Unüberhörbare Stille

„The Show Must Be Paused“: Das Wichtigste in der Kunst und bei öffentlichen Auftritten sind nicht die Worte, sondern die Leere dazwischen. 



Schwieg bei einer Pressekonferenz 21 Sekunden: der kanadische Premier Justin Trudeau


• Manchmal ist eine gut gesetzte Pause das deutlichste Statement. Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau beantwortete im Juni die Frage eines Reporters, wie er Donald Trumps Verhalten bewerte, nachdem ein weißer Polizist den wehrlosen Schwarzen George Floyd getötet hatte, mit Schweigen, 21 Sekunden Stille bei einer Pressekonferenz. Eindringlicher lässt sich Fassungslosigkeit nicht ausdrücken. Trudeaus demonstratives Schweigen zeigt, wie die symbolisch gesetzte Pause funktioniert: Sie braucht einen Rahmen (in diesem Fall die Pressekonferenz) und einen konkreten Anlass (die Frage des Journalisten und Trumps Verhalten). Und sie benötigt öffentliche Präsenz, um unüberhörbar zu sein. Sie wirkt als deutlich markierte Leerstelle dort, wo man üblicherweise Worte und Taten erwartet.

Dieser Dramaturgie der Lücke folgte auch der „Blackout Tuesday“ am 2. Juni, ebenfalls eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod von George Floyd. Unter dem Hashtag #TheShowMustBePaused initiierten zwei ehemalige Kolleginnen beim Musiklabel Atlantic Records eine Sendepause. Zahlreiche Popmusiker und -musikerinnen zeigten auf ihren Social-Media-Kanälen schwarze Quadrate statt Selfies, und Millionen andere Menschen taten es ihnen nach: die symbolische Pause als Zeichen der Trauer und Solidarität.

Justin Trudeaus Schweigen hat etwas von einer Performance. Er sagt nicht einfach nichts, er inszeniert sein Schweigen als Unterbrechung im Redestrom. Die Kraft gekonnt platzierter Pausen ist immens. Das Theater hat diese Kunst perfektioniert: Jeder Schauspieler weiß, dass die Wirkung seiner Worte davon abhängt, wie er die Pausen zwischen ihnen setzt – die kurzen Momente der Stille, in denen sie nachhallen. Die Stille kann vieles bedeuten, Ratlosigkeit oder stummer Hass, demütigende Missachtung oder die Mitteilung, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Oder genau das Gegenteil: Einverständnis, das keine Worte braucht.

„Texte lernen kann jeder“, sagen Schauspieler. Pausen zu setzen ist schon schwieriger. Damit die Worte Kraft entfalten, brauchen sie Raum. Für den Dramatiker Heiner Müller war die Stille die Voraussetzung der Sprache und die Grundlage seines Theaters. Er brachte das in einem Brief an den Regisseur Dimiter Gotscheff auf eine knappe, paradoxe Formel: „Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist.“ Wenn das Theater gut ist, haben der Lärm und das Gerede Pause. Dann wird jedes Wort, jede Geste wichtig, und man kann lernen, genauer hinzuhören. Aber wenn das Theater schlecht ist, also ziemlich oft, ist es nicht mehr als pausenloser Lärm.

Das wusste auch Samuel Beckett. Die wichtigste Regieanweisung in seinem Stück „Warten auf Godot“ ist nicht, dass Godot nie kommt. Es ist das häufig eingesetzte Schweigen, das die Gespräche der beiden Landstreicher Estragon und Wladimir unterbricht. Die Handlung kommt für einen Moment zum Stillstand, der Dialog bricht ab. Man könnte es auch einfach bleiben lassen, weiterzusprechen. Egal, was Wladimir und Estragon tun, sie landen immer wieder bei diesem Nullpunkt der Stille. Becketts Regieassistent Walter D. Asmus berichtet, dass Beckett in seiner eigenen Inszenierung große Mühe auf diese Augenblicke der Stille verwendet hat: Sie sind der eigentliche Kern des Stücks.

Warten auf Godot, wahrscheinlich das berühmteste Theaterstück des 20. Jahrhunderts, ist selbst eine einzige Pause: Wer erwartet, dass sich im Theater eine Handlung mit Konflikten und überraschenden Wendungen entwickelt, wird enttäuscht. Was geschieht, ist, dass nichts geschieht. Außer dass zwei Landstreicher sich mit komischen und bitteren, immer wieder abbrechenden Gesprächen die Zeit vertreiben. Im klassischen Drama treibt jeder Dialog die Handlung voran. Bei Beckett ist der Stillstand die Handlung. Das sorgte bei der Uraufführung 1953 für einen Skandal: Im Theater prügelten sich Beckett-Anhänger mit aufgebrachten Zwischenrufern.

Mit dem Altbewährten brachen auch die „Schwarzen Quadrate“ des russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch: Ölgemälde, die genau das zeigten, was ihr Titel versprach – ein „Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund“. Das erste dieser Bilder malte Malewitsch 1915, ein schwarzes Loch, in dem die gesamte Kunstgeschichte verschwand. Wie Becketts Anti-Theater verweigerten auch Malewitschs Anti-Gemälde jede Botschaft, jede Abbildung, jede Erzählung, allen Schaureiz, alles, was bis dahin Gemälde ausgemacht hatte. Und wie Becketts „Godot“ ein Einschnitt in der Theatergeschichte war (laut Heiner Müller „der Pillenknick der jüngeren Dramatik“), wirkte auch Malewitschs Quadrat wie eine Zäsur in der Kunstgeschichte der Moderne. Dieses Statement war sowohl frühe Konzeptkunst als auch radikalste Form abstrakter Malerei.

In der Pause hält man inne und fragt mit leichtem Abstand, ob nicht alles ganz anders sein könnte und ob man unbedingt weitermachen muss. Auch deshalb wirkten Becketts und Malewitschs Kunstwerke wie Schocks: Plötzlich war nicht mehr klar, was ein Theaterstück ist oder was ein Gemälde ausmacht.

Einer der Nachfolger Malewitschs ist der Schweizer Konzeptkünstler Andreas Heusser, der Erfinder eines fiktiven und nur im Internet zu besuchenden „No Show Museum“. Es zeigt jede Menge leere Räume. Oder leere Bilderrahmen. Oder Bücher mit ausschließlich leeren Seiten. Seine Ausstellungen tragen so schöne Titel wie „From Dada to Nada“ oder „Nothing matters“. Auf der Website des Museums verrät Heusser, welche Kunst ihn interessiert: „Statt Gemälden werden leere Leinwände ausgestellt. Aus lauter Pausen und Stille werden Musikstücke komponiert. Aus Luft und anderen unsichtbaren Materialien werden Installationen und Skulpturen geschaffen. Galerien werden für die Dauer der Ausstellung geschlossen oder mit künstlerischer Inaktivität bespielt.“ Zum gelungenen Scherz werden diese unsichtbaren Kunstwerke und Aktionen „künstlerischer Inaktivität“ erst im Kontrast zum hochtourigen Kunstbetrieb. Die Verweigerung allein ist sinnlos; provokant wirkt sie nur, wenn man die Normalität kennt, die sie unterbricht. Irritierend (oder eine Erholung) ist die Pause erst als Gegenstück zu all den Handlungen, die sie durch gezielte „Inaktivität“ außer Kraft setzt.

Auch für das Publikum ist die Pause eine Erholung, und das nicht nur, weil es Theater- und Opernbesucher geben soll, für die der Sekt in der Pause das Schönste am ganzen Erlebnis ist. Wie bei Konferenzen, Meetings und Branchentreffen aller Art ist das Bühnenprogramm für sie nur ein Vorwand, um sich sehen zu lassen und ungestört netzwerken zu können. Aber auch jenseits dessen ist die Pause erfreulich. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger widmet ihr gar ein Gedicht: „Herzlichen Dank für die Sendepause, / das Pausenbrot, die Kunstpause – / Ruhe bitte! –, in der die Kunst / dem Künstler im Hals stecken bleibt. / Fragile Stille, bevor das Jahrhundert / unaufhaltsam so weiter dröhnt.“

Die Pause lebt vom Davor und Danach, am deutlichsten wird das vielleicht in der Musik. Das Tempo und damit die kurzen Unterbrechungen, die Momente der Stille zwischen den Klängen, sind entscheidend für ihre Wirkung. Der so geniale wie exzentrische Pianist Glenn Gould dehnte oder straffte Werke der klassischen Musik so stark, dass sie fast wie neue Kompositionen wirkten. Seine berühmteste Aufnahme, Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen, von deren „scheinbar unmöglicher Klarheit“ der Musikkritiker Anthony Tommasini in der »New York Times« schwärmt, ist wagemutig. Während andere Aufnahmen der Variationen bis zu 90 Minuten dauerten, brauchte Gould für seine nur rund 38 Minuten.

Noch viel extremer hat der Avantgarde-Komponist John Cage das Spiel mit der Zeit getrieben, nicht nur in seiner berühmten Musik-Pause 4‘33“ – ein Stück Nicht-Musik, wie gemacht für Andreas Heussers „No Show Museum“ (siehe auch: „Boxenstopp“ auf Seite 36). In Cages in Halberstadt aufgeführten Orgelstück Organ2/ASLSP (As Slow As Possible) kommt alle paar Jahre ein neuer Ton dazu, geplante Aufführungslänge: 639 Jahre. Das Musikstück wird zur Auszeit, die jedes Menschenleben überdauert. 1959 machte sich Cage den Spaß, in New York eine Rede über das Schweigen, einen „Vortrag über Nichts“ zu halten: „Ich bin hier, und es gibt nichts zu sagen. (…) Was wir brauchen, ist Stille; aber was die Stille will, ist, dass ich weiterrede.“ Cages Buch mit diesem Vortrag trägt den schönen Titel „Silence“, es war eines der 100 Lieblingsbücher David Bowies.

Und was, wenn das Theater von einer Pandemie in die Zwangspause geschickt wird? Heiner Müller hatte 1995, lange vor Corona, vorgeschlagen, alle Theater für ein Jahr zu schließen. Dann wisse man hinterher, „was da gefehlt hat und ob es überhaupt fehlt“. Wenn man nichts vermisst, kann man es auch bleiben lassen. Wenn aber ohne das Theater etwas fehlt, weiß man, wozu man es braucht.

Es gibt Künstler, die in der Corona-Pause nicht pausieren. Wie man spielt, dass man gerade nicht spielen kann, führte die deutsch-britische Gruppe Gob Squad im Berliner Hau-Theater vor. Sie streamte live aus dem Haus eine Zwölf-Stunden-Performance mit dem sarkastischen Titel „Show me a good time“: Eine Performerin steht allein auf der Bühne, hinter ihr der leere Zuschauerraum. Sie spricht in eine Web-Kamera und versucht, mit dem Rest der Welt Kontakt aufzunehmen. Das ist gleichzeitig ein trauriges Bild von Social Distancing wie ein trotziges Lebenszeichen: Wir machen weiter! ---

Aus der Ausgabe

Die Arbeit kennt keinen Feierabend mehr, die Pause ist nur noch Lückenfüller und Freizeit schon lange nicht mehr freie Zeit, sondern die Aufforderung, etwas für sich, die Familie, die Freunde zu tun. Die Pause ist unerträglich, wenn sie keinen Anfang und kein Ende hat. Sie ist unnütz, wenn wir sie hastig füllen. Und sie kann der Anfang von etwas Neuem sein.

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