Unternehmens-Kommunikation

Gegen aufdringliche Unternehmens-Kommunikation scheint selbst eine Pandemie nichts ausrichten zu können. Hier sechs typische Fälle.





• Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie hält jeder Blick in den E-Mail-Eingang neue Überraschungen bereit. Heiliges Adressbuch – mit wie vielen Firmen man offenkundig irgendwann in seinem Leben einmal digital zu tun hatte! Und wie viele einem nun in Sachen Virus schreiben.

Von der Lieblings-Hotelkette über die sporadisch genutzte Fluggesellschaft bis zum Café in Wuppertal, in dem man sich nur einmal kurz per E-Mail-Adresse ins WLAN eingewählt hat. Alle haben Wichtiges mitzuteilen. Und wenn es nur die Botschaft ist, dass „Sicherheit und Wohlergehen unserer Kunden für uns nach wie vor die alleroberste Priorität haben“.

Gut, dass man das jetzt hundertfach schriftlich bekommt. Offiziell war es zwar die gestiegene Nachfrage nach Serienstreaming und Videokonferenzen, die das Netz teilweise an die Grenzen seiner Belastbarkeit brachte, doch niemand wäre überrascht, käme am Ende heraus, dass es in Wirklichkeit die Unmengen an Firmen-Mails waren, welche die Server und Datenleitungen verstopften.

Einige Firmen nutzen die Rundmail auch sinnvoll. Sie unterrichten alle Menschen, deren Mail-Adresse sie haben, über wichtige Dinge: geänderte Öffnungszeiten, krisenbedingte Schließungen oder eventuelle Rückerstattungen bereits gebuchter Tickets. In vielen Fällen hätte ein prominenter Hinweis auf der Website allerdings gereicht. Denn wer sich vor Jahren mal aus Langeweile bei App X, Website Y oder Ride-Sharing-Dienst Z angemeldet, diese aber seitdem nie benutzt hat, braucht keine „aktuellen Hinweise, wie wir der Corona-Krise begegnen“. Und im Vertrauen: Schon die dritte Mail, in der ausführlichst beschrieben wird, welche Dinge die jeweilige Firma nun wie viel öfter und wie viel besser desinfiziert als zuvor, hat niemand mehr zu Ende gelesen. Wirklich niemand.

Beispiele:

„Corona ist in aller Munde und beschäftigt nicht nur Politiker zu jeder Tageszeit.“

(Eine Unternehmensberatung liefert anschließend Informationen zum Thema Gerichtsverfahren und Rechtspflege in Zeiten von Corona.)

„Für unsere Fahrzeuge verstärken wir unseren strengen Reinigungsprozess, der vorrangig Bereiche wie Türgriffe, Lenkrad, Armaturenbrett, Konsole, Sitze umfasst.“

(Bei dieser Autovermietung folgen noch weitere detaillierte Schilderungen der Reinigungsmaßnahmen.)

Wahre Helden in Zeiten der Krise erkennt man daran, dass sie zehn Prozent Rabatt auf „alle Produkte in unserem nach wie vor geöffneten Onlineshop“ anbieten. Oder ein kostenloses Webinar zum Thema Händewaschen. Selbstverständlich nur gegen Registrierung mit E-Mail-Adresse. Damit man bei der nächsten Pandemie noch mehr Menschen im Verteiler hat, die man mit solchen Mails erfreuen kann.

Beispiele:

„Ab sofort bietet XY ein kostenloses, 15-minütiges E-Learning zum richtigen Umgang mit dem Coronavirus auf Deutsch und Englisch an. (…) Mit über 90 % Zufriedenheit bei den Schulungs-Teilnehmern setzt XY für Online-Schulungen neue Maßstäbe.“

(Ein Anbieter von Online-Schulungen weiß gar nicht wohin mit seiner Großzügigkeit.)

„#stayathome: Deals gegen Langeweile & Budenkoller“

(Eine Rabatt-Website glaubt fest daran, dass sich mit einem neuen Strom- oder Erdgasvertrag alles zum Guten wenden wird.)

Wer freut sich nicht, zu hören, dass das individuelle Wohlergehen und die eigene Gesundheit die Top-Prioritäten eines großen Konzerns sind. Oft fühlt man sich bedeutungslos, als Rädchen im Getriebe, als gesichtsloser Kunde. Doch nun schreibt der Vorstandsvorsitzende höchstpersönlich. Ein gutes Gefühl, endlich einmal gebührend wertgeschätzt zu werden, gerade in diesen „herausfordernden Zeiten, in denen auch wir Ihnen versichern möchten, dass wir das Thema sehr ernst nehmen“. Natürlich nicht ohne in jedem Absatz einmal zu erwähnen, dass die Firma Marktführer ist – ob nun bei hydraulischen Thermo-Spritzgussverfahren oder bei der Nagetier-Gesundheitsprophylaxe. Die inhaltslose Beteuerung ist nur echt mit Motivationsposter-Begriffen wie „Herausforderung“, „Potenzial“ oder „Zusammenhalt“ – und der sorgsam eingescannten Unterschrift des CEO.

Beispiele:

„Seit dem Ausbruch der Pandemie haben wir weltweit unsere unternehmensweiten Krisenreaktionsteams aktiviert und haben solide Prozesse, robuste Systeme und spezielle Unterstützungsteams eingerichtet.“

(Eine Hotelkette scheint außerdem ein speziell in Floskeln und Worthülsen geschultes Krisenreaktionsteam zu besitzen.)

„Seit mehr als 70 Jahren setzen wir den Standard für Produkte und Dienstleistungen in der Luftfahrtindustrie. Es bleibt unklar, wann der Ausbruch von Covid-19 unter Kontrolle gebracht wird. Aber wenn es so weit ist, können Sie sicher sein, dass wir bereit sind, Sie wieder an Bord zu begrüßen und Ihnen wieder den außergewöhnlichen Service zu bieten, mit dem Sie vertraut sind und den Sie erwarten.“

(Eine Fluglinie glaubt fest daran, dass es ihr außergewöhnlicher Service ist, den die Menschen gerade am meisten vermissen.)

Magere Mini-Rabatte in einem Onlineshop, die es vermutlich auch am Valentinstag gab, sind eine Sache. Schlimmer noch sind E-Mails, die auf Biegen und Brechen eine Verbindung zwischen dem angepriesenen Produkt und der aktuellen Lage herstellen wollen. Wegen der weltweiten Pandemie ist das soziale Leben gerade lahmgelegt, manch einer fühlt sich ein wenig einsam. Nichts, was eine Meditations-CD oder ein Raumluftbefeuchter nicht lindern könnten. Es sind eben die kleinen Dinge, nicht wahr?

Beispiele:

„Starten Sie im Home Office eine neue Routine zur Verbesserung Ihrer Körperhaltung! (…) Sollten Sie etwas brauchen, so ist unser Online-Store nach wie vor für Sie da. (…) Ich persönlich würde mich freuen, wenn Sie unserer neuen Facebook-Gruppe beitreten würden, damit wir Sie in diesen Zeiten unterstützen können.“

(Der Chef einer Firma, die Geräte für aufrechtes Sitzen herstellt, hat das mit der richtigen Haltung trotzdem nicht ganz verstanden.)

„Die Welt-Quarantäne bringt – neben den reduzierten Ansteckungsmöglichkeiten – sehr unerwartete Nebeneffekte: Die Sexual-Wellness-Branche boomt.“

(Ein Erotik-Verlag kommt nach eigenen Angaben „mit der Veröffentlichung neuer Storys für die wachsende Leserschaft kaum hinterher“.)

„Coronavirus – Bestattungen besser von zu Hause und ohne Trauerfeier planen“

(Die PR-Abteilung eines digitalen Bestattungsinstituts hat neulich auf einem Kalenderblatt gelesen, dass im Chinesischen die Schriftzeichen für Krise und Chance dieselben sind. Oder so ähnlich.)

Alle E-Mails, die sich immer noch mit Toilettenpapier, Jogginghosen im Home Office oder – haha – „Maskenbällen“ beschäftigen, werden selbstverständlich sofort gelöscht. Für Uralt-Witze gibt es schließlich Facebook.

Beispiele:

„Hat das Corona-Virus auch eine Sonnenseite?“

(Ein Hersteller von Solar-Equipment hat vielleicht einen leichten Schatten.)

„Gestaltung für den Arsch“

(Eine Grafikdesignerin sammelt seit Jahren Toilettenpapier aus aller Welt – und sieht nun ihre große Stunde gekommen.)

In Zeiten, in denen die Lieblingsgeschäfte geschlossen haben und das Einkaufen im Supermarkt vor lauter Abstandhalten zum Hindernis-Parcours geworden ist, gibt es kaum eine Nachricht, die so viel Freude auslöst wie diese: „Ihr Paket wird heute zugestellt!“ Da kann auch der Bundestrainer Jogi Löw, der über Nacht zur Kapitalismuskritik fand, noch so eindringlich mahnen: Kein Konsum ist offensichtlich auch keine Lösung. ---