Editorial

Zwang oder Pause?

• Im vergangenen Dezember bekamen wir eine E-Mail von Andreas Heinecke, Gründer des Sozialunternehmens Dialog im Dunkeln. Es war ein Loblied auf die Pause, die er bei einer Konferenz, von der er gerade zurückgekommen war, wieder einmal schmerzlich vermisst hatte. Möglichst viel, möglichst schnell, möglichst alles – das sei das Credo der Zeit und unerträglich.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Damals beschlossen wir, Pause zu unserem Sommerthema zu machen, nicht ahnend, dass wir uns drei Monate später in einer Zwangspause befinden. Das Thema blieb, bekam aber eine neue Dringlichkeit.

Nicht nur, weil viele – auch Andreas Heinecke – angesichts der Corona-Auswirkungen um ihre Existenz fürchten müssen. Der abrupte Stillstand hat auch so manchem vor Augen geführt, wie ruhelos die Welt davor gewesen war. „Kontinuierliche Gesellschaft“ nennt die Züricher Kulturwissenschaftlerin Gabriela Muri, worauf sich der moderne Mensch aus Begeisterung für die Möglichkeiten, aber auch aus Sorge um die Existenz eingelassen hat. Die Arbeit kennt keinen Feierabend mehr, die Pause ist nur noch Lückenfüller und Freizeit schon lange nicht mehr freie Zeit, sondern die Aufforderung, etwas für sich, die Familie, die Freunde zu tun. Einfach nur abhängen? Zeitverschwendung (S. 66, 62, 50, 36).

Marina Hegering hat auf die harte Tour gelernt, dass dieses Lebenskonzept Lücken lässt. Eine langwierige Krankheit warf die erfolgreiche Fußballerin aus dem Spiel und auf sich selbst zurück. Dass sie heute, fünf Jahre später, wieder in der Nationalmannschaft spielt, ist großes Glück – aber nicht mehr ihr einziger Lebensinhalt (S. 42).

Selbstverständlich haben wir schon vorher gewusst, dass Pausen wichtig sind, nicht nur in der Musik. Und haben uns doch nahezu vollständig vereinnahmen lassen: 70 Prozent der deutschen Beschäftigten geben an, auch im Urlaub erreichbar zu sein. Mal eben kurz aufs Handy schauen, kann ja nicht schaden. Die Gegenstimmen waren schon vor der Zwangspause laut, Digital Detox hieß die Forderung, die schnell zum Geschäftsmodell wurde. Was ist daraus geworden, jetzt, da uns vor allem digitale Technik mit der Außenwelt verbindet? Und wie hat sich bewährt, dass nach dem ersten Schock Konferenzen und Workshops ins Netz abgewandert sind? Erste Antwort: Wir haben analoges Hören und Sehen wieder schätzen gelernt. Ideen wie die „Kultur vor dem Fenster“ hätten vermutlich vor Corona kaum eine Chance gehabt (S. 70, 56, 80, 54).

Die Pause ist unerträglich, wenn sie keinen Anfang und kein Ende hat. Sie ist unnütz, wenn wir sie hastig füllen. Und sie kann der Anfang von etwas Neuem sein. Das zeigt auf besondere und besonders eindrückliche Art die Geschichte von Charlie Burrell und seinem Gut in Sussex: Es blüht auf, seit er es nicht mehr angestrengt zum Blühen zu bringen versucht (S. 86). ---

Titelbild: Illustration von Elisabeth Moch