Editorial

Spaß. Im Ernst?

• Wir haben mit uns gerungen. Kann man in Zeiten, in denen eine Pandemie Wirtschaft und öffentliches Leben zum Erliegen bringt, einen Schwerpunkt „Unterhaltung“ machen? Am Ende sind wir bei dem Thema geblieben. Weil die Corona-Debatte auch uns so langsam ermüdet. Weil Unterhaltung für die auf sich und ihren Wohnraum zurückgeworfenen Menschen nahezu unverzichtbar geworden ist. Und weil es sich gerade in schwierigen Zeiten lohnt, nicht auf eine Stelle zu starren, sondern den Blick zu weiten.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Dabei hat Humor immer geholfen, vorausgesetzt, es gibt eine Grenze zwischen Spaß und Ernst. Mit dem reifenden Konsumkapitalismus hat sich die Tendenz verstärkt, alles lächerlich oder sinnlos zu finden und aus allem ein Event zu machen – Corona aber hat uns gelehrt, wie schnell aus Spaß Ernst werden kann. Vor allem zeigt sich in diesen Tagen, dass die Menschen eben doch sehr wohl wissen, was das eine, was das andere ist. Die Streaming-Zeiten steigen, Familien kramen die Brettspiele aus den Ecken, in den sozialen Medien wird wie immer geschimpft, aber auch gescherzt – während gleichzeitig die Nachbarschaftshilfe aufersteht, Profis und Laien Schutzmasken nähen und viele, die wir lange übersehen haben, Übermenschliches leisten (S. 38, 48).

Die Unterhaltung, hinter der eine gewaltige Industrie steht, wird überall dort von Corona angegriffen, wo das Event im Mittelpunkt steht. Sportveranstaltungen zum Beispiel werden auf Sicht nur noch virtuell stattfinden können. Ob dann noch die gigantischen Umsätze der amerikanischen Basketball-Liga zu halten sind, ist ebenso offen wie die Zukunft der ukrainischen Wettmafia. Die E-Sport-Branche dagegen wird ganz sicher einen weiteren Schub bekommen, für Gamer wie Arslan Siddique sind die Zukunftsaussichten gut (S. 62, 76, 92).

Zu den Profiteuren gehören auch Streaming-Dienste und Filmproduzenten, zumindest wenn wieder gedreht werden kann. Und das wiederum ist gut für deutsche Filmschaffende. Denn seit das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht mehr der wichtigste Auftraggeber ist, können sie endlich zeigen, was sie können, und erfahren auch internationale Anerkennung. Gute Filme entstehen eben nicht mit bürokratischer Vorsicht und in starren Strukturen – mehr als Geld, so zeigt die israelische Filmindustrie, brauchen sie große Träume, Mut. Und Humor (S. 56, 72).

Ohne den geht es nicht, gerade jetzt. Er sollte unabhängig sein, wofür die Gründer der Künstler-Finanzierungs-Plattform Patreon streiten. Er hilft, andere Kulturen zu verstehen, wie Vince Ebert in den USA gelernt hat. Und er ist immer auch ein Weg, uns den Spiegel vorzuhalten: Zum Thema Führungsverhalten zum Beispiel war selten Erhellenderes zu lesen als in Hannes M. Kneisslers Analyse des Minions-Chef Gru (S. 50, 68, 44).

Unterhaltung ist nicht das Leben, aber sie hilft uns, es leichter zu nehmen. Vielleicht ist sie auch deshalb systemrelevant. ---