Was Menschen bewegt

Die Kunst des Überlebens

Martina Miethig ist seit 20 Jahren Teil einer kubanischen Familie. Und lässt sich doch immer wieder von der kubanischen Wirklichkeit überraschen. Wie es ist, wenn nichts sicher ist, beschreibt sie am Beispiel der Menschen, die sie lange kennt. Und weil sie das sehr offen tut, sind alle anonymisiert.





• „No es fácil“ ist einer der Lieblingssätze in meiner Familie. Es ist nicht leicht, was soll man schon tun? Ein Stoßseufzer, meist begleitet von einem Schulterzucken. Sicher, die Reformen im vergangenen Jahrzehnt brachten einige Freiheiten im kubanischen Sozialismus, aber auch Ernüchterung. Kubaner dürfen heute Unternehmer sein, aber das bedeutet eben auch: Steuerpflicht und Hygienevorschriften – nicht erst seit Corona.

Viele sind wieder abgetaucht in die Schattenwirtschaft. Und seit Donald Trump geht sowieso alles nun wieder rückwärts, die US-Regierung hat das Embargo gerade wieder drastisch verschärft. Aber das kennen die Kubaner: zwei Schritte vor, einen zurück. Ich stehe seit fast 20 Jahren mit einem Bein auf der Insel. Einer Insel, auf der Rindfleisch Mangelware ist, aber mein Schwiegervater und meine Schwägerin vom Internisten eine Rindfleisch-„Diät“ verschrieben bekamen.

Wo der Arzt im Monat umgerechnet 65 Euro verdient, genauso viel wie die Putzfrau in einer Privatpension in Havanna. Wo etwa 80 Prozent der Insulaner ihre Wohnung oder ihr Haus selbst besitzen, der gewöhnliche Kubaner aber für einen Neuwagen an die 200 Jahre arbeiten müsste. Ein Entwicklungsland, wo weltweit erste synthetische Impfstoffe gegen Meningitis und für Krebstherapien entwickelt wurden, die Apotheken-Regale jedoch ziemlich leer sind. Wo von hundert im Land produzierten Streichhölzern nur zehn funktionieren, aber ein 1953er-Chevrolet Bel Air weiter und weiter läuft, dank dem kubanischen Improvisationstalent und dem russischen Büchsendeckel im Motorblock.

Mit Logik kommt man hier nicht weit. Kuba ist eines der widersprüchlichsten, aber auch schönsten Länder der Welt. Wenn man sich damit abgefunden hat, bei der Wohnungssuche in Havanna besser Gummistiefel zu tragen (kaputte Dächer) und dass hierzulande die Männer kochen können, aber nicht unbedingt Salsa tanzen (in meiner Familie jedenfalls).

Miete, Strom, Gas, Wasser und (Festnetz-)Telefon, Grundnahrungsmittel und Medikamente sind seit rund 60 Jahren subventioniert und spottbillig: Ein Pfund Reis oder fünf Eier kosten umgerechnet einen Euro-Cent, Kino- und Bus-Tickets nicht einmal zehn Cent. Aber jeder hier weiß auch, dass der Durchschnitts-Kubaner nicht von dem gerade auf knapp 40 Euro erhöhten durchschnittlichen staatlichen Monatslohn leben kann, denn allein ein Paar Schuhe verschlingen schon das halbe Monatsgehalt.

Nach Schätzungen bekommt etwa die Hälfte der Kubaner keine Gelder von Verwandten im Ausland oder Trinkgelder von Touristen und muss sich notgedrungen mit allen möglichen Tricks durchschlagen. „Nach allen Abzügen reicht ein Lohn hier gerade mal für ein paar Tage zum Leben“, sagt meine Schwägerin Isabel. „Und am Ende des Monats kriegt man sowieso nichts mehr in den staatlichen Bodegas, dann muss man Geld für den Schwarzmarkt haben, wo alles mindestens doppelt so teuer ist.“

Ob legal, halb legal oder illegal – dem Kubaner von heute ist das, mit Verlaub, scheißegal. Der Unternehmergeist treibt bunte Blüten, und das nicht erst, seit 2011 die ersten hunderttausend von insgesamt geplanten 1,8 Millionen Menschen aus den Staatsbetrieben in die Selbstständigkeit als Privatunternehmer (cuentapropista) entlassen wurden. Im Handumdrehen waren die Veranden und Arkadengänge voll mit Modeschmuck-Händlerinnen, Kosmetikerinnen und Barbieren. Zahllose Mini-Entrepreneure und fliegende Händler bevölkern seitdem ganz offiziell die Straßen, eine ganze Armada aus Ein-Mann-Hinterhof-Betrieben und Kleinst-Unternehmern: vom Palmblattsammler bis hin zum professionellen Schlangesteher. Aber natürlich gab es sie fast alle schon immer, nur etwas versteckter.

Bei uns im Städtchen in einer fast ausländerfreien Provinz läuft alles einen Tick langsamer und ein paar Nummern kleiner als in Havanna, das von hier aus Lichtjahre entfernt scheint. Die Calle Cuba ist eine Einkaufsstraße mit staatlichem Supermarkt, dem zweistöckigen Kaufhaus „Palacio de Cristal“ und den deprimierend leeren Bodegas für die subventionierten elementaren Lebensmittel auf Bezugskarte (libreta). Dort stand als erstes Zeichen des neuen Unternehmertums ein Stuhl in einem Hauseingang. Darauf lagen: ein einzelner Babyschuh, sieben Malstifte, eine Flasche selbst gemachter Tomatenketchup, Dentex-Zahnpasta, Chicharrones (Schweinekrusten) in einer fetttriefenden Papiertüte, eine Schachtel kubanische Zigaretten. Ein Mini-Kiosk. Inzwischen gibt es einen privaten Foto-Drucker-Shop, eine familiengeführte Eisdiele und einige selbstständige Handy-„Doktoren“. Und man sieht jede Menge Tische mit Haushaltsutensilien und Klempnerbedarf. Das war’s dann auch schon mit den neuen privaten Geschäften.

Rund neun Jahre nach der Reform stagniert deren Zahl. Die rund 600.000 offiziellen Kleinunternehmer müssen sich nicht nur mit ständig veränderten, teils abstrusen Regeln und Verboten der eigenen Regierung herumschlagen. Seit ein paar Monaten hat nun Donald Trump den Geldhahn nach Kuba zugedreht und die zulässigen privaten Überweisungen von US-Verwandten auf maximal 1000 Dollar pro Quartal halbiert.

Der allgegenwärtige Mangel an allem ist normal hier. Abhilfe schafft: die Bolsa Negra. Der Schwarzmarkt gehört zu Kuba wie die Minze in den Mojito, er bietet fast alle lebensnotwendigen Waren, selbst Medikamente, wenn auch überteuert. Meine Stieftochter Suzy erzählt von einem befreundeten Pärchen und deren Problemen als Besitzer eines lange erträumten eigenen Brathähnchen-Lokals: „Sie bekommen einfach nicht genug Hähnchen auf legalem Weg. Deswegen machen sie es wie alle: Sie kaufen auf dem Schwarzmarkt von Leuten, die Hühnerfleisch aus Lagern oder Hotels klauen oder Hühner illegal züchten.“

Meine Freundin Luisa zeigt sich als Privatwirtin mit zwei Gästezimmern in Havanna mit der Entwicklung vergleichsweise zufrieden: „Es ist nicht mehr alles illegal, das System ist, wie soll ich sagen, ein bisschen flexibler. Aber wir müssen nun alle Steuern zahlen.“ Und nicht nur das: Zur besseren Kontrolle ist ein Bankkonto für einige Kleinunternehmer neuerdings obligatorisch. Da machen viele nicht mit, und so schnell wie die neuen Unternehmer mit staatlichem Segen auftauchten, so schnell verschwanden viele auch wieder – zurück in die Schattenwirtschaft. Zwischenzeitlich hatten die Behörden sogar die Lizenzvergabe für die rund 200 freigegebenen Berufe wieder gestoppt – wegen der um sich greifenden Steuerhinterziehung und Korruption, illegalen Preisabsprachen und anderen beliebten Schummeleien, vor allem bei besonders lukrativen Geschäften wie privater Zimmervermietung, Privat-Restaurants und Taxifahren. Sogar von Drogenhandel, Prostitution und Geldwäsche in den Privatlokalen, den Paladares, war in der Parteizeitung »Granma« die Rede.

Man kann auch hier im großen Stil Geld verdienen. Das funktioniert meist eine Weile ganz gut, bis die Behörden dahinterkommen, das Geschäft zerschlagen oder besser noch: übernehmen. Wir sind eines Nachmittags zu Besuch bei einem Mann, der mit Geld dealt, nennen wir ihn den Börsianer. Ein zwischen Sozialismus und Kapitalismus hin- und herreisender kubanischer Broker mit mexikanischem und ecuadorianischem Pass. Der 30-Jährige sitzt am Küchentisch bei seinen Eltern, wo er ein Zimmer hat – denn ein cleverer Geschäftsmann zeigt seinen Reichtum besser nicht. Nicht einmal ein Auto besitzt der Börsianer, nur einen kleinen Wohlstandsbauch. Der „entrepreneur cubano“ zählt gerade sein Geld, hat Stapel voller Kubanischer Peso (CUP), Konvertibler Pesos (CUC) und US-Dollars vor sich aufgetürmt. Blitzschnell flitzen die Scheine durch seine Finger – so viel wie die meisten Kubaner in ihrem ganzen Leben nicht besitzen.

Seine erste Geschäftsidee: Er kaufte oder wechselte Euro in ganz Kuba ein und verkaufte diese dann zu einem besseren Kurs in Ecuador, Peru oder Panama, wohin er fast wöchentlich flog – eine Scheinehe mit einer Ecuadorianerin machte es möglich. Dort kaufte er Billigwaren ein. Anfangs war es Kleidung, seit der Reisefreiheit ab 2013 ein beliebtes und äußerst lukratives Geschäftsmodell für viele. Auch fast jeder Exilkubaner aus Miami finanziert sich den Heimatbesuch mit Koffern voller Textilien, ebenso mit Handtaschen voller Rohrteile und Dichtungen. Der florierende Warenimport über Oma, Opa und Enkel als viel Gepäck tragende Esel (mulas) wurde mittlerweile verboten. Die Konkurrenz der privaten Einzelhändler zu den staatlichen Geschäften war zu groß geworden.

Danach vertickte der Börsianer Handy-Teile, Laptops, Tablets und später ganze Container voller Elektro-Motorroller – in Panamas Freihandelszone preiswert erstanden. Der Import der E-Scooter war – zumindest bis zur jüngsten Gesetzesänderung im März 2020 – nur zum persönlichen Gebrauch gestattet, also streng limitiert wie auch alle anderen inselweit begehrten (Elektro-)Waren. Damit solch ein Riesen-Deal nicht auffliegt, müssen eine Menge privater Strohmänner und -frauen mitmischen, als vermeintliche Käufer. „Irgendwann lohnte sich das Geschäft nicht mehr“, sagt der Börsianer, „zu viel Konkurrenz, zu hohe Ausgaben und Zölle.“

Seit drei Jahren werden die E-Mobile aus chinesischen Teilen auch auf Kuba zusammengebaut, außerdem Computer und Tablets. Im vergangenen Oktober hat der Staat das Import-Geschäft der pendelnden Kleingewerbetreibenden quasi übernommen: In rund 80 neuen Devisen-Großmärkten bzw. Dollar-Läden stehen aufgereiht all die bisher raren Elektro-Importwaren von der Gefriertruhe bis zur Klimaanlage, die oft nur auf der Straße über Privathändler zu kriegen waren. Beim Staat gibt es sie nun sogar mit Garantie und meist ein Drittel, manchmal die Hälfte billiger als beim Privatimporteur.

Und der Börsianer? Lebt seit Kurzem in Miami, Florida. Schwein gehabt!

Auch bei Pipo scheinen die Geschäfte zu laufen. Unser Bekannter trägt eine Goldkette und erzählt, während er zum Kühlschrank geht und zwei Büchsen Bier herausnimmt, dass sowohl sein 40 Jahre altes russisches Karpaty-Moped als auch der alte Moskwitsch, den er sich vor acht Jahren zugelegt hat, wieder kaputt sind. Das sind mehr Fahrzeuge, als die meisten Kubaner je hatten. In der Küche läuft die neue koreanische Waschmaschine, im Wohnzimmer der koreanische Fernseher.

Der schlaksige 50-Jährige ist Industrie-Designer, aber seit Jahren ohne feste Anstellung. Und er ist Unternehmer. Pipo hält Schweine, illegal, wie es wohl in jedem zweiten Hinterhof unseres Städtchens üblich ist. Seine sechs Tiere hinten im picobello sauberen Schuppen, darunter ein kapitale, trächtige und daher sehr wertvolle Sau, haben einen Wert von rund 700 Euro. Das Geschäft ist ertragreich, aber auch riskant. Vor Jahren hatte Pipo wegen eines Virus seine gesamte kleine Schweinezucht verloren. Mehr als 2000 Euro waren futsch.

Deswegen ist er zusätzlich Hinterhof-Limonaden-Produzent: Die Limo mit Zitronen-Aroma oder Cola-Geschmack schmeckt mir besser als die offizielle Ware. Früher hatte er draußen auf dem Land versteckt sogar eine richtige Fabrik, wo sie zu fünft bis zu 2000 Flaschen an einem heißen Sommertag produzierten. Bis irgendjemand sie verpfiff und die Polizei die Limonaden-Maschine und die Sauerstoffflaschen konfiszierte. Pipo hatte gute Kontakte und deshalb Glück im Unglück: kein Knast, nur eine Geldstrafe.

Nach der Limonaden-Razzia auf dem Land hatte unser Bekannter viele Kunden verloren. Jetzt muss alles eine Nummer kleiner zu Hause laufen, die Nachbarschaft weiß Bescheid, auch der Polizist aus dem Viertel – der bekommt seinen Anteil. Die Kunden kommen wie zufällig zum Schwatzen vorbei, stehen am Fenstergitter mit ihren Thermoskannen in den ausgewaschenen Plastiktüten oder Stoffbeuteln: „Hey, sag mal, gibt’s heute was?“ Denn natürlich lagern in der monströsen Tiefkühltruhe in Pipos Dreizimmerwohnung auch ganze gefrorene Hühner vom kleinen Bauernhof des Opas.

Dass ein Staat sich auch aus Steuerzahlungen seiner Bürger finanzieren muss, sehen viele hier nicht recht ein. Und nur wenige wollen darüber reden. Beim Geburtstagsfest meiner Schwägerin Liana im Patio sagt schließlich einer aus unserer Straße, der es wissen muss: „Das ist hier kein Problem, hier gibt es nicht so viele Kontrollen wie in Havanna.“ Manolo fährt Fahrradtaxi, ganz ohne Lizenz und Steuern. „Escuchame, also hör mir mal zu: Das machen viele so, hier kennt jeder jeden, und mehrere Freunde von mir zahlen keine Steuern“, meint der Endfünfziger, als wir vor dem Grill, einem halbierten Ölfass mit Grillrost, bei Brathähnchen und schwarz erworbener Seebrasse zusammensitzen.

„In Kuba stehen alle mit einem Bein im Gefängnis“, ruft mein Stiefsohn Pedrito dazwischen, der über viele Jahre als selbstständiger Friseur mit den beliebten Haarverlängerungen gut verdiente und sich so das notwendige Kapital zusammensparen konnte für seine Flucht per Boot nach Florida. Beim dritten Versuch im Sommer 2011 klappte es, trotz Motoraussetzern. An die 10 000 Dollar hat er insgesamt dafür bezahlt. Auf Heimatbesuch bei seiner Tante erzählt er frei heraus, wie er jahrelang in Kuba ohne behördliche Lizenz oder Steuern gearbeitet hat, und das obwohl das Büro der zuständigen Inspektoren nur ganze 100 Meter von seinem kleinen Schwarzbetrieb im Reihenhäuschen seiner Mutter entfernt war. Wie das denn geht? „Die Inspektorinnen waren meine besten Kundinnen.“

„Ich bin Kommunistin, Revolutionärin, Patriotin!“ Das ruft mir meine Schwägerin Isabel manchmal zu, ich glaube, immer wenn ich ihr ein bisschen zu neugierig werde. Sie lacht immer dabei, meist mit erhobener Faust, also könnte man einen Hauch Ironie mitschwingen hören – aber wer weiß das schon. Isabel gehört zur Revolutions-Generation: Viele der heute um die 60-Jährigen halten dem Regime die Treue – ob gezwungenermaßen oder aus freien Stücken, aus Pragmatismus oder Fatalismus, das lässt sich für Außenstehende nur schwer beurteilen. Meine Schwägerin, eine kleine, resolute Frau mit rötlich gefärbten Haaren, ist die Familienälteste – geboren, als Fidel Castro, sein Bruder Raúl und eine Handvoll Rebellen den Kampf gegen die Armee des Diktators Batista in der Sierra Maestra aufnahmen. Etwa ein Viertel der Bevölkerung verließ seit ihrem Sieg 1959 die Insel. Isabel hat ab ihrem 15. Lebensjahr nach einigen Abendschulkursen die Bauernkinder auf dem Land nach den marxistischen Grundregeln unterrichtet. Die seit Kurzem pensionierte Pädagogin wirkt in diversen Parteifunktionen auf lokaler Ebene mit.

Mit ihrer jüngeren Schwester Liana, einer Hausfrau mit einer geistig behinderten Tochter, gehört Isabel zu den wenigen mir bekannten Kubanern, die keine krummen Geschäfte machen. Aber natürlich sind beide abhängig vom „dinerito extra“, dem Extra-Scheinchen, das andere Familienmitglieder den beiden nun schon ihr Leben lang zustecken. Weil das Geld immer sehr knapp war (und ist), musste Isabel nach Schulschluss immer nachmittags im Patio Nachhilfe geben, wie heute auch noch. Glücklicherweise hat sie kurz vor Rentenbeginn ihre Dreizimmerwohnung durch die Zahlung der Monatsmieten à drei Euro mitsamt Kühlschrank über die Jahrzehnte abgestottert. Wenn sie sich aber auf dem Markt zwei Mangos kauft, ein Kilo Tomaten und einen Kürbis, dann verschlingt das ein Fünftel ihrer Rente von rund 32 Euro. Ausgerechnet den Hauptstützen der sozialistisch-egalitären Gesellschaft bleibt also nach Abzug aller fixen Kosten nicht viel zum Leben.

Endlich im Sommer 2019 gab es Lohnerhöhungen für Staatsbedienstete, durchaus beachtlich für kubanische Verhältnisse. Mittlerweile kann eine erfahrene Leh- rerin im höheren Schuldienst oder die Buchhalterin bei einer gut laufenden selbstverwalteten Kooperative durch- aus das Doppelte verdienen, nun rund 70 Euro, ebenso eine Textilarbeiterin mit Bonuszahlungen in einer der rund 500 nicht-landwirtschaftlichen Kooperativen – vor allem in Transport (Routen-Sammeltaxis), Handel, Gastronomie, Bau und Industrie sowie Buchhaltung. Sie alle zahlen besser als der Staat, denn sie wirtschaften auf mehr oder weniger experimenteller Basis.

Wir sind verabredet mit einer Jugendfreundin meines Mannes. Amalia hat sich schon immer ein paar Pesos privat dazuverdient – mit ein bisschen afro-kubanischem Hokuspokus wie er in Kuba alltäglich ist, etwa einer Weissagung: Sie wirft dann ein paar Muscheln und Kokosschalenstücke auf ein Tuch am Boden, pafft ihre halb abgebrannte Zigarre, bläst den Rauch wie eine alte Dampflok Richtung Zimmerdecke und blickt so für ihre meist weiblichen Kunden – die glauben, ihr Mann betrüge sie – mit den Göttern in die Zukunft.

Wer jetzt eine dicke Santería-Priesterin in wallendem Folklore-Gewand vor Augen hat, schwarz wie die Nacht, der wird enttäuscht sein. Amalia ist hellhäutig, weil spanischer Abstammung, hübsch und schlank mit blitzend-blauen Augen, eine Kubanerin jenseits der Klischees. Die gelernte Buchhalterin hat schon früh nebenher auf Baustellen gearbeitet und sogar ihr eigenes Haus ausgebaut. Heute arbeitet sie als fest angestellte Vorarbeiterin an wechselnden Montage-Projekten, zum Beispiel beim Bau von Devisen-Kaufhäusern der Staatsfirma Tiendas Panamericanas. Sie verdient mit gut 150 Euro nach Steuerabzug fast das Vierfache der üblichen Staatsgehälter und ist zufrieden. „Ich habe einen tollen Job“, sagt Amalia, „ich werde gut bezahlt und komme auch noch gut und günstig an Baumaterialien ran.“ Und das, obwohl sie nie eine Fachausbildung gemacht hatte und nie Parteimitglied war. „Sie ist sehr clever“, raunt mein Mann auf dem Heimweg mit einer kubanischen Redewendung: „Sie windet sich durch jedes Nadelöhr.

Kuba ist auch nach der 2019 geänderten Verfassung ein sozialistisches Einparteiensystem mit überwiegend zentral gelenkter Wirtschaft. Ein Inselstaat ohne wirklich freie Medien und echte Opposition, ohne freie Wahlen und unabhängige Justiz. Menschenrechte bleiben ein sensibles Thema. All die Frauen in dieser Geschichte gehören zu jenen Kubanern, die mit Menschenrechten immer noch das soziale Grundrecht auf Wohnung, Nahrung, Bildung, medizinische Versorgung, Arbeit und eine gewisse Stabilität und Sicherheit verbinden – mehr als mit Meinungs- oder Wahlfreiheit.

Auch bei uns in der Familie stehen Bauarbeiten an. Wir planen eine große runde Geburtstagsfeier, und im Haus von Liana müsste zuvor eine mehr als 100 Jahre alte marode Hauswand erneuert werden. Nun ist Baumaterial wie Zement oder Eisenstangen zwar immer knapp, aber derzeit findet man nichts, nicht einmal auf dem Schwarzmarkt. Der Staat, so heißt es, steckt alle Zementreserven in den Wiederaufbau der enormen Hurrikan- und Tornado-Schäden der vergangenen drei Jahre. Das hat Vorrang, das versteht jeder. Unsere Wand steht ja noch, geflickt mit Sperrholz, sie muss also warten – wie alles und jeder hier, wie fast immer. ---

Lockerungsübungen und das Verhältnis zu den USA: eine Chronologie

1993: Kuba steht nach dem Untergang der Sowjetunion – des einstigen Verbündeten und wichtigen Geschäftspartners – unter großem ökonomischem Druck und erlaubt ein wenig Privatinitiative. Dazu zählen Bauernmärkte, später auch die private Erwerbstätigkeit unter anderem von Gastronomen, Zimmervermietern, Taxifahrern und Friseuren.

2008: Nach dem Rücktritt Fidel Castros wird sein Bruder Raúl Staatschef, und Reformen treten in Kraft. So sind der Besitz von Handys und Computern sowie private Hotelübernachtungen nun gestattet.

2011: Der Verkauf von Autos und Privatwohnungen ist nun legal. Kleinunternehmer dürfen in rund 200 Berufen auf eigene Rechnung arbeiten.

2013: Reiseerleichterungen treten in Kraft.

2015: US-Bürger können leichter nach Kuba reisen. Im April kommt es zum „historischen Handschlag“ zwischen Barack Obama und Raúl Castro.

2016: Im März besucht Obama als erster amtierender US-Präsident seit 88 Jahren Kuba. Am 25. November stirbt Fidel Castro.

Ab 2018: Unter Donald Trump werden die Erleichterungen zurückgenom- men und Sanktionen verhängt. Wichtige Devisenquellen, zum Beispiel im Tourismus, versiegen. Die kubanische Wirtschaft gerät in eine tiefe Krise, die bis heute anhält.

Kuba in Zahlen

Einwohner, in Millionen: ca. 11,5
Zahl der im Ausland lebenden Kubaner, in Millionen: etwa 3
Auslandsüberweisungen nach Kuba im Jahr 2018, in Milliarden US-Dollar: knapp 3,7
BIP im Jahr 2019, in Milliarden US-Dollar: 97

Exporteinnahmen durch medizinische Dienstleistungen im Jahr 2018, in Milliarden US-Dollar: 6,4
durch Tourismus im Jahr 2018, in Milliarden US-Dollar: 3

Zahl der Erwerbstätigen, in Millionen: 5
davon Selbstständige: 606.000

Durchschnittliche Lebenserwartung der Männer, in Jahren: 76,8
Durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen, in Jahren: 80,8

Analphabetenquote, in Prozent: 0,2