Wirtschaftsgeschichte

Unamerikanisch

Vor hundert Jahren hätte es in den USA fast eine gesetzliche Krankenversicherung gegeben. Warum die Reform scheiterte.





• Emil Bollhausen lernte in Berlin von seinem Vater, wie man Schränke zimmert. 1882 wanderte er nach New York aus, dank seiner Kenntnisse war er dort in der Möbelindustrie gut beschäftigt. 1915 bekam der Handwerker, damals 54 Jahre alt, eine Rippenfellentzündung.

Dann eine Lungenentzündung und dann auch noch Herzprobleme. Weil er nicht mehr arbeiten konnte, hatte er kein Einkommen. Immer wieder versuchte Bollhausen es, immer wieder erlitt er Rückfälle. Eine Behandlung beim Arzt konnte er sich nicht leisten, Rücklagen hatte er nicht. So blieb ihm, seiner Frau und seinem Sohn nur die spärliche Unterstützung der lokalen Armenhilfe.


Der gescheiterte Kreuzzug für die Krankenversicherung war ein prägender Moment in der Entstehung des amerikanischen Sozialstaats und des Gesundheitssystems

Zu der Zeit wurde in den USA erbittert über das Gesundheitssystem gestritten. Reformer dokumentierten Hunderte Schicksale wie das Bollhausens und erkannten: Schlechte Gesundheit führte bei Arbeitern mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Armut. Die Lösung sahen sie in einer gesetzlichen Krankenversicherung. Im Staat New York kämpften die Befürworter besonders hart dafür. Eine Weile schien es sogar, als würden sie sich durchsetzen: 1916 wurde dort ein Gesetzesentwurf vom Senat gebilligt, in der zweiten Kammer, der Assembly, später jedoch abgelehnt.

Diese Niederlage betrachtet die Historikerin Beatrix Hoffman von der Northern Illinois University als Wendepunkt in der amerikanischen Sozialgeschichte. „Der gescheiterte Kreuzzug für die Krankenversicherung war ein prägender Moment in der Entstehung des amerikanischen Sozialstaats und des Gesundheitssystems“, schreibt sie in ihrem Buch „The Wages of Sickness: The Politics of Health Insurance in Progressive America“. Trotz diverser Reformen haben heute etwa 30 Millionen US-Bürger keine Krankenversicherung. Durch die Corona-Krise könnten es inzwischen sogar an die 50 Millionen sein, da viele nur über den Arbeitgeber versichert sind, jetzt aber ihre Jobs verloren haben.

John B. Andrews war ein besonnener Mann, vielleicht etwas zu besonnen, um die Kampagne für die gesetzliche Krankenversicherung anzuführen. Er ließ sich von Experten beraten, zitierte Studien und Statistiken und setzte auf die Kraft der Argumente.

Eine Anhörung zu dem Gesetzesvorhaben in New York zeigte, wie hilflos die Reformer ihren Kontrahenten gegenüberstanden: Einige Ärzte warnten lautstark, ein solches Gesetz werde ihre Unabhängigkeit und ihr Einkommen gefährden, es sei „geisteskrank“ und „gefährlich“. Sie appellierten an ihre Kollegen, eine Einheit zu bilden, um die Versicherung zu verhindern. Als die Ärzte Ruhe gaben, hielt Andrews eine ausgewogene Rede, er argumentierte sauber. Doch die Erschütterung war ihm wohl anzumerken. Nach der Sitzung schrieb ein Versicherungsgegner einem anderen: „Unter uns – findest du nicht, dass die von der Intensität und Kraft der Opposition völlig entgeistert waren?“

Die Vorlage für den Gesetzesentwurf, über den so heftig gestritten wurde, hatte die American Association for Labor Legislation (AALL) formuliert, in deren Vorstand John B. Andrews sich engagierte. Demnach sollte eine gesetzliche Krankenversicherung Arbeitern Zugang zu Gesundheitsversorgung und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gewähren. Falls sie starben, sollten die Angehörigen etwas Geld bekommen.

Die AALL befürwortete die Sozialversicherungsgesetze, die Otto von Bismarck in den 1880er-Jahren im Deutschen Kaiserreich durchgesetzt hatte und die in anderen europäischen Ländern in ähnlicher Form übernommen wurden. Der britische National Insurance Act, der 1911 in Kraft trat, beflügelte Andrews und seine Mitstreiter. Sie beobachteten, dass in Großbritannien sowohl Arbeiter als auch Ärzte von der Reform begeistert waren, und erwarteten, dass ein ähnliches System auch in den USA enthusiastisch begrüßt würde.

Doch in der Kampagne lief einiges schief. Obwohl die AALL sich für die Arbeiter engagierte, hatte sie bei diesen keinen Rückhalt. Die Organisation wollte das kapitalistische System nicht grundlegend ändern, sondern durch faire Spielregeln sogar stärken. Auch die Arbeitgeber würden profitieren, wenn die Arbeiter gesünder wären und so effizienter arbeiten könnten, argumentierten sie.

Die Mitglieder waren selbst keine Arbeiter, sondern vorwiegend Akademiker – was ihnen den Ruf eines elitären Clubs einbrachte. Viele Arbeiter nahmen der Organisation übel, dass nicht sie nach ihren Erfahrungen gefragt wurden, sondern Experten nach deren Forschungsergebnissen. Als Andrews den Fehler bemerkte, bemühte er sich um die Anführer von Gewerkschaften, brachte sie aber nur zum Teil auf seine Seite.

Zu den Ärzten hatte Andrews anfangs einen guten Draht. Alexander Lambert, Präsident des Ärzteverbands American Medical Association, unterstützte die Kampagne, eine Weile war er sogar Mitglied der AALL. Doch es gelang ihm nicht, seine Kollegen zu überzeugen. Die privaten Krankenversicherer hatten ohnehin kein Interesse an der Reform, da Arme und Kranke für sie ein schlechtes Geschäft bedeutet hätten. Auch Arbeitgeber fürchteten finanzielle Nachteile.

So unterschiedlich die Kritiker waren, so einstimmig sprachen sie gegen die Krankenversicherung. Auch die politische Weltlage spielte den Reformern nicht in die Hände: Während des Ersten Weltkriegs wurde Russland dämonisiert, die „Rote Angst“ ging um. Da hatten die Kritiker leichtes Spiel, die Krankenversicherung als kommunistisches Teufelszeug zu stigmatisieren. Rückblickend beschrieb Andrews den letzten Punkt als entscheidend: Die Angriffe auf den „unamerikanischen Charakter“ der Reform hätte diese letzten Endes verhindert.

Die Historikerin Hoffman fürchtet, dass auch Andrews’ Appelle an die Vernunft nicht hilfreich waren: „Während der gesamten Kampagne für die Krankenversicherung offenbarte die AALL einen irgendwie naiven Glauben an die Kraft der rationalen Debatte, um die Öffentlichkeit umzustimmen.“

Angesichts der rauen Gegenkampagne warfen Andrews’ Mitstreiter ihm vor, er sei zu passiv. Doch er wollte nicht kämpfen, sondern gab die Kampagne schließlich auf. „Nachdem es ihm nicht möglich war, seinen Kontrahenten auf emotionale Weise zu begegnen, zog er es vor, ihnen gar nicht zu begegnen“, schreibt Hoffman. Andrews vertagte das Projekt, in zwei, drei Jahren würde sich die Stimmung bestimmt ändern. Bis dahin, so schrieb er, wolle er eine Reihe „gut informierter Leute“ an seiner Seite haben. Seinen Glauben an die Kraft rationaler Argumente gab er nicht auf, doch den nächsten Anlauf nahm er nie. ---