Minions

Für Felonius Gru läuft es gar nicht gut. Seine Karriere stockt, denn der neue Minions-Film wird aufgrund des Coronavirus verschoben. Dabei wäre er der Mann der Stunde.





• Die Minions-Filme gehören zu den erfolgreichsten der Welt. Insgesamt spielten sie bisher 3,7 Milliarden Dollar ein. Der vierte Film der Serie sollte im Juli in die Kinos kommen, doch dann legte die Corona-Krise das Illumination Mac Guff Studio in Paris lahm, in dem die Figuren animiert werden. Die Premiere wurde nun um ein Jahr verschoben.

Was für ein Pech für Felonius Gru. Ihm sollte in diesem Film ein Denkmal gesetzt werden, weil er der tragische Held der bisherigen Produktionen ist: ein glatzköpfiger, hagerer Mann mit einer schnabelähnlich spitzen Nase, der stets ganz hoch hinauswill und deshalb regelmäßig umso tiefer stürzt. Andere hätten schon längst aufgegeben, aber Gru ist der Typ, der immer weitermacht. Falsche Berater, neurotische Mitarbeiter, marodes Material, allgemeine Schicksalsschläge – Felonius Gru steckt alles weg und sucht nach neuen Strategien. „Out of the Box“-Denken konnte er schon immer. Daher wird ihn auch eine weltweite Pandemie nicht stoppen – so viel kann man jetzt schon sagen.

Gru ist der Hauptdarsteller der Minions-Filme und ungünstige Entwicklungen gewöhnt. Er ist sozusagen die Personifizierung des Fußballerspruchs „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu“. Das begann bei Gru schon kurz nach seiner Geburt in den Sechzigerjahren (sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt). Mit einer eher gewöhnungsbedürftigen Physiognomie ausgestattet (dünne Beinchen, kastenförmiger Leib, fehlender Hals, lippenloser Mund, fliehende Stirn, waffenscheinpflichtige Langnase) war er neben seinem attraktiven Zwillingsbruder Dru von vornherein das hässliche Entchen. Schon kurz nach der Geburt verließ Vater Robert die Familie unter Mitnahme des blonden Bruders. Gru blieb mit seiner desinteressierten Mutter zurück.

Selbst seine außergewöhnliche Intelligenz und sein Erfindungsreichtum ließ sie kalt. Als er sich als kleiner Junge die erste Mondlandung im Fernsehen ansah und verkündete, er wolle dorthin fliegen, entgegnete sie spöttisch: „Zu spät, die Nasa schickt nämlich keine Äffchen mehr hoch.“

Diese Kindheit machte Gru zum Soziopathen: ehrgeizig, skrupellos und neugierig. Er war der Typ, der zurückschlug, bevor er angegriffen wurde, Knallfrösche in Kröten steckte, um sie explodieren zu sehen, und einen Gefrierstrahler baute, um andere in Eiszapfen zu verwandeln. Warum? Weil er kann! Solche Persönlichkeitsmerkmale eignen sich, um Machtpolitiker oder Vorstandsvorsitzender zu werden. Grus Berufswunsch war ein anderer: Superschurke.

Eva Stemmer, 43, deren Agentur Little Big Things in München für die Vermarktung der Minions-Charaktere als Spielzeug, Plüschfiguren und auf T-Shirts und Brotzeitboxen zuständig ist, findet Gru deshalb besonders interessant: „Die Blaupause des Egoisten, der tut, was er will, und sich nimmt, auf was er Lust hat“, sagt sie. „Schauen Sie sich nur an, wie er wohnt.“

Felonius Gru wohnt in einer idyllischen Vorortsiedlung. Alle Häuschen sind identisch hübsch, mit gepflegtem Vorgarten und weiß getünchten Wänden. Bis auf eines, das von Gru: Der Vorgarten ist eine wüste Ödnis, in die der zähnefletschende Wachhund Kyle kackt. Die Fassade ist schwarz wie geronnenes Blut und gestaltet wie Draculas Schloss. Im Keller befinden sich umfangreiche Laboratorien, in denen abstruse Waffen wie die Gefrierstrahler und Furzwellenkanonen gebaut werden. Und weiter in der Tiefe lebt eine Armee von 899 quietschgelben Wesen mit der Figur eines Überraschungseies in blauen Latzhosen: die Minions, Grus Helfershelfer.

Es sind dropsförmige Fantasiegestalten, die eine eigene unverständliche Sprache namens Minionesisch sprechen, in der das Wort Banana häufig vorkommt. Ihre Intelligenz ist nicht überbordend, dafür aber ihr Talent, alle Aufgaben auf das Sympathischste zu verbocken. Ursache dafür ist ihre grundsätzliche Verpeiltheit und ihre leichte Erregbarkeit. Kein Anlass ist ihnen gering genug, um nicht sofort zu streiten, zu schubsen und zu prügeln.

Im ersten Teil der Serie waren sie als Nebenfiguren konzipiert, vor denen Gru glänzen sollte. Er ist nämlich der Superschurke No. 1 und will den Mond stehlen, um seine Herausforderer im kriminellen Milieu in die Schranken zu weisen. Die Sache läuft erwartungsgemäß aus dem Ruder, aber noch schlimmer ist es, dass die Minions Gru die Schau gestohlen haben. Und das nicht nur im Film.

Die Leute von Universal, der Entertainment-Firma, die die Filme ins Kino gebracht haben und zu jedem Film Hunderte von Merchandising-Produkten auf den Markt werfen, haben das genau untersucht. In ihrer deutschen Online-Umfrage zählt Gru bei lediglich vier Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Jungs zur Lieblingsfigur, die Minions dagegen bei 14 Prozent. Bei den Mädchen dieser Altersgruppe ist es noch schlimmer: Da wäre er mit einem Prozent Fans fast aus der Wertung gefallen. Und auch bei den 13- bis 54-Jährigen schafft Gru gerade mal Platz 9, gleichauf mit dem Grinch und Chloé, der dicken Katze aus der Pets-Filmreihe. Bob, der bestbewertete Minions-Charakter, ist mehr als dreimal so beliebt. Die Markenbekanntheit der Minions in Deutschland liegt bei 95 Prozent, die von Gru wurde erst gar nicht gemessen.

Tja, sagt Carmen Spörlein, 34, die Marketingverantwortliche von Universal Consumer Products, „bei Matell gibt’s Gru als Figur, und wir haben ihn auch schon mal auf Pullis und Hosen. Aber beim Plüsch ist er gar nicht dabei.“ Ehrlich gesagt sei Gru im Merchandising nicht so der Renner. „Deutschland ist Minionsland“, sagt Frau Spörlein, „die Deutschen lieben die kleinen gelben Figuren. Gru ist nur ergänzend dabei.“ Die Minions sind das erfolgreichste Lizenzprodukt für Kinder hierzulande. Ihr Konterfei ist auf Klamotten, Rucksäcken, Heften, Schachteln, Überraschungseiern, Taschentüchern, Tassen und sogar auf Bio-Eiscreme und Küchentüchern abgedruckt. Außerdem kann man sie aus Lego bauen. Der Umsatz geht in die Millionen (genaue Zahlen nennt Spörlein nicht).

Und Gru hat nichts damit zu tun.

In den USA ist das anders. Da haben lupenreine Egoisten ein besseres Image – einer wurde sogar zum Präsidenten gewählt – und Manager wie Matt Deutsch von der Recruiting-Softwarefirma Top Echolon finden, dass Gru ein Vorbild ist. Trotz seiner kriminellen Neigungen kann man von ihm lernen, wie man mit Mitarbeitern so umgeht, dass sie bleiben:

1. Seine Unternehmensführung ist transparent und wahrhaftig. Er teilt Erfolge und Misserfolge gleichermaßen offen mit den Minions. Das erfordert Größe, besonders wenn alles immer wieder schiefgeht. Und noch wichtiger: Er teilt seine Visionen mit ihnen – egal wie größenwahnsinnig sie sind. Der Diebstahl des Mondes, des Eiffelturms, die Herrschaft über die Welt der Kriminellen. Nichts ist ihm zu megaloman, unbefangen spricht er es aus. Man könnte sagen, dass Trump von Gru gelernt hat.

2. Er kennt jeden Minion. Für die meisten Zuschauer sehen sich die gelben Tonnenwesen zum Verwechseln ähnlich. Aber Gru spricht sie alle mit ihrem korrekten Namen an: Kevin, Stuart, Bob, Otto, … Das schafft Nähe und Vertrauen.

3. Gru blamiert niemals einen Minion vor versammelter Mannschaft, obwohl es dafür Grund genug gäbe, weil nahezu jeder Auftrag unerfüllt bleibt, den er seinen Leuten gibt, oder spektakulär scheitert. Er führt sein Team von Underperformern mit großer Souveränität und Zuneigung.

4. Er sorgt für eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Da ist er großzügig. In vielen Filmszenen machen die Minions lieber Party als ihren Job. Gru duldet das, was in Anbetracht des beruflichen Unvermögens seiner Leute sogar klug ist.

5. In den Grundlagen der Zusammenarbeit ist er klar und eindeutig. Gehaltserhöhungen gibt es nicht.

Auch auf anderen Gebieten könnte Gru Vorbild für Management und Politik sein. Wenn er etwas macht, dann macht er es hundertprozentig und mit vollem Einsatz. Im neuen Minions-Film „The Rise Of Gru“ (deutscher Titel: „Auf der Suche nach dem Mini-Boss“) wird seine Jugend rekapituliert. Mit zwölf Jahren entscheidet sich der kleine Gru, zu einem Casting der Schurken-Vereinigung Vicious 6 zu gehen. Jahrelang hat er daran gearbeitet, immer bösartiger zu werden. Jetzt will er in die kriminelle Elite-Vereinigung aufgenommen werden.

Das Vorsprechen läuft allerdings gar nicht gut. Gru wird, wie es in Casting-Shows üblich ist, verspottet und gedemütigt, bis er die Faxen dicke hat, den Oberschurken mitten in der Show einen ebenso geheimnis- wie wertvollen Stein stiehlt und damit flieht. Das überzeugt die Ganovenjury, und Gru wird schließlich in die Gruppe aufgenommen. Kurz darauf ist er der Schurke No. 1, der Superstar der Organisierten Kriminalität. Aber selbstverständlich währt der Erfolg nicht lang. Ein aufsteigender Schurkenstar namens Vector klaut die Cheops-Pyramide von Gizeh und stößt Gru vom Verbrecherthron.

Grus lebenslanger Kampf um Anerkennung endet nie. Auch das ist ein Schicksal, das er mit anderem Führungspersonal teilt. In Politik und Wirtschaft gibt es niemals Ruhe. Wer sich sicher wähnt, hat schon verloren.

Scheitern ist für Gru keine Option, auch wenn ihm das andauernd widerfährt. Er wächst daran und macht weiter. Aber was ihn von anderen Stehaufmännchen unterscheidet, ist die Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Noch mal dasselbe zu versuchen, langweilt Gru. Er ist bereit zur Heldenreise.

Die Heldenreise ist beliebt in diesem Genre: Eine schicksalhafte Begegnung öffnet dem Protagonisten die Augen und zwingt ihn dazu, sein Leben grundsätzlich zu überdenken. Er zweifelt und entscheidet sich zunächst für die gewohnten Lösungen. Erst als diese versagen, ändert er sich grundsätzlich und geht einen neuen, natürlich besseren Weg.

Bei Gru sind es drei kleine Mädchen, Margo, Edith und Agnes, die er zunächst eigennützig aus dem Waisenhaus rekrutiert, um sie in die Trutzburg seines schlimmsten Widersachers Vector einzuschleusen. Das ist die schicksalhafte Begegnung. Die Kinder erweichen sein Herz, er adoptiert sie, wird zum Marmeladenfabrikanten, heiratet und wechselt schließlich sogar die Seiten: Statt der Gangster-Vereinigung Vicious 6 gehört er jetzt der Anti- Verbrecher-Liga AVL an und jagt seine früheren Kollegen.

Das ist so, als würde Siemens-Chef Joe Kaeser plötzlich Sprecher der Friday-for-Future-Bewegung werden. Ein persönlicher Paradigmenwechsel. Die meisten Menschen sind dazu nicht in der Lage. Felonius Gru schon.

Für Eva Stemmer von Little Big Things wird er damit zum Helden: „Gru lässt sich nicht demotivieren, niemals. Er ist kreativ und sucht Lösungen. Ich finde, er ist ein toller Typ. So wäre ich selbst gern.“

Ob Oberschurke, Marmeladenfabrikant oder Verbrecherjäger – die Minions sitzen immer noch bei Felonius Gru im Keller. Und sobald Corona vorbei ist, kommen sie wieder raus und in die Kinos. Und dann fängt alles wieder von vorn an: das Lachen, das Banana-Geschrei, das Streiten, das Schubsen, das Prügeln. Und Gru ist mittendrin, während Eva Stemmer in ihrem Münchener Büro Promotion für Baby-Hardware, Kinder-Merch-Produkte und Spielwaren macht.

Kein Wunder, dass sie gern Gru wäre. Und ziemlich sicher ist, dass er niemals mit ihr tauschen würde. ---