Wirtschaftsgeschichte

Soundtrack des Alltags

George Owen Squier war ein begnadeter Tüftler. Seiner letzten Erfindung kann niemand entkommen: Hintergrundmusik, die er Muzak nannte.





• In Warteschleifen könnte gute Musik laufen oder gar keine, aber es läuft nervige. Das liegt an einem Geschäft, das ein Amerikaner vor etwa hundert Jahren begründete. Die Hintergrundmusik Muzak war sein Durchbruch, nachdem er sein Leben lang als leidenschaftlicher Tüftler Erfindungen hervorgebracht hatte, von denen er selbst nicht profitierte.

George Owen Squier, 1865 in Michigan geboren, war Elektrotechniker. Er ging zum Militär, wo er sein Leben lang blieb und immer weiter aufstieg – obwohl er mit dem Ruf des Drückebergers zu kämpfen hatte, der lieber seinen Ideen nachgeht, als seine militärischen Pflichten zu erfüllen.

Anfangs erfand er ein Radiosystem, mit dem Soldaten in Kriegsgebieten einander Nachrichten schicken konnten. Neu war, dass dabei verborgen blieb, wo Sender und Empfänger sich befanden. Squier fand auch heraus, dass „ein Baum alle notwendigen Eigenschaften einer Radioantenne besitzt“. Man müsse nur oben und unten Spitzen anbringen. Angeblich gelang es ihm, Signale über Bäume weiterzuleiten, was der Erfindung Namen wie „Baumtelefon“ und „Florograph“ einbrachte.


Ich bin kein armer, kleiner Soldat, der nicht weiß, wo er nachts schlafen soll.

Im Militär wird vieles erfunden, das später den Alltag prägt. Das galt schon Anfang des 20. Jahrhunderts, als Squier dort tüftelte. So kam es, dass die Flugzeugkonstrukteure Orville und Wilbur Wright sich 1906 an die US Army wandten, um ihre Erfindung vorzuführen, und an Squier gerieten. Der ließ sich zu einem Testflug überreden und wurde so zu einem der ersten Flugpassagiere überhaupt. Die Wright-Brüder und Squier entwickelten anschließend ein Konzept für Militärflugzeuge.

In den folgenden Jahren brachte Squier diverse Erfindungen hervor, durchaus überzeugender als das Baumtelefon. Unter anderem erfand er das System der Telefonleitungen neu: Zuvor konnte über eine Leitung nur ein Gespräch laufen, mit seinem Multiplex-System waren mehrere parallel möglich.

Das wurde als Revolution der Kommunikationstechnik gefeiert. Die Rechte daran hätte er sich sichern können, doch er verzichtete darauf. Stattdessen stellte er das Patent der Öffentlichkeit zur Verfügung. Da er als Soldat mit öffentlichen Mitteln bezahlt wurde, sollten von seiner Erfindung auch staatliche Einrichtungen und Einzelne profitieren. Wie die Welt der Wirtschaft funktioniert, lernte Squier dann auf die harte Tour: Der Konzern AT&T entdeckte die Technik für sich und baute sein Geschäft darauf auf.

1918 behauptete das Unternehmen, es habe die Methode selbst entwickelt. Squier war entsetzt. Dass seine Erfindung monopolisiert werden könnte, hatte er nicht vorhergesehen, 1922 verklagte er AT&T. Der Prozess zog sich zwei Jahre lang hin, Squier verlor. Offiziell sagte er, es sei ihm nicht ums Geld gegangen, sondern ums Prinzip. Er habe klären wollen, wie der Staat mit Patenten von Wissenschaftlern im öffentlichen Dienst umgehen solle. Seine Reaktion auf das Urteil klingt nach verletztem Stolz: „Lassen Sie mich klarstellen, dass ich in dieser Sache keinen Groll hege. Ich bin kein armer, kleiner Soldat, der nicht weiß, wo er nachts schlafen soll.“

Noch während der Prozess lief, arbeitete Squier an einer neuen Idee: Er entwickelte das System der Telefonleitungen so weiter, dass er Radiosignale darüber senden konnte. So konnte man Musik und Nachrichten direkt an private Haushalte und Firmen leiten.

Squier tat sich mit der North American Company zusammen, die das Tochterunternehmen Wired Radio gründete. Dort beteiligte er sich selbst an der Vermarktung seiner Erfindung. 1923 war er beim Militär in den Ruhestand gegangen und widmete sich nun ganz dieser Aufgabe. Die Kunden bekamen ein Empfangsgerät, das ähnlich aussah wie ein Grammofon. Doch als das Produkt auf den Markt kam, begann sich schon das kabellose Radio durchzusetzen.

Je weiter sich der Rundfunk verbreitete, je besser die Qualität der übertragenen Sendungen wurde, desto schwerer tat sich Wired Radio. Squier überlegte deshalb, wie das Unternehmen sich wandeln könnte: Er bot nun Hintergrundmusik für Hotels oder Restaurants an, anfangs vor allem in New York City. Da Squier das damals erfolgreiche Unternehmen Kodak schätzte, schuf er aus Musik und Kodak das Wortspiel Muzak und benannte die Firma um.

Als in der Stadt ein Wolkenkratzer nach dem anderen gebaut wurde, erkannte Squier, was Musik noch leisten kann: Wenn die Menschen damals einen engen, fensterlosen Kasten betraten und sich damit in die Höhe fahren ließen, war ihnen nicht wohl dabei. Die öligen Klänge in den Aufzügen, die Muzak nun verkaufte, nahmen ihnen offenbar die Angst. Und sie verbanden Muzak mit einem Begriff, den die Firma nie wieder loswurde: Fahrstuhlmusik.

Das Geschäft, mit Musik Stimmungen zu manipulieren, verfolgte Muzak auch nach Squiers Tod 1934 weiter. In den Vierzigerjahren sollte die Beschallung da-zu führen, dass Büroangestellte effizienter arbeiten. Die Hintergrundmusik für Hotels, Geschäfte, Restaurants, Kreuzfahrtschiffe und Warteschleifen wurde allgegenwärtig. Selbstwährend Richard Nixons Einführung in das Amt des Präsidenten 1969 lief Muzak. Und auch die Mondfahrer um Neil Armstrong wurden in ihrer Raumkapsel damit beschallt. Bald belieferte Muzak 43 Länder. Doch irgendwann kam der Sound aus der Mode – Fahrstuhlmusik, das klang nun abfällig.

Die Firma Mood Media übernahm Muzak im Jahr 2011. Heute hört sich die Musik anders an, erfüllt jedoch ähnliche Funktionen wie damals. In Krankenhäusern etwa soll sie Patienten die Angst nehmen. Den Kunden bietet die Firma außerdem an, in Warteschleifen nicht nur Musik mit allen Rechten, sondern auch personalisierte Werbung zu spielen. Das dürfte kaum weniger nervig sein, aber: Squiers Erbe lebt. ---