Was Menschen bewegt

Peter Watson züchtet auf seiner Farm in Südafrika Krokodile, deren Leder begehrt ist. Der Job ist hart, nicht nur weil ihn Umweltschützer und neuerdings auch Modekonzerne unter Druck setzen.





Die Teile der Krokodilhaut, die für den internationalen Markt nicht perfekt genug sind, verarbeitet der Farmer jetzt selbst weiter. Zum Beispiel zu Gürteln. Rechts: Im Beisein der Fotografin wurde Watson von einem Krokodil gebissen – mal wieder

• Über seinen Arm zieht sich eine lange blaue Narbe, über seine Wade laufen zwei tiefe weiße Rillen. Immer wieder wurde er verletzt, an der Hand, an der Schulter, am Fuß. Er hat gesehen, wie ein Mann einen Finger verlor und ein anderer fast sein Bein. Peter Watson ist kein Soldat. Er ist auch kein Arzt ohne Grenzen, kein Extremsportler. Peter Watson ist im Handtaschen-Business.

Seit 40 Jahren züchtet er in Südafrika Krokodile, für die Modeindustrie in Paris, Mailand und Tokio. Aus dem Leder seiner Echsen werden Handtaschen und Uhrbänder gemacht, Gürtel und Schuhe. „In unserem Geschäft“, sagt Watson, „gehören Verletzungen einfach dazu. Wer Elektriker ist, bekommt mal einen Schlag, wer Krokodile züchtet, wird gebissen.“ Watson ist also ein harter Kerl, Typ Wind und Wetter, ein Überlebenskünstler. Das muss er auch sein.

Watson steht in der Rangordnung einer milliardenschweren Luxusindustrie ziemlich weit unten. Seine Existenz hängt davon ab, was Menschen am anderen Ende der Welt für schön halten – und für vertretbar.

Kaum ein Material ist so teuer, so exklusiv, so umstritten wie Kroko-Leder – es ist der SUV der Fashion-Branche. Zehn Prozent ihres Handtaschen-Umsatzes machen Luxuskonzerne mit exotischem Leder, also mit Krokodil, Strauß und Schlange. Bis zu 150.000 Euro kann eine einzige Kroko-Tasche von Hermès kosten. Die Laptop-Hülle mit Kroko von Prada: 2100 Euro. Für manche ist das der Gipfel der Eleganz, ein Statussymbol, das man sich leisten können muss. Für andere ist es Tierquälerei. Fast jeder trägt Schuhe aus Schafs- oder Taschen aus Rindsleder. Aber bei Krokodilleder fragen viele: Braucht man das? Muss das sein? Gehört das nicht verboten?

„Der Unterschied zwischen einer Kuh und einem Krokodil“, sagt Watson, „ist, dass die Kuh nicht so fiese Zähne hat.“ Für ihn sind die Reptilien nicht exotisch, sie sind Teil seines Alltags. Es ist acht Uhr morgens. Der Himmel hängt grau über Watsons Farm an der Ostküste Südafrikas. „Guten Morgen, Hannibal“, sagt Watson. Hannibal sagt nichts. Er ist ein Krokodil, Watsons Lieblingstier, fünf Meter lang, 600 Kilo schwer. Der Regen tropft von Bäumen und Büschen auf Watsons schütteres Haar und Hannibals Schuppen. „Er ist der Einzige hier, der so alt ist wie ich“, sagt Watson und lacht. Er selbst ist Jahrgang 1940, bei Hannibal weiß man das nicht genau. Aber 80 könnte auch er sein. Ein alter Mann und ein altes Krokodil also. Watson sagt: „Ein ganz normaler Farmer mit seinem ganz normalen Vieh.“

„Viele Menschen denken, wir machen Handtaschen aus wilden Krokodilen“, sagt Watson. Aber das sei natürlich Unsinn. Seine Tiere sind alle in Gefangenschaft geboren. Es sind Farmkrokodile, Zuchtreptilien. Auf Watsons Farm, Crocodile Creek, gibt es Hallen für Babykrokodile, eine Kroko-Eier-Brutkammer und Dutzende Tümpel, Gehege und Pools. Arbeiter in Gummistiefeln spritzen Dreck weg, Wasserpumpen brummen, es riecht nach Feuchtigkeit und – wie auf jeder Farm – nach Tieren.

Etwa 7000 Tiere leben auf Crocodile Creek. 1500 schlachtet Watson jedes Jahr und verkauft ihre Häute. Das klingt nach vielen Reptilien, aber Crocodile Creek ist nur eine mittelgroße Farm. Südafrika ist der größte Exporteur von Kroko-Leder auf dem Kontinent. Es gibt zwischen 60 und 80 Krokodilfarmen hier, mit mindestens einer halben Million Tieren. „Und trotzdem“, sagt Watson, „behaupten die Bunnyhugger, Krokodile seien eine gefährdete Art.“ „Bunnyhugger“, Kaninchen-Kuschler, so nennt er Tierfreunde, die mehr auf Social Media unterwegs sind als in der Natur. Die könnten einen Alligator nicht von einem Krokodil unterscheiden, aber erzählten ihm was von gefährdeten Arten. „Die wissen nichts“, sagt Watson, „die kennen nicht einmal die Fakten.“

Hier also die Fakten: Krokodile wurden lange gejagt. Das Nil-Krokodil stand kurz vor dem Aussterben. Seit es die Farmen gibt, haben sich die Bestände erholt. Krokodile werden heute gezüchtet, kaum mehr gejagt. Watson sagt, insofern hätten die Farmer die Tiere gerettet. Er muss das sagen, er verdient mit Krokodilen sein Geld. Fakt ist auch: Ja oder Nein zu Kroko zu sagen, das ist eben nicht nur eine Frage von Statistiken. „Darüber zu streiten“, sagt er, „ist wie über Religion zu diskutieren.“ Es geht darum, was man glaubt und woher man kommt. Es ist eine Frage der Perspektive. Und Watsons Perspektive ist und war schon immer afrikanisch.


Zur Fütterungszeit kommen die Tiere aus den Becken. Sie fressen ausschließlich Fleisch, gern mögen sie Huhn

Peter Watson wurde 1940 in Kitwe geboren, im heutigen Sambia. Damals hieß das Land noch Nord-Rhodesien, und Kitwe war eine Kleinstadt am Rand der Wildnis. „Jeder, den ich kannte, wuchs mit einem Fuß im Busch auf“, sagt Watson. Er und seine Freunde schossen Vögel und kletterten auf Felsen. Watson liebte den Busch – die rote Erde, den Geruch nach dem Regen, das Hitze-Knacken der Trockenzeit. Aber mit Anfang 20 wollte er mehr: Er wollte die Welt sehen. Es war das Jahr 1963, Kenia erklärte seine Unabhängigkeit, in den USA wurde John F. Kennedy ermordet, und Martin Luther King hielt seine berühmteste Rede. Für Watson war es das Jahr, in dem er auf Weltreise ging und Linda kennenlernte.

Er reiste durch Uganda und Kenia, Tansania und den Sudan, nach Ägypten und von dort aus nach Europa. Irgendwann landete er in Brüssel. Es war ein sonniger Tag, eine junge Frau auf einem Motorrad hielt vor Watsons Hostel. Auf ihrer Stoßstange klebte ein Sticker: „Australia“. Watson rief ihr zu: „Ihr verdammten Australier verschmutzt immer die Gosse.“ Sechs Monate später heirateten die beiden. Linda zog mit Watson nach Afrika, in seine Heimat. „Als wir zurückkamen, hatten wir nichts“, sagt Watson. „Nur zwei Koffer voller Klamotten und sieben Britische Pfund.“

Heute, 56 Jahre später, leben Watson und Linda in einem Haus mit vier Zimmern. Es gibt einen kleinen Pool, vor der Tür steht ein verbeulter Geländewagen. „Ich fahre keinen Mercedes, aber mein Leben war gut“, sagt Watson. „Ich musste nie ins Büro. Ich stand nie im Stau. Ich war immer draußen.“ Er und seine Frau haben drei Kinder. Die Farm möchte keines von ihnen irgendwann übernehmen. „Weil Kroko-Leder so teuer ist, denken die Leute, wir Züchter sind Millionäre“, sagt Watson. Aber das Gegenteil sei der Fall. Nur sechs Prozent des Handtaschen-Preises kommen bei den Farmern an. „Das Business ist hart“, sagt Watson. Und in letzter Zeit wird es immer härter.


In welches Becken die Tiere kommen, hängt von ihrem Alter ab


Peter Watson zeigt einen winzigen Makel der Krokodilhaut, der auf dem Markt schon zu einem deutlichen Wertverlust führt.


Krokodilhaut im Lager.

Mehr und mehr Luxuskonzerne steigen ins Farm-Business ein. Und das im großen Stil. Der Markt konsolidiert sich. In Australien gibt es zum Beispiel nur noch 13 Krokodilfarmen, 6 davon gehören Hermès und Louis Vuitton. Früher haben die großen Marken auch bei kleineren Farmen gekauft. Heute wollen sie die ganze Produktionskette kontrollieren. Und an jedem Produktionsschritt verdienen.

„Wenn das so weitergeht“, sagt Watson, „lohnt sich das Geschäft bald nur noch für Mega-Farmen.“ Denn wer Krokodile züchtet, braucht viel Kapital und einen langen Atem. Weibliche Tiere legen erst nach zehn bis zwölf Jahren zuverlässig Eier. Erst nach zwanzig kann man sie wirklich für die Zucht gebrauchen. Bis dahin kosten sie Geld. Freiluftgehege, Schwimmbecken, Brutstationen benötigen Platz und müssen finanziert werden. Dazu kommen Personalkosten und Futter. „So etwas wie billiges Kroko-Leder gibt es nicht“, sagt Watson. Vier Jahre lang muss man ein Krokodil füttern, bis es Schlachtgröße erreicht. In all der Zeit frisst es kein Heu oder Soja, es frisst nur Fleisch.

Es ist 13 Uhr, ein totes Huhn fliegt durch die Luft. Ein zweites. Ein drittes. Plastikwannen voller Hühner werden in die Becken geleert. Reptilien, groß wie Pick-ups, schnellen hoch und schnappen nach Fleisch. Wasser spritzt auf Beton. Hühnerfedern fliegen durch die Luft wie Schneeflocken. Ein riesiges Krokodil hievt sich auf seine Konkurrenten. Schnapp, macht das Krokodil. Schnapp. „Es sind Raubtiere“, sagt Watson, „mit einem ausgeprägten Sozialverhalten.“ Sie kämpfen und beißen und liegen aufeinander. Watson will seine Tiere möglichst artgerecht halten. Das sei gut für sie, aber inzwischen leider schlecht fürs Geschäft.

Krokodil-Haut wird pro Quadratzentimeter bezahlt – und nach Qualität. Der Preis für ein Stück Spitzen-Leder ist seit den Neunzigerjahren stabil: Zwischen sieben und zwölf US-Dollar kostet der Quadratzentimeter. Aber: „Eine Haut, die vor zwanzig Jahren noch Spitze gewesen wäre“, sagt Watson, „ist heute höchstens dritt- oder viertklassig.“ Die Modebranche will immer makelloseres Leder. Eine einzige Narbe senkt den Preis auf zwei oder drei Dollar – selbst wenn sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Watsons Käufer begründen das mit den Ansprüchen ihrer Kunden: Wer eine Tasche für 30.000 Euro kaufe, erwarte eben beste Qualität. Watson widerspricht: Es gehe ihnen nur darum, den Preis zu drücken. „Dass die Modeindustrie Häute wie aus dem Labor will, ist absurd“, sagt er. Der einzige Weg, das zu erreichen, sei, Krokodile in Einzelkäfigen zu halten. Es gibt große Farmen, auf denen das bereits passiert. Peter Watson will das nicht. „Das“, sagt er, „ist wirklich keine artgerechte Haltung.“


Ein Mitarbeiter behandelt die Krokodilhaut, nachdem sie abgezogen wurde. Schon bei lebenden Krokodilen wird die Qualität der Haut regelmäßig geprüft.


Zertifiziertes Leder, fertig für den Export. Weil auf dem internationalen Markt die Preise für Leder sinken, stellt Peter Watson nun selbst Schuhe her, so wie die neben der Katze.

Alles, was Watson über Krokodile weiß, hat er sich selbst beigebracht. In Sambia war er Manager einer Batterie-Fabrik, er hat Autoreifen verkauft und Schwimmbäder gebaut. „Uns ging es dort gut“, sagt er, „aber Ende der Siebzigerjahre wurde Sambia einfach zu instabil.“ Er und Linda wollten weg, irgendwohin, wo es sicherer war, wo ihre Kinder auf bessere Schulen gehen konnten. Also zogen sie nach Südafrika, und Watson brauchte einen neuen Job. Bei einem Mittagessen erzählte ein Freund ihm von der Krokodilzucht. Die Branche sei jung, sagte er, und exotisches Leder gefragt. Vielleicht sei das ja etwas. Der Freund fragte: „Was weißt du über Krokodile?“ – „Eigentlich nichts“, sagte Watson, „sie sind verdammt hässlich und leben im Wasser.“ Zwei Jahre später gründete er Crocodile Creek. Er hatte 60 Reptilien, einen Mitarbeiter und keine Ahnung.

Watson lernte, dass Krokodile nur einmal im Jahr schlüpfen, zu Weihnachten. Er lernte, was sie am liebsten fressen: Hühnchen und leichtsinnige Affen. Und er lernte, wie man ein Krokodil schlachtet. Die Tiere werden betäubt, dann stößt man ihnen ein Skalpell in den Schädel. Anschließend wird die Haut abgezogen und gesäubert, mit Pestiziden desinfiziert, mit Salz haltbar gemacht und bei vier Grad Celsius mindestens eine Woche lang gelagert. Von Afrika aus reisen die Häute dann um die Welt. Die besten Gerber sitzen in Singapur, Italien und Frankreich. Dort wird das Leder behandelt, weich gemacht, tragbar. Aber beim Gerben verlieren die Häute die Farbe. Am Ende sind alle Krokos grau. Deswegen wird das Leder gefärbt, manchmal krokofarben, manchmal rot, blau und gelb. So wird aus Raubtieren Mode.

Wie viel er mit seiner Farm verdient, möchte Watson nicht sagen. Nur so viel: Es habe gereicht, um drei Kinder auf die besten Schulen des Landes zu schicken. Auch wer genau seine Kunden sind, behält er für sich. Früher ging ein Großteil seiner Häute nach Deutschland, heute nach Italien, China und Japan. Mehr verrät er nicht. Keine Marken, keine Namen. Man könnte glauben, Watson sei etwas paranoid. Fragt man ihn, wie er den Reptilien die Eier wegnimmt, sagt er: „Ich haue ihnen mit einem goldenen Hämmerchen auf die Nase.“ Fragt man ihn, wie er die Tiere schlachtet, sagt er: „Ich haue ihnen mit einem goldenen Hämmerchen auf den Kopf.“ Man muss schon sehr oft nachfragen, bis er sagt: „Ich muss verdammt vorsichtig sein.“

Watson will nicht die nächste Schlagzeile produzieren. Er züchtet Tiere und schlachtet sie, wie jeder Farmer. „Aber wenn ich schlachten sage, hören die Leute Mord. Wenn ich vom Häuten spreche, denken sie an Tierquälerei.“ Dabei sieht Watson sich als Tierfreund. „Für mich sind Krokodile keine Säcke Zement“, sagt er, „ich bin fasziniert von ihnen.“

Seit ein paar Jahren ist Crocodile Creek nicht mehr nur eine Farm. Watson hat einen kleinen Zoo bauen lassen, ein Bistro mit Kroko-Burgern, einen Shop mit Kroko-Produkten. Es ist 16 Uhr. Es regnet immer noch. Besucher drängen sich unter Regenschirmen und bestaunen Hannibal, das 80 Jahre alte Riesenkrokodil. Viele von ihnen sind Afrikaner, manche Touristen aus dem Ausland. Einmal, erzählt Watson, fragte ein Frau: „Können wir die Krokodile streicheln?“ Es war eine Deutsche, natürlich. „Die dümmsten Fragen“, sagt er, „kommen immer von Europäern.“ Er lacht. Eigentlich ist ihm das egal. Um die Europäer geht es ihm nicht.

Seine Zielgruppe sind Afrikaner. Sie sollen mehr über Krokodile lernen. Und wenn es nach Watson geht, sollen sie in Zukunft auch mehr Kroko-Leder tragen. Er will endlich vom Rest der Welt unabhängig sein. Er hat eine Idee: Er will selber Mode machen. „Ragged Africa“ soll seine Marke heißen, frei: raues Afrika. „Der Markt hier ist bereit für eigene Luxusprodukte“, sagt Watson. „Die Leute haben Geld.“ Und: „Sie wollen kein Leder wie aus dem Labor.“ Davon ist er überzeugt. Ragged Africa soll sein wie der Kontinent, den er liebt, schick, aber afrikanisch: Jeep statt Maserati, Hitze statt Wärme, Schuhe aus Raubtieren und „Kühe mit fiesen Zähnen“. Nicht Paris. Nicht Tokio. Afrika eben. Nächstes Jahr soll es richtig losgehen, dann will Watson die ersten selbst produzierten Kroko-Jacken verkaufen.

Er wird dann 81 Jahre alt sein, Hannibal, sein Lieblingskrokodil, natürlich auch. Manchmal, wenn Watson Besucher durch seinen Zoo führt, fordert er sie auf zu wetten: Wer überlebt länger, er oder das Krokodil? Die Leute lachen dann verschämt. Sie fühlen sich unwohl. Watson gefällt das. Er selbst, sagt er, würde immer auf Hannibal setzen. ---


Fast freundlich: eines von Peter Watsons Lieblingstieren