Vince Ebert

Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert zog im Juli vergangenen Jahres für ein Jahr nach Manhattan, um in den dortigen Comedy Clubs aufzutreten. Am 17. März kehrte er vorzeitig nach Europa zurück, kurz bevor sich New York City zum Hotspot der Pandemie entwickelte. Seine Schilderungen handeln von einer Zeit, in der die Welt der Unterhaltung noch in Ordnung war.



Foto: © Frank Eidel


• Als ich mich entschloss, für ein Jahr in die USA zu gehen, lief meine Karriere ziemlich gut. Ich moderierte die ARD-Sendung „Wissen vor acht“, hatte Bestseller geschrieben und trat mit meinen Bühnenshows in großen Hallen auf. Und plötzlich fand ich mich in einem New Yorker Hinterhof wieder und flehte einen Veranstalter an, mich für zwanzig Dollar Gage in seinem kleinen Stand-Up-Club in Brooklyn auftreten zu lassen. Ich gebe zu, in diesem Moment habe ich mich ein bisschen gefühlt wie Brad Pitt in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Diesem Film, in dem das Leben des Protagonisten rückwärts läuft.

Aber wenigstens lebte ich meinen persönlichen American Dream. Allein die Tatsache, dass mich in New York niemand auf der Straße erkannte, habe ich schon sehr genossen – die ersten zwei Wochen. In der dritten ertappte ich mich dabei, wie ich am Times Square an einer deutschen Touristengruppe sehr, sehr auffällig vorbeigegangen bin. Und tatsächlich rief plötzlich einer: „Hey, den kenn’ ich! Das ist doch Kurt Krömer …“

Ich ging wortlos weiter, suchte den nächsten Starbucks auf und googelte mich dort auf dem Klo erst einmal selbst. Es war entwürdigend.

„Ist es nicht wahnsinnig schwer, in einer fremden Sprache witzig zu sein?“, fragen mich meine deutschen Freunde und Kollegen oft. Diese Frage ist natürlich berechtigt. Solange ich mich an mein vorbereitetes Material halten konnte, funktionierte es gar nicht schlecht. Doch in amerikanischen Clubs läuft sehr viel über Interaktion. Das Publikum erwartet einfach, dass man mit ihm in Kontakt tritt. Und da begannen für mich die Schwierigkeiten. Einmal habe ich von der Bühne herunter ein Pärchen in der ersten Reihe gefragt: „How long have you been together?“ Worauf er nuschelte: „Hey dude, she’s my sister.“ Unglücklicherweise habe ich ihn nicht richtig verstanden und stammelte zurück: „Great … äh … do you have children?“ Zugegeben, in meiner Odenwälder Heimat wäre das eine ganz normale Frage gewesen.

Überhaupt ist die Atmosphäre in einem New Yorker Stand-Up-Club ganz anders als auf einer deutschen Kleinkunstbühne. Das fängt damit an, dass die Zuschauer während der Show essen. Ich hatte die Sprache für eine wirkliche Challenge gehalten. Dann merkte ich: Die eigentliche Challenge ist, jemanden zum Lachen zu bringen, der gerade einen halben Cheeseburger im Mund hat.

Auch verhalten sich die amerikanischen Kollegen anders. Zum Beispiel trinken sie auf der Bühne ständig Wasser. Selbst dann, wenn sie nur ein ganz kurzes Set spielen. Jeder Comedian betritt die Bühne, stellt seine Wasserflasche auf den Barhocker und pumpt das Ding innerhalb seiner sieben Minuten weg. Nach jeder Pointe ein Schluck. Anscheinend haben amerikanische Komiker eine Heidenangst, auf der Bühne zu dehydrieren. Da sind wir deutschen Komiker aus einem ganz anderen Holz. Wir können dreieinhalb Stunden nonstop monologisieren komplett ohne Wasser. Und manchmal auch komplett ohne Pointen.

Mein Einstieg in die New Yorker Comedy-Szene lief über das American Comedy Institute. Kurz nach unserer Ankunft meldete ich mich dort für einen zweiwöchigen Stand-Up-Workshop an. Zusammen mit zehn anderen Comedians arbeitete ich während dieser Zeit intensiv an meinem Material. Erfahrene Comedy-Lehrer sezierten dabei jedes einzelne Wort, verbesserten unsere Pointen und arbeiteten intensiv an unserer Bühnenfigur. Am Ende des Kurses fand ein öffentlicher Abschlussabend im legendären Gotham Comedy Club statt, an dem jeder Kursteilnehmer seine stärksten fünf Minuten präsentierte.


„Boah, ist der langweilig, aber wir haben 40 Euro bezahlt …“

Zu meiner großen Freude lief dieser Abend für mich extrem gut. Die Leute lachten sich über einen Physiker, der mit starkem deutschem Akzent Witze über Georg Ohm, den Begründer des deutschen Widerstandes, machte, halb tot. Wenn Sie Lust haben, schauen Sie sich diesen Auftritt auf Youtube an.

Nach der Show sprach mich Rich, der Booker des Broadway Comedy Clubs, an und bot mir eine regelmäßige Präsenz in deren All-Star-Stand-Up-Show sonntagabends um 21 Uhr an. Begeistert sagte ich zu. Im Nachhinein war das Angebot jedoch nicht ganz so glamourös, wie ich hoffte. Stand-Up-Comedy in New York ist echte Knochenarbeit. Die Bezahlung ist mies, der Backstage ist eigentlich ein Lagerraum für Getränke, das Publikum ist ungeduldig, oft betrunken, und wenn ihnen der Typ auf der Bühne nicht gefällt, artikulieren sie das auf eine sehr deutliche Art und Weise: „Get off the stage, you idiot!!!“

Am ersten Abend nahm mich Troy, der Moderator, zur Seite und machte mir Mut. „Das Publikum hier ist wirklich nett. Aber achte darauf, wenn die Leute während deines Sets ihre Gläser heben – duck dich so schnell du kannst …“

Normalerweise neige ich ja nicht zu Lampenfieber, aber vor diesem Auftritt machte ich mir vor Angst fast in die Hose. Der Komiker Jerry Seinfeld sagte einmal, die größte Angst des Menschen sei es, vor einer größeren Menschenmenge zu reden. Die Angst vor dem eigenen Tod komme erst dann. Das heißt, die meisten Leute würden bei einem Begräbnis lieber im Sarg liegen, als die Grabrede zu halten. Im Broadway Comedy Club wusste ich zum ersten Mal, was Seinfeld damit meinte.

Einmal kam ein Typ mit seiner Freundin zu spät, und ich fragte ihn: „Warum seid ihr zu spät?“ Daraufhin sah er mich an und meinte: „Weil sie schwanger ist!“ Hier war ich natürlich sofort in der Defensive und wollte das Gespräch retten, indem ich freundlich fragte: „Und? Wann ist es so weit?“ Da grinste er nur und erwiderte: „In genau neun Monaten!“ 1:0 für den Typen.

In Deutschland ist das alles vollkommen anders. Bei uns wird man als Kabarettist extrem respektvoll behandelt. Humor ist in unserem Land eben ein ernstes, seriöses Geschäft. Man macht keine Witze, man macht Kultur.

Daher gehen viele Deutsche in eine Kabarettveranstaltung fast wie in eine Oper. Man zieht sich schick an, viele Spielorte sind elegant, und die Veranstaltung ist oft auch ähnlich lang wie eine Oper. Es gibt tatsächlich Kollegen, die spielen dreieinhalb Stunden. Und dann ist Pause. Wir Deutschen lieben das. Weil wir neben allem Spaß immer auch auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achten. Deswegen tun wir uns dreieinhalb Stunden Kabarett an. Sogar dann, wenn wir den Typen richtig öde finden. „Boah, ist der langweilig, aber wir haben 40 Euro bezahlt …“

Und wenn der Kabarettist dann endlich die Bühne verlässt, ist das Ganze noch nicht vorbei. Dann kommen die Zugaben. Das Prozedere ist immer gleich. Der Künstler sagt seinen letzten Satz und tut anschließend so, als ob es das jetzt gewesen wäre: „Vielen Dank, Sie waren ein tolles Publikum. Gute Nacht, kommen Sie gut heim, Tschüss …“

Dann marschiert er von der Bühne – aber versteckt sich nur hinter dem Vorhang, weil er genau weiß, dass die Leute jetzt so tun werden, als wollten sie ihn noch einmal sehen. „Bravo! Bravissimo. So bissig, so mutig! Fabelhaft!“

Und tatsächlich: Nach ein paar Augenblicken erscheint der Kabarettist wieder und tut völlig überrascht, dass er noch einmal auf die Bühne muss. Und dann präsentiert er eine Zugabe, die natürlich fester Bestandteil seines Programms ist. Zugaben im deutschen Kabarett sind ein einziger Fake. Sämtliche Beteiligten machen sich gegenseitig etwas vor.

Amerikanische Stand-Up-Comedians spielen keine Zugaben. Selbst die Superstars nicht.

Und ich wusste das nicht. Im August bekam ich die Gelegenheit, mein Soloprogramm „Sexy Science“ auf der Millennium Stage im Kennedy Center in Washington zu spielen. Der Abend lief gut. Die Zuschauer waren voll dabei. Ich brachte meinen letzten Witz und beendete die Show mit einem „Thank you and good night!“. Dann ging ich von der Bühne. Und wie es nun einmal deutsche Tradition ist, versteckte ich mich hinter dem Vorhang, tauchte kurz darauf wieder auf … und alle waren weg! Das Publikum hatte den Saal innerhalb von Sekunden verlassen. Ich stand da, blickte auf vierhundert leere Plätze, atmete tief durch – und spielte meine verdammte Zugabe.

Ich muss sagen, die lief auch wirklich gut. ---