Was Marken nützt – Ballistol

Gegen Rost und Sodbrennen

Ballistol eignet sich für viele Zwecke. Und zeigt, wie gut Traditionsmarken altern können.





• Andreas Zettler, der die Firma im niederbayerischen Aham gemeinsam mit seinem Bruder Christian führt, schluckt bei Kundenbesuchen gern mal demonstrativ einen Kaffeelöffel des Universalöls. „Gewöhnungsbedürftig“, sagt der 45-Jährige, „aber so ist das halt mit Medizin, sie muss wirken und nicht schmecken.“

Da wundert sich mancher Einkäufer, der Ballistol vornehmlich als Schmiermittel kennt. Aber das Produkt hat auch eine pharmazeutische Seite, die aus seiner Geschichte resultiert. Ballistol wurde Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag des deutschen Militärs mit Doppelfunktion entwickelt: als Waffenöl und zur Wundheilung, damit die Soldaten möglichst wenige Dinge in ihrem Tornister mit sich herumschleppen mussten. So entstand ein Pflegeprodukt für Mensch und Technik.

Die – selbstverständlich streng geheime – Formel ist seit 1904 unverändert und passt gut in die Zeit, denn Ballistol ist ökologisch unbedenklich, da hundertprozentig biologisch abbaubar. Was die Marke noch von der Konkurrenz unterscheidet, sind glühende Fans über alle Zeitläufte hinweg. Einer dichtete 1954: „O wie gut, o wie wohl tut der Waffe Ballistol.“ Heute sind Sportschützen und Jäger nur noch eine Minderheit unter den Kunden, die meisten nutzen es fürs Auto, Zweirad, im Haus oder Garten. Die Ballistol-Community tauscht sich in den sozialen Medien über die vielfältigen und teils exotischen Anwendungen aus: von der Konservierung chirurgischer Instrumente über die Pflege von Vinyl-Schall- platten bis zur Bekämpfung von Blattläusen und Sodbrennen.

Obwohl ein Mittel für viele Zwecke eine feine Sache ist, hat man die Ballistol-Markenfamilie auf mehr als 80 Mitglieder erweitert, denn, so Andreas Zettler diplomatisch: „Viele Kunden bevorzugen ein spezialisiertes Produkt für ihr Anwendungsgebiet.“ So gibt es aus dem Hause Ballistol unter anderem Anti-Mücken- und Pfeffer-Spray oder Pferde-Shampoo. Der Markenstretch gelang weitgehend, nur ein Ausflug in die Kosmetik mit einem Massageöl namens Neo-Ballistol fiel weniger erfolgreich aus. Das gute alte Universal- öl macht rund drei Viertel des Umsatzes aus. In den vergangenen Monaten ist das Geschäft damit zurückgegangen, weil Bau- märkte corona-bedingt geschlossen waren. Dafür haben die Zettlers die Produktion von Desinfektionsmitteln hochgefahren und zeitweise auch die bayerische Landesregie- rung beliefert.

Andreas Zettler freut, dass die Firma nicht auf Staatshilfen angewiesen ist. Ballistol sei kerngesund und bankenunabhängig finanziert, sagt er. Da wundert es nicht, dass immer mal wieder Übernahmeangebote kommen, die er routiniert zurückweist: „Unser Herz hängt so sehr an dem Unternehmen – so viel könnten Sie uns nicht bezahlen.“ ---

Das kaiserliche Heer sucht zur Jahrhundertwende ein Öl mit besonderen Eigenschaften. Soldaten sollen damit sowohl die Metall-, Holz- und Lederteile ihrer Waffen reinigen und pflegen als auch kleinere Verletzungen behandeln können. Helmut Klever, Dozent für Chemie an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, gelingt die Entwicklung, die er Ballistol nennt (nach Ballistik und dem lateinischen oleum für Öl). Das neue Produkt wird in der Chemiefabrik seines Vaters in Köln hergestellt, ab 1905 von der Armee genutzt und wegen seiner universellen Verwendbarkeit weithin bekannt. Nach dem Tod Helmut Klevers im Jahr 1971 tritt der Chemiker Heinrich Zettler in die Firma ein und steigt zum Geschäftsführer auf. 1977 verlegt er das Unternehmen aus dem Rheinland ins rund 90 Kilometer von München entfernte Aham. 1990 kauft er die Firma gemeinsam mit seiner Frau und baut das Sortiment aus. Im Jahr 2006 übernehmen die Söhne Andreas und Christian Zettler das Unternehmen zu gleichen Anteilen und als gleichberechtigte Geschäftsführer. Der Chemiker Christian ist für Forschung, Entwicklung, Produktion und Technik verantwortlich, Andreas für Marketing und Vertrieb. Die Arbeitsteilung untereinander funktioniere, sagt Andreas Zettler: „Der eine sorgt dafür, dass sich das Lager füllt, der andere dafür, dass es sich leert.“

Mitarbeiter: 100; Umsatz: „im zweistelligen Millionenbereich“; Gewinn: keine Angabe; Zahl der Länder, in die Ballistol verkauft wird: 70