Staaten gelandet und im Lauf einiger Jahre tief in den Wilden Westen gezogen: In Bergwerken baute er Kohle ab, später Silber. Nachdem er so viele Jahre unter Tage gearbeitet hatte, sehnte er sich nach Licht. Also kaufte er eine Ranch, auf der er Schafe züchtete.

So ganz ließen die Schätze im Boden ihn jedoch nicht los: Cliffords Traum war es, Gold zu finden – mit diesem Enthusiasmus steckte er seine Tochter an. Auf seiner Route nach Westen hatte ihm ein alter Schotte beigebracht, worauf man bei der Suche achten muss: „Schau in die Aushöhlungen im Fels, alter Freund“, so riet es ihm der Schotte angeblich. Nun zog Clifford mit seinen Söhnen und Ellen durch das verlassene Stone Cabin Valley, in dem die Ranch lag, und zeigte ihnen, wie man mit Hacken systematisch die Felsen durchsucht. Damals begann Ellen Nay, einen Blick für vielversprechendes Gestein zu entwickeln.

Im Jahr 1900 entdeckte ein alter Freund des Vaters Gold. Er lud ihn ein, beim Schürfen zu helfen. Edward Clifford zog sofort an die Fundstelle, geschätzt 50 Kilometer von seiner Ranch entfernt, an der nun ein Ort namens Tonopah entstand. Ellen hatte damals schon Joe, einen Cowboy aus Utah, geheiratet, und eine Tochter bekommen. Mit ihrer Familie zog sie dem Vater und dem gemeinsamen Traum vom Gold hinterher.

Immer mehr Leute stellten in Tonopah ihre Zelte auf. Auch Ellen Nay lebte mit ihrer Familie in einem Zelt, selbst während der heftigsten Schneestürme im Winter. Als sich eine Grippewelle im Camp ausbreitete, starben viele Goldsucher, Tonopah bekam seinen ersten Friedhof.

Ellens Vater wurde dort nicht glücklich, er fühlte sich um seinen Anteil betrogen. Als in einer Gegend etwa 40 Kilometer entfernt von Tonopah, später aus gutem Grund Goldfield genannt, die ersten Funde bekannt wurden, zog er dort hin und war wieder einer der Ersten. Ellen Nay und ihr Mann folgten ihm.

Natürlich brauchte es beim Goldsuchen auch Glück: Man kaufte einen Claim, und erst dann stellte sich heraus, ob es eine gute Entscheidung war. Edward Clifford hätte ein Grundstück kaufen können, entschied sich aber dagegen – er bereute es. Die Gegend erwies sich als Goldgrube.

Als nach einer Schießerei Joe Nays Bein lahm blieb, musste Ellen Nay noch mehr als bisher zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Im Alltag verdiente sie ihr Geld als Waschfrau, doch sie wollte etwas Größeres schaffen. 1905 war sie es, die sich den Goldsuchern anschloss, um ein neues Gebiet außerhalb Goldfields zu erkunden. Dass vor der rauen Wüstengegend gewarnt wurde, schreckte sie nicht, obwohl sie gerade mit ihrer zwei-ten Tochter schwanger war. Sie kaufte einen Claim, doch der stellte sich als wertlos heraus. Auch der nächste Versuch in einer vielversprechenden Gegend blieb erfolglos.

Warum Ellen Nay nach diesen Strapazen und Fehlinvestitionen nicht aufgab, erklärte ihre Tochter später so: „Sie liebte das Goldsuchen einfach. Sie bekam es nie aus dem Kopf.“ So zog Ellen Nay mit ihrer Familie nach Salsbury Wash nahe des Stone Cabin Valley, wo sie die Goldsuche gelernt hatte – eine Gegend, die schon vom Tross der Goldsucher heimgesucht und wieder verlassen worden war. Nun waren nur wenige dort, sie konnte in Ruhe nach dem suchen, was die anderen übersehen hatten. Geld verdiente die Familie in der Zeit mit einem Lokal und einem Laden für vorbeiziehende Goldsucher. Bis Ellen Nay den Felsbrocken im Sand fand.

Wochenlang hielt sie den Schatz vor der Öffentlichkeit geheim. Erst als sie aus der Mine mithilfe ihrer Familie einen richtigen Betrieb gemacht hatte, ließ sie Besucher zu. Selbst erfahrene Goldsucher und skeptische Reporter waren überwältigt: Sie schwärmten von „der Mutter aller Adern im Süden Nevadas“, „dem erstaunlichsten Vorkommen in der Geschichte des Goldsuchens“ und „Stücken Blattgold groß wie Dime-Münzen“. Was Ellen Nays Vater nicht gelungen war, hatte sie nun erreicht. Am Verkauf von Gold und Grundstücken verdiente die Familie gut.

Ihren neuen Reichtum nutzte Ellen Nay, um sich und ihrer Familie einen Wunsch zu erfüllen, der womöglich mit den Tagen bei Schneesturm im Zelt zusammenhängt: ein Haus zum Überwintern in Südkalifornien. ---