Project Circleg

In Kenia und Uganda fehlen Prothesen. 6000 Kilometer entfernt arbeitet ein junges Team in Zürich an einer Lösung aus recyceltem Plastik.





• Vielleicht wäre es doch bei der Bachelorarbeit geblieben, hätten die beiden Jungdesigner geahnt, auf was sie sich da einlassen. Theorie ist das eine, die praktische Umsetzung viel komplexer, wissen sie heute. „Wir sind relativ naiv gestartet“, gesteht Simon Oschwald, 27, freimütig ein. 2018 gaben er und Fabian Engel, 28, an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ihre gemeinsame Abschlussarbeit ab – das Konzept für eine Unterschenkel-Prothese aus recyceltem Kunststoff für arme Länder.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit bis zu 40 Millionen Menschen auf Prothesen oder Orthesen angewiesen. Doch nur 5 bis 15 Prozent der Betroffenen haben Zugang zu einem passenden Hilfsmittel. Besonders eklatant ist die Not in afrikanischen Ländern, wo die Menschen Gliedmaßen vor allem durch Unfälle, Infektionen oder Diabetes verlieren, aber auch durch Landminen. „Der Bedarf ist riesig. In Kenia etwa benötigen rund 300 000 Menschen eine Prothese, in Uganda 250 000“, sagt Fabian Engel.

Die wenigen Orthopädietechniker vor Ort bemühen sich, die Not zu lindern, und passen gebrauchte Teile aus den Industriestaaten soweit möglich an die individuellen Bedürfnisse an. „Der Marktpreis für eine vergleichbare Unterschenkel-Prothese, wie sie das Internationale Rote Kreuz anbietet, liegt dort bei rund 700 Dollar. Für die meisten Patienten ist das unerschwinglich.“


„Der Bedarf ist riesig.“

Oschwald und Engel arbeiten mit ihrem Projekt Circleg daran, diese Situation noch im Laufe dieses Jahres zu verändern. Dann, so hoffen sie, könnten beinamputierte Menschen nicht nur mobiler werden, sondern auch der Stigmatisierung entgehen, unter der dort viele Menschen mit Behinderung leiden.

Der Unterschied zu den vielen Prothesen-Projekten, die in der Vergangenheit scheiterten: Circleg ist auf die vor Ort verfügbare Infrastruktur ausgelegt, die Rahmenbedingungen recherchierten die Industriedesigner während mehrerer Aufenthalte in Kenia. Geplant ist, dass Circleg die Prothesen-Module in den Ländern produziert und montiert, dann aber sollen lokale Betriebe die individuelle Anpassung und Reparatur übernehmen.

Die Prothese besteht aus recyceltem Kunststoff, vornehmlich aus Polypropylen – ein Material, aus dem viele Verpackungen gemacht sind. Das Plastik beziehen Engel und Oschwald über das Sozialunternehmen Mr. Green Africa: In den meisten afrikanischen Ländern gibt es kein Rücknahmesystem für Verpackungen. Mr. Green Africa bezahlt Menschen, die Plastik einsammeln, einen Festpreis. Anschließend schreddert und reinigt die Firma das Material, sodass es schließlich als Granulat zur Verfügung steht. Das vermengt Circleg mit Glasfasern, die für die mechanische Belastbarkeit der Prothese sorgen. Die Herstellung selbst erfolgt per Spritzguss, ein in Kenia etabliertes Verfahren. Der 3D-Druck sei „noch zu langsam, zu teuer und zu anfällig bei hoher Luftfeuchtigkeit oder Stromausfällen“.


Kreislaufwirtschaft: Simon Oschwald (links) und Fabian Engel haben eine Unterschenkel-Prothese aus recyceltem Verpackungsmüll entwickelt

Circleg betreibt Social Design – und peilt dementsprechend mit seinem Ansatz nicht den maximalen Absatz von Konsumprodukten an, sondern die Verbesserung von Lebensverhältnissen. Das Projekt wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem schweizerischen James Dyson Award 2018 und dem Student Award der ZHdK. Mit jedem Preis wuchs die Motivation der Zürcher Industriedesigner, das Projekt zu professionalisieren.

Durch die Auszeichnungen wurde es einfacher, Unterstützer zu finden. „Wir finanzieren uns derzeit aus Preis- und Stiftungsgeldern“, sagt Simon Oschwald. „So können wir unabhängig von Investoreninteressen arbeiten.“ Erst wenn der finale Prototyp sowie die Partner in Kenia und Uganda vorhanden sind, soll eine größere Finanzierungsrunde folgen. „Dann sind alle Investoren willkommen“, sagt Oschwald. Circleg befinde sich aktuell irgendwo zwischen Projekt und Start-up. Sowohl er als auch Engel seien bislang noch als Wissenschaftliche Mitarbeiter an der ZHdK für das Projekt angestellt, so Oschwald. Sie planten jedoch die Gründung einer AG.

Das Geschäftsmodell des inzwischen zehnköpfigen Teams folgt dem B2B-Ansatz: „Unsere primären Kunden sind NGOs, private und öffentliche Kliniken sowie Gesundheitszentren in Kenia und Uganda.“ Im August 2020 soll die Nullserienproduktion in der Schweiz starten – für umfangreiche Nutzertests in den beiden afrikanischen Ländern. Die Circleg-Prothese soll zunächst rund 580 Dollar kosten.

Das System hebe sich „auch durch die größere Funktionalität“ von anderen ab, so Fabian Engel: Die Prothese besitzt Adapter am Fuß- und Kniegelenk, mit denen sie individuell an jeden Nutzer angepasst werden kann. Damit es nicht zu gefährlichen Unfällen durch Stolpern kommt, ist das Kniegelenk so konzipiert, dass es beim Gehen nach vorn schwenkt. Es lässt sich jedoch auch blockieren, um stabil im Stehen arbeiten zu können. Zudem ist es mög- lich, sich hinzuknien – oder hinzuhocken, was die Benutzung der vor Ort üblichen Hocktoiletten erleichtert.

Oschwald und Engel griffen bei der Konstruktion unter anderem auf das Wissen von Experten für Kunststofftechnik und Biomechanik zurück. Und sie kümmerten sich darum, dass die Prothese nicht nur möglichst praktisch ist, sondern auch gut aussieht. ---