Blick in die Bilanz – Hartmann-Gruppe

Die Zögerlichen

Die Hartmann-Gruppe stellt stark nachgefragte Medizinprodukte wie das Desinfektionsmittel Sterillium her – und rechnet dennoch mit einem rückläufigen Gewinn. Warum?





• Das Jahr 2019 war für die Hartmann-Gruppe, mit 202 Jahren eines der ältesten deutschen Industrieunternehmen, kein einfaches Jahr. Der Umsatz, den die Firma mit ihren drei Geschäftsfeldern Infektions-, Inkontinenz- und Wundmanagement erzielte, stieg nur leicht, von 2,1 auf 2,2 Milliarden Euro. Das Konzernergebnis fiel um fast ein Viertel von knapp 84 auf knapp 63 Millionen Euro – der schlechteste Wert der vergangenen fünf Jahre.

Für 2020 prognostiziert Hartmann trotz der Infektionssparte, zu der Sterillium beiträgt, keine wesentliche Verbesserung. Die in Heidenheim an der Brenz ansässige Firma rechnet mit einem rückläufigen bereinigten EBITDA (Earnings before Interest, Taxes Depreciation and Amortization). Das ist der Gewinn aus dem operativen Geschäft vor Abschreibungen und bereinigt um Sondereinflüsse wie etwa Restrukturierungsaufwendungen. Dieser EBITDA spiegelt damit das Ergebnis des normalen Geschäfts wider, blendet jegliche Sondereinflüsse aus – und soll trotzdem schrumpfen.

Man könnte meinen, die Hartmann-Gruppe sei ein Sanierungsfall. Wäre da nicht die seit Jahren stabile Dividende, die auch für 2019 wieder ausgezahlt wird: 24,9 Millionen Euro – was sieben Euro pro Aktie und damit bezogen auf den Jahresschlusskurs von 2019 einer Dividendenrendite von 2,5 Prozent entspricht. Keine schlechte Verzinsung: Hartmann liegt damit in der Pharmabranche hierzulande auf Platz drei hinter Bayer (5,7 Prozent) und Dermapharm (2,8 Prozent), weit vor Merck oder Stada (beide 1,5 Prozent). Wie kann sich ein angeschlagenes Unternehmen das leisten?

2019 ist für die Hartmann-Gruppe ein Ausnahmejahr. In den Jahren zuvor verdiente sie mit einer Nettoumsatzrendite (Gewinn nach Steuern als Anteil vom Umsatz) von durchschnittlich gut 4 Prozent nicht schlecht, behielt einen Großteil der Gewinne ein, investierte moderat – zwischen 3,2 und 4 Prozent des Umsatzes – und schuf sich so eine solide finanzielle Basis. Die Eigenkapitalquote liegt bei 57,9 Prozent. Diese und der stabile Cashflow ermöglichen die heutige Dividende.

Die vorsichtige Strategie schien zunächst auch sinnvoll: Strengere behördliche Vorgaben führten zu erhöhten Personalkosten; gleichzeitig litten die Erträge durch sinkende Budgets im öffentlichen Gesundheitswesen und eine laut Hartmann „innovationsfeindliche“ Einstellung der Krankenkassen, die immer weniger erstatten. Beides machte größere Investitionen unattraktiv. Aber das Unternehmen büßte damit auch Innovationskraft ein, das Wachstum stagnierte bei um etwa drei Prozent, obwohl die Märkte, getrieben etwa durch den demografischen Wandel, schneller wuchsen. Die Profitabilität im operativen Geschäft, gemessen an der EBITDA-Rendite, fällt seit Jahren. Seit 2019 steuern die Heidenheimer gegen, trennten sich mit Verlust von wenig rentablen Töchtern, steigerten die Investitionen auf 107 Millionen Euro, erwarben dafür unter anderem Safran Coating, einen führenden Anbieter von Silikon-Technologien. Er soll das Wundmanagement stärken, mit einer Umsatzrendite (Gewinn vor Zinsen und Steuern als Anteil vom Umsatz) von 13,2 Prozent die profitabelste der Hartmann-Sparten.

Diese Aktivitäten sind ursächlich für den Anstieg der Abschreibungen, der vor allem für den Einbruch des Ergebnisses 2019 verantwortlich ist. Ein Teil der Investitionen, 18 Millionen Euro, flossen auch ins Infektionsmanagement, allerdings nicht in die Sterillium-Produktion, sondern in die Ausweitung der Fertigung von OP-Einwegmaterialien. Zur Bedienung der gestiegenen Nachfrage nach Desinfektionsmitteln hat Hartmann beim Tochterunter- nehmen Kneipp, eigentlich ein Hersteller von pflanzlichen Arz- neien und Körperpflegeprodukten, Produktionskapazitäten freige- macht. Kneipp stellt nun Desinfektionsgel her. Um von dem Hygiene-Boom in größerem Stil zu profitieren, bedürfte es allerdings weiter gehender Investitionen in neue Kapazitäten, die bisher nicht Teil des Plans sind. Die Hartmann-Gruppe, das legt die Prognose für 2020 nahe, war in der Vergangenheit zu zögerlich. ---

Die Hartmann-Gruppe startete in Hei- denheim 1791 als Textilfabrik Seebold, Schüle & Co. und wurde Deutschlands erster Verbandsstoffhersteller. Der Direktor Ludwig von Hartmann kaufte die Firma 1818 und gab ihr seinen Namen. Seine Nachfolger leisteten weiterhin Pionierarbeit und entwickelten den ersten antiseptischen Wundverband. 1912 wurde die Firma in eine AG umgewandelt. Die Familie Hartmann ist noch beteiligt, aber nicht mehr im Unternehmen tätig. Es beschäftigt rund 11.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet seinen Umsatz zu knapp 90 Prozent in Europa.