Was wäre, wenn …

… der Heilpraktikerberuf abgeschafft würde?

Ein Szenario.





• Die einen bieten an, aus der Beobachtung der Iris des Patienten Rückschlüsse auf dessen Gesundheit zu ziehen. Andere offerieren Schröpfkuren, Chakren-Harmonisierung oder Bioresonanztherapie. Selten ist die Wirksamkeit der Heilpraktiker-Methoden wissenschaftlich belegt. Trotzdem fühlen sich viele Patienten bei ihnen gut aufgehoben. Manchmal kommt es jedoch zu unnötig schweren Krankheitsverläufen oder sogar Todesfällen, nachdem sich Menschen in die Obhut von Heilpraktikern begeben haben. Mehrfach wurde deshalb bereits gefordert, den Beruf abzuschaffen. Was wäre, wenn es in Deutschland keine Heilpraktiker mehr gäbe?

Zu einer schnellen Schließung aller Praxen würde es wohl nicht kommen. Denn Abschaffung heißt fast immer Stopp der Ausbildung und der Zulassung neuer Heilpraktiker bei gleichzeitigem Bestandsschutz der bestehenden Praxen.

Es handelt sich um eine blühende Branche: Allein in der Hochburg Bayern hat sich die Zahl der gemeldeten Heilpraktiker zwischen 2004 und 2018 auf mehr als 23.000 verdoppelt.

Drei Viertel davon sind Frauen. Bundesweit gehen Schätzungen der Branchenverbände von etwa 47.000 Praxen mit rund 60.000 Beschäftigten aus. Dem gegenüber stehen rund 55.000 niedergelassene Hausärzte.

Würde eine Abschaffung des Heilprak- tikerberufs Tausende zusätzlicher Hausärzte erfordern? Nicht unbedingt, denn während die Heilpraktiker auf rund 47 Millionen Patientenkontakte pro Jahr kommen, sind es bei den rund 170.000 niedergelassenen Fach- und Hausärzten mit etwa einer Milliarde Patientenkontakten mehr als zwanzigmal so viel. „Es gibt viele Patienten, die sowohl den regulären Arzt als auch den Heilpraktiker aufsuchen“, sagt Jan-Ole Reichardt, Medizinethiker an der Universität Münster. „Entfiele der Heilpraktiker, benötigten wir zumindest für diese Patienten keine zusätzlichen Ärzte. Wenn wir mehr Ärzte brauchen, dann eher wegen der generellen Unterversorgung, die wir jetzt schon haben.“

Reichardt war Teil einer Gruppe von Experten, die 2017 Reformen für den Heilpraktikerberuf vorschlugen. Dazu gehörte die Abschaffung, alternativ aber auch die Aufwertung zum Beispiel durch eine klarer geregelte Ausbildung. „Wo wir allerdings ohne Heilpraktiker ein stärkeres Angebot bräuchten, ist die psychotherapeutische Soforthilfe“, sagt er. „Viele Menschen gehen zu Heilpraktikern, weil sie – oft ohne es selbst zu wissen – an stress- bedingten Erkrankungen leiden, Bewältigungsstrategien für komplexe Krisen und chronische Leiden suchen oder sozialer Zuwendung bedürfen. Dafür fehlt Kassenärzten in der Regel die Zeit, und bei einem Psychotherapeuten müssen viele monatelang auf einen Platz warten.“

Hausärzte verwenden im Schnitt 7,6 Minuten pro Konsultation. An Heilprak-tikern schätzen deren Patienten laut Umfrage, dass sie sich mehr Zeit nehmen. Sie seien empathischer und stärker an persönlichen Sorgen interessiert. Die zusätzliche Zeit, die Ärzte pro Patient aufbringen müssten, um Heilpraktiker zu ersetzen, würde die Kosten für das Gesundheitssystem erhöhen. Studien haben gezeigt, dass bei Patienten, die alternativ-medizinische Therapien in Anspruch nehmen, weniger Kosten für die Gesundheit anfallen – und diese werden noch dazu meist nicht von Krankenkassen getragen.

Von der Milliarde Euro, die Heilpraktiker jährlich laut Schätzung des Bundes Deutscher Heilpraktiker umsetzen, entfällt etwas mehr als die Hälfte auf Selbstzahler, der Rest verteilt sich gleichermaßen auf private Krankenversicherungen, Zusatzver- sicherungen und sonstige Beihilfen.

Für den Medizinethiker Reichardt sind die Kosten kein Argument: „Selbst wenn unbelegte Maßnahmen billiger wären als nachweislich aussichtsreiche, warum sollte man da zugreifen wollen? Wer spielt in kritischer Lage gern Versuchskaninchen? Das Kostenargument sollte reserviert bleiben für die Auswahl zwischen nachweislich Aussichtsreichem.“ Generell sei es problematisch, wenn Kosten bei der Bewertung von Therapien entscheidend sind.

Eine Abschaffung des Berufs würde auch die Ausbildungsbranche treffen: Zwar muss, wer Heilpraktiker werden möchte, lediglich einen Multiple-Choice-Test und eine mündliche Prüfung beim Gesundheitsamt bestehen, zudem einen Hauptschulabschluss besitzen, mindestens 25 Jahre alt und frei von Vorstrafen sein. Dennoch haben sich zahlreiche Firmen, Privatschul-Ketten wie Paracelsus oder die Deutsche Heilpraktikerschule auf die Ausbildung von Heilpraktikern spezialisiert.

Ob es tatsächlich auch nur zu einer Reform des Berufs kommt, ist fraglich. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD vom Februar 2018 steht zwar, dass man „das Spektrum der heilpraktischen Behandlung überprüfen“ wolle. Bislang ist jedoch nicht viel passiert. Ein Rechtsgutachten, das Ende 2019 vom Bundesgesundheitsminis- terium ausgeschrieben wurde und klären soll, „ob und welchen rechtlichen Gestaltungsspielraum der Bundesgesetzgeber“ bei einer Reform des Heilpraktikerberufs hätte, ist noch nicht abgeschlossen. ---