Das geht – Typewise

Tipp-topp

Zu viele Fehler, zu langsam – die herkömmliche Anordnung der Tastatur passt nicht zum Smartphone. Zwei Schweizer haben eine schlaue Alternative entwickelt.





• Jede fünfte auf dem Samartphpne geschriebene Wort enthält einen Tipfpleher. Die Ursache des Problems liegt in der Hand: Wer schon einmal mit winterkalten Fingern eine E-Mail auf dem Mobiltelefon beantwortet hat, weiß, wie schnell man sich ins Abseits tippen kann. Und in welchem Missverhältnis Finger- und Tastengröße stehen. Die Auswahl an Apps, die hier helfen wollen, ist groß. Sie korrigieren die gängigsten Fehler und schlagen Wörter vor. Nur an einem Grundsatz rüttelt bisher keine der Anwendungen: an der Anordnung der Tasten.

Das ist verwunderlich, ist diese doch bald 150 Jahre alt. Damals ordnete der US-Verleger Christopher Latham Sholes die Tasten seiner „Schreib-Maschine“ nicht alphabetisch an, sondern so, wie wir sie heute kennen. Warum er das tat, bleibt sein Geheimnis. Dass er damit die Tippgeschwindigkeit reduzieren wollte, um die Mechanik zu schonen, ist ein Gerücht, dass sich so hartnäckig wie unbestätigt hält. Mit Sicherheit wissen wir nur, dass die Anordnung heute nicht mehr sonderlich hilfreich ist. Weder in Sachen Ergonomie, Geschwindigkeit oder Fehlerquote.

Dass sie dennoch zum weltweiten Standard wurde, macht sie zum Paradebeispiel für Pfadabhängigkeit (siehe auch brand eins 10/2018: „Vorsicht auf dem Erfolgspfad“).

Diesen Pfad haben Janis Berneker und David Eberle verlassen – mit einer neuartigen Tastatur fürs Smartphone. Die beiden 34-jährigen Schweizer teilen ihre Leidenschaft fürs Programmieren seit der Schulzeit – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Berneker war von der Technik fasziniert und programmierte sich kleine Hilfsprogramme; Eberle erkannte indes, wie leicht sich IT zu Geld machen ließ, als er seinem Lehrer, dem alles Digitale wie Zauberei erschien, für horrende Summen das Unterrichtsmaterial digitalisierte. An dieser Aufteilung hat sich 20 Jahre später wenig geändert: Berneker kümmert sich um die Technik, Eberle bringt die Sache unters Volk.


„Wie würsch afo?“ Mit dieser Frage fing alles an.


Effizienter tippen – dabei soll die Tastatur von Typewise helfen. Erfunden haben sie die Schweizer Janis Berneker (links) und David Eberle (rechts), die sich seit der Schulzeit kennen

Und so war es Janis Berneker, den im Februar 2015 plötzlich die Frage nicht mehr losließ, warum er auf seinem Mobiltelefon noch immer mit dem uralten Schreibmaschinen-Layout kämpfen sollte. Er war damals Redakteur bei der Fachzeitschrift »PC-Tipp« und beriet nebenbei mit Eberle Kunden in IT-Fragen. Nach einer Recherche im Internet griff er sich ein Blatt Papier und begann zu skizzieren. Er überlegte, wie man den knappen Platz am besten nutzen kann. Schnell kam er auf das Hexagon als „rundest-mögliche Tastenform, die man ineinander verschachteln kann“. Daneben sortierte er die Tasten neu und gab etwa jedem Daumen eine kleine, gut zu erreichende Leertaste in die Mitte. Oberstes Ziel: weniger Tippfehler ohne Geschwindigkeitseinbußen.

Als er fertig war, beschrieb Berneker sein Konzept in einer langen Mail an Eberle. Der antwortete am Folgetag mit dem knappen Einzeiler: „Let’s do it! Wie würsch afo?“ – eine sprachliche Melange aus Englisch und Schweizerdeutsch („Wie würdest du anfangen?“).

Die beiden handeln schnell. Sie lassen einen Studenten den Prototyp bauen, sichern sich das Designpatent in Europa und den USA und eröffnen eine Crowdfunding-Kampagne, die im September 2015 mit 15.000 Dollar, rund 50 Prozent über dem Ziel, endet. Mit dem Geld stellen sie einen Entwickler ein und veröffentlichen die erste Version im Mai 2016. Wer die App installiert, kann Texte standardmäßig mit der neuen Tastatur tippen. Drei Jahre später stellen die Gründer einen zweiten Entwickler ein und kündigen ihre Jobs, um sich ausschließlich dem Projekt zu widmen. Das ist eine Bedingung der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse, die das Unternehmen seitdem unterstützt.

Eine Forschungskooperation mit der ETH Zürich bringt zwei weitere Mitarbeiter ins Team. Ende 2019 erscheint eine zusammen mit den Nutzern grundlegend überarbeitete Version unter dem heutigen Firmennamen Typewise. Die Grundfunktionen sind kostenlos, daneben gibt es eine erweiterte Bezahlversion. Zurzeit tippen rund 65 000 Menschen mit der Wabentastatur.

Bis Ende 2020 soll die Firma auf zehn Mitarbeiter wachsen, bis 2021 sollen Sprachen jenseits des lateinischen Alphabets dazukommen. Etwa fünf Prozent der Kunden zahlen für die Premiumversion – das ist zwar überdurchschnittlich gut, reicht aber nicht für die laufenden Kosten. In einer ersten Finanzierungsrunde haben die Gründer bis Mitte Juli daher 650 000 Euro eingesammelt. Die wollen sie in den kommenden zwei Jahren ausschließlich ins Wachstum investieren.

Damit will Typewise zum Beispiel die Analyse der Tippfehler verbessern. „Wir korrigieren lieber einmal zu wenig als einmal zu viel“, sagt Berneker. Denn schlimmer als ein nicht korrigiertes falsches Wort, ist ein falsch korrigiertes richtiges Wort. Die Gründer kennen das Problem zu gut: Die beiden schreiben untereinander meist auf Mundart, woran herkömmliche Tastatur-Apps scheitern. Typewise achtet mehr darauf, wie wahrscheinlich das Vertippen war, statt nur auf die Rechtschreibung.

Tests mit einem Datensatz der finnischen Aalto-Universität, der britischen Cambridge Universität und der Schweizer ETH, die das Eingabeverhalten von 37.000 Teilnehmerinnen am Mobiltelefon untersucht haben, zeigen, dass Kunden von Typewise nur halb so viele Fehler machen wie mit einer herkömmlichen Tastatur. Nutzer der Standard-Tastatur von Apple machen im Schnitt fünfmal so viele Fehler. Die Geschwindigkeit der Waben-Tastatur liegt im Mittelfeld. Es gibt Apps, mit denen man schneller schreiben kann – aber auch mehr Fehler macht.

Doch damit Typewise das Schreiben einfacher macht, muss man den Umgang mit der neuen Tastatur erst einmal ein paar Wochen lang üben. Erst danach reduziert sich die Fehlerquote merklich.

Die Entwickler müssen darauf achten, ihre Nutzer nicht zu überfordern. Sie wären nicht die Ersten, die daran scheiterten. Vor ihnen hatten auch andere Menschen schon Ideen für neue Eingabemethoden, aber meist verloren die Leute noch in der Lernphase die Lust. „Wir scheinen da erstmals ziemlich nah am Sweetspot zwischen Anwenderfreundlichkeit und Effizienz zu sein“, sagt Eberle. ---