Was wäre, wenn …

Ein Szenario.





• Der Umsatz mit Biolebensmitteln ist in den vergangenen 20 Jahren langsam, aber stetig von rund zwei auf zwölf Milliarden Euro gestiegen. Inzwischen wird etwa ein Zehntel der Landwirtschaft in Deutschland nach ökologischen Kriterien betrieben: Wertet man die Nutzfläche aus, so sind es 8,9 Prozent; zählt man die Betriebe, sind es 11,7 Prozent. Weltweit liegt der Bio-Anteil an der Landwirtschaft hingegen nur bei rund einem Prozent. Doch was wäre, wenn es – sei es in Deutschland oder sogar weltweit – nur noch biologische Landwirtschaft gäbe?

Ließe sich die Menschheit auch mit den Ernten aus biologischem Anbau noch ernähren? Die Antwort der Experten lautet einhellig: nein. Zumindest nicht, wenn die sonstigen Rahmenbedingungen dieselben blieben. So hat das Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) errechnet, dass weltweit ein Drittel mehr Agrarfläche nötig wäre als heute, würde man die Landwirtschaft bis zum Jahr 2050 auf Bio umstellen.

Bliebe die Fläche so, wie sie ist, dürften nur noch halb so viele Lebensmittel weggeworfen werden wie bisher (in Deutschland sind das allein elf Millionen Tonnen jährlich, ohne Verluste in der Landwirtschaft). Außerdem müssten die Menschen ihren Fleischkonsum massiv reduzieren. „Vor allem Schwein und Geflügel dürften nur noch selten verzehrt werden, denn statt Getreide und Soja für die Fütterung müsste Nahrung für den Menschen angebaut werden“, sagt auch Sabine Zikeli, Leiterin des Zentrums Ökologischer Landbau der Universität Hohenheim. „Einige Rinder, Schafe und Ziegen könnten auf Flächen grasen, die sich als Ackerfläche nicht eignen, und mit Kleegras gefüttert werden. Geflügel und Schweine könnten nicht anderweitig verwertbare Essensreste und andere Reststoffe bekommen.“

Ohne solche Veränderungen wäre eine komplette Ernährung aus Biolandwirtschaft kaum möglich. Auch eine britische Studie aus dem Jahr 2019 kommt zu diesem Ergebnis. Würden England und Wales sich komplett der Biolandwirtschaft verschreiben und die Ess- und Wegwerfgewohnheiten gleich bleiben, müssten durch die rund 40 Prozent niedrigeren Erträge deutlich mehr Lebensmittel importiert werden. Das wiederum würde insgesamt nicht nur mehr Ackerfläche erfordern, sondern auch erhöhte Emissionen durch den Transport verursachen. Und zwar mehr als die 20 Prozent an Treibhausgasen, die durch die Umstellung in England und Wales eingespart würden.

Vorteilhaft wäre eine Umstellung auf Biolandwirtschaft für Boden und Grundwasser. „Die hohen Stickstoffeinträge aus der konventionellen Landwirtschaft belasten das Oberflächen- und Grundwasser stark“, sagt Sabine Zikeli. „Dieses Problem wäre bei einem komplett biologischen Anbau kaum noch vorhanden.“ Deutschland drohen derzeit wegen wiederholter Verletzung der EU-Grenzwerte Strafzahlungen von bis zu 850 000 Euro pro Tag.

„Auch die Biodiversität wäre höher“, so Zikeli. „Es gäbe weniger Monokulturen, mehr Beikräuter, eine diversere Artenzusammensetzung und die verbleibenden Nutztiere – wohl auch mehr unterschiedliche Arten, mehr Schafe und Ziegen als heute – wären draußen.“

Auch einige physikalische Eigenschaften des Bodens würden laut Zikeli verbessert: Regen könnte beispielsweise besser eindringen, was bei Starkregen Überschwemmungen vorbeugen könnte. Erosion käme aber beim Bioanbau in etwa noch genauso häufig vor.

Was den Nährstoffgehalt angeht, sind biologisch angebaute Lebensmittel den konventionellen nicht automatisch überlegen. Zwar entfallen Rückstände von Pestiziden und chemischen Düngemitteln, aber wie viele Vitamine enthalten sind, wird stärker vom Standort und der Sorte bestimmt als von der Anbauweise.

Laut der FiBL-Studie würde man mit der ökologischen Landwirtschaft aber bis zu 27 Prozent weniger Energie verbrauchen – weil kein künstlicher Stickstoffdünger mehr hergestellt werden müsste.

Eine Region, die bei der Diskussion immer wieder als Vorzeigebeispiel dient, ist der indische Bundesstaat Sikkim (siehe auch „Der Biostaat“, brand eins 04/2018). In dem zweitkleinsten Staat des Landes darf seit Januar 2016 nur noch ökologische Landwirtschaft betrieben werden. Der dortige Ansatz lässt sich jedoch nicht pauschal auf den Rest der Welt übertragen: In Sikkim dominieren Gartenanbau und Kleinbetriebe, es gibt wenig Viehzucht und großflächigen Ackerbau, und die ohnehin geringen Erträge machen die leicht schrumpfenden Bioernten weniger dramatisch. Zudem muss in der bergigen himalayischen Landschaft viel per Hand gejätet werden, eine manuelle Schädlings- und Unkrautbekämpfung bedeutet also kaum Zusatzaufwand und erleichtert den Verzicht auf Chemie.

In anderen Gegenden der Welt ist es hingegen kaum möglich auf Bioanbau umzustellen: So gibt es etwa in vielen afrikanischen Ländern Flächen, auf denen ohne den Einsatz von Mineraldünger wie Phosphat kaum etwas wüchse. Für Bauern in armen Ländern ist allein das Risiko geringerer Erträge ein Grund, der gegen eine hundertprozentige Bioquote spricht. Ein kompletter Umstieg scheint also zu den gegenwärtigen Bedingungen weder möglich noch sinnvoll. Vermutlich ist eine graduelle Verbesserung beider Systeme – also eine umweltfreundlichere konventionelle Landwirtschaft und dort, wo es möglich ist, eine ertragreichere biologische – die realistischere Lösung. ---