Essay von Wolf Lotter

In schwierigen Zeiten braucht man gute Unterhaltung. Nur sollte man sie nicht mit dem wirklichen Leben verwechseln.





Es gibt Dinge, die haben kein Happy End, und das ist ein Glück. Denn sie zeigen, was geschieht, wenn man Show und Leben verwechselt. In Zeiten wie diesen ist Unterhaltung wichtig, essenziell, gut für die Psyche. Aber auch bei Heilmitteln für die Seele kommt es auf die Dosis an. Wo alles Unterhaltung ist, wird alles zur Show – und das ist nicht nur in Zeiten von Coronavirus und den dazugehörigen Krisen gefährlich.

Im Konsumkapitalismus ist jeder ein Showmaster. Das englische Wort „show“ bedeutet so viel wie zeigen im Sinne von darbieten, ein Kunststückchen, eine Illusion, einen Trick. Eine Show, so weiß es die Wikipedia, „ist ein Ereignis mit Unterhaltungs-, zum Teil auch Informationscharakter“. Das ist eine kluge Definition, wenn man selbst ein wenig weiterdenkt, denn sie zeigt uns, dass wir den Unterschied zwischen Unterhaltung und der Realität nicht mehr richtig kennen. Das Fernsehen liefert uns die Nachrichten längst als Show, und in den sozialen Medien geht es in erster Linie um schnelle Effekte, einen wirksamen Trick, ein Spruch nach dem anderen – Pointenschleuder nennt man das am Theater.

Was ist denn beispielsweise, nicht nur im Wahlkampf, für Politiker am wichtigsten? Gut rüberzukommen, also eine anständige Show zu liefern – oder ihren Laden geregelt zu kriegen? Wofür bekommt man als Führungskraft heute Applaus? Dafür, dass man seine Arbeit anständig macht? Oder weil man Shareholder und Stakeholder, also das Publikum und die Theatermitarbeiter, gleichermaßen bei Laune hält? Wie kommt es, dass wir von Leuten, die man für ihr Können und ihren Realitätssinn bezahlt, eine anständige Vorstellung erwarten? Eine Show, bei der die Darsteller als authentisch gelten, was ja alles sagt. Es tut nur echt. Es ist es nicht.

Eine Show ist nicht die Wirklichkeit. Unterhaltung ist nicht das Leben. Und ein erheblicher Teil des ganzen Theaters heute rührt daher, dass wir diesen Unterschied nicht mehr erkennen. Im Spielfilm „All that Jazz“ (auf Deutsch etwa „Das ganze Zeugs“) steht der Hauptdarsteller, der dem Broadway-Star Bob Fosse nachempfunden ist, jeden Abend vor seinem Garderobespiegel und ruft „Showtime!“. Aber zwischen echtem Leben und Schau kann er nicht mehr unterscheiden. Am Ende trifft ihn der Schlag.

Nein, keine Sorge, hier hört der Spaß nicht auf, es wird nicht moralisiert, denn das tun bereits allzu viele, und es ist, wie jeder weiß, wirkungslos.

Hier geht es um Unterscheiden und Entscheiden. Es geht darum, ob man im lustigen und unverbindlichen Karussell der endlosen Unterhaltung auch noch mitkriegt, was wirklich wichtig ist für einen selbst und für die, mit denen man lebt.

Es geht darum, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, weil einen der Schlag trifft wegen all der Runden, die man dreht und deren Sinn und Zweck allein darin besteht, dass die Show weitergeht, auch wenn das alles schon lange nicht mehr witzig ist.

Das ist keine leichte Kost.

Die Industrialisierung hat bekanntlich die Massenkultur hervorgebracht, einfach deshalb, weil immer mehr Menschen in Städten und nicht verstreut übers Land lebten und eben nicht mehr einer Tätigkeit nachgingen, bei der es – vom Kirchgang und wenigen Festen übers Jahr abgesehen – keine Zeit der Muße gab. Bis zur Nachtruhe produktiv zu sein war so selbstverständlich, dass niemand auf die Idee kam, überhaupt einen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit zu machen – das Wörterbuch „Duden“ kennt das Wort Freizeit beispielsweise erst seit dem Jahr 1929.

Zuvor war der Müßiggang allein den Eliten vorbehalten, die litten stets ein bisschen unter Langeweile und machten um sich ja immer ein wenig Theater, das war ihnen wohl auch eine willkommene Abwechslung. Eliten waren keineswegs nur Könige und Kaiser, sondern etwa auch die Massen an unterbeschäftigten römischen Stadtbürgern, die von den jeweiligen Machthabern im Imperium mit einem verblüffend modernen Konzept in Schach gehalten wurden: Brot und Spiele, einer Grundversorgung, also einer Belustigung durch Gladiatoren, einer Show, die die Leute von der Straße holte, wo man bekanntlich auf dumme Gedanken kommt. Das Geld dafür besorgte man sich von den Nachbarn, die man systematisch überfiel und ausplünderte. Jeder römische Herrscher wusste aber, was ihm blühte, wenn er diesen Kreislauf aus Fürsorge und Unterhaltung nicht leisten konnte: ein Putsch mit tödlichen Folgen.

Im 17. Jahrhundert graute es dem französischen Mathematiker, Denker und Aufklärer Blaise Pascal vor allen Dingen vor dem, was er Ennui nannte, übersetzt bedeutet das so viel wie Unlust der Sonderklasse: „Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung.“ Pascal führte das vor allen Dingen darauf zurück, dass der Mensch von sich selbst relativ schnell genug bekommt, wenn er nicht nach dem sucht, was man neuzeitlich eine Aufgabe nannte. Wo die fehlte, musste der Mensch „sein Nichts fühlen (…) seine Unzulänglichkeit (…) seine Ohnmacht, seine Leere“. Unterhaltung und Kurzweil waren keineswegs Angelegenheiten der Freizeitgestaltung, sondern wurden als Tätigkeiten verstanden. Wer etwas zu tun hatte, der konnte der „Schwärze und Traurigkeit, dem Kummer (und der) Verzweiflung“ des Ennui entfliehen.

Etwa ein Jahrhundert nach Blaise Pascals Klagelied beginnt das Zeitalter der Industrie, und man kann nicht behaupten, dass damit für die meisten viel Langeweile aufgekommen wäre. Man schuftete sehr hart. Die Arbeit war, was den physischen Einsatz anging, in den Fabriken des frühen 19. Jahrhunderts gewiss nicht einfacher als auf den Gutshöfen, wo sich Knechte und Mägde plagten. Aber sie war anders, spezieller, enger gefasst, war bei Weitem nicht mehr so abwechslungsreich wie auf den meisten Höfen. Es zeigte sich bald, dass auch die freudlose Routine der frühen Industrialisierung aufs Gemüt schlug.

Eine der wenigen Abwechslungen für die Arbeiter von der tristen Routine ihres Daseins bestand in exzessivem Alkoholkonsum. Im Königreich Preußen, das bei der Industrialisierung die deutschen Länder anführte, stieg der Schnapsverbrauch von 1800 bis 1830 um das Fünffache, was pro Erwachsenen 40 Liter pro Jahr bedeutete. In der Arbeiterbewegung sprach man bald vom Elendsalkoholismus, der zu einem Merkmal des neuen industriellen Ennui wurde. Friedrich Engels entwickelte daraus eines seiner Fachgebiete und die These, dass mit dem Ende des Kapitalismus auch das Ende des Alkoholismus kommen würde – eingedenk der Trinkfreudigkeit in der späteren, nach Engels’ und Marx’ Ideen errichteten Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten eine Illusion. Zweifelsohne war der Alkoholismus im 19. Jahrhundert ein Problem, dass Parteien und Bonzen gleichermaßen fürchteten. Die Fabrikanten fürchteten Produktionsausfälle, die Kirchen und politischen Vereine den Verfall der Moral.

Man suchte nach Alternativen. Die europäischen Städte waren im Absolutismus und seiner Zentralstaatsidee immer stärker gewachsen. Gaukler, Komödianten und Schausteller mussten, um genug Publikum zu haben, stets mobil sein. Die Fabrikarbeit brachte Hunderttausende in die Städte, und bald gab es an jeder Ecke Theater, Komödien, Opernhäuser und Konzertsäle aller Qualitätsklassen, Varietés und Rummelplätze, öffentliche Vergnügungen, in denen sich die junge Unterhaltungsindustrie spezialisierte und professionalisierte.

Große Städte wie Berlin, London, Paris oder Wien waren um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert übersät mit Unterhaltungseinrichtungen. Unterhaltung wurde nun eine Ware wie alles andere auch. Das aber setzt voraus, dass die Massen erst mal ein wenig Geld in der Tasche haben, um sich die preiswerten Vergnügungen leisten zu können, und dass sie, was ebenfalls geschah, mehr Freizeit hatten, um sich ihnen hinzugeben. Automatisierung und Rationalisierung von Arbeit sorgten für kontinuierlich weniger Arbeitszeit bei gleichem oder steigendem Lohn. Je weniger gearbeitet wurde, desto mehr Unterhaltung konnte konsumiert werden. Das sicherte den Aufstieg der Unterhaltungsindustrie. Die hatte die Aufgabe, vom tristen Alltag abzulenken, ohne dass die Leber allzu sehr darunter litt.

Der britische Philosoph Bertrand Russell beschrieb vor 85 Jahren in seinem berühmten Essay „Lob des Müßiggangs“ die Welt der Unterhaltung als einzigen Trost der arbeitenden Menschen: „Was es an Freude gibt, beziehen sie aus ihrer Freizeit“, schrieb er. Freizeit, das war der Raum für die Erholung, die Unterhaltung, die Ablenkung von der Arbeitsmonotonie. Doch heute ist immer weniger klar, wo der Dienst anfängt und der Schnaps aufhört. Das liegt daran, dass der Anteil an freier Zeit ständig wächst.

Nach einer Studie der OECD aus dem Jahr 2009 ist Deutschland mit Belgien gemeinsam der Freizeitweltmeister unter den Wohlstandsstaaten des Westens: Mehr als sechseinhalb Stunden täglich bleiben für Freizeit – die Aufwendungen für Essen, Körperpflege, Bildung, Schlafen und natürlich Arbeit schon abgezogen. Die großen Varietés, Kinos und Theater des 19. und 20. Jahrhunderts existieren so nicht mehr, sie haben Konkurrenz bekommen durch Fernsehen und Videostreaming, durch Videospiele und Freizeit-Events. Und eines der größten Freizeitvergnügen ist das Shoppen.

Laut Statistischem Bundesamt gaben die Deutschen im Jahr 2017 pro Monat und Haushalt für „Freizeit, Unterhaltung und Kultur“ 259 Euro aus, darunter etwa 69 Euro für Pauschalreisen und 64 Euro für Freizeit- und Kulturdienstleistungen – wie Theater, Konzerte und Events. Aber das Statistische Bundesamt zählt aus gutem Grund noch weit mehr dazu: Alles, was der Kurzweil dient, von Ausgaben für Haustiere (16 Euro) bis zu IT- und Software für den Privatbereich (12 Euro), Ton-, Bild- und Datenträger (5 Euro) sowie Zeitungen und Zeitschriften (21 Euro). Das Smartphone, das alle 12 bis 24 Monate neu sein muss, gehört dazu.

Und ist Mode keine Unterhaltung? Das neue Auto alle drei bis fünf Jahre, ist das nun notwendig oder nicht doch eher Kurzweil, Unterhaltung, Event? Und Bildungsangebote? Dienen die stets dem Dienst an sich, also der Karriere, den eigenen Freiräumen und Ideen – oder sind sie nicht auch Zeichen eines „demonstrativen Konsums“, wie es Thorstein Veblen in seiner „Theorie der feinen Leute“ aus dem Jahr 1899 nannte?

Der amerikanische Soziologe hatte herausgefunden, dass das bessergestellte Bürgertum (Leisure Class), das vorwiegend von geerbtem Geld lebte, seinen Status durch demonstrativen Konsum unter Beweis stellte. Dieser Konsum bestand etwa darin, dass man Konzerte gab und Kammermusik betrieb, Kunst sammelte und feinsinnige Gespräche über Politik und Literatur führte. Die dafür nötige Bildung holte man sich auf Eliteschulen und -Universitäten. Man war Mitglied in Vereinen und Lobbys, die vordergründig nichts mit dem Beruf oder dem Geschäft zu tun hatten – die aber gut fürs soziale Ansehen und das öffentliche Image waren –, was wiederum die Karriere förderte. Unterhaltung und Information, Spaß und Ernst, waren hier kaum weniger eng verwoben, als sie es heute sind. Eine Mischung aus sozialem Opportunismus und Angeberei.

Heute findet man die zahlreichen Erben der Leisure Class auf Charity- und Nachhaltigkeits-Galas, sie engagieren sich gut sichtbar in der Öffentlichkeit, in Stiftungen und durch politische Statements, die zum Zeitgeist passen. Die sozialen Prototypen dafür werden seit mehr als einem Jahrhundert in Kalifornien hergestellt, in der Traumfabrik Hollywood. Studios und Kinos mögen sterben – die Leitkultur Hollywoods hat sich höchst erfolgreich erst ins Fernsehgeschäft verwandelt und dieser Tage in das Streaming-Business. Netflix und Amazon Prime verbreiten die Botschaften genauso gut, wenn nicht besser.

Dass sich Schauspieler hervorragend zum Transport politischer Botschaften eignen, ist nicht neu. Wenn ein Oscar-Preisträger dafür gefeiert wird, dass er mehrfach in einer Saison denselben Smoking trägt oder eine Erbin aus der Hilton-Familie das alte Designerkleid ihrer Mutter anzieht – Nachhaltigkeit! Ressourcenschonung! –, ist das dann Unterhaltung oder Information? Und wenn Unterhaltung, genauer Theater, dann eher Komödie oder Drama?

Heute, da die materielle Sättigung groß ist, geht es um den demonstrativen Konsum moralischer Güter. Moral war immer schon vor allen Dingen auch Show, ein bisschen mit Informationen angereichert, aber nicht allzu viel, um das Rezept nicht zu verderben. Wenn man seine Moral nicht zeigen, nicht darbieten kann, dann ist sie zwecklos. Das Private ist politisch – das gilt auch für Unterhaltung.

Sie ordnet sich den politischen Verhältnissen unter, sie ist opportunistisch. Es darf gelacht werden, vorausgesetzt, die Haltung stimmt. Satire, das hieß früher mal Kritik an den herrschenden Verhältnissen, das Recht des Hofnarren, eine andere Meinung als die der Herrschenden zu vertreten. Heute wird oft und gern im Zusammenhang mit politisch korrekter und unkorrekter Satire Kurt Tucholsky zitiert. Sein „Was darf Satire? Alles!“ wird dabei landestypisch interpretiert, als hätte der Humanist damit gemeint: Alles, was erlaubt ist – und alles andere nicht.

Überall sichtbar ist: Ohne Unterhaltungskultur und -ökonomie läuft schon lange nichts mehr. Dass die Konsumgesellschaft ein ständiges Remmidemmi braucht, haben Systemkritiker wie Erich Fromm, Max Horkheimer und Theodor Adorno schon in den Fünfzigerjahren verkündet. „Verblendungszusammenhang“ lautete der Schlachtruf Adornos. In Zeiten des Aufstiegs des Liberalismus im 19. Jahrhundert waren Kultur und Kunst Ausdruck von Befreiung und Persönlichkeit. Doch in Zeiten des Kinos und der Schallplatte, der Massenmedien und der Groschenromane des 20. Jahrhunderts (den Vorläufern von Fernsehen, Streaming und Videogames) ist Kultur und Unterhaltung nichts Persönliches mehr, sondern schlicht eine industrielle Ware.

Dieser Unterschied ist für Adorno grundlegend: In der alten Welt dienten die Kunst und die Unterhaltung der Emanzipation und der Selbstbestimmung, denn es gab dort eben nicht nur die Leisure Class, sondern auch ein für seine Freiräume kämpfendes Bürgertum. In der industrialisierten Unterhaltung hingegen hat mit solchen Bedürfnissen niemand was am Hut. Aus dem Publikum, das einst selbstbewusst urteilte, wird eine Me-too-Masse, die Moden folgt – und sich bedienen lässt. Freizeit ist nicht der Freiraum der Person, sondern die Phase, in der man sich von der Erwerbsarbeit erholt, dem Dienst, den Pflichten, sich aber auch amüsieren will.

Die Unterhaltungsindustrie passt sich dem an, sie macht aus einem Publikum Konsumenten, Verbraucher.

Selbstbestimmung, der Kernwert der Aufklärung, ist perdu – alle würden nur „noch denken wollen, was man wollen solle, und eben das würde als Freiheit empfunden werden“. So hat Adorno den Verblen-dungszusammenhang beschrieben. Der Film war, als mächtigste neue Medienform des 20. Jahrhunderts, schon im Ersten Weltkrieg als Propagandamittel auf beiden Seiten eingesetzt worden, in der Vorbereitung zum Zweiten Weltkrieg spielte tendenziöse Unterhaltung der Ufa, kontrolliert vom Hitler-Paten Alfred Hugenberg und dann von Joseph Goebbels, eine entscheidende Rolle. Auch die Sowjets bedienten sich der Unterhaltung zu Propagandazwecken, ebenso wie die USA, die ihre besten Regisseure, wie Frank Capra, zu Kriegsberichterstattern machten. Unterhaltung bringt auf Linie, bis heute und nicht nur in Diktaturen wie Nordkorea.

Das Echo der Manipulation durch Unterhaltung ist allgegenwärtig, auch auf Netflix, auf Twitter, Instagram – was wären denn die sozialen Netzwerke anderes als Unterhaltung? Und worum sollte es dort gehen, wenn nicht um Dabei-Sein und Bescheid-Wissen, das laut Adorno an die Stelle des Genusses getreten ist.

Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Wien, ist sich darüber im Klaren, dass es höchste Zeit ist, mal ein bisschen Ernst in die Diskussion zu bringen. Ernst nehmen heißt ja nicht, dass gleich die spaßfreie Zone beginnt. Ernst nehmen heißt schlicht, nicht alles lächerlich und sinnlos zu finden. Man könnte auch Realitätssinn oder gesunder Menschenverstand dazu sagen.

Das klingt allerdings heute fast schon dubios. Irgendwie verdächtig. Das ist kein Wunder, weiß der Zukunftsforscher: In „Zeiten des Wohlstands wird nahezu alles Unterhaltung“, sagt er, „der größte Teil des Konsums ist es ja bereits.“ Und mit der Vernetzung und Digitalisierung dehnt sich der Wirkungsbereich der Unterhaltung weiter aus, sagt der Zukunftsforscher, über die Screens, die Displays und Bildschirme der mobilen und ortsfesten Rechner, im Internet der Dinge, den virtuellen Welten, in denen der Unterschied zwischen Show und Realität immer unklarer wird. Der Flatscreen ist die Welt, und diese Zeit wird einmal als Ära des Flachen in die Geschichte eingehen, zweidimensional, ohne Tiefenschärfe – aber dafür ist immer was los. Das hat seinen Preis: die Zukunft beispielsweise.

„Die Unterhaltung ist heute Event geworden, ein Ereignis, wobei es nie genug ist, es muss immer noch eins drauf. Das macht uns blind für die Welt“, sagt Gatterer. Was verloren gehe, sei die Fähigkeit zur Unterscheidung von Echt und Gespielt und wie die „Ereignisse und Sachverhalte in der Welt zusammenhängen“. Nichts ist verbindlich, nichts ist ernst zu nehmen. Ganz gleich, welches Ereignis gerade auf den Screens flimmert, es gibt bald etwas, das es ablösen wird, und damit beginnt das Spiel von vorn. „Unterhaltung“, sagt Gatterer, „arbeitet mit den Mechanismen des Glücksspiels und des Drogenhandels: Man gewinnt natürlich nie den Jackpot, sondern wird immer nur ein wenig angefüttert. Der relative Wohlstand sorgt dafür, dass man die Welt als solche nicht mehr ernst nehmen muss in dem Sinne, dass man sie so gut wie möglich und so ernsthaft wie möglich studiert. Das Interesse daran ist erlahmt. Es genügt eine Interpretation, die einem gefällt“, so der Zukunftsforscher.

Doch dieser Relativismus hat einen hohen Preis: Man büßt die Kompetenz zur Selbstbestimmung ein. Es ist ja nichts ernst. It’s Showtime. „Die Grundidee ist: Es soll so bleiben, wie es ist“, sagt Gatterer. All das Theater diene nur dazu, dass sich möglichst nichts ändert, denn Veränderung ist eine ernste Sache, im Sinne von: verbindlich.

Harry Gatterer erkennt allerdings Risse im Verblendungszusammenhang. Es sind feine, kleine Hinweise darauf, dass die Show doch nicht einfach nur weitergeht, dass manche wissen, dass Unterhaltung und Event nicht alles sind – und ein richtiges Leben zurückhaben wollen.

Die in den Achtziger- und Neunzigerjahren geborenen Westler, Generation Y genannt, sind noch beseelt von der endlosen Show, so Gatterer. Die wollten, so zitiert er aktuelle Studienergebnisse, mehrheitlich immer wieder Neues und Unbekanntes. Ihre Nachfolger aber, die sogenannte Generation Z, fordere „deutlich mehr Verbindlichkeit ein. Sie wollen Zuverlässigkeit, nicht den letzten Hype, sie wollen klare Entscheidungen.“ Sie wehren sich gegen das Weiter-So, die alte Show der Konsumgesellschaft, bei der Probleme nie gelöst werden, weil man sie nicht ernst nimmt. Lippenbekenntnisse, wie sie die angepassten Generationen vor ihnen lieferten, reichen ihnen nicht mehr.

Mit etwas Glück, sagt Harry Gatterer, wachse hier ein kritisches Publikum heran. Nicht mehr jene Verbraucher und Konsumenten von Unterhaltung, die das Bild heute noch prägen, sondern Menschen, die Zusammenhänge suchen und verstehen und die nicht in der Unverbindlichkeit des „Anything goes“ leben wollen. Dafür spräche das Engagement rund um die Klimaveränderung und auch ein wenig die gelebte Empathie in Zeiten des Virus – und danach.

Es geht um Verbindlichkeit, eine Entscheidung, die man treffen kann. Also mehr als Dabei-Sein und Bescheid-Wissen.

Leben eben. ---