Kultur vor dem Fenster

Hausmusik

Plötzlich waren öffentliche Auftritte verboten. Die Corona-Krise hat selbstständige Künstler in Deutschland schwer getroffen. Zwei von ihnen haben eine Alternative für sich und ihre Berufskollegen entwickelt.




• Es ist ein warmer Sommerabend, auf einer steinernen Terrasse sitzen und stehen drei Frauen mit Geige, Bratsche und Cello. Ein paar Meter entfernt sitzt ihr Publikum – auf Bierbänken, mit Sektgläsern in der Hand. Ein Nicken mit dem Kopf, die drei beginnen zu spielen: ein Stück aus der Wassermusik von Georg Friedrich Händel, die komponiert wurde, um einen König während einer Bootsfahrt auf der Themse zu unterhalten.

Fast regungslos sitzen die Gäste auf ihren Bänken im Garten des Einfamilienhauses in Dambach, einem Stadtteil von Fürth, und lauschen den Klängen, die die Luft erfüllen. Erhaben und feierlich und doch leicht. Maria Schalk, Karoline Hoffmann und Irene von Fritsch spielen seit 18 Jahren im Elisen Quartett. Man kennt sie hier.

Normalerweise treten die Musikerinnen auf Bühnen von Konzerthäusern oder bei Festivals auf. Dass sie in privaten Gärten stehen dürfen, ist jetzt schon ein Erfolg.

Marc Vogel und Katja Lachmann haben Konzerte wie diese mit ihrem Projekt „Kultur vor dem Fenster“ möglich gemacht. Vogel ist ein Mann Ende 40, mit langem, grauem Zopf, der gern barfuß läuft; Katja Lachmann, Anfang 50, kommt im Sommerkleid zum Treffen in den Biergarten. Sie sind selbst Künstler – er ist Artist und Gaukler und tritt auf Mittelaltermärkten auf, sie spielt in einer Volksmusik-Kapelle Kontrabass.

Die Idee hatten die beiden im März, als es losging mit den Kontaktbeschränkungen. „Von einem Tag auf den anderen hatten wir keine Auftritte mehr, und auch mittelfristig werden wir den Normalzustand nicht wieder erreichen“, sagt Marc Vogel. „Nach 20 oder 30 Jahren droht einem nun, die Existenz wegzubrechen.“


Luftige Logenplätze: Seit Corona verfolgen die Menschen Auftritte von Musikern auch zu Hause vom Balkon aus

Wenn die Leute nicht mehr in die Veranstaltungshallen gehen dürfen, so überlegten sie, müssen die Künstler eben zu ihnen kommen. Unter die Fenster und Balkone. Katja Lachmann programmierte eine Website, auf der sich Künstler und Kunden kostenlos vernetzen können. Was gespielt wird, wie hoch die Gage ist, verhandeln die jeweiligen Parteien selbst.

Die Soforthilfen des Staates für Solo-Selbstständige haben den meisten freischaffenden Künstlern nicht weitergeholfen. Die 50 Milliarden Euro richteten sich zwar auch an sie – aber mit dem Geld darf nicht der Lebensunterhalt bezahlt werden, sondern nur die Arbeitskosten, welche bei vielen Kulturschaffenden gar nicht anfallen. Rund 456.000 Selbstständige und Freiberufler gibt es in der Kreativ- und Kulturwirtschaft, fast 200.000 von ihnen verdienen weniger als 17.500 Euro im Jahr. Wirksamer helfen soll nun das Programm „Neustart Kultur“. Dabei unterstützt der Staat eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs in vielen Einrichtungen unter Pandemiebedingungen.

Bei „Kultur vor dem Fenster“ in Fürth haben sich bislang knapp 40 Künstler angemeldet, in anderen Städten – wie Nürnberg – noch mehr. Unter ihnen sind Jongleure, Rockmusiker oder ausgebildete Opernsänger. In Fürth habe es schon 50 Auftritte gegeben, sagt Marc Vogel, 200 bis 300 Euro verdienten die Künstler pro Vorstellung.

Im April sollte es losgehen. Mit dem Kulturamt hatte man sich geeinigt, dann verbot die Polizei den ersten Auftritt. „Am Anfang waren die Vorgaben ein wenig widersprüchlich, da wollte keiner Fehler machen“, sagt Katja Lachmann. Nach vielen Anrufen erhielten sie schließlich doch die Genehmigung, ihr Konzept unter strengen Auflagen umzusetzen. „Maximal drei Künstler, die Leute mussten in ihren Wohnungen bleiben, bezahlt werden durfte nur bargeldlos“, sagt Vogel.

Die Zuschauer hätten es genossen. Sie seien in schicker Kleidung mit einem Glas Wein auf die Balkone gekommen. „Für die war das ja auch ein Ereignis.“ Gerade in den ersten Wochen, als man kaum rauskam.

Inzwischen haben Geschäfte und Restaurants wieder aufgemacht, der Fußball-Zweitligist Greuther Fürth konnte seine Saison zu Ende bringen. Auch Konzerte dürfen – mit wenigen Zuhörern – wieder stattfinden. Aber Großveranstaltungen bleiben wohl noch bis mindestens Ende Oktober verboten.

Für die Musikerinnen des Elisen Quartetts sind das schlechte Aussichten. Von Mitte März an hatten sie plötzlich keine Einnahmen mehr. Konzerte wurden abgesagt, ihre Musikschüler konnten sie auch nicht mehr unterrichten. „Kultur vor dem Fenster“ sei wie ein Rettungsanker gewesen, sagt Maria Schalk. „So konnten wir immerhin sechsmal auftreten in den vergangenen Wochen.“ Lange Zeit aber nur als Trio, wegen der Auflagen.

An diesem Abend hat Britta Müller sie eingeladen. Das Konzert ist eine Geburtstagsüberraschung für ihren Mann.

Eine Dreiviertelstunde spielen die Musikerinnen. Vielleicht seien solche Auftritte eine Chance, sagt Irene von Fritsch danach. „Wir kommen mit einem anderen Publikum in Kontakt, auch mit jungen Menschen, die sonst nicht unbedingt zu unseren Konzerten kommen.“ Auch Hausgemeinschaften hätten für Hinterhof-Auftritte schon zusammengelegt.

Rüdiger Popp, Pfarrer im Ort, ist der, der an diesem Tag Geburtstag hat. „Das ist etwas Besonderes und sehr Persönliches“, sagt er über sein Geschenk. Und er findet: „Solche Initiativen führen auch dazu, dass man die lokale Kunstszene wieder zu schätzen lernt.“

Auf diesen Effekt hoffen auch die beiden Initiatoren. „Früher bin ich nach Düsseldorf zu Auftritten gereist, während ein Künstler von dort mit einem ähnlichen Programm hier aufgetreten ist“, sagt Vogel. Weil die beiden glauben, dass ihr Angebot auch nach der Pandemie noch gefragt sein wird, läuft ihr Projekt parallel schon unter dem Namen „Kultur im kleinen Kreis“. Vogel und Lachmann sind überzeugt, dass immer mehr Menschen Künstler für private Feiern buchen wollen. Langfristig solle „Kultur in der Region“ dazukommen.

Das Konzept ist bereits zu einem kleinen Exportschlager geworden. Nach Fürth haben sich Nürnberg und Erlangen angeschlossen, außerdem Augsburg, Landshut und Esslingen am Neckar. „Bald kommt wohl München dazu, und dann vielleicht auch Städte außerhalb Süddeutschlands“, sagt Katja Lachmann. Die beiden konzentrieren sich auf Fürth, die anderen Städte haben andere Organisatoren. Marc Vogel findet das sinnvoll: „Schließlich hat jede Stadt eigene Vorgaben, die umgesetzt werden müssen.“

Die Streicherinnen des Elisen Quartetts packen ihre Instrumente ein. Sie sind optimistisch, bald wieder vor einem größeren Publikum spielen zu dürfen. „Überall wird an Open-Air-Lösungen gearbeitet, die Häuser suchen nach größeren Veranstaltungsorten, um die Abstandsregeln einzuhalten“, sagt Maria Schalk. Bis es so weit ist, bleiben Terrassen ihre Bühne. ---