Social Media

Tiktoker-WGs

Der Status von Social-Media-Stars ist fragil. Um ihn zu festigen, ziehen einige von ihnen zusammen – zur Freude der Fans und mancher Firmen.





• Wie hilfreich Partnerschaften sind, wussten schon frühe Youtube-Stars wie Casey Neistat. Der Mann, dessen Kanal heute mehr als zwölf Millionen Menschen abonniert haben, wurde dank einer innovativen Filmästhetik und perfekter Selbstinszenierung bekannt. Sein Publikum vergrößerte er aber auch dadurch, dass er in Videos mit anderen Youtube-Größen auftrat. Reichweite ist im Social-Media-Business alles, und wenn zwei Akteure kooperieren, von denen jeder eine Million Fans hat, haben danach im besten Fall beide zwei Millionen.

Dieses Kalkül steckt auch hinter den Wohngemeinschaften erfolgreicher Tiktoker in den USA. Im Dezember 2019 bezogen 20 von ihnen das sogenannte Hype House, eine Villa in Los Angeles mit Pool und Garten. Weitere populäre Tiktoker sind als Gäste erwünscht. Ziel ist es, so viele Videos wie möglich zu drehen und die Zahl der Follower zu vervielfachen. Das Kalkül geht auf: Der 18-jährige Chase Hudson etwa, einer der Initiatoren des Hype Houses, hatte beim Einzug 3,5 Millionen Follower, heute sind es mehr als 20 Millionen. Geholfen haben dürfte dabei der Flirt mit Charli D’Amelio, die ein paar Monate in der Wohngemeinschaft verbrachte. Die 16-jährige hat mehr als 70 Millionen Follower und ist damit die derzeit erfolgreichste Tiktokerin der Welt.

Warum, das ist schwer zu erklären. Das Reizvolle an dem chinesischen Social-Media-Portal ist die Abwechslung. Die Zuschauer sehen alle 15 Sekunden einen anderen Menschen, der tanzt, singt, Witze macht oder sich akrobatisch betätigt. D’Amelio ist hübsch und tanzt gut, aber weder ihr Aussehen noch ihre Fähigkeiten können ihren Aufstieg erklären.

Die Popularität dieser Stars ist so flüchtig wie einst die der Zlatkos und Jürgens aus der Reality-TV-Show „Big Brother“. Sie basiert schlicht auf Bekanntheit. Um die zu erlangen, müssen sie das Glück haben, dass eines ihrer Videos viral geht, und dann vor allem fleißig sein und massenweise Clips produzieren.

Eine weitere Parallele zu den Containerbewohnern des Trash-TV: Das Hype House steigert die Bekanntheit der Tiktoker auch insofern, als es die Aufmerksamkeit klassischer Medien wie die »New York Times« oder »Forbes« gewinnt.

Für die Werbung ist die WG höchst attraktiv. Es soll Deals mit der Fast-Food-Kette Chipotle und dem Limonadenhersteller Bang Energy geben. Regelmäßig platzieren die Bewohner Produkte in ihren Videos – ohne Hinweis auf die bezahlte Partnerschaft.

Inzwischen sind in den USA weitere solcher Wohngemeinschaften entstanden. Sie heißen Sway House, Clubhouse oder Fenty Beauty House. Letztere ist eine Initiative von Rihanna. Ein halbes Dutzend Tiktoker wurden in das Haus geladen, um dort zu wohnen, Videos zu drehen und die Kosmetikmarke ihrer berühmten Gastgeberin zu promoten.

Auch in Deutschland könnte es bald eine solche WG geben. Der 24-jährige Simon Weber arbeitet daran. Seit zehn Jahren hat er einen Youtube-Kanal, unterhält dort unter dem Namen Simon Will fast 900.000 Abonnenten mit Sketchen. Vor einem halben Jahr ist er auch bei Tiktok aktiv geworden. Deutschland hält er zwar für diese Art der Unterhaltung für nicht so „open-minded“ wie die USA – dennoch ist er überzeugt, dass die WGs auch hierzulande funktionieren und sich bestens vermarkten lassen. Denn: „Ob Klamotten, Getränke, Mobilfunkanbieter, Autos, Möbel, … es lässt sich so gut wie alles sehr organisch und natürlich in solch ein Setting integrieren.“ ---

Martin Fehrensen ist Autor von Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.