Serie: Der neue grüne Deal

Folge 01: Ohne Wohlstand kein Klimaschutz, sagen die einen. Ohne Klimaschutz kein Wohlstand, sagen die anderen. Beide haben recht. Unser Wohlergehen und die Lösung dieses Menschheitsproblems hängen untrennbar zusammen – jetzt mehr denn je.





• „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“
Wer noch nie auf eine schwer erträgliche Information abwehrend reagiert hat, der werfe den ersten Stein. Wir sind so gestrickt, dass wir Dinge, die im Widerspruch zu unserer Wahrnehmung, zu unseren Erfahrungen und unseren Glaubenssätzen stehen, nicht wahrhaben wollen. Wir reden Probleme gern erst einmal klein, deren Lösung uns – wie derzeit die Covid-19-Pandemie – eine gravierende Verhaltensänderung abverlangt.

Die Fähigkeit zur Verdrängung kann durchaus nützlich sein, weil wir in einer sich abzeichnenden Krisensituation ein Weilchen weiter funktionieren und nicht sofort in Panik verfallen. Allerdings befindet sich das Gros des gut informierten Teils der Menschheit angesichts einer unserer größten Herausforderungen seit fast einem halben Jahrhundert in diesem Modus. Einige der ersten Wissenschaftler und Journalisten, die uns vor dem Treibhauseffekt und den wegschmelzenden Polkappen gewarnt haben, sind längst im Rentenalter oder tot. Im ZDF-Wissensmagazin „Querschnitt“ erklärten Hoimar von Ditfurth und Volker Arzt diese Zusammenhänge bereits 1978. Titel der Sendung, die heute bei Youtube zu sehen ist und frappierend prophetisch wirkt: „Der Ast, auf dem wir sitzen.“

Zu jener Zeit war „The Limits to Growth“, die vom Club of Rome in Auftrag gegebene Studie des Massachusetts Institute of Technology über die Grenzen des Wachstums, bereits seit sechs Jahren in der Welt. Wachstum, das hieß: mehr Menschen, mehr Konsum, größerer Ressourcenverbrauch, mehr Abgase, höhere Durchschnittstemperaturen, anschwellende Pegelstände. Klimaforschung wurde zum Thema für eine breitere Öffentlichkeit – auch weil die Raumfahrt mit ihrem immer dichteren Netz aus Wettersatelliten neuartiges Datenmaterial beisteuerte. Bald wanderten Begriffe wie Treibhauseffekt und globale Erwärmung in den deutschen Wortschatz ein.

Wir haben die Warner gehört, aber nicht auf sie. „Unsere Kinder, spätestens unsere Enkelkinder“ würden die Folgen zu tragen haben, redete von Ditfurth, dieser gesetzte Konservative mit dem Seemannsbart, den Zuschauern ins Gewissen. Seine rebellische Tochter Jutta gründete die Grünen mit und wurde als „Fundi“ zur Reizfigur für alle, die nicht einsahen, dass sie auf irgendetwas verzichten sollten.

Zwei Generationen sind inzwischen in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass unser Lebensstil nicht auf Dauer durchzuhalten sein dürfte. Und in dem ewigen Ringen zwischen schlechtem Gewissen und innerem Schweinehund: Je sparsamer unsere Autos wurden, desto mehr fuhren wir. Wir trennen brav den Müll, werfen aber immer mehr weg.

Diese hedonistische Halbherzigkeit ist das, was uns die schwe- dische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg vorhält: Wir trösten uns damit, dass unser individueller Beitrag zum Problem und seiner Lösung vernachlässigbar klein sei. Statt uns zu fragen, was jeder Einzelne tun könnte. Und wie unser Land – in dem rund ein Prozent der Weltbevölkerung zwei Prozent der Treibhausgase emittiert – dank seines Know-hows zum globalen Trendsetter eines neuen grünen Deals werden könnte.

Der scharfe Ton, der in den sogenannten sozialen Medien auch beim Thema Erderwärmung vorherrscht, könnte zu Pessimismus verleiten. Zu unvereinbar erscheinen die beiden Lager, die sich im Wortkampf gegenüberstehen. Das eine Extrem sind Menschen, die über Alarmismus oder Klimahysteriker spotten, aber selbst in Panik vor einer „linksgrünen Ökodiktatur“ geraten. Das andere sind Leute, die aus Angst vor dem Weltuntergang am liebsten die Industrie ganz abschaffen würden. Für sie ist die Wirtschaft generell schuld an allem Übel – als zählten Hersteller von Solarpanels, Windkraftanlagen, Fahrrädern oder Bio-Lebensmitteln nicht dazu. Wer eine sachliche Risikoabschätzung wagt, gerät da leicht zwischen die Fronten.

Auch in der Bundespolitik ging es im Klimastreik-Jahr 2019 hoch her. Bevor die Große Koalition im Herbst vergangenen Jahres ihr Klimapaket schnürte, träumte der SPD-Linke Kevin Kühnert laut von der Verstaatlichung eines Autokonzerns. Die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer holte daraufhin Helmut Kohls Slogan von 1976 aus dem Archiv: „Freiheit statt Sozialismus“. Jüngst leisteten sich namhafte Wirtschaftsforscher öffentliche Fehden um die ökologische Wende.

In der aufgeheizten Stimmung spiegelt sich die Gründungsgeschichte der westlichen Umweltbewegung wider. Deren Anfänge fielen zusammen mit einer grundlegenden Kritik am Kapitalismus, so, als sei es eine Frage der Wirtschaftsordnung, ob die Menschen Raubbau an begrenzten Ressourcen betreiben. Spätestens mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes in Osteuropa wurde jedoch deutlich, dass die sozialistischen Staaten den Marktwirtschaften Westeuropas nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch weit hinterherhinkten. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass viele westliche Unternehmen im Zuge der Globalisierung Teile der Produktion gezielt in Länder mit geringeren Umweltstandards auslagerten.

Der Begriff, an dem sich die Geister scheiden, heißt Wachstum. Diese Metapher aus dem Sprachschatz der Biologen hat sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung weit entfernt. Organismen haben Wachstumsschübe und Wachstumsphasen, wachsen aber nicht über ein gewisses Maß hinaus, das von Spezies zu Spezies verschieden ist. Menschen sind nach der Pubertät erwachsen oder zumindest der Höhe nach ausgewachsen. Und wenn irgendwo im Organismus das Zellwachstum außer Kontrolle gerät, sprechen Ärzte von Tumoren, von Krebs. Anders gesagt: Unaufhörliches Wachstum ist aus medizinischer Sicht ein alarmierendes Krankheitssymptom.

Wie konnte also Wachstum, das möglichst nie zum Stillstand kommt, zum zentralen Erfolgsmaßstab für Ökonomen, Wirtschaftspolitiker und Manager werden? Weshalb sollte es auf einem Planeten, der sich nicht weiter ausdehnen kann und dessen Rohstoffe endlich sind, keine Grenzen des quantitativen Wachstums geben?

Der erste Ökonom, der sich darüber den Kopf zerbrach, war Thomas Malthus (1766 bis 1834), ein Zeitgenosse von Adam Smith und James Watt. Er beobachtete, wie die Dampfmaschine die industrielle Revolution vorantrieb – und dass sich die Bevölkerung weitaus schneller vermehrte, als die Landwirtschaft ihre Anbauflächen ausweiten konnte. Binnen 50 Jahren war die Zahl der Erdbewohner von knapp 800 Millionen im Jahr 1750 um ein Viertel auf fast eine Milliarde Menschen angestiegen. Aus damaliger Sicht dürfte Malthus’ Warnung vor einer Überbevölkerung, die zu Hungersnöten führt, folgerichtig gewesen sein. Allerdings nur, weil er nicht wissen konnte, wie viel effizienter die Agrarwirtschaft werden würde. Von Traktoren, Kunstdünger, Pestiziden oder moderner Pflanzenzucht ahnte der Ökonom nichts. Technischer und wissenschaftlicher Fortschritt haben in den vergangenen zwei Jahrhunderten deshalb die anfangs dramatisch unterschätzten Grenzen des Wachstums immer weiter ausgedehnt.
Dies lässt aber nicht den Schluss zu, dass das auch in Zukunft noch funktioniert.

Malthus’ übertriebener Pessimismus – der oft als Argument für einen gelasseneren Umgang mit Zukunftsängsten herhalten muss – ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen steht die Art und Weise, wie der Homo sapiens sich in den vergangenen 250 Jahren die Erde untertan machte. Künftige Historiker werden das, was wir als Industriezeitalter kennen, wohl als Kohlenstoffzeit bezeichnen, um diese Epoche von der vor uns liegenden postfossilen Ära abzugrenzen.

Alles begann mit der Dampfmaschine. Sie trieb die Pumpen an, mit denen Grundwasser aus Kohleflözen gesaugt und später Rohöl gefördert wurde. Doch die rund 300 Millionen Jahre alten organischen Bodenschätze waren nicht nur die Grundlage von Fortschritt und Wohlstand, sondern auch für eine schleichende Veränderung unserer Atmosphäre. Dass der Kohlenstoffdioxid-Gehalt der Luft stetig steigt, können wir messen, aber nicht riechen oder sehen. Naturwissenschaftler warnen beharrlich vor Kipp-Punkten, ab denen Veränderungen irreversibel werden. Das wäre dann der Fall, wenn in großem Stil Permafrost-Böden in Grönland oder Russland auftauten und Unmengen an Methan in die Atmosphäre entwichen, ein im Vergleich zu CO2 schätzungsweise 25-mal stärkeres Treibhausgas. Oder wenn in der Antarktis zu viele von Tauwasser unterspülte Gletscher ins Meer glitten.

Wann und in welchem Ausmaß solche Naturkatastrophen eintreten, wenn jetzt nicht sehr schnell etwas passiert, weiß niemand genau. Tatsache ist aber, dass die Menschheit seit je viel zu nah am Wasser gebaut hat, als dass sie heute einen steigenden Meeresspiegel auf die leichte Schulter nehmen könnte. Schon vor Jahrtausenden entstanden Siedlungen nach Möglichkeit dort, wo man gut Fische fangen und Häfen anlegen konnte – an Buchten und Flussmündungen. Wer sich nächtliche Satellitenaufnahmen der Erde anschaut, erkennt, dass die Küsten aller fünf besiedelten Kontinente von leuchtenden Punkten gesäumt sind. Viele Hauptstädte, Metropolen und Großstädte liegen am Meer, nur wenige Höhenmeter über dem Flutpegel.

Kopenhagen, Sankt Petersburg, Hamburg, Amsterdam, Den Haag, Antwerpen, Liverpool, Edinburgh, Dublin, Belfast, Lissabon, Barcelona, Marseille, Neapel, Dubrovnik, Athen, Istanbul, Odessa, Sewastopol, Beirut, Tel Aviv, Alexandria, Bengasi, Tripo- lis, Tunis, Algier, Casablanca, Dakar, Monrovia, Abidjan, Accra, Lagos, Luanda, Kapstadt, Maputo, Daressalam, Mombasa, Dschibuti, Dubai, Colombo, Mumbai, Bangkok, Kuala Lumpur, Singapur, Jakarta, Auckland, Sydney, Manila, Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon), Hongkong, Taipeh, Shenzhen, Xiamen, Schanghai, Wladiwostok, Tokio, Honolulu, Anchorage, Vancouver, San Francisco, Los Angeles, Acapulco, San Salvador, Panama City, Lima, Buenos Aires, Rio de Janeiro, Havanna, Kingston, Nassau, New Orleans, Washington, New York, Reykjavik.

Wann Teile dieser Städte unbewohnbar werden oder sich hinter hohen Deichmauern verschanzen müssen, ist offen. Doch Profis auf dem Gebiet der Risikobewertung – große Versicherer und Rückversicherer – warnen immer eindringlicher vor den Auswirkungen klimatischer Veränderungen. Sie schätzen die ökologischen Risiken mittlerweile höher ein als die ökonomischen. Dass uns aktuell eine Infektionskrankheit bedroht, ändert nichts am langfristigen Trend, zumal steigende Temperaturen das Vordringen von Tropenkrankheiten in die vormals gemäßigten Zonen begünstigen.

Mittlerweile sind auch einst skeptische Beobachter der Wissenschaft überzeugt, dass Eile geboten ist. „Es ist ernüchternd zu verfolgen, wie oft die immer gleichen, längst widerlegten Thesen aus dem Keller hervorgeholt werden, nur um dem Klimaschutz Steine in den Weg zu legen“, schrieb etwa der deutsche Meteorologe und Fachjournalist Sven Titz voriges Jahr in der ihrerseits nicht alarmismusverdächtigen »Neuen Zürcher Zeitung«. „Liberale sollten von solchen obskurantistischen Aktivitäten Abstand halten.“ Obskuranten sind Menschen, die andere bewusst verunsichern, um ihnen etwas Abwegiges einzureden.

Akzeptieren wir die Tatsache, dass der Mensch zum entscheidenden Klimafaktor geworden ist, wird der Blick frei auf die planetaren Grenzen, also für das, was die irdische Biosphäre gerade noch verkraftet. Aus ihnen ergibt sich der ökologische Fußabdruck, den jeder Mensch hinterlassen kann, ohne bleibenden Schaden anzurichten. Der müsste schrumpfen, denn seit den Lebzeiten von Thomas Malthus hat sich die Zahl der Menschen, die sich den Planeten teilen, fast verzehnfacht; in den vergangenen 50 Jahren hat sie sich mehr als verdoppelt. Doch die Fußstapfen werden stetig tiefer. Seit Jahrzehnten wächst der Treibhausgas-Ausstoß noch schneller als die Menschheit. Das ist nur logisch: Wenn sich in Ländern wie China der Lebensstandard verbessert, steigt auch der Ressourcenverbrauch pro Kopf.

Bis 2050, dem Zieljahr der CO2-Ausstiegspläne, wird die Zahl der Menschen auf der Erde noch einmal um ein Viertel steigen. Sie brauchen ein Zuhause, genug zu essen, sauberes Wasser, Kleidung, Energie, Straßen, Fahrzeuge. Im Weiter-so-Modus – also mit einem ineffizienten und wenig nachhaltigen Umgang mit begrenzten Ressourcen, wie Nordamerikaner, Europäer, Australier und immer mehr Ostasiaten es gewohnt sind – kann das nichts werden. Dennoch muss der Lebensstandard in den ärmeren Ländern steigen: Weltweit lässt sich beobachten, dass die Geburtenraten zurückgehen, wenn eine Nation ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit und Wohlstand erreicht hat. Das Dilemma ist klar: Ohne Wirtschaftswachstum lässt sich ein Trend zur Überbevölkerung nicht bremsen; immer mehr Menschen in Armut leben zu lassen, um den hohen Lebensstandard der frühindustrialisierten Staaten aufrechtzuerhalten, ist aus ethischer Sicht keine Option.

Mehr Wohlstand durch Verheizen grotesker Mengen an Öl, Kohle und Gas – für den volkswirtschaftlichen Mainstream ist das kein Problem. Dessen Vertreter lesen die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes nach wie vor am Bruttoinlandsprodukt ab, das mit den Ausgaben für Energie positiv korreliert und generell nicht den Wert, sondern den Preis von Gütern und Dienstleistungen abbildet. Externe Kosten, die die wirtschaftlichen Akteure der Allgemeinheit aufbürden, bleiben in dieser Betrachtung ebenso außen vor wie der volkswirtschaftliche Nutzen der sogenannten Ökosystemleistungen, die beispielsweise Wälder und artenreiche Böden erbringen, indem sie Wasser und Kohlenstoff speichern, die Luftqualität verbessern und das Mikroklima regulieren.

Aus dieser beschränkten ökonomischen Sicht geht es mit einem Land aufwärts, wenn es Rohstoffe verschwendet und viel Geld für die Folgen von Naturkatastrophen ausgeben muss – etwa nach Überschwemmungen, Dürren und Stürmen. Der Umsatz einer Volkswirtschaft muss steigen, ganz egal ob sie Raubbau betreibt oder in eine langlebige Infrastruktur investiert. Ressourceneinsparungen und Vermeidung von Schäden schlagen wie Einbußen zu Buche.

Die Kritik an diesem verzerrten Bild ist nicht neu. Nur hat bislang niemand ein mehrheitsfähiges Alternativmodell vorgelegt. Immerhin hatte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy 2008 eine hochrangig besetzte Kommission beauftragt, neue Messmethoden für Wohlstand und soziale Entwicklung zu finden. Ihr gehörten mit Joseph E. Stiglitz und Amartya Sen zwei Wirtschafts-Nobelpreisträger an. Doch die Arbeit der Fachleute blieb bislang ohne große Wirkung; die Themen Umweltschutz und Klimawandel spielten im Abschlussbericht keine zentrale Rolle.

Dabei wäre es durchaus möglich, Wohlstand anders zu berechnen. Dabei käme es darauf an, zu unterscheiden, ob wir beispielsweise mit einem Fass Mineralöl Dämmplatten herstellen oder es zu Heizöl raffinieren. Im ersten Fall wird eine Investition getätigt, die sich durch Einsparung eines Großteils des Erdöls amortisiert. Im zweiten Fall löst sich ein Rohstoff in Rauch auf. Wertschöpfung und Wertvernichtung sollten nicht auf derselben Seite der volkswirtschaftlichen Bilanz verbucht werden.

Bis dato haben Ökonomen, die den überkommenen Wachstumsbegriff hinterfragen, eher Exotenstatus. Es ist auch nicht so, dass sie sich alle einig wären. Wie das Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in einem Paper für das Umweltbundesamt (UBA) herausgearbeitet hat, gab es in der Vergangenheit drei verschiedene Denkschulen. Unter dem Schlagwort Beyond GDP (jenseits des Bruttoinlandsproduktes) machten sich Statistiker und Behördenvertreter Gedanken über „alternative Indikatorensysteme“ auf Basis dessen, was die oben genannte Stiglitz-Kommission erarbeitet hatte.

Eine grün-rot-christliche Szene entwickelte das Konzept einer „Postwachstumsgesellschaft“, im angelsächsischen Sprachraum Degrowth genannt (also Schrumpfung). Diese Denkschule geht zurück auf Nicholas Georgescu-Roegen, der in den Siebzigerjahren in Nashville die Ökologische Ökonomie und die Bioökonomie mitbegründete und sich für den Ersatz fossiler durch nachwachsende Rohstoffe einsetzte.

Liberal-konservative Kreise führten unterdessen den marktwirtschaftlich orientierten „Glücksdiskurs“, angelehnt an das „Bruttonationalglück“, mit dem das Königreich Bhutan das Wohlergehen seiner Bürger misst. In ähnlicher Weise entwickelte die britische Denkfabrik New Economics Foundation 2006 das Modell eines Happy Planet Index (HPI). Er wird nach folgender Formel berechnet: Lebenserwartung mal subjektives Wohlbefinden mal Vergleichbarkeitsfaktor geteilt durch den ökologischen Fußabdruck. Die Ergebnisse waren zweifelhaft: Bei der jüngsten Berechnung des HPI vor vier Jahren schnitten Bangladesch und Albanien besser ab als Deutschland oder die Schweiz. Der Grund: Schlechte Werte beim Faktor Wohlbefinden wurden durch den kleinen Öko-Fußabdruck überkompensiert – und der ergibt sich unmittelbar aus der gegenwärtigen Armut. Zweifelsohne wären viele Bürger dieser Länder glücklicher, wenn sie das Geld hätten, auf größerem Fuß zu leben.

Von allen Ansätzen legte nur einer einen klaren Fokus auf das globale Wohl künftiger Generationen: die auf Befreiung vom Überfluss setzende Postwachstumsgesellschaft. Mit dem European Green Deal, den die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 vorgelegt hat, könnte sich dies allerdings ändern. Vordergründig ist das Brüsseler Aktions- und Investitionsprogramm ein Konjunkturpaket, dessen Name auf Franklin Delano Roosevelts New Deal und den voriges Jahr von US-Demokraten propagierten Green New Deal anspielt. Kerngedanke: Um die bei den Weltklimakonferenzen vereinbarten Ziele zu erreichen, sollen Staaten und Privatwirtschaft massiv investieren. Für solche „Green Investments“ – auch zur Überwindung der Corona-Krise – machten sich jüngst 180 EU-Abgeordnete, Minister, Manager, Gewerkschafter, Nichtregierungsorganisationen und Experten in einem gemeinsam unterzeichneten Brief stark.

Mit dem European Green Deal verbunden ist ein Paradigmenwechsel hin zu einer ökologisch orientierten Ökonomie. Wirtschaftliche Akteure, die diesen Wandel ignorieren, geraten unter Rechtfertigungsdruck. Wer sich hingegen der Herausforderung stellt, kann punkten. Das Brüsseler Papier sendet zwei Botschaften aus: Wir haben ein großes Problem, und wir setzen bei der Lösung auf die Stärken der Marktwirtschaft. Die Einführung ist mit dem verheißungsvollen Motto überschrieben: „Eine dringende Herausforderung als einzigartige Chance nutzen.“

Das Konzept entspricht dem, was Ökonomen Green Growth nennen. Darunter lassen sich sowohl der Ausbau erneuerbarer Energien und die Entwicklung ressourcensparender Techniken subsumieren als auch der ökologische Umbau ganzer Industriezweige, die heute noch Ressourcen verschwenden. Dazu zählen Zementfabriken, Stahlwerke, die chemische Industrie, die Landwirtschaft und die Bekleidungsindustrie, die in Verruf geraten ist, weil ihr Geschäftsmodell „Fast Fashion“ Textilien zur Wegwerfware gemacht hat (siehe auch brand eins 02/2019: „Verlorene Unschuld“). Dort gibt es bereits erste Zeichen eines Sinneswandels. Das Forum Global Fashion Agenda, das unter anderem von H&M finanziert und von McKinsey beraten wird, erklärte Anfang des Jahres: „Die Neugestaltung des Konzepts Wachstum ist eine der größten systemischen Herausforderungen unserer Zeit.“

Nach Ansicht des Risikoforschers Ortwin Renn könnte ausgerechnet die Corona-Krise dazu beitragen, dass auch Kunden umdenken: „Die Menschen nehmen ohne großes Murren Einschränkungen in Kauf. Sie reisen und konsumieren weniger, sie denken über ihren Lebensstil nach.“ Diese führe, so Renn, womöglich zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche. Vom Kauf von T-Shirts, die nach wenigen Wochen ausrangiert werden, könne nicht das Glück eines Menschen abhängen. Es handle sich um einen „Surrogat-Nutzen“, also eine Ersatzbefriedigung. Echter Nutzen könne bedeuten, sich so zu verhalten, dass es auch den anderen Bewohnern dieses Planeten gut geht: „Ein Lebensstil, der mit dem Klimaschutz im Einklang ist, muss kein Verzichts-Lebensstil sein.“ ---