Was Menschen bewegt

Kurt Sova: Das Kollektiv ermittelt

Wie starb Kurt Sova? Diese Frage beschäftigt Jahrzehnte später 300 Laien-Detektive bei einer Wochenend-Veranstaltung in Chicago. Über die Macht der Schwarmintelligenz.





• 38 Jahre, drei Monate und 25 Tage, nachdem die Leiche des 17-jährigen Kurt Sova in Newburgh Heights bei Cleveland auf einer Brachfläche gefunden wurde, versammeln sich 300 einander überwiegend fremde Menschen in einem Vier-Sterne-Hotel in Chicago. Sie wollen der Frage nachgehen, an der die offiziellen Ermittler bislang gescheitert sind: Was – oder wer – hat den Jungen getötet? Und wo war er, nachdem er am 23. Oktober 1981 von einer Party verschwand? Erst fünf Tage später wurde er nicht weit entfernt vom Ort der Party tot aufgefunden – in einer Gegend, die seine Familie zuvor vergeblich abgesucht hatte.

So gut wie niemand von denen, die sich im Ballsaal des Palmer House Hotels versammelt haben, hat Erfahrung darin, Verbrechen aufzuklären. Es sind Hausfrauen, Sozialarbeiter, Fitnesstrainer, Studenten und Programmierer, die an langen Tischen unter den Kronleuchtern sitzen. Ganz normale Menschen, die True Crime mögen, das Rätseln über wahre Verbrechen, und ein paar Hundert Dollar pro Nase gezahlt haben, um an der Veranstaltung CrowdSolve (etwa: Kollektiv-Ermittlung) teilzunehmen.

Einige Polizisten aus Kurt Sovas Heimatort Newburgh Heights sind ebenfalls angereist. Sie haben Auszüge der Original-Ermittlungsakte verteilt, darunter die Protokolle der Zeugenverhöre von damals, die handschriftlichen Notizen der Fahnder und der offizielle Obduktionsbericht. Ein Wochenende lang werden sich die Hobbydetektive in das Material vertiefen und versuchen, Spuren zu finden, die bislang übersehen wurden. Auch ein paar der noch lebenden Angehörigen von Kurt Sova sind anwesend.

Neben dem Rätsel, was dem Teenager zustieß, steht eine noch größere Frage im Raum: Kann eine Schar untrainierter Laien mehr erreichen als die dafür ausgebildeten Experten?

Viele glauben: ja. Die Idee, dass Schwarmintelligenz der beste Weg ist, um selbst komplexe Probleme zu lösen, ist in den vergangenen Jahren populär geworden. Zahlreiche Firmen und Organisationen nutzen mittlerweile regelmäßig die Weisheit der Menge. Der US-Snackhersteller Frito-Lay etwa spannt Amateure ein, um Werbespots für seine Tortillachips Doritos zu entwickeln. Auf Websites wie CrowdMed können Patienten ihre Krankheitssymptome einem Forum von Medizininteressierten unterbreiten, die dann versuchen, eine Diagnose zu stellen. Selbst die US-amerikanische Weltraumbehörde Nasa sucht immer wieder die Hilfe der Öffentlichkeit, um etwa technische Probleme bei Weltraummissionen zu lösen.

Dass die Weisheit der Menge in den USA nun sogar bei Kriminalfällen eingesetzt wird, hat aber auch mit Verzweiflung zu tun. Experten schätzen, dass seit 1980 mehr als 250 000 Mordfälle im Land unaufgeklärt geblieben sind. „Selbst wenn nur ein Bruchteil dieser ungelösten Fälle dazu führt, dass die Schuldigen weitere Menschen töten könnten, stellt das eine anhaltende Bedrohung für die öffentliche Sicherheit dar“, schreibt James Adcock, ein bekannter Experte für Cold Cases, also alte, ungelöste Kriminalfälle, in der Publikation „The Crime Report“.

Oder wie es John Majoy, der Polizeichef von Newburgh Heights ausdrückt: Der Fall Sova „ist kälter als kalt“.

Kurt Sova war der jüngste von vier Söhnen. Die Brüder wuchsen in einem armen Viertel von Newburgh Heights auf, acht Kilometer südlich von Cleveland in Ohio. Das sei „rau und hart“ gewesen, erzählte Kurts Bruder Kevin Jahrzehnte später im Podcast „True Crimes Chronicles“.Auf Bildern aus den Tagen vor seinem Tod grinst Kurt Sova unter einem Schopf kinnlanger Haare hervor. Die Familie hatte wenig Geld, aber Eltern und Söhne verstanden sich gut. Kurt, der Jüngste, galt als der Spaßvogel. Und er liebte Sport. „Der kleine Stinker war schnell – schneller als wir alle“, sagt Kevin.

An einem Freitag kurz vor Halloween 1981 traf sich Kurt Sova nahe seines Elternhauses mit einem Bekannten, der vorschlug, auf eine Party zu gehen. Kurt kam von dieser Party nicht nach Hause. Am folgenden Tag begannen seine Eltern, ihn zu suchen. Als sie von der Feier hörten, fuhren sie zum Haus der jungen Frau, die sie veranstaltet hatte. Diese bestritt, dass es eine Party gegeben habe und dass Kurt in ihrer Wohnung gewesen sei. Erst als dessen Eltern sie erneut konfrontierten, gab sie beides zu. Der Junge aber blieb verschwunden.

Zeugen sagten später aus, dass er auf der Feier viel getrunken habe, vor allem einen hochprozentigen Kornbrand. Ein Partygast sei mit ihm vor die Tür gegangen, um ihm frische Luft zu verschaffen. Weil es kalt war, sei der Bekannte zurück ins Haus gelaufen und habe eine Jacke geholt. Als er wieder nach draußen gekommen sei, sei Kurt Sova verschwunden gewesen.

Seine Eltern meldeten ihn als vermisst und hängten Suchposter auf. Ein Mitschüler gab später zu Protokoll, dass er ihn vier Tage nach dessen Verschwinden auf der Straße gesehen habe, im Vorbeifahren aus dem Auto heraus. Da er noch nicht gewusst habe, dass Kurt gesucht wurde, habe er sich nichts dabei gedacht.

Am Mittwoch, dem 28. Oktober, fünf Tage nach Kurt Sovas Verschwinden, nahmen drei Jungen eine Abkürzung durch eine felsige Schlucht und fanden seine Leiche in einer Pfütze. Er lag auf dem Rücken mit ausgebreiteten Armen, das Gesicht zur Seite gedreht, sein rechter Schuh fehlte. Seine Familie hatte in dieser Schlucht bereits nach ihm gesucht, der Ort lag nur 500 Meter vom Haus der Party entfernt.

Die Obduktion ergab, dass Kurt Sova vermutlich erst gut einen Tag vor dem Auffinden seiner Leiche gestorben war. Bis heute ist nicht klar, woran der Junge starb. Sein Körper wies keine Spuren von Gewalt oder größere Verletzungen auf. Ungeklärt ist auch, wo der Teenager in den Tagen zwischen der Party und seinem Tod war.

Eine Firma namens Red Seat Ventures hat die 300 Hobby-Detektive eingeladen, sich ein Wochenende lang mit dem Fall Sova zu beschäftigen. Das Unternehmen veranstaltet bislang True-Crime-Tagungen, sogenannte CrimeCons, auf denen Fans des Genres professionelle Ermittler treffen und Vorträge über Forensik oder berühmte Fälle anhören können. Aber „immer mehr Teilnehmer sagten uns, dass sie gern bei etwas dabei sein würden, das sich auf einen einzigen Fall konzentriert“, sagt Kevin Balfe von Red Seat Ventures. Anderthalb Jahre habe es gedauert, die CrowdSolve-Veranstaltung in Chicago zu organisieren. „Wir wollten ein Format schaffen, das echte Fortschritte in einem Fall ermöglicht.“

Als die Firma bei der Polizei von Newburgh Heights anfragte, ob man im Fall Kurt Sova ermitteln könne, zögerte dessen Chief John Majoy nicht lange. Wie viele Polizeidezernate außerhalb der großen Städte ist auch dieses klein, mit nur etwa zwei Dutzend Beamten. Sie haben kaum Zeit, sich um alte Fälle zu kümmern. Doch der Tod Kurt Sovas beunruhigt Majoy noch heute. Er ist überzeugt, dass jemand die Leiche des Teenagers in die Pfütze gelegt haben muss. Denn: Die Socke an dem Fuß, an dem der Schuh fehlte, war relativ sauber. Unwahrscheinlich, dass der Junge damit weit gelaufen war.

John Majoy war einverstanden, Laien auf den Fall anzusetzen. „Wir haben nichts zu verlieren.“

Nun verschafft er den versammelten CrowdSolve-Teilnehmern im Ballsaal des Hotels in Chicago einen Überblick über die Nachforschungen, die die Polizei in dem Fall bereits angestellt hat. Nach ihm tritt ein pensionierter US-Marshall auf die Bühne und erklärt, wie man Zeugenaussagen analysiert. Ein Gerichtspathologe beantwortet Fragen über den Effekt von Alkohol auf die Organe und mögliche Todesursachen.

Ebenfalls zur Veranstaltung angereist ist Sarah Lageson. Die Soziologin von der Rutgers Universität in Newark, New Jersey, studiert, wie die Öffentlichkeit Kriminalfälle verfolgt und selber zur Lösung beiträgt. Es sei „unglaublich imponierend, wie viel die Teilnehmer über Polizeiprozeduren, Ermittlungstechniken und medizinische Aspekte wissen“, sagt Lageson. Sie verstehe auch die Faszination, die von Verbrechen ausgehe. In diesen Geschichten „kommt so viel menschliches Drama zusammen: Verrat, Schock, Intrige, aber auch Versöhnung und Sühne. CrowdSolve bietet Menschen eine Möglichkeit, noch näher an solche Geschichten heranzukommen.“

Auf Beobachtungen aus der Natur begründet sich die Idee, dass auch Kollektive von Menschen mehr vollbringen können als die Summe ihrer Einzelleistungen (siehe Kasten auf der nächsten Seite). Was die Teilnehmer von CrowdSolve an diesem Wochenende leisten, ist tatsächlich beeindruckend. Trotzdem scheint das Rätsel, was in jener Nacht im Oktober 1981 mit Kurt Sova geschah, nahezu unlösbar.

In Gruppen verteilt, beginnen die Hobby-Detektive die Vernehmungsprotokolle der Partygäste von damals auszuwerten. Sie studieren Fotos von Kurt Sovas Leiche, vergleichen seinen Fall mit anderen aus der Region. Manche haben sich wegen der Klimaanlage Decken mitgebracht, viele trinken Kaffee aus enorm großen Bechern. Einige haben detaillierte Zeitleisten der Ereignisse von damals angefertigt oder Übersichtsprofile aller Beteiligten zusammengestellt.

Polizeibeamte aus Newburgh Heights mischen sich unter die Gruppen, um Fragen zu beantworten und Theorien anzuhören. Doch schnell wird klar, dass die Aussagen derer, die Kurt Sova am Tag seines Verschwindens sahen, voll von jenen Widersprüchen sind, die man erwarten kann, wenn eine Gruppe Jugendlicher die Ereignisse einer Party nacherzählen soll. Die Hobby-Detektive rätseln: Wer war nun wirklich in welchem Moment wo? Wem soll man glauben? Wer irrt sich, wenn zwei Personen Unterschiedliches erzählen? Wer sagt vielleicht bewusst nicht die Wahrheit?

Alle Teilnehmer von CrowdSolve haben sich schriftlich verpflichtet, sämtliche Details des Falles, die über die öffentlich bekannten Fakten hinausgehen, vertraulich zu behandeln. Man will mögliche neue Ermittlungen nicht gefährden und erst recht nicht den Gerichtsprozess, sollte es je zu einem kommen.

Auf jedes triumphierende „Ich hab’s!“, das durch die Hotel-Räumlichkeiten hallt, folgt ein zweifelndes „Aber warum hat dann …“ Im Diskussionsforum der Veranstaltung im Internet witzelt später eine Teilnehmerin: „Können wir vielleicht nächstes Mal einen Fall kriegen, in dem es nur zwei Verdächtige gibt, von denen einer eine Pistole in der Hand hält und eine blutbefleckte Hose trägt?“

Laienermittlungen in Kriminalfällen haben eine durchwachsene Bilanz. „Es gab ein paar Erfolgsfälle, die sehr bekannt geworden sind“, sagt die Soziologin Lageson. Zum Beispiel haben über Internetforen vereinte True-Crime-Fans in den vergangenen Jahren Dutzende oder vielleicht sogar Hunderte von Toten identifiziert, die Unfällen oder Verbrechen zum Opfer gefallen und als „unbekannt“ in den Polizeikarteien abgelegt worden waren. Manchmal nutzten die Amateure DNA-Analysen, die von den Opfern gemacht worden waren: Die Ergebnisse stellten sie auf Websites für Familienforschung und suchten geduldig, bis sie noch lebende Verwandte fanden. In anderen Fällen gelang es ihnen über Besitztümer der Toten – ein Konzert-Ticket in der Hosentasche, ein ungewöhnliches T-Shirt –, Anknüpfungspunkte zu finden.

Aber es birgt auch Gefahren, wenn Laien ermitteln. Nach dem Bombenanschlag auf den Bostoner Marathon im Jahr 2013 machten einige im Internet Jagd auf mögliche Verdächtige. Auf der Website Reddit analysierten sie Fotos vom Marathon und markierten fieberhaft jede Person mit einer Tasche. Dann begannen sie diese Menschen zu identifizieren. Schnell richtete sich das vereinte Misstrauen gegen zwei Männer, deren Namen und Fotos schließlich auf der Titelseite einer Zeitung landeten. Doch beide waren unschuldig und hatten nichts mit dem Anschlag zu tun.

Für die Angehörigen von Opfern kann es eine letzte Hoffnung sein, wenn Wildfremde sich für ihre Tragödie interessieren. Auch Kevin Sova ist zur Veranstaltung CrowdSolve gekommen. Er ist der letzte der vier Sova-Brüder, der noch lebt. Auch die Eltern sind inzwischen tot. Als die Mutter vor einigen Jahren starb, fand Kevin beim Ausräumen des Hauses mehrere Kisten im Keller, die voll mit Unterlagen zum Verschwinden seines Bruders waren. In handschriftlichen Notizen hatte die Mutter über Jahre hinweg versucht zu ergründen, was ihrem Sohn zugestoßen sein könnte. „Wir wollen einfach nur wissen, was damals passiert ist“, sagt Kevin immer wieder. „Wir wollen nur wissen, was passiert ist.“

Allein schon, dass eine Menge ihre kollektive Aufmerksamkeit auf eine Sache richtet, bewegt manchmal etwas. Das Event in Chicago ist das zweite, ein erstes Treffen dieser Art fand im Oktober 2019 in Seattle statt. Damals wählten die Veranstalter den Fall von Nancy Moyer aus, einer 36-jährigen Mutter von zwei Kindern, die im Jahr 2009 im US-Bundesstaat Washington verschwand und seitdem nicht mehr gesehen wurde.

Kurz nachdem publik wurde, dass sich die Laien-Ermittler mit Moyers Verschwinden beschäftigen würden, meldete sich ein ehemaliger Nachbar der Frau bei der Polizei. Er gestand, Moyer getötet zu haben. Später widerrief er sein Geständnis zwar – doch seit Langem hat die Polizei nun wieder einen konkreten Verdächtigen.

Ob die Hobby-Detektive auch im Fall Kurt Sova etwas erreichen werden, ist noch offen. Bevor sie am Sonntagnachmittag abreisen, erzählen sie den Polizisten, was ihrer Meinung nach an jenem Wochenende im Oktober 1981 geschah. In den folgenden Wochen füllen sie Fragebögen aus und geben Anregungen, welche Zeugen die Polizei erneut befragen und welchen Spuren sie nach- gehen sollte.

„Das wird uns helfen, da bin ich mir sicher“, sagt Tom Lewis, einer der Polizisten aus Newburgh Heights.

Zumindest einem Menschen hat die Veranstaltung jetzt schon etwas gebracht. 38 Jahre, drei Monate und nun 26 Tage, nachdem sein Bruder verschwand, steht Kevin Sova auf der Bühne. Lange hat er geglaubt, dass es niemanden mehr kümmere, was damals geschah. Nun dankt er den „Verrückten“, die für ein Wochenende nach Chicago gekommen sind, um sich mit dem Tod seines Bruders zu beschäftigen. Er beginnt zu weinen. Es sind keine Tränen der Verzweiflung, sondern Tränen der Rührung. ---

Schwarmintelligenz in der Natur

Manche setzen große Hoffnung in die Weisheit der vielen. „Wir werden die großen Herausforderungen in Sachen Klima, Gesundheit, Wohlstand oder Krieg kaum lösen können, wenn wir nicht besser lernen, gemeinsam zu denken und zu handeln“, schreibt Geoff Mulgan, Professor für kollektive Intelligenz am University College London, in seinem Buch „Big Mind“.

In der Natur gibt es viele Vorbilder für kollektives Problemlösen: Termiten sind Verwandte der Kakerlaken, meist haben sie keine Augen. Sondert man eine Termite von ihrem Volk ab, wirkt sie hilflos und verloren. Doch vereint errichten die Insekten Bauten, die neun Meter hoch sein können. Über den Kraftakt hinaus ist das eine technische Wunderleistung. Obwohl man keiner einzelnen Termite Expertise als Ingenieur oder Architekt zusprechen kann, sind die Hügel der Tiere raffinierte Gebilde aus Gängen und Kammern, die nicht nur stabil sind, sondern auch so angelegt, dass Luftströme sie auf natürliche Weise kühlen.

Sind auch Menschen im Kollektiv mehr als die Summe ihrer Teile?

Einige Experimente legen das nahe: Fans von Pferderennen wurden aufgefordert, vorherzusagen, welche vier Tiere beim Derby zuerst über die Ziellinie laufen würden. Eine schwierige Aufgabe – mathematisch stehen die Chancen, alle vier Sieger in der korrekten Reihenfolge zu nennen, bei 540:1. Keiner der Fans lag richtig. Doch als eine Software die Einzelprognosen kombinierte, ergab sich die korrekte Reihenfolge.

In einem anderen Versuch sollten Kinder schätzen, wie warm es in dem Raum war, in dem sie sich aufhielten. Der Mittelwert ihrer Schätzungen traf die tatsächliche Temperatur auf 0,4 Grad Celsius genau.

„Große Gruppen denken akkurater als Einzelne, selbst wenn die Einzelnen augenscheinlich Experten sind“, schreibt Mulgan. Eine Erklärung dafür ist, dass Einzelne einander schnell korrigieren.

Nicht jeder Schwarm ist allerdings automatisch klug: In einem Test, in dem Forscher die kollektive Intelligenz zu geschichtlichen Ereignissen abriefen, lagen manche Ergebnisse um fast 100 Jahre daneben. Und als Arnold Schwarzenegger als Gouverneur Kaliforniens auf einer Plattform um Lösungsvorschläge für die dringlichsten Probleme des Bundesstaats bat, wurde eine Antwort besonders häufig gegeben: „Haschisch legalisieren“.

„Kollektive Intelligenz heißt nicht, dass alle Gruppen immer weiser sind als Einzelpersonen. Sondern dass es Bedingungen gibt, unter denen das zutrifft“, schrieb jüngst ein Team um den Infektiologen Joseph Tucker von der Universität North Carolina, der sich mit

Crowd Wisdom in der Medizin beschäftigt.

Unter welchen Bedingungen funktioniert kollektive Intelligenz?

Die befragten Gruppen sollten möglichst divers sein – Alte und Junge sollten vertreten sein, Menschen verschiedener Hautfarben und Lebensanschauungen. Jedes Mitglied sollte seine Meinung unabhängig von den anderen äußern können.

Forscher versuchen, das Schwarmdenken der Menschen mit künst- licher Intelligenz zu unterstützen. Das kann so aussehen, dass eine Software die Meinungen verschiedener Ärzte zu einem Krankheitsfall abfragt, dann kombiniert und dabei auch einbezieht, wie sicher sich jeder Mediziner seiner Diagnose ist. Die Schwarmbefunde, die so entstehen, sind ersten Experimenten zufolge besonders oft akkurat.

Erst vereinzelt wird die Weisheit der vielen auf das angesetzt, was als „gemeine Probleme“ bezeichnet wird. Den Begriff hat Ann Majchrzak geprägt, Professorin für Verwaltungs- lehre an der Universität von Südkalifornien und Mitautorin des Buches „Unleashing the Crowd“. Damit meint sie komplexe gesellschaftliche Anliegen wie Korruption, Diskriminierung, Obdachlosigkeit oder Klimawandel, bei denen noch niemand weiß, wie man sie am besten löst.

Versuche haben gezeigt, dass die Crowd Wisdom oft neue Ansätze hervorbringt. Etwa die Idee, die Emanzipation von Mädchen in armen Ländern durch Girl Bands auf Musikfestivals zu fördern, nicht nur durch Bildungsprogramme.

So wie Nervenzellen im Gehirn nütz- lich würden, wenn sie sich ver- netzten, führe auch ein Verbinden im menschlichen Denken zu „drama- tischen Sprüngen“ in der kollektiven Intelligenz, befindet Mulgan. „Das Ganze kann dann viel mehr sein als die Summe der Einzelteile.“