Was Wirtschaft treibt

„Ohne Faxgerät wären wir aufgeschmissen“

Govtech-Start-ups wollen den Staat modernisieren. Wie, sagt Lars Zimmermann, der in solche Firmen investiert.




brand eins: Herr Zimmermann, alle reden vom großen Digitalisierungsschub durch Corona. Kommt der jetzt auch für Staat und Verwaltung?

Lars Zimmermann: Zumindest haben viele in Politik und Behörden verstanden, dass er kommen muss. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass unsere Verwaltungsstrukturen in vielen Bereichen unflexibel und ineffizient sind. Dabei hat die deutsche Verwaltung den Anspruch, gut zu funktionieren. Die Prozesse sollen zuverlässig laufen. Wie neue Technologien daran etwas verbessern könnten, spielte kaum eine Rolle.

Die Verwaltung ist in den vergangenen Monaten der Pandemie aber doch nicht zusammengebrochen …

Nein, nicht generell, das Schulsystem in weiten Teilen aber schon. Viele Bundesländer hatten keine Plattformen, mit denen die Lehrer schnell auf Online-Unterricht hätten umschalten können. Aber dieses Staatsversagen in der digitalen Bildung ist nur die extreme Ausprägung des grundsätzlichen Problems. Unabhängig von der Krise merken Bürger und Mitarbeiter, dass die Abläufe in den Verwaltungen mit zeitgemäßen IT-Anwendungen schneller, passgenauer und flexibler sein könnten. Jeder, der mal einen Bauantrag eingereicht hat, weiß, wovon ich spreche. Der Staat ist ein schlechter IT-Anwender. Govtech-Start-ups wollen das ändern. Das bedeutet: Unternehmen entwickeln digitale Produkte und Lösungen für Staat und Verwaltungen.

Vor zehn oder fünfzehn Jahren hieß das E-Government. Ist das nicht einfach alter Wein in neuen Schläuchen?

Modernes E-Government hat es Deutschland nie wirklich gegeben. Hierzulande gab es keine New-Public-Management-Bewegung. Die war Anfang der 2000er-Jahre in Teilen der USA und vielen Ländern der Europäischen Union ein Leitbild, um Verwaltungen nach Managementprinzipien umzubauen, wie man sie aus großen Firmen kannte. In Großbritannien, Polen, Estland oder Dänemark führte das zu größeren Reformen – Steuerverwaltungen etwa wurden radikal verschlankt und moderne Hard- und Software eingeführt.


Lars Zimmermann, 44

ist Managing Director von Public, einer Wagniskapitalfirma für Government Technology mit Sitz in Berlin, Kopenhagen, London und Paris. Sie unterstützt Start-ups bei der Entwicklung digitaler Produkte für Staat und Verwaltungen

In Deutschland wird E-Government bis heute rein prozessual verstanden. Analoge Verwaltungsprozesse werden digitalisiert, aus der Papierakte wird die E-Akte. Andere Länder sind schon viel weiter. Bei ihnen sind dadurch riesige Abteilungen überflüssig geworden, zum Beispiel in Steuerverwaltungen in skandinavischen Ländern.

Was ist neu an den sogenannten Government Technologies?

Neu ist, dass heute viele verwaltungsfremde Akteure diese Entwicklung treiben. Investoren, Start-ups, aber auch globale Technologie-Unternehmen wie Amazon, Microsoft oder Huawei. Und es herrscht ein internationaler Wettbewerb. Die Staaten, die Govtech anwenden, können ihre Bürgerdienste, Gesundheits- und Bildungssysteme verbessern. In Europa ist es noch unklar, welche Länder bei der Entwicklung von Govtech die Führung übernehmen. Das ist einer der letzten unerschlossenen Technologiemärkte. Wir reden von 400 Milliarden Dollar Marktpotenzial weltweit.

Wo könnte digitale Technik besonders nützlich sein?

Es gibt Anwendungen, die vieles dynamischer machen würden. Dazu zählt etwa eine „digitale Identität“, mit der sich Bürger in jedem System des Staates anmelden könnten. Oder eine sogenannte Govcloud, auf der viele Verwaltungsanwendungen des Bundes, der Länder oder der Kommunen laufen könnten, ohne dass alle Verwaltungen vor Ort eigene IT-Systeme brauchen. Eine Friedhofsverwaltung funktioniert in Flensburg ja nicht grundlegend anders als in Füssen.

Was haben Govtech-Start-ups denn bisher schon entwickelt?

Frankreich führt zum Beispiel gerade für die gesamte Verwaltung des Landes eine sichere, dezentrale Kommunikationsplattform von New Vector ein, ein Start-up aus Paris, das zu unserem Portfolio gehört. Auf der Plattform ist geregelt, wer welche Informationen teilen darf. Beamte schicken keine E-Mails oder Formulare mehr hin und her – das macht die Arbeit effizienter und transparenter.

Es gibt auch Firmen, die Analyse-Programme für den Staat entwickeln, damit dieser bessere Entscheidungen treffen kann. Die bekannteste ist Palantir Technologies aus Kalifornien. Das Unternehmen ist aber umstritten, weil die CIA investiert hat. Davon profitieren europäische Start-ups wie Statice aus Berlin, das sensible Daten anonymisiert und aufbereitet. Oder Breeze Technologies aus Hamburg – das Unternehmen sammelt Umweltdaten für Städte mit viel Verkehr und wertet sie aus.

Wo steht die öffentliche Verwaltung in Deutschland denn technologisch im internationalen Vergleich?

Ich erinnere mich an eine Situation in der Hochphase der Corona-Krise, als wir mit einem Gesundheitsamt zusammengearbeitet haben. Da fiel der Satz: „Ohne Faxgerät wären wir aufgeschmissen.“ Generell kann man sagen: Kein Land in der EU ist in allen Bereichen der Verwaltungsdigitalisierung führend. Manche sind in der Bildung sehr gut, andere bei behördlichen Prozessen oder im Gesundheitswesen. Deutschland ist nirgendwo so richtig gut.

Das hört sich aussichtslos an …

Jeder Staat, jede Behörde, kann Defizite rasch aufholen. Es handelt sich ja nicht um einen Kampf um Marktanteile zwischen den Staaten, sondern darum, dass diese die Vorteile von Technologie wirklich nutzen. Wir sind nicht an der Weltspitze, weil wir bisher nicht da sein wollten.

So gut wie alle Politiker fordern, dass die Chancen der Digitalisierung genutzt werden müssen. Warum geht es trotzdem so langsam voran?

Abstrakt sind sich alle einig. Aber erst wenn es um konkrete Veränderungen geht, wird es in der Politik spannend. Der Staat und die Verwaltungen halten sich als Anwender für etwas Besonderes. Am liebsten hätte jede Behörde ein speziell für sie entwickeltes System, obwohl all diese Institutionen dieselben oder sehr ähnliche Prozesse verwalten. Warum hat jedes Bundesland eine eigene Software für die Justizverwaltung?

Wir verlieren uns im Klein-Klein, ohne zu wissen, was wir eigentlich wollen. So wird Steuergeld verschwendet, und niemand hat einen Überblick, welche digitalen Produkte eigentlich schon genutzt werden. Wir brauchen einen einheitlichen Anwendungsmarkt in Deutschland, damit Govtech-Start-ups auch Skaleneffekte erzielen können.

Gibt es Firmen, denen das gelingt?

Es gibt erste Erfolgsgeschichten wie Jobkraftwerk. Die Firma digitalisiert mit ihrer Software die Sozialarbeit und wird schon in 500 Kommunen genutzt. Aber natürlich kostet es Zeit und Geld, wenn man als Start-up überall Klinken putzen und an komplizierten Ausschreibungsverfahren teilnehmen muss – und dann am Ende doch für jeden Auftraggeber eine Sonderlösung entwickeln soll.

Wenn alles so kompliziert ist – welche Chancen haben Gründer in diesem Bereich überhaupt?

Finanzierung und Wachstum laufen nicht nach den Regeln der Wagniskapitalgeber im Silicon Valley ab. Damit „Govtech made in Germany“ ein Exportschlager werden kann, muss der Staat zum Innovationspartner werden.

Was hätten die Bürger davon?

Wenn ich im Privat- und Berufsleben digital kommuniziere und arbeite, will ich nicht das Gefühl haben, ich gehe 20 Jahre zurück in die Vergangenheit, sobald ich mit Staat und Verwaltung zu tun habe. In Berlin gehört es selbst unter Politikern schon zum guten Ton, sich darüber lustig zu machen. Hinzu kommt: Wenn es private Wettbewerber gibt, zum Beispiel im Bildungs- oder Gesundheitswesen, nehmen weniger Menschen die staatlichen Angebote wahr. Aber noch wichtiger ist: Wir können mithilfe von Daten, evidenzbasierten Entscheidungen und schlanken Prozessen Politik in nahezu jedem Bereich wirksamer und zielgenauer machen. Das ist für das Vertrauen der Bürger in den Staat notwendig. ---