Faul-Spiel

In der Ukraine geht man entschlossener gegen Manipulationen im Fußball vor als in vielen anderen Ländern. Und setzt dabei auf eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Methode.




• Francesco Baranca ist gut darin, Illusionen zu zerstören. „Schweden“, sagt er, „ist ein Land, in dem Korruption als marginales Problem gilt. Aber die Zahl der manipulierten Fußballspiele dort ist enorm.“ Und zu Kanada, das eigentlich für ehrlichen Sport steht, lautet sein Kommentar: „Eines der schmutzigsten Länder überhaupt, was Fußballbetrug angeht.“

Baranca ist ein italienischer Jurist im Dienste des ukrainischen Fußballverbands. Beim Gespräch an dessen Sitz in Kiew beklagt er, dass die Sportverbände im Kampf gegen Matchfixing, wie Spielmanipulation in Fachkreisen genannt wird, viel zu wenig tun. Dem Fußballweltverband Fifa wirft er vor, sich auf die Beobachtung der Spiele in den höchsten Ligen und um nationale Pokale zu beschränken.

Auch große Verbände in Europa machten sich nicht die Mühe, ihre Amateurligen lückenlos zu kontrollieren, sagt er. Doch genau dort, in den unteren Spielklassen, in denen die Kicker nicht so viel Geld verdienen, sei die Korruption am stärksten verbreitet. Ein Land habe das verstanden und dem Matchfixing konsequenter als die anderen den Kampf angesagt: die Ukraine. „Weil wir uns eingestanden haben, dass wir ein Problem haben“, sagt Baranca.

In Kiew war es eine Sensation, als der Italiener 2016 den Ethik-Ausschuss des ukrainischen Fußballverbandes übernahm. Er ist eine international anerkannte Autorität, er leitete früher die juristische Abteilung eines großen europäischen Wettanbieters – auch Buchmacher genannt –, bevor er die Fußballverbände Spaniens und Italiens im Kampf gegen Betrüger beriet.

Im Wetten liegt der Ursprung des Übels. Internationale Buchmacher setzen laut der englischen »Sunday Times« mit Sportwetten jährlich 1,4 Billionen Pfund um, davon mehr als eine Billion in Asien. Fußballspiele sind besonders beliebt. Auf sie entfielen in Asien 90 Prozent des gesamten Sportwetteinsatzes, schätzt die »South China Morning Post«.

Vor allem China, Singapur und Malaysia sind für exzessive Zockerei auf Fußballspiele bekannt. Dort wetten viele Menschen nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch darauf, welche Mannschaft bestimmen darf, auf welcher Seite des Platzes sie das Spiel beginnt, sie wetten auf den Halbzeitstand, die Zahl der Tore, der Pfostenschüsse und – während des Spiels – darauf, wer den nächsten Eckball bekommt. Sie wetten auf Champions-League-Partien, aber ebenso auf unterklassige Begegnungen in irgendeiner Provinzstadt irgendwo auf der Welt. „Nach meiner Kenntnis gibt es immer wieder auch Angebote, auf Spiele im deutschen Jugendfußball Wetten zu platzieren“, sagt Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei der Nichtregierungsorganisation Transparency International, die sich weltweit gegen Korruption engagiert.

Auch wenn bisher nur wenige Matchfixer strafrechtlich verfolgt wurden (siehe Randspalte auf Seite 95), ist der Zusammenhang zwischen Wetten und Manipulation offensichtlich. Ein Beispiel: In der Nachspielzeit des Champions-League-Finales zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool im Jahr 2018 in Kiew rannte ein Zuschauer auf den Rasen, verkleidet mit der gelben Weste eines Stewards. Auf sein Auftauchen, meldete der ukrainische TV-Kanal 24, seien bei südostasiatischen Buchmachern enorme Summen gesetzt worden. Den Autoren sind in Kiew mehrere Männer bekannt, die von einem Bestechungsversuch berichten: Einer von ihnen ist Serhii Filimonow, ein Architekt, Freistilringer und Dynamo-Kiew-Fan. Er erklärt, dass ihm vor der Partie 5000 Dollar geboten wurden, wenn er während des Spiels aufs Feld laufen würde. „Gutes Geld, aber solche Sachen macht man nicht“, sagt er.

Laut Francesco Baranca, dem Italiener im Dienste des ukrainischen Fußballs, wisse man oft schon nach kurzer Zeit, wenn ein Fußballspiel nicht sauber sei. „Statistisch ist es wenig wahrscheinlich, dass ein Match 3:3 endet“, sagt er. „Diese Wahrscheinlichkeit sinkt mit jeder Spielminute, in der es noch 0:0 steht.“ Dementsprechend stiegen die Gewinnquoten auf solch ein Torfest von Minute zu Minute. Bei einem manipulierten Spiel hingegen, bewege sich die Gewinnquote schon beim Stand von 0:0 nach unten. Denn: „Wer das Ergebnis vorher kennt, setzt sofort enorme Summen auf dieses 3:3.“

In der Ukraine begann man im Jahr 2015 verstärkt gegen Matchfixing vorzugehen. Seitdem gibt es im ukrainischen Strafgesetzbuch den Paragrafen 369, Artikel 3: „Widerrechtliche Einflussnahme auf offizielle Sportwettkämpfe“. Der Strafenkatalog reicht von 4000 Hrywna (knapp 140 Euro) Bußgeld bis zu fünf Jahren Haft. Ein vergleichbares Gesetz gab es zuvor nur in Italien.

Baranca hat aus Italien zwei ehemalige Profispieler mitgebracht, außer ihnen studieren auch drei ukrainische Fußballveteranen verdächtige Partien und die Wetteinsätze auf den südostasiatischen Wettportalen. Sie beobachten dabei das Geschehen nicht nur in den Profi-, sondern auch in den Amateurligen. Barancas Ausschuss kann Spieler, Trainer oder Schiedsrichter verhören, der Fußballverband kann sie sperren. Strafrechtlich belangen kann sie aber nur die Justiz. Daher gibt Baranca Hinweise zu Auffälligkeiten an Andrij Dawydenko weiter, den Chef einer Gruppe zur Untersuchung manipulierter Fußballspiele, die vor vier Jahren innerhalb der ukrainischen Polizei gebildet wurde.

Dawydenko ist ein hagerer, unauffälliger Mann. Er sitzt auf der Veranda eines Cafés am Kiewer Sophienplatz, trinkt schwarzen Kaffee. Er erzählt von einem Spiel in der zweiten ukrainischen Liga. Der Favorit Iljitschjowez kam gegen ein Team namens Hyrnik-Sport kaum über die Mittellinie, lag zur Halbzeit völlig verdient 0:1 zurück, schoss dann aber doch noch einen 3:1-Sieg heraus. Damals habe es in Asien enorme Einsätze auf drei Wetten gegeben: 1. Iljitschjowez gewinnt mit zwei Toren Unterschied. 2. Dabei fallen mindestens vier Tore. 3. Hyrnik-Sport führt nach der ersten Hälfte. Vor allem Letzteres galt als ziemlich unwahrscheinlich und soll den Wettgewinnern das Siebzehnfache ihres Einsatzes gebracht haben.

2018 seien 35 von 52 ukrainischen Profiklubs in Schiebereien verwickelt gewesen, sagt Dawydenko. Seine Fahnder seien fünf Banden auf die Spur gekommen, die einen großen Teil der Spiele in der zweiten und dritten Liga manipulierten und die Jugend- und Nachwuchsmannschaften der Erstligaklubs bearbeiteten.

Spieler der zweiten ukrainischen Liga verdienen oft keine 1000 Euro im Monat, der Nachwuchs muss sich manchmal mit Kost und Logis zufriedengeben. Zweitligakicker kann man für umgerechnet 500 bis 4000 Euro, ganze Nachwuchsmannschaften für 5000 Euro schmieren. In Südostasien werden auf ihre Spiele gern mal 100.000 Dollar gesetzt – und je nach Ergebnis ein Vielfaches davon gewonnen.

Barancas Ethik-Ausschuss hat Hunderte Fußballer verhört, die in manchen Spielen verdächtig schlecht waren. Die meisten leugnen, bestochen worden zu sein, auch die jungen Spieler. Um die macht sich Barancas Mitarbeiter Witalij Danyltschenko besonders Sorgen: „Sie beginnen, an zwei Wirklichkeiten zu glauben, die einander ausschließen“, sagt er. „Heute wollen sie ein paar Hundert Dollar verdienen, indem sie auf dem Platz absichtlich versagen. Aber morgen, denken sie, spielen sie so toll, dass ganze Stadien begeistert sind und sie reich und berühmt werden.“

Baranca und seine Leute haben eine Methode gefunden, die Nachwuchsmannschaften vor Korruption zu schützen. Asiatische Buchmacher nehmen nur Wetten auf Spiele an, die vom Publikum live verfolgt werden können. Dafür braucht es einen sogenannten Scout vor Ort, der die wichtigsten Ereignisse wie Tore, Elfmeter oder Verwarnungen per Handy an den Provider durchgibt, der die Spiele plus Liveticker in Asien anbietet. Diese Scouts nehmen sich Barancas Leute vor. Nachwuchsspiele sind überschaubare Veranstaltungen. „22 Spieler, die Ersatzspieler, die Trainer, ein Dutzend Fans, ein Dutzend Verwandte“, sagt Danyltschenko. Der Scout stehe meist etwas abseits, hantiere ununterbrochen mit seinem Smartphone und falle daher schnell auf. „Wir gehen zu ihm, stellen uns als Vertreter des Fußballverbandes vor und bitten ihn, gefälligst zu verschwinden.“ Das funktioniere so gut, dass bei den Spielen der Jugendmannschaften von Erstligaklubs inzwischen keiner dieser Leute mehr auftaucht. Ohne sie gibt es keine Wetten – und keine Schiebereien.

Im Büro des Chef-Fahnders Dawydenko stapeln sich die Protokolle abgehörter Telefonate und Videokassetten mit heimlich gemachten Aufnahmen. Ein Film zeigt, wie der Präsident des Zweitligaklubs PFC Sumy einem Schiedsrichter 100 000 Hrywna (gut 3200 Euro) zuschiebt. Es passierte unter dem Tisch einer McDonald’s-Filiale an der U-Bahnstation Schuljawka in Kiew. „Gefilmt aus einer Damenhandtasche“, sagt Dawydenko. Der PFC Sumy verlor im April 2019 seine Lizenz.

Inzwischen stehen 200 Personen auf Andrij Dawydenkos Verdächtigenliste, es gibt mehrere Geständnisse, 90 Schiedsrichter wurden verhört und zum Teil gesperrt, einige Spieler lebenslang disqualifiziert. Elf Hauptverdächtigen droht eine erste Anklage. Die Ukrainer haben im Kampf gegen Matchfixing einiges erreicht. Aber vor Gericht verurteilt wurde bislang kaum einer der in Banden organisierten Betrüger. Vielmehr seien sie in die russischsprachige Nachbarschaft ausgewichen, nach Georgien, ins Baltikum oder nach Weißrussland. Dorthin, wo es keine Sprachbarriere gibt und wo ukrainische Fußballer spielen, die man rekrutieren kann.

Dawydenko sagt, er wolle weiter ermitteln, bis die Betrüger hinter Gittern landen. Allerdings warten er und seine Kollegen schon mehr als ein Jahr auf das Ergebnis einer Anfrage der Staatsanwaltschaft an das internationale Onlinewettbüro Sbobet auf den Philippinen, wo die Hauptverdächtigen Konten besaßen, über die ihre Einsätze liefen. Die Antwort würde ihre Schuld beweisen. Aber weder das philippinische Wettbüro noch die ukrainische Staatsanwaltschaft scheinen es eilig zu haben.

Zudem könnten die Betrüger von einer Gesetzesklausel profitieren, nach der in der Ukraine nur jene Sportwettkämpfe offiziell sind, die im Kalender des Sportministeriums auftauchen. Dort sind bis 2018 die Erstligaspiele sowie das Pokalfinale eingetragen, nicht aber die Spiele der unteren Ligen. Nur die Manipulation offizieller Wettkämpfe ist strafbar.

Viele Beamte, Funktionäre und Fußballer betrachten Matchfixing immer noch als Kavaliersdelikt. Der Erstligaklub Olimpik Donezk beschimpft Baranca in einem offenen Brief als „Inquisitor“. Der Italiener wollte dem Klub im vergangenen Jahr die Profilizenz entziehen, denn dessen U-19- und U-21-Mannschaften waren nach 37 äußerst verdächtigen Spielen gesperrt worden. Eigentlich wäre der Lizenzentzug laut Verbandsstatuten folgerichtig. Aber die Bosse anderer Klubs machten sich für Olimpik stark, und so spielt der Klub weiterhin in der höchsten Liga.

Schon als die Ukraine noch zur Sowjetunion gehörte, war Schieberei im Fußball an der Tagesordnung, es ging es um politische Eitelkeiten. Dass Dynamo Kiew damals so erfolgreich war, lag auch daran, dass hinter dem Verein die kommunistische Parteiführung der ukrainischen Sowjetrepublik stand. Sie nötigte die sechs anderen ukrainischen Klubs in der Unionsliga, Punkte gegen Dynamo abzugeben, damit Kiew gut dastand in der Konkurrenz mit den Moskauer Vereinen Spartak, ZSKA und Lokomotive. Nach dem Fall der Sowjetunion fielen die politischen Motive weg, aber die Korruption blieb. 1995 berichtete der spanische Schiedsrichter Antonio López Nieto, dass Ihor Surkis, damals Manager und jetzt Präsident von Dynamo Kiew, ihm vor einem Vorrundenspiel der Champions League gegen Panathinaikos Athen für einen Kiewer Sieg zwei Nerzmäntel und 30 000 Dollar geboten habe.

Schiebereien im ukrainischen Fußball haben Tradition, der Kampf dagegen ist mühsam. Sogar Größen wie Oleksandr Sewidow sind darin verwickelt. Die ganze Ukraine verehrte den früheren Trainer für den kühnen Angriffsfußball, den er spielen ließ. Doch Sewidow trainierte die Elf von Iljitschjowez bei dem offensichtlich manipulierten 3:1 Sieg gegen Hyrnik-Sport. Und später hörte Andrij Dawydenko Mitschnitte von Telefonaten, in denen Sewidow gegenüber Matchfixern klagte, er habe eine Wohnung gekauft, einen Kredit am Hals und brauche dringend Geld.“

Der Fahnder sagt, er glaube niemandem mehr im Fußball. Dennoch trägt er heute ein blau-weißes Trikot, die Farben von Dynamo Kiew. Die Mannschaft spielt an diesem Abend, und Dawydenko wird ins Stadion gehen. Er kann nicht anders, er liebt diesen Sport, trotz allem. ---

Matchfixing

In den Achtzigerjahren begann mit dem rasant wachsenden Wettmarkt in Südostasien der Aufstieg der Matchfixer. Banden manipulierten erst in Singapur und China, dann auch in Europa Fußballspiele. Sie sind international vernetzt, bestehen meist aus ehemaligen Spielern, Schiedsrichtern, Trainern und Sportreportern. Der Boss hat die Ideen und Verbindungen, mehrere Gehilfen sind ständig bemüht, den Pool von bestechlichen Spielern auszuweiten. Wichtig ist auch ein IT-Mann, der online den Kontakt zu Südostasien hält und dort bei offiziellen Buchmachern auf Spiele wettet. Während manche europäischen Wettbüros nur Einsätze bis zu 70 Euro erlauben, kann man auf asiatischen Portalen pro Mausklick 5000 Dollar platzieren. Nach Ansicht ukrainischer Ermittler dulden große asiatische Wettbüros die meist fünfstelligen Betrugsgewinne, weil sie selbst Milliardenumsätze machen. Allerdings werden die legalen Buchmacher inzwischen von internationalen Ermittlern beobachtet, etwa der Schweizer Firma Sportradar, die weltweit mehr als 560 Wettbüros kontrolliert – und auch für den Deutschen Fußball-Bund arbeitet. Ihre Computerprogramme schlagen bei verdächtigen Einsätzen Alarm. Ein Großteil der Betrüger scheint deshalb ins Darknet auszuweichen, zu illegalen Wettanbietern.

Nur wenige Betrüger wurden bisher strafrechtlich verurteilt. Einer ist der ehemalige kroatische Amateurfußballer Ante Sapina. Weil er und seine zwei Brüder Spiele in Deutschland manipuliert hatten, wurde Sapina 2014 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Der weltweit bekannte Drahtzieher Dan Tan, wegen Matchfixings in Italien und Ungarn angeklagt, kam zwar in seiner Heimat Singapur für fünf Jahre in Untersuchungshaft, ist aber wieder auf freiem Fuß. Im Oktober 2018 gab es in Belgien nach einer Großrazzia bei neun Topklubs fünf Haftbefehle, zwei gegen Spielervermittler. Aber nach Ansicht der Experten handelt es sich bei solchen Ermittlungserfolgen nur um die Spitze eines Eisberges. Der Bochumer Kriminalhauptkommissar Michael Bahrs, dessen Soko 2009 maßgeblich an Sapinas Entlarvung beteiligt war, sagte dem Deutschlandfunk: „Das bestehende kriminelle Netzwerk ist ja jetzt nicht von der Bildfläche verschwunden, weil wir damals ein paar Haftstrafen generieren konnten.“