Lernen soll nun unterhaltsam sein?

Wie das Leichte und das Schwere bei Bildung und Arbeit zusammenkommen.





Stephan A. Jansen leitet das Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS) an der Karlshochschule und ist Partner der Sozietät „Das 18te Kamel & Komplizen“ in Berlin, Hamburg, Wien

Früher hatten Schüler nur in der Pause Spaß, heute sollen sie ihn auch beim Lernen haben. Geht das?

Aus dem Schul-Filmklassiker „Die Feuerzangenbowle“ von 1944 wissen wir, dass der Spaß der Schüler vor allem in der Ironisierung der Verhältnisse lag. Vom Philosophen Friedrich Nietzsche haben wir erfahren, dass Bildung zu seiner Zeit sinnlich etwas limitiert war – Zuhören im Audimax und nochmaliges Schreiben von bereits Gewusstem.

Wenn es nach der Lernwirkungsforschung geht, könnte es nun ernst werden mit dem Spaß im Unterricht, dank einer sogenannten Ermöglichungsdidaktik: Das Akronym S.P.A.S.S. steht für selbstgesteuertes, produktives, aktivierendes, situatives und sozialwertschätzendes Lernen, das belegbar überlegen sein soll. Einen ersten ungeplanten Versuch gab es gerade landesweit durch das coronabedingte Lernen zu Hause. Diese Erfahrung könnte dazu beitragen, dass die menschliche Neugier nicht weiter durch Bildungsinstitutionen demotiviert, sondern künftig als Ressource eingesetzt wird.

Sollte der so definierte S.P.A.S.S. dann nicht auch für Erwachsene gelten, etwa in der Weiterbildung?

Ja und nein. Ja, weil wir gut daran tun, die kindliche Neugier des unbedingten Wissen-Wollens, also auch das Staunen und Sich-Wundern zu kultivieren.

Nein, weil wir vor allem bei den digitalen Medien endlich aufhören sollten, Studierende und auch die Weiterbildungsteilnehmer in asymmetrische Erwachsenen-Kind-Beziehungen zu bringen. Gelingende Bildung, so ließe sich der Erfolg des Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt verstehen, ist eine Veranstaltung auf Augenhöhe – ob online oder direkt.

Wie könnte Bildung heute aussehen?

Der Aufklärer Adolph Knigge hatte im 18. Jahrhundert schon festgestellt: „Man soll nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten als unterrichtet sein will.“ Es geht bei Bildung darum, den richtigen Zugang für unterschiedliche Typen zu finden. Der eine lernt lieber mit dem Medium Schrift, andere bevorzugen Podcasts oder Youtube-Tutorials, wieder andere lernen durch Spaziergänge in der Natur oder Besuche vor Ort. Und dann gibt es eben auch viele, die durch Spiele und deren besondere Eigenschaften lernen. Die sogenannten Serious Games werden als Methode schon länger in der Verhaltens- oder Bewegungstherapie, der Strategiearbeit oder Produktentwicklung genutzt. Dabei geht es weniger darum, das Spiel als Einzelperson zu gewinnen, sondern die nächsten Level gemeinsam mit den Mitspielern zu erreichen. Ernsthafte Themen werden mit neu erworbenem und vorhandenem Wissen spielerisch bearbeitet. Edutainment wäre dann im besten Sinne das, was die Neugier unterhält, also unterstützt. Wenn sie gelingt, ist es eine Umstellung von der Vermittlung des Bekannten auf die Ermittlung im Unbekannten.

Einerseits soll die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen verschiedenen Studien zufolge kürzer werden, andererseits schauen sich viele über Stunden komplexe Serien am Stück an – wie passt das zusammen?

Einige dieser Studien sind eher amüsant als glaubwürdig, etwa die von Microsoft Kanada aus dem Jahr 2015, wonach der Mensch mit acht Sekunden eine niedrigere Aufmerksamkeitsspanne haben soll als Goldfische: Die Studienergebnisse sind unbelegt. Das menschliche Gehirn ist komplexer und adaptionsfähiger als solch simple Studiendesigns suggerieren. Tatsächlich richten wir unsere Aufmerksamkeit heute auf mehr Dinge gleichzeitig, lesen mehr als früher, nehmen deutlich mehr Informationen wie Text, Bilder, Videos, Geräusche auf. Damit haben wir in nur zwei Generationen den Übergang von der Informationswüste ins Datenhochwasser geschafft – mit einem erkennbaren Trend überall: Es geht immer tiefer! Wir kennen das als Deep Reading, Deep Listening, Deep Gaming.

Der britische Journalist James Bridle hat in seinem Buch „New Dark Age“ die längere Konzentrationsfähigkeit als die Schlüsselkompetenz in der Aufmerksamkeitsökonomie der 2020er-Jahre definiert. Ob nun allerdings Serien, die ja nicht aus Versehen am Stück konsumiert werden der Beleg für eine neue Konzentrationsfähigkeit sind, wage ich zu bezweifeln. Denn wir wissen aus der Mediennutzungsforschung, dass viele der jüngeren Streamer währenddessen intensiv die sozialen Medien nutzen.

Sonst wäre es vielleicht langweilig – und wer hält das heute noch aus?

Am ehesten langweilen wir uns – interessanterweise unabhängig von Corona, also der Frage, wo sie verrichtet wird – noch bei der Arbeit, die immer verdichteter, kleinteiliger und auch risikoloser geworden ist, verglichen mit früheren Phasen der Menschheit. Und das ist auch gut so. Aber nun brauchen wir Mikro-Abenteuer an jedem Wochenende, wir demokratisieren Extremsportarten, buchen neben vielen unnötigen Versicherungen noch weniger notwendige Erlebnis-Agenturen – oder wir hängen ab. Das Chillen als Phänomen ist für die früheren Generationen der Arbeiterbewegung – die sich humane Arbeitszeiten erst hart erarbeiten mussten – noch immer nicht ganz verständlich.

Dieses Paradox hatte Nietzsche so beschrieben: Die Bedürfnisse zwingen zur Arbeit, die Pausen der Arbeit sind aber aufgrund der Gewöhnung an die Arbeit selbst oft Langeweile, und deswegen arbeite man über seine Bedürfnisse hinaus. Rastlose Workaholics im Flow waren die wenigen gesellschaftlich gefeierten Kranken, und das ist auch noch nicht vorbei. Erste Studien der Corona-Home-Office-Zeiten scheinen dies nahezulegen: Die eingesparten Pendlerzeiten flossen einfach in die so entgrenzte Arbeitszeit ein.

Bei kreativen Genies ist es oft die manische Depression, bei den glücklicheren Zeitgenossen ruhige Bewegtheit. Die sympathische und kulturell erprobte Schwester der Langeweile ist die Muße. Die ökonomisierten Stiefschwestern trafen wir, als wir noch reisten, im Bahnhofskiosk in Form von Magazinen wie »Hygge«, »Emotion Slow« oder »Happinez«. Wir sammeln nun also Informationen zum Informationsverzicht.

Sind die von Internetkonzernen bewusst gesetzten Dauerreize und die Yoga-Welle nur zwei Seiten einer Medaille?

Absolut. Bei den Medienkonzernen geht es um konsumorientierte Zerstreuung mit der Folge des kollektiven Autismus. Alle allein, aber zusammen das Gleiche – und das schon vor Corona. Yoga oder andere Meditationspraxen wie Ausdauersport und Wandern folgen einer paradoxen Selbstoptimierungslogik – mit all ihren Apps, Smartwatches und sonstigen Wearables. Und wer abhängt, muss das auf Social Media aktiv posten, mit ermüdend gleichen Motiven. Das ist nicht so viel anders als die Dia-Abende der Siebzigerjahre – nur für die sich Präsentierenden scheinbar erfrischend.

In den USA ist auch in Spitzenpositionen Humor erlaubt, deutsche Führungskräfte tun sich da schwerer. Ist den Vorstandsvorsitzenden von Dax-Konzernen zu empfehlen, sich locker zu machen?

Das ist komplizierter. „Wer keinen Sinn für Humor hat, wird in diesem Land nie irgendetwas erreichen“, sagte einst der US-Late-Night-Talker David Letterman über die USA. Und nun zählen ein humorfreier Donald Trump oder Mark Zuckerberg dort zu den einflussreichsten Personen. Humor bringt aber in Bildung und Führung tatsächlich Vorteile: Er pocht vehement auf positive Kräfte, und Selbstironie macht eine Person nahbarer und Widersprüche verdaulicher.

Der amerikanische Philosoph John Morreall vom William & Mary College in Williamsburg beschäftigt sich seit den Achtzigerjahren mit Humor als Wirtschaftsfaktor und sieht einige Vorteile: Er verhilft zu einer größeren mentalen Flexibilität und erleichtert Perspektivenwechsel. Studien zeigen, dass humorvolle Manager auch schnellere Entscheidungen treffen können.

Aber eines wird auch in der zeitgenössischen Führungsforschung deutlich: Es geht trotz aller Transformation immer noch um Authentizität – beim Geschichtenerzählen und bei der Selbstinszenierung. Und das gelingt Unternehmern naturgemäß eher als angestellten Managern. Gerade in einer Zeit stärkerer Moralisierung ist Humor eben auch ein Risiko – nicht nur in Form des Altherrenwitzes. ---