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Es ist die Geschwindigkeit, Baby. Warum sich Basketball als globaler Exportartikel eignet, Baseball aber nicht.




• Vom japanischen Aikido bis zum Zwergenwerfen in Australien: Wenn es um Sport geht, ist die Welt alles andere als ein globales Dorf. In Deutschland sind die drei bei Zuschauern beliebtesten Sportarten Fußball mit 34 Prozent, gefolgt vom Skispringen mit 14 Prozent und Biathlon mit 13 Prozent, während Leichtathletik und Autorennen auf dem vierten und fünften Platz landen.

In den USA sieht die Sache ganz anders aus. Mehr als ein Drittel aller Befragten entscheiden sich für American Football, elf Prozent für Basketball, gefolgt von Baseball und weit abgeschlagen Fußball mit nur sieben Prozent. Schwenk nach China: Dort stehen Tischtennis und Badminton am höchsten im Kurs, gefolgt von Basketball und Fußball.

Sieht man sich weltweite Statistiken an, dann liegt Fußball mit rund vier Milliarden Fans unangefochten an der Spitze. Doch ein anderes Ballspiel aus Nordamerika hat sich zu einem lukrativen und rasant wachsenden Exportschlager entwickelt, an dem Milliarden-Deals für die Übertragungsrechte und Sportbekleidung hängen: Basketball. Die Fangemeinde wird auf deutlich mehr als 800 Millionen Menschen geschätzt.

Baseball, angeblich Amerikas beliebtester Zeitvertreib, dümpelt im Vergleich dazu vor sich hin, was Zuschauerzahlen und Umsätze angeht. Das liegt an dem komplizierten Regelwerk, stundenlangen Matches, einer endlosen Saison und einem Mangel an Superstars aus vielen Ländern – Faktoren, die eine erfolgreiche Sportart ausmachen.

Historisch betrachtet, ist Baseball ein simples Schlagballspiel, das viele Kulturen der Welt in der einen oder anderen Form seit Jahrhunderten gespielt haben: Einer wirft, einer schlägt, die anderen versuchen zu rennen, um Punkte zu erzielen. Brennball oder Cricket lassen grüßen.

Doch in seiner aktuellen Variante ist Baseball alles andere als einfach. Das offizielle Regelbuch der Major League Baseball (MLB) Vereinigung in den USA umfasst 188 Seiten und liest sich ungefähr so spannend wie die Reparaturanleitung eines Kofferradios. Wer wann dran ist und welche ausgeklügelten Schachzüge jedes Team ausführt, um irgendwann in den neun Innings die Bases mit Spielern zu besetzen und zu punkten, versteht kaum ein Zuschauer auf Anhieb.

Erschwerend kommt hinzu: Jede Mannschaft bestreitet in der sechs Monate dauernden Saison 162 Spiele bis zur Endrunde, die fälschlicherweise als „World Series“ deklariert ist, obwohl nur Mannschaften aus Nordamerika teilnehmen. Selbst das Finale ist kein einzelnes Match, sondern eine „Best of Seven“-Spielreihe, die also aus mindestens vier Spielen besteht. Dieses Pensum durchzuhalten, das praktisch monatelang ein Spiel pro Tag bedeutet, erfordert selbst von den eingefleischtesten Fans viel Geduld.

Die National Basketball Association (NBA) hingegen kommt mit lediglich 68 Seiten Regeln aus (zum Vergleich: Das offizielle Regelbuch der Fifa bringt es auf 262 Seiten). Erfunden wurde das Spiel mit den zwei auf 3,05 Metern Höhe aufgehängten Körben im Jahr 1891 von dem kanadisch-amerikanischen Sportlehrer James Naismith und erlebte sein weltweites Debüt bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936.

Das Spiel erklärt sich von selbst: Zwei Teams tragen – wie bei Fußball oder Eishockey – eine Schlacht aus. Sie versuchen, den Ball mit rasanten Attacken ins gegnerische Territorium zu bringen, um Körbe zu werfen. Der Rest sind Feinheiten, die man nicht unbedingt kennen muss.

Den massiven Druckabfall im Vergleich zu Basketball geben selbst treueste Baseball-Fans zu. So schrieb die Sportjournalistin Stephanie Apstein im Magazin »Sports Illustrated« vor Kurzem: „Baseball ist langweilig, deswegen ist es so großartig. Am besten genießt man es als Geräuschkulisse für irgendeine andere Aktivität. Es ist der perfekte Sport, um sich dabei mit einem Freund zu unterhalten, ein Buch zu lesen oder am Sonntagnachmittag seinen Gedanken nachzuhängen.“ Eine hartgesottene Baseball-Anhängerin aus dem Bekanntenkreis des Autors formuliert es so: „Wer nicht mit Baseball aufgewachsen ist, wird keinen Spaß daran haben.“

Das normale Basketballspiel hat 48 Minuten Spielzeit, mit vielen Unterbrechungen können es in der Regel anderthalb bis maximal zwei Stunden werden. Und fertig. Daran sind auch Fußball-Fans gewöhnt.

Bei Baseball muss man sich dagegen auf mindestens zwei bis drei Stunden einrichten. Das längste Spiel aller Zeiten im Jahr 1981 dauerte achteinhalb Stunden und wurde über zwei Tage ausgetragen. Fans machen aus den Begegnungen oft ein halbtägiges Volksfest und veranstalten „Tailgate“-Partys samt mitgebrachtem Grill rund um die Ladeflächen ihrer Pick-ups.

Ganz anders beim Basketball: Einfache Regeln auf einem überschaubaren Schlachtfeld plus temporeiche Attacken und Gegenangriffe verkaufen sich gut. Das hat die NBA früh erkannt und gezielt einen der größten Märkte der Welt ins Visier genommen: China. Der Sport war im Gegensatz zu anderen westlichen Dingen auch während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 beliebt, und so investierte der amerikanische Dachverband über Jahrzehnte hinweg gezielt in die Erschließung der Volksrepublik.


Dass der Umsatz der Major League Baseball (MLB) vergleichsweise hoch ist, liegt auch an Fleißarbeit: Die Teams spielen besonders oft


Dass die National Basketball Association (NBA) immer besser verdient, liegt auch am Export des Sports in alle Welt

Der Durchbruch kam 2002, als die Houston Rockets den chinesischen Spieler Yao Ming von den Shanghai Sharks weg engagierten. Der 2,29 Meter große Athlet spielte bis 2011 für die Texaner und machte sie zum beliebtesten Basketball-Team in China. Die Vermarktung vor Ort hat der amerikanische Verband straff durchorganisiert: Er richtete eine China Division ein, samt eigenem Büro in Peking. Um die Jugend zu begeistern, installierte der Verband rund 800.000 Körbe in chinesischen Dörfern und schickte bekannte Spieler auf landesweite Touren. Für Werbespots, die im staatlichen Fernsehsender CCTV liefen, wählte der Verband einen martialischen Ansatz: Er verkleidete die Teams filmreif als gegnerische Armeen mit Rüstungen und ließ sie mit Waffen aufmarschieren.

Der Plan ging auf. Heute spielen in China schätzungsweise 300 Millionen Menschen Basketball, rund ein Zehntel des NBA- Umsatzes wird dort gemacht, angepeilt sind 20 Prozent bis zum Jahr 2030.

Die NBA hat ihre Spiele und zusätzliche Programminhalte weltweit in 50 Sprachen lizenziert. Knapp ein Drittel ihrer Kunden für Streaming-Abonnements sitzen in Asien. Seit 2015 hat der chinesische Internetriese Tencent insgesamt zwei Milliarden Dollar für die digitalen Rechte an Basketball-Spielen gezahlt, die sich eine halbe Milliarde Chinesen ansehen. Kein Wunder, dass Joe Tsai, Mitgründer der chinesischen Internetfirma Alibaba, im vergangenen Jahr für 2,35 Milliarden Dollar die Brooklyn Nets erwarb.

Als Nächstes hat die NBA das Schwellenland Indien im Blick. Im Jahr 2011 eröffnete sie ihr erstes Büro im Mumbai und unterschrieb im Jahr darauf einen Exklusivvertrag mit dem dortigen Sportsender Sony Six. Bekannte US-Spieler werden gemeinsam mit indischen Popstars auf Werbereise geschickt. „Dank Social Media, wo vor allem viele junge Leute ihre Zeit verbringen, können wir diese Märkte schnell infiltrieren“, sagt NBA-Chef Adam Silver.

Wer so ehrgeizig ist, eckt auch schnell an. Als der Manager der Houston Rockets im Oktober 2019 einen einzigen Tweet absetzte, um sich mit der Protestbewegung in Hongkong zu solidarisieren, brach ein Sturm der Entrüstung in China los – obwohl Twitter dort gesperrt ist. Die simplen Worte „Fight for Freedom, stand with Hong Kong“ veranlassten die chinesische Basketball-Vereinigung, ihre Zusammenarbeit mit den Rockets auszusetzen. Das Staatsfernsehen CCTV erklärte, einstweilen keine Spiele der Mannschaft mehr zu übertragen. Ebenso strich Tencent Sports seine Streaming-Pläne, zeigte dann aber doch zwei Spiele. Welch langfristiger Schaden für die NBA entstanden ist, lässt sich noch nicht absehen. Offiziell entschuldigt hat sich der amerikanische Basketball-Verband nicht.

Basketball ist eine Gelddruckmaschine: Die 30 Teams der NBA-Profiliga (29 davon in den USA, nur eins in Kanada) setzten in der Spielzeit 2018/19 rund 8,8 Milliarden Dollar um, durchschnittlich 293 Millionen Dollar pro Team. Die Top-Teams verdienen allerdings wesentlich mehr: Die New York Knicks kamen auf 472 Millionen Dollar, gefolgt von den Golden State Warriors und den LA Lakers in San Francisco (zum Vergleich: Der FC Bayern München setzte im selben Zeitraum 750,4 Millionen Euro um).

Allein die Championship-Spiele der College-Liga NCAA – also eine Stufe unterhalb der NBA – im März (auch March Madness genannt, aber dieses Jahr wegen Corona abgesagt) bringen Verband und Vereinen gut 900 Millionen Dollar für TV-Werbung ein.

Jedes der 30 Teams der Baseball-Profiliga MLB hingegen brachte es im Schnitt auf 330 Millionen Dollar Umsatz. Die Teams müssen allerdings fast doppelt so oft antreten wie Mannschaften der Basketball-Profiliga – ganze 2430 Mal pro Saison. Deshalb ist der Verbandsumsatz insgesamt mit 9,9 Milliarden Dollar etwas höher.

Basketball hat Baseball eines voraus: Superstars, deren Gesichter die ganze Welt kennt. Dazu gehören der Würzburger Dirk Nowitzki, der für die Dallas Mavericks spielte; Yao Ming für die Houston Rockets; Michael „Air“ Jordan für die Chicago Bulls; der in diesem Jahr tödlich verunglückte Kobe Bryant für die LA Lakers; Stephen Curry von den Warriors und Kevin Durant von den Brooklyn Nets.

Immer mehr Basketballer kommen aus dem Ausland und haben deswegen Fans in aller Welt. In der Saison 2019 / 2020 waren es insgesamt 108 nicht amerikanische Spieler aus 38 Ländern.

Die Top-Basketballer in den USA gehören zu den Spitzenverdienern im Sport weltweit. LeBron James liegt mit 37 Millionen Dollar Gehalt und 55 Millionen Dollar Einnahmen für Sponsorship-Verträge an der Spitze, gefolgt von Stephen Curry (insgesamt 85,2 Millionen) und Kevin Durant (insgesamt 73,2 Millionen).

Dagegen sind die besten Baseball-Spieler außerhalb der USA meist unbekannt. Das gilt selbst für die Spieler großer Teams wie den New York Yankees, den Los Angeles Dodgers oder den San Francisco Giants. Dementsprechend klein fallen auch ihre Sponsorenverträge aus.

Spitzenverdiener Mike Trout – schon mal von ihm gehört? – von den LA Angels bringt es zwar auf 36 Millionen Dollar Jahresgage, aber am Sponsoring verdient er nur drei Millionen zusätzlich. Baseball hat es bislang nicht geschafft, sich einen Markt jenseits von Nordamerika, Japan und Südkorea sowie einigen Karibik-Anrainerstaaten wie der Dominikanischen Republik und Venezuela zu erschließen – was nicht nur das Publikumsinteresse begrenzt, sondern auch den Talentpool, um gute Spieler zu rekrutieren.

Dementsprechend schlecht besetzt und weitgehend unbeachtet bleibt die weltweite Meisterschaft namens WBC (World Baseball Classic), die seit 2006 ausgetragen wird. Um die Zuschauer bei der Stange zu halten, bestehen Halbfinale und Finale wie beim Fußball aus jeweils nur einem Spiel (sonst gilt die Devise „Best of Seven“), sodass auch mittelmäßige Mannschaften durchrutschen können.

Selbst im Ursprungsland USA sinkt das Interesse an Baseball. Weniger Menschen kommen zu den Spielen, die Einschaltquote der World-Series-Meisterschaft ist seit 2016 kontinuierlich gesunken, zuletzt auf knapp 14 Millionen Fernsehzuschauer. Die TV-Übertragung des NFL Superbowl hingegen, des Football-Endspiels, schauten in diesem Jahr allein in den USA knapp 100 Millionen Menschen – plus 50 bis 65 Millionen Menschen in rund 130 weiteren Ländern. Die Fußball-WM 2018 schauten laut Dachverband Fifa insgesamt 3,6 Milliarden Menschen, beim Finale zwischen Frankreich und Kroatien waren 1,1 Milliarden Zuschauer dabei.

Auch beim Merchandising ist Basketball dem Schlagball um Welten voraus. Wer sich ein Paar Schuhe, ein Trikot und einen Ball besorgt, kann auf einem der vielen Plätze um die Ecke loslegen, während man für Baseball eine größere und teurere Ausrüstung mit Schläger, Handschuh und mehr benötigt – ganz zu schweigen von einem markierten Feld, das außerhalb Amerikas selten zu finden ist.

Dementsprechend hoch fallen die weltweiten Umsätze mit den Sportschuhen aus, die die Basketball-Stars tragen. Aus der Sammelwut ist seit den Achtzigerjahren eine eigene Subkultur der „Sneakerheads“ entstanden – angefeuert von „Air Jordan“- Schuhen, die erstmals 1985 auf den Markt kamen. So sorgten im Jahr 2016 die Treter des Warriors-Spielers Stephen Curry für 160 Millionen Dollar Umsatz, die von LeBron James für noch einmal 150 Millionen.

Die NBA wechselte 2015 den Lizenznehmer für seine „offiziellen“ Schuhe von Adidas auf Nike. Das Unternehmen aus Oregon zahlte dafür eine Milliarde Dollar an den Dachverband und unterhält außerdem Sponsorship-Verträge mit zahlreichen Spielern. So kontrolliert Nike nach Branchenschätzungen rund 90 Prozent des amerikanischen Marktes für Basketball-Schuhe. Experten veranschlagen den weltweiten Markt für Basketball-Zubehör auf 13,2 Milliarden Dollar, den für Baseball-Artikel auf nur 8,1 Milliarden.

Da die Basketball-Saison in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfällt, trafen die 16 NBA-Teams Anfang April zum ersten Mal in einem Videospiel aufeinander – in einem virtuellen Match namens NBA 2K Players Tournament (siehe auch die Geschichte Ready? Fight! ab Seite 62 im Heft). Dazu schickte jedes Team einen Top-Spieler wie Kevin Durant aufs Feld, der seine Figur von zu Hause aus steuerte. Die Fans sahen im Fernsehen und online zu. Das Preisgeld in Höhe von 100.000 Dollar wurde für die Corona-Hilfe gespendet. ---