Hauptversammlungen

Hauptsache, die Performance stimmt

Vorstandsvorsitzende sind als Vertreter ihres Unternehmens immer auch Darsteller. Ihre größte Bühne ist die Hauptversammlung. Eine Theaterkritik.





Nach der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto steht der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Baumann unter Druck. Der Zukauf ist moralisch umstritten, zudem drücken Prozessrisiken den Aktienkurs – eine konfliktreiche, also theatralisch interessante Situation. Baumann reagiert darauf mit dem Vortragsstil eines Buchhalters.

Er setzt auf die Einschläferung des Publikums: Langeweile als Signal dafür, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Als er über die Vorwürfe gegen Monsanto spricht, wechselt er ins warmherzig Menschelnde (Kunden werden zu „Freunden“). Dramaturgisch ist das brillant: Nur sehr gute Schauspieler können so souverän Konflikte überspielen und in Krisensituationen meditative Ruhe verströmen. Wäre dies der erste Akt eines Ibsen-Dramas, könnte man auf den dritten gespannt sein, in dem es traditionsgemäß weniger harmonisch zugeht.

Video: 26.04.2019 - Bayer AG Hauptversammlung 2019

Warren Buffett muss niemandem etwas beweisen. Wo andere Topmanager über die Bühne sprinten, um Sportlichkeit und Dynamik zu demonstrieren, sitzt der Gründer, Großaktionär und Chairman der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway entspannt wie der Großvater beim Truthahnessen am Tisch und doziert gemütlich über Anlagestrategien, vor sich zwei Büchsen seines Lieblingsgetränks Coca-Cola. Kritik der Aktionäre muss er nicht fürchten, selbst wenn es mal nicht so gut läuft – viele sind durch ihre Investments bei Berkshire Hathaway reich geworden. Ihre Fragen stellen sie mit Demut, wie es sich gegenüber einem Weisen gehört. Nur kein Stress – die Spannungskurve dieser Wohlfühlveranstaltung ist so flach wie die Prärie Nebraskas. Offenbar handelt es sich bei der Inszenierung um ein Weihnachtsmärchen mit Buffett in der Rolle des Santa Claus bei der jährlichen Bescherung.

Video: 2019 Berkshire Hathaway Annual Shareholders Meeting

Der Vorstandsvorsitzende Tim Höttges ist ein Vertreter des postdramatischen Dokumentartheaters. Dieses Genre setzt nicht auf Emotionen, Spannung und interessante Charaktere, sondern auf eine möglichst spröde Fakten-Präsentation. Wenn Höttges in seiner Performance alle menschlichen Regungen ausmerzt, ist das Ziel des berühmten Verfremdungseffekts des Dramatikers Bertolt Brecht erreicht: die komplette Trennung von Darsteller und Rolle. Die Mechanik der Bewegungen und die tiefgefrorene Mimik erinnern an die Inszenierungen des amerikanischen Regisseurs Robert Wilson oder an die Roboter, die die Band Kraftwerk in den Siebzigern auf die Bühne stellte. Der grelle Hintergrund bildet einen Kontrast zur nüchternen Performance. Es ist von nahezu raffinierter Ironie, wenn Höttges mit der Präzision eines Taschenrechners an Emotionen appelliert und sich an die „lieben Telekommer“ im Publikum wendet.

Video: Deutsche Telekom Hauptversammlung 2019

Ein Klassiker: der „I! Love! This! Company!“ brüllende Steve Ballmer. Der damalige Microsoft-Chef ist ohne Frage ein Künstler der Extraklasse. Ort der Handlung ist eine offizielle Firmenfeier im großem Rahmen. Ballmer gelingt mit einer Mischung aus archaischem Stammesritual und expressionistischem Ausdruckstanz ein Auftritt, neben dem der Aktionskünstler Christoph Schlingensief wie ein wohlerzogener Chorknabe wirkt. Mit der Naturgewalt des französischen Schauspielers Gérard Depardieu, der physischen Präsenz einer Dampframme und dem Feingefühl eines Gorillas auf Speed demonstriert Ballmer, dass sein Engagement keine Anstandsgrenzen kennt. Er ist möglicherweise nicht der attraktivste Schauspieler des Universums, aber sollte irgendwann ein Godzilla-Darsteller gebraucht werden, der mit der bloßen Faust Hochhäuser zertrümmert: Ballmer wäre eine hervorragende Wahl.

Video: Steve Ballmer Going Crazy on Stage

Eine ausgestreckte Hand, als wollte der damalige Vorstandssprecher Bill McDermott die nahe Zukunft einfach ergreifen und die Gemeinde auf seinem Pilgerpfad ins gelobte Land mitnehmen. Weit ausgebreitete Arme, als wollte er die ganze Welt trösten und einladen, ihm zu folgen. Hier spricht ein Prediger, erleuchtet von seiner Mission, den Gläubigen den Weg zu Erlösung und einer „very bright future“ zu weisen. Es ist ein sehr energischer, kämpferischer Heiliger, der den Mühsamen und Beladenen die frohe Botschaft verkündet. Kein salbungsvoller Schwadroneur, sondern ein Soldat des heiligen Kampfes, dessen Ziel lautet: „Running a more efficient company.“ Amen. Knapp fünf Monate später verließ McDermott seine Glaubensgemeinschaft überraschend. Auf ihn folgte im Oktober 2019 Christian Klein – gemeinsam mit Jennifer Morgan als Co-Chefin, der ersten Frau an der Spitze eines Dax-30-Unternehmens.

Video: SAP Annual Shareholder Meeting 2019

Jetzt bloß keinen Glamour, keine Aufregung, keine Victory-Zeichen, keine Erinnerung an den Größenwahn vergangener Zeiten! Das Image der Bank war schon mal besser, die unzähligen Rechtsstreitigkeiten erinnern an unschöne Verstrickungen in fragwürdige Geschäfte, der Aktienkurs macht auch keine Freude. Da hilft nur größtmögliche Biederkeit und die Mitteilung, dass der Tatortreiniger seinen Job erledigt hat: „Die Bank ist wieder aufgeräumt.“ Christian Sewing, der Vorstandsvorsitzende, gibt überzeugend den braven Filialleiter, der fast schon demütig um Vertrauen bittet („Dafür stehe ich. Darauf können Sie sich verlassen“). „Lindenstraße“ statt „The Wolf of Wall Street“. Je weniger Show, desto besser – aber auch das muss natürlich liebevoll inszeniert werden.

Video: Christian Sewing: “We have cleaned up Deutsche Bank. It is now profitable again.”