Das Fernseh-Wunder

Das kleine Israel bringt große TV-Unterhaltung hervor. Unsere Korrespondentin weiß, warum.





• Israelische Serien fesseln Zuschauer rund um die Welt ans heimische Sofa – sei es im Original oder in Form von Adaptionen. Der Trend begann 2010 mit „Hatufim“, einem Drama um drei entführte Soldaten, das als Vorbild für die US-amerikanische Erfolgsserie „Homeland“ diente, und setzte sich fort mit Produktionen wie den Serien „Fauda“, einer Spionage-Geschichte, und „Shtisel“, dem Porträt einer jüdisch-ultraorthodoxen Familie, die beide von Netflix übernommen wurden.

Der US-Sender HBO produzierte das Teenagerdrama „Euphoria“ auf Grundlage der gleichnamigen israelischen Mini-Serie, und „Pilpelim Tzehubim“, eine Serie über eine Familie mit einem autistischen Jungen, diente als Grundlage für britische, griechische und niederländische Versionen. Die Liste ließe sich fortsetzen – und sie ist erstaunlich lang für ein Neun-Millionen-Einwohner-Land mit schmalem Budget für TV-Produktionen. Woran liegt das? Fünf Thesen zu einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte.

In diesem Staat, etwa so groß wie Hessen, leben Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Prägung: Juden, Muslime, Christen, Drusen, Säkulare, Ultraorthodoxe, Friedensaktivisten und militante Siedler. Außerdem ist da die Dauerfehde mit den Palästinensern. „Aus all diesen Subkulturen entstehen viele Konflikte“, sagt der Medienwissenschaftler Jonathan Ilan von der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv. „Für Erzähler ist das ein Schatz: Sie müssen die Geschichten nur von der Straße auflesen.“ Tatsächlich beschäftigen sich die bekanntesten israelischen Serien mit Themen aus dem Land: In „Fauda“ etwa geben sich israelische Undercover-Agenten als Palästinenser aus, um terroristische Netze zu unterwandern; „Shtisel“ erforscht die Lebenswelt ultraorthodoxer Juden in Jerusalem.

„Wer eine US-Show schreiben will, wird feststellen: Das können die Amerikaner besser als wir“, sagt Gideon Raff, Autor der „Homeland“-Vorlage „Hatufim“. Geschichten über israelische Spione oder orthodoxe Familien in Jerusalem wiederum ließen sich nur in Israel erzählen – und schafften es gerade deshalb, Zuschauer rund um die Welt in ihren Bann zu ziehen. Raff: „Je lokaler unser Blick, je tiefer wir in der Welt eines Charakters versinken, desto größer ist die universale Anziehungskraft.“

Israels Alltagskultur steht unter stark US-amerikanischem Einfluss. Viele Serien von dort laufen im israelischen Fernsehen – und geben den qualitativen Standard vor. Sein Werk müsse zum Beispiel mit „Breaking Bad“ konkurrieren, sagt Gideon Raff. „Deshalb müssen israelische Serienschreiber ihre Geschichten sehr originell anlegen.“

Und das gelingt ihnen oft. Es sei unglaublich, „was für eine Wucht dieses verhältnismäßig kleine Land im Storytelling“ habe, sagt Christina Christ, Produzentin und Leiterin der fiktionalen Sparte bei Keshet Tresor Fiction, dem deutschen Ableger der israelischen Produktionsfirma Keshet International. „In Deutschland haben israelische Serien definitiv schon eine Reputation im Markt. Sie sind bekannt für ihre Hochwertigkeit und für progressive Themen.“

Israelische Fernsehproduzenten müssen mit wesentlich kleineren Budgets auskommen als beispielsweise ihre amerikanischen Kollegen. Die Produktion einer zwölfteiligen Staffel der Erfolgsserie „Fauda“ koste zwischen 2,8 und drei Millionen US-Dollar, berichtet Avi Issacharoff, einer der beiden Co-Autoren. „Wenn Branchenkenner diese Zahl hören, denken sie wahrscheinlich, ich irre mich und spreche von einer einzigen Folge“, sagt er. „Wegen des niedrigen Budgets haben wir uns stark auf das Drama, die Geschichte konzentriert und weniger auf den Look.“

Auch die Macher von „Hatufim“ mussten streng haushalten: Gerade mal 200 000 Dollar pro Folge standen ihnen zur Verfügung. „Der Preis beider Staffeln war nicht annähernd so hoch wie die Kosten für die Pilotfolge von ‚Homeland‘“, sagt Gideon Raff, der auch an der amerikanischen Serie mitgearbeitet hat. „Wir müssen sehr originell sein darin, wie wir unsere Geschichten erzählen. Wenig Geld zu haben ist manchmal ein Segen.“

Weil ihr heimisches Publikum so klein ist, bemühen sich viele Autoren und Produzenten von vornherein, „ein Programm oder Format zu entwickeln, das auch international funktionieren könnte“, sagt Raz Shechnik, für Medien zuständiger Korrespondent der israelischen Tagesszeitung »Yedioth Ahronoth«. Dies verbindet die TV-Produzenten mit Israels gefeierten Hightech-Unternehmern: Auch sie streben nach Erfolg und Einnahmen jenseits der Landesgrenzen.

„Schade, dass gerade du überlebt hast!“ Das schreit eine der Heldinnen der Serie „Stockholm“ einem Holocaust-Überlebenden ins Gesicht, nachdem der ihr angeblich an die Brust gefasst hat. Über Szenen wie diese, bei denen es manch deutschem Zuschauer mulmig wird, können Israelis lachen. „Würzige Schärfe“ nennt Raz Shechnik das. „Weil wir den Holocaust erlebt haben, sind wir gewöhnt an schwarzen Humor. Wir lachen über uns selbst und unser Schicksal.“

Christina Christ von der Produktionsfirma Keshet Tresor Fiction, als Produzentin für die deutsche Adaption von „Stockholm“ verantwortlich, sieht das ähnlich. Der israelische Humor sei bissiger, direkter, mutiger. „Was auch unserem Markt ganz guttun kann.“ ---

Fauda
(zu Deutsch: Chaos) ist eine actionlastige Serie über israelische Undercover-Agenten in den Palästinensergebieten. Rund eine Million Zuschauer sahen die erste Folge der dritten Staffel im Fernsehen, ein Neuntel der Bevölkerung. Seitdem Netflix 2016 die Rechte gekauft hat, ist die Serie international ebenfalls populär. „Wer den Nahostkonflikt verstehen will, muss ‚Fauda‘ ansehen“, schrieb die »Neue Zürcher Zeitung«. Über den Erfolg wundert sich selbst der Autor Avi Issacharoff, 46. Denn es gehe in der Serie „um so viel Schmerz, Tragödien, Konflikt, Kriege, Dinge, die Israelis fast jeden Tag in den Nachrichten sehen. Trotzdem lieben sie die Show.“ Nicht nur sie: Über soziale Netzwerke erhält er Zuschriften aus aller Welt, selbst aus arabischen Staaten, die offiziell mit Israel verfeindet sind. „Wir bekommen Nachrichten von libanesischen Frauen, die die Serie lieben – und natürlich Lior“, sagt Issacharoff und lacht. Lior Raz, sein Co-Autor, spielt einen der Protagonisten.

Hatufim
ist ein Drama um drei entführte Soldaten und diente als Vorlage für die US-Erfolgsserie „Homeland“. Die Serie habe „die Tür zum amerikanischen Markt geöffnet“, sagt der Autor Gideon Raff. „Denn wenn die Amerikaner finanziellen Erfolg sehen, bewirkt das etwas.“ Raff weiß, wovon er spricht: Er verkaufte die Rechte für die Entwicklung einer amerikanischen Version von „Hatufim“ 2009 an 20th Century Fox Television – noch bevor der Dreh des israelischen Originals begonnen hatte.

Dem 47-Jährigen, der in Los Angeles lebt, kam die Idee zu der Serie, als er bei Besuchen in Israel merkte, wie sich das Land in seiner Abwesenheit verändert hatte. Wie mussten sich dann erst frühere Kriegsgefangene und Entführte fühlen, die nach jahrelanger Abwesenheit zurück nach Hause gekommen sind? „Wir Israelis fordern, dass das Land unsere Jungs aus dem Krieg zurückholt“, sagt er. „Wenn sie zurückkommen, wirkt es wie das Happy End, das wir brauchen. Aber in Wahrheit ist das erst der Anfang einer sehr harten Reise zurück in die Gesellschaft.“

Stockholm
Diese Serie erzählt die Geschichte von vier 70-Jährigen, die einen gemeinsamen Freund tot in seinem Bett finden. Der Verstorbene galt als heißer Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis. Die vier beschließen, den Tod ihres Freundes geheim zu halten, damit er als Kandidat im Rennen bleibt, was allerlei unterhaltsame Verwicklungen nach sich zieht.

Die erste Staffel lief 2018 im israelischen Fernsehen, die zweite ist abgedreht, die dritte in Planung. Die Übertragungsrechte für das Original hat die Produktionsfirma Keshet International an den kanadischen Sender CBC und den US-Streaming-Dienst Topic verkauft. Die amerikanische Produktionsfirma von Keshet International adaptiert die Serie für den US-Markt, während der deutsche Ableger eine Fassung mit dem Titel „Unter Freunden stirbt man nicht“ entwickelt, in Zusammenarbeit mit dem Fernsehsender Vox und dem Streaming-Dienst TV Now. Die Hauptrollen spielen Iris Berben, Heiner Lauterbach, Adele Neuhauser, Michael Wittenborn und Walter Sittler.

Die Autorin Noa Yedlin kam auf die Idee, als jemand aus ihrem Bekanntenkreis über Neid sprach. „Ich musste daran denken, dass Menschen immer von Freundschaft in schlechten Zeiten reden, aber nie davon, wie es ist, wenn die eigenen Freunde erfolgreich sind“, sagt sie.

Christina Christ, die als Produzentin für die deutsche Fassung verantwortlich ist, zur Serie: „ ,Stockholm‘ hat uns als große Hommage an das Thema Freundschaft in allen Lebenslagen inhaltlich sofort begeistert.“ In jedem Fall, sagt Noa Yedlin, sei auch „Stockholm“ lokal eingefärbt: „Auf der einen Seite sind die Freunde einander sehr nah, auf der anderen Seite erlauben sie es sich, sehr grob miteinander zu sprechen. Diese Wärme und all ihre verschiedenen Aspekte, die guten und die schlechten, haben etwas sehr Israelisches.“