Der neue grüne Deal – Folge 04

Leichteste Übung – die Wärmewende

Nicht zu kalt, nicht zu heiß: Wir Menschen mögen es wohltemperiert. Und heizen nebenbei die Atmosphäre auf. Dabei ist Technik, die fossile Brennstoffe überflüssig macht, ausgereift. Es braucht nur die richtigen Anreize, um ihr zum Durchbruch zu verhelfen.





• Zu Beton hatten Schweizer Bauherren lange Zeit ein unverkrampftes Verhältnis. Bis hinauf in abgelegene Bergdörfer galt das beliebig formbare Material als Inbegriff des Fortschritts. Dass bei der Herstellung des dafür notwendigen Bestandteils Zement enorme Mengen CO2 frei werden, interessierte kaum jemanden. Dann kam das Jahr 2013, und ein Japaner zeigte den Zürchern, dass jener nachwachsende Rohstoff, der den alpenländischen Baustil traditionell geprägt hatte, mindestens so modern ist. Aus 2000 Kubikmetern massiven Fichtenholzes ließ der Architekt Shigeru Ban dem Medienhaus Tamedia ein hochmodernes Bürogebäude zimmern, ganz ohne Nägel und Schrauben. Der lichtdurchflutete Bau ist das, was man eine kleine CO2-Senke nennt: In seinen Wänden, Decken und Streben ist Kohlenstoff gebunden, den die Bäume über Jahrzehnte hinweg aus der Luft gefiltert haben. Selbstredend wird die großflächig verglaste, energetisch optimierte Firmenzentrale auch CO2-neutral beheizt.

Die Rückbesinnung aufs Holz ist ein internationaler Trend. In München hat der Projektentwickler Isaria Wohnbau AG mit der Vermarktung des Diamaltparks begonnen, eines luxuriösen Neubauquartiers auf einem früheren Firmengelände im einstigen Industriestadtteil Allach. Dort entstehen 126 Öko-Eigentumswohnungen der gehobenen Preislage mit insgesamt 8800 Quadratmetern Wohnfläche – alle in Holzbauweise.

Die Architektur-Avantgarde wagt sich derweil schon an weitaus spektakulärere Objekte heran. In Sydney planen die New Yorker Firma SHoP Architects und das australische Architektenbüro BVN das neue hybride Hauptquartier des britisch-australischen Softwarehauses Atlassian. Hybrid heißt, dass bestimmte tragende Teile laut Bauvorschrift in Stahl und Beton auszuführen sind. Dennoch geht Atlassian von 50 Prozent weniger CO2 beim Bau im Vergleich zu einem konventionellen Gebäude aus. Nach der Fertigstellung soll der Turm dank seiner begrünten Solar-Fassade klimaneutral sein.

Der Alltag der meisten Menschen ist davon noch weit entfernt. In Deutschland wird gut die Hälfte der Wohneinheiten mit Erdgas beheizt, ein knappes Viertel mit Mineralöl. Dabei hat der Physiker Amory Lovins, Mitgründer des Rocky Mountain Institute, bereits 1984 zusammen mit seiner Frau bewiesen, dass der moderne Mensch in seinem Haus kein Feuerchen mehr entfachen müsste, um es behaglich warm zu haben. Das Passivhaus, das sich Lovins damals in Old Snowmass in den Bergen von Colorado baute und vor elf Jahren auf den neuesten Stand brachte, trotzt seit eh und je klirrender Winterkälte und bleibt an heißen Sommertagen kühl – ohne Heizung und Klimaanlage, dank Sonnenenergie, ausgeklügelter Architektur und optimaler Isolierung. In Lovins’ Wintergarten wachsen sogar Bananen.

Wenn wir zum Heizen heute noch Öl und Gas verfeuern, ist das ähnlich anachronistisch, als tippten wir noch Briefe mit der Schreibmaschine. Lovins investierte und sparte sich fortan die Heizkosten. Der Pionier machte vor, wie leicht die Wärmewende zu bewerkstelligen ist. Auch wer schon ein Eigenheim besitzt, kann mit vorhandener Technik seine CO2-Bilanz massiv verbessern und die Wohnqualität steigern. Holger Lösch, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, spricht von „Low-Hanging Fruit“ beim Klimaschutz. Dummerweise fehlen für viele Immobilieneigen-tümer und Vermieter Anreize, das niedrig hängende Obst zu ernten. Doch diese Probleme sind lösbar.

Häuslebauer und Wohnungsbaugesellschaften haben in der Vergangenheit bereits einiges für ihre Umweltbilanz getan. Der CO2-Ausstoß der Privathaushalte lag 2018 bei 84 Millionen Tonnen, 36 Prozent weniger als 1990. Allerdings ließe sich immer noch enorm viel mehr sparen, wenn alle Wohnungen auf den Stand der Technik gebracht würden. Welche Effizienzsteigerungen bei Immobilien in den vergangenen 30 Jahren erreichbar waren, zeigen die Gewerbegebiete. In der Kategorie Gewerbe, Handel, Dienstleistung schrumpfte die jährliche Abgaswolke um weit mehr als die Hälfte – von 88 auf 39 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent.

Das ist kein Wunder: Unternehmer investieren in ihre Betriebsgebäude, wenn sich Umweltschutz auszahlt, oder sie bauen neu. Bei Wohnhäusern ist die Interessenlage weniger eindeutig. Da gibt es Erben, die nicht gewohnt sind, kaufmännisch zu denken, oder sich mit ihren Mit-Eigentümern nicht einig sind. Bei Altbauten kollidieren bisweilen Klimaschutz und Denkmalschutz. Oder es gibt technische Hürden: Unter einem Mehrfamilienhaus aus der Gründerzeit kann niemand mal so eben die Rohre einer Erdwärmepumpe in den Boden rammen. Hinzu kommt, dass Wohnraum in den Ballungsräumen so knapp ist, dass auch schlecht gedämmte Objekte sich gut vermieten lassen. Die Energiekosten sind dann das Problem des Mieters.

Immerhin gut die Hälfte der Einwohner Deutschlands lebt in Häusern, die Eigentum der Familie sind. Diese Menschen haben die Chance, sich durch eine Investition aus der Abhängigkeit von Öl und Gas freizukaufen. Ringt sich die Politik zu einer wirklich spürbaren Bepreisung von CO2-Emissionen durch, wird das Verbrennen von Erdöl und Erdgas zur immer schwereren finanziellen Bürde. Noch ist dies nicht der Fall; so dürfen veraltete Ölheizungen vorerst weiterbetrieben und durch effizientere ersetzt werden.

Für Christian von Hirschhausen steht allerdings fest, dass der Brennkessel im Keller seine Zukunft hinter sich hat. Der Energieexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin verweist auf den European Green Deal der EU-Kommission in Brüssel, der Klimaneutralität fordere. „Nur mit einer Abschaffung aller fossilen Energieträger lässt sich das Pariser Klimaschutzziel erreichen“, sagt Hirschhausen. „Das heißt: kein Öl, keine Kohle, kein Erdgas. Weg damit. Das brauchen wir nicht für die Wärmeversorgung.“ Zeitspanne bis zum Fossil-Ausstieg nach DIW-Einschätzung: 15 bis 20 Jahre.

Wer sich entschließt, die Sanierung seiner Immobilie auf eigene Faust anzupacken, kann sich von der Fülle an Informationen und dem allgegenwärtigen Fachchinesisch schnell überfordert fühlen. Das Repertoire an grundsätzlich verfügbaren Techniken ist groß, die Zahl der Produkte und Varianten noch größer und die Zusammenstellung eines passenden Pakets – unter Beachtung der neuesten Vorschriften und anwendbaren Förderrichtlinien – eine Kunst. Dabei geht es um zwei grundverschiedene Anforderungen: erstens möglichst viel Wärme im Winter drinnen und im Sommer draußen zu halten, zweitens die vielleicht dann noch nötige Wärmezufuhr auf umweltfreundliche Weise sicherzustellen.

Eignet sich das Grundstück für eine Erdwärmepumpe? Wenn ja, können ihre Rohre flach unter dem Rasen verlegt werden, oder muss man einen Antrag stellen, zig Meter in die Tiefe bohren zu dürfen? Bringt eine Luftwärmepumpe genug Leistung? Können auf dem Dach oder an der Fassade Solarzellen montiert werden, um die Pumpe oder ein paar Infrarot-Heizkörper mit Ökostrom zu betreiben? Rechnen sich Sonnenkollektoren, die auf dem Dach Wärme einfangen? Oder ist ein Anschluss ans Fern- oder Nahwärmenetz möglich und wirtschaftlich? Wenn ja: Wird das Kraftwerk mit nachwachsendem Brennstoff wie Holzhackschnitzeln aus der Region befeuert?

In immer mehr Städten und Regionen können Hausbesitzer diese Fragen mit unabhängigen Energieberatern klären. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Burkhard Drescher, ehemals Stadtplaner, Oberbürgermeister von Oberhausen und Vorstandsvorsitzender einer großen Wohnungsbaugesellschaft (Gagfah). Seit 2011 führt der 69-Jährige die Geschäfte der Innovation City Management GmbH (ICM) in Bottrop. Diese Public Private Partnership unter dem Dach des Initiativkreises Ruhr GmbH verfolgt das Ziel, die 117.000-Einwohner-Revierstadt zu einem Musterbeispiel des klimafreundlichen Wohnens zu machen (siehe auch brand eins 12/2018: „Schaut auf diese Stadt!“). Läuft alles nach Plan, dürfte Bottrop den CO2-Ausstoß im Pilotgebiet bis Ende dieses Jahres binnen einer Dekade halbiert haben. Ganz wichtig dabei ist die sogenannte aufsuchende Energieberatung: Auf Wunsch kommen Dreschers Leute zu den Bürgern ins renovierungsbedürftige Bergarbeitersiedlungshäuschen. Gut 1000 der bislang mehr als 4000 Interessenten haben diesen Service in Anspruch genommen.

Auch wenn Drescher in Bottrop sein Etappen-Klimaziel erreicht: Zufrieden ist er nicht. Vor allem am Förderprogramm „KfW 430“, das die Kreditanstalt für Wiederaufbau für den Bund abwickelt, lässt er kein gutes Haar. „Nur zwei Prozent der Interessierten, denen wir auch die KfW-Programme erklären, nehmen diese Mittel in Anspruch“, sagt der ICM-Chef. Denn die Bedingungen für einen Zuschuss gingen weit über die Anforderungen der zuletzt 2016 verschärften Energieeinsparverordnung hinaus – so weit, dass die Kosten, die der Antragsteller selbst tragen müsse, in keinem Verhältnis zur damit erreichten Entlastung der Umwelt stünden.

Drescher nennt das Beispiel eines Mehrfamilienhauses: Die mögliche Förderung von 40 Prozent hätte der Eigentümer nur dann bekommen, wenn er auf eine Wärmepumpe umgestiegen wäre, die wiederum eine Niedertemperaturheizung vorausgesetzt hätte. Doch das Haus hatte normale Heizkörper, keine Fußbodenheizung. „In so einem Fall müssen Sie das Haus entkernen: Sie brauchen neue Böden, neue Türen, neue Treppen, neue Steigleitungen.“ Das KfW-Programm tauge deshalb nicht als Anreiz für Hauseigentümer, in die energetische Moderni-sierung zu investieren, sondern stimuliere Mitnahmeeffekte – etwa wenn ein Investor ein Objekt für eine ohnehin vorgesehene Luxussanierung erwirbt, die dann subventioniert wird.

Für vorbildlich hält der Ex-Kommunalpolitiker dagegen das vergleichsweise bescheidene Förderprogramm, das ICM mit der Stadt Bottrop entwickelt hat. Es sei sehr gut bei den Eigentümern angekommen und fördere die Wirtschaft: „Pro Euro setzen wir acht Euro an Investitionen frei.“

Auch beim Klimaschutz macht der Ton die Musik. Der Öko-Pionier Amory Lovins weiß das. Er stellt stets den Nutzen und die positiven Nebeneffekte grüner Technik in den Mittelpunkt, statt die Leute mit negativ belegten Begriffen zu verschrecken. „Energieeinsparverordnung“ ist so ein vergiftetes Wort, das suggeriert, der Staat zwinge seine Bürger zu Verzicht. Das neue „Gesetz zur Vereinheitlichung des Energieeinsparrechts für Gebäude“, das die Verordnung mit dem dazugehörigen Energieeinsparungsgesetz verschmilzt, hat rund 75 Seiten und 114 Paragrafen. Sie regeln bis ins Kleinste, wie Bauherren und Hausbesitzer etwas zu tun haben, wenn sie es denn tun wollen. Wer es durchblättert, bekommt schnell den Eindruck, er könne an unzähligen Stellen jede Menge falsch machen und dann Ärger mit der Bürokratie bekommen – während andererseits noch bis 2038 schmutzige Braunkohle gefördert und ohne CO2-Abscheidung in Großkraftwerken verbrannt werden darf.

Der deutsche Publizist und Politikberater Mycle Schneider rät dringend zu einem Umdenken in der Energiepolitik – weg vom erhobenen Zeigefinger und hin zu einem Konzept, das er „intelligente Energiedienstleistung“ nennt. „Der ganze Sparansatz ist falsch“, sagt er, „deshalb rede ich nie über Energiesparen.“ Schneider will Lust machen auf innovative, ökologische und komfortable Lösungen: „Es geht darum, Häuser, Schulen und Fabriken so zu bauen, dass sich die Menschen darin wohlfühlen, nicht ständig krank werden und produktiv sind.“

Das ist häufig ganz ohne die Zufuhr von Energie möglich. Schneider verweist zum Beispiel auf die Möglichkeit, Schulen, Geschäfte, Fabriken und Büros mit umgelenktem Tageslicht zu beleuchten. Gebäude in heißen Regionen brauchten weniger stromfressende Klimaanlagen und erhöhten gleichzeitig das Wohlbefinden, wenn die Dächer weiß gestrichen oder die Fassaden begrünt würden. Dafür gibt es mittlerweile in vielen Ländern überzeugende Beispiele.

Energieeffizientes Wohnen muss kein Vermögen kosten. Das „Autarkie-Team“ um den Freiberger Unternehmer und Honorar- professor Timo Leukefeld verwirklicht erschwingliche Öko-Bauten. Das vielleicht interessanteste Projekt der Sachsen ist ein 2018 fertiggestelltes Mehrfamilienhaus in Wilhelmshaven. Dessen Mieter zahlen keine Kaltmiete plus Nebenkosten, sondern eine für zehn Jahre garantierte „Energieflatrate“. Wärme und Strom – auch der fürs Elektroauto – sind in der Miete inklusive.

Solche Modelle sieht das deutsche Mietrecht nicht vor. Eigentlich müssen Vermieter die Nebenkosten immer exakt abrechnen – getrennt von der Kaltmiete. Das führt in der Praxis zu dem Dilemma, dass von sinkenden Energiekosten nur der Mieter profitiert, nicht aber der Eigentümer. Es gibt allerdings inzwischen eine Ausnahmeregel für solar beheizte Häuser, denn die Sonne liefert die Wärme gratis, es fallen nur Kosten für die Investition in die Anlage an.

Wenn es nach Burkhard Drescher geht, sollte der Gesetzgeber den Weg grundsätzlich frei machen für die Warmmiete. Er ist überzeugt, dass die Wohnungswirtschaft in die energetische Sanierung investieren würde, wenn sich das für sie lohnte. Mycle Schneider sieht das ebenso. Sowohl Vermieter als auch Mieter sollten von der Modernisierung profitieren. Denkbar wäre die Einschaltung eines Dritten, eines sogenannten Energy Service Contractors, der die Investitionen vorfinanziert.

Ideen, wie es sich die Menschen in ihren Wohnungen behaglich machen können, ohne die Umwelt zu belasten, entstehen mittlerweile überall auf der Welt – und sie könnten auch einen Ausweg aus der sogenannten Energiearmut weisen. So lautet der Fachausdruck für den Umstand, dass nicht nur die Mieten, sondern auch die Nebenkosten den Beziehern niedriger Einkommen über den Kopf wachsen.

Eines der derzeit besten Beispiele kommt aus Schottland. Dort galt 2016 jeder vierte Haushalt als energiearm. Um das zu ändern, installierte der britische Hersteller Sunamp in Sozialwohnungen in der Region um Edinburgh sogenannte Heat Batteries. Die Geräte im Format eines schmalen Küchenunterschranks ersetzen die energetisch ineffizienten und wuchtigen Boiler. Gespeist werden die Hitzebatterien etwa mit Solarstrom vom Dach – der für die Sozialmieter kostenlos ist – oder mit Wärmepumpen. Bei Bedarf geben sie rund um die Uhr genug Wärme ab, um wie ein Durchlauferhitzer Wasser auf die richtige Temperatur für die Heizkörper oder zum Duschen zu bringen.

Die heute verfügbaren Techniken fürs klimaneutrale Wohnen könnten den Bau von bezahlbarem Wohnraum wieder in Schwung bringen. Denn bei Neubauten könnte die zweite Miete, die bislang beim Gaswerk oder beim Ölhändler landet, in Energieeffizienz investiert werden. Bei einer angemessenen CO2-Bepreisung müsste es für den Einsatz von nachwachsenden Baustoffen wie Holz, die atmosphärisches CO2 binden, sogar eine Gutschrift geben. Um den deutschen Wald brauchte sich trotzdem niemand zu sorgen. Der Bauträger Isaria hat ausgerechnet, dass acht Prozent der jährlich anfallenden Rohholzmenge genügen würden, um das gesamte Neubauvolumen der Bundesrepublik aus Massivholz zu errichten. ---

Rund die Hälfte der Einwohner Deutschlands lebt in eigenen Immobilien. Zwei Drittel des Wohnungsbestandes wurden vor 1979 gebaut. Ein Viertel ist sogar älter als die Bundesrepublik. Keine drei Prozent sind jünger als zehn Jahre, stammen also aus einer Zeit, in der klimaschonendes Bauen schon obligatorisch war.

In Deutschland gibt es rund 14 Millionen frei stehende Einfamilienhäuser, Doppelhaushälften und Reihenhäuser, von denen nur rund 17 Prozent vermietet sind. Sanieren die Eigentümer energetisch, tun sie es also im Normalfall für sich selbst oder für ihre Kinder. Das Gleiche gilt für die 1,7 Millionen Familien, Paare oder Rentner, die im eigenen Zweifamilienhaus wohnen, und dreieinhalb Millionen Haushalte, die über eine Eigentumswohnung verfügen.