Social Media

Komische Zeiten

Kaum brach die Corona-Krise herein, da füllten sich die Social-Media-Kanäle mit lustigen Sprüchen, Fotos, Videos und Memes. Beobachtungen zum Humor im Ausnahmezustand.





Martin Fehrensen ist Autor von Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.

• Können Sie sich noch an den Mann erinnern, der in Anorak und mit dunkler Sonnenbrille in seinem Badezimmer steht, so wie sonst in der U-Bahn?

Mit einer Hand hält er sich an der Duschstange fest, während er auf sein Handy in der anderen starrt. Über das Bild hatte jemand geschrieben: „Experts recommend keeping your daily rituals even while working from home.“ Wir haben uns weggeschmissen, als der Post in unsere Timeline gespült wurde. Heute, eine gefühlte Ewigkeit später, fragen wir: warum eigentlich? Mindestens sechs Dinge lehrt uns die Witz-Welle, die sich in der Corona-Krise so rasant verbreitete wie das Virus beim Après-Ski-Saufen in Ischgl.

1.

Humor hilft, wenn’s ernst wird. Er ermöglicht Abstand in Situationen, die man als bedrohlich empfindet. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, beschrieb das so: „Kein Zweifel, das Wesen des Humors besteht darin, dass man sich die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlass gäbe, und sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen hinaussetzt.“ Der Humor habe etwas Großartiges und Erhebendes. „Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narzissmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs.“

2.

Für den Erfolg eines Witzes ist nicht unbedingt eine originelle Pointe nötig. Es kommt auch auf den Kontext an, und der war in diesem Fall extrem dankbar: Plötzlich durfte die Nation nicht mehr ins Büro, sondern musste auf unbestimmte Zeit ins Home Office, wo sie darum bangte, dass das Klopapier nicht ausgeht. Ein nie da gewesenes Gemeinschaftserlebnis, über das alle bereitwillig lachten.

3.

Besonders gern amüsieren wir uns über Stereotypen und Routinen, und die wurden uns in dem Moment, in dem wir sie aufgeben mussten, besonders bewusst. So führten die Ausgangssperren den Italienern vor Augen, wie gern sie sich öffentlich präsentieren. Vor dem Abendessen den Corso auf und ab laufen, sehen und gesehen werden, das lieben sie. Und darüber begannen sie sich im Hausarrest lustig zu machen. Videos von aufgestylten Menschen, die mit Säcken in den Händen zu den Abfalltonnen draußen vor der Tür stolzieren, machten auf Social Media die Runde, und einer schrieb: „Müll rausbringen ist der neue Aperitif.“

4.

Krisenzeiten sind gute Zeiten für Selbstironie. Es waren die Deutschen selbst, die sich darüber lustig machten, dass sie in der Not dem „weißen Gold“ (Klopapier) hinterherjagten, während in Frankreich angeblich Rotwein und Kondome knapp wurden. Einer der wenigen, die politisch unkorrekt witzelten, war der chinesische Künstler Ai Weiwei. „Das Coronavirus ist wie Pasta“, postete er Anfang März auf Instagram. „Die Chinesen haben es erfunden, aber die Italiener werden es auf der ganzen Welt verbreiten.“ Bei Letzteren löste der Spruch eine große Empörungswelle aus, selbst Ai-Weiwei-Fans zeigten sich tief enttäuscht.

5.

Viele Menschen haben Witze nicht nur weitergereicht, sondern waren selbst kreativ. So viele Memes gab es noch nie. In der Krise, die alle gleichermaßen zu Stubenhockern machte, war das Bedürfnis, Resonanz zu erzeugen, offenbar groß. Andere in großer Runde zum Lachen zu bringen, ist seit jeher Ausdruck von Macht. Eigenkreationen toppen das noch. Besonders beliebt: sich über etwas lustig zu machen, auf das sonst mit großem Ernst geschaut wird – wie es etwa das Meme tut, in dem die Figur von Edvard Munchs „Der Schrei“ einen Einkaufswagen vor sich herschiebt, voll bepackt mit … na, was wohl?

6.

Der perfekte Kontext währte nicht lange, die Witz-Welle auf Social Media ist längst abgeflaut. Das lag daran, dass der Ausnahmezustand recht schnell keiner mehr war – und gehortetes Klopapier nicht mehr witzig. ---