Kickertisch

Sportliche Zeiten

Mit einem Kicker demonstrierten Start-ups einst Lässigkeit, inzwischen zählt Tischfußball in vielen Firmen zum Alltag. Was wird nun, angesichts von Home Office und Sparzwang, aus den Herstellern?




• Steht ein internationales Fußballturnier an, wollen die Deutschen grillen, Bier trinken – und kickern. Die für diesen Sommer geplante Europameisterschaft versprach dem größten Hersteller von Kickertischen „made in Germany“ einen Schub. 2019 hatte die Firma Ullrich Sport rund 5000 verkauft – für 2020 rechnete sie mit 6000 bis 7000. „Wir dachten, dieses Jahr wird es richtig knallen“, sagt Helmut Isbrecht, einer der zwei Gründer.

Nun sitzt der 47 Jahre alte drahtige Chef in seinem Büro und muss über Entlassungen sprechen. Statt rund zwanzig Mitarbeiter sind sie nur noch zwölf, und die Hälfte davon befindet sich komplett in Kurzarbeit. Freigetränke sind gestrichen, die zwei Chefs haben ihre eigenen Gehälter halbiert. Schuld ist das Coronavirus: Im März wechselten viele Belegschaften ins Home Office, die Deutsche Meisterschaft der Tischfußball-Bundesliga wurde abgesagt, die Fußball-EM auf 2021 verschoben. Der Absatz ging stark zurück.

„Ein Geschäftskunde, der 150 Tische bestellt hatte, hat uns noch 40 Stück abgenommen, doch die meisten haben ganz storniert“, sagt Isbrecht. Kurz gab es noch einen Run der Privatkunden, die sich für die Zeit zu Hause rüsten wollten, doch im April war es auch damit vorbei. Seitdem liegt das Geschäft – verglichen mit 2019 – rund 50 Prozent im Minus.

„Es gibt Tage, da passiert gar nichts“, sagt Isbrecht. Am Firmensitz in Andernach am Rhein ist es ruhig. Oben, wo Telefone klingeln und Bestellungen eingehen sollten, stehen verlassene Schreibtische. Im Erdgeschoss riecht es nach Holz, doch wo sonst die Formatkreissäge lärmt und zugeschnitten, bedruckt, montiert und verladen wird, geht es gerade eher gemächlich zu.

Das ist neu für Isbrecht, der Ullrich Sport 2004 zusammen mit seinem Cousin gegründet hat. Corona ist der erste echte Rückschlag. Unternehmen und Kneipen haben zu kämpfen, Menschen sparen – und die Abstandsregel ist ein Problem.

In einem normalen Jahr ohne Turnier, schätzt Isbrecht, werden in Deutschland 50 000 bis 60 000 Kicker verkauft. Das Angebot beginnt bei Tischaufsätzen für Kinder zu 17,90 Euro und Billigtischen für 79,90 oder 199,90 Euro. Solche Massenware stammt aus China und geht schnell kaputt. Dann gibt es deutsche Marken wie Tuniro und Hudora; deren Kicker sind besser und kosten schon mal 600 Euro, werden aber ebenfalls in Asien produziert.

Wer es ernst meint, der wählt Tische made in Germany: schwer, stabil, bestens zu spielen, sehr haltbar. Ullrich Sport ist der größte unter den Anbietern, die hierzulande fertigen, seine Preise liegen zwischen 300 und 1500 Euro. Kleiner und noch renommierter ist Leonhart. Die Firma gehört als einziger heimischer Anbieter zu den fünf Herstellern, deren Kicker vom Tischfußball-Weltverband als offizielle Spielgeräte anerkannt sind. Daneben gibt es noch Unternehmen wie Lettner oder Flix, deren High-End-Tische nicht unter 1500 Euro respektive 2900 Euro zu haben sind.

Sie alle haben lange von einem Boom profitiert. Ende der Neunzigerjahre änderte sich die deutsche Firmenkultur, auf einmal gab es überall Start-ups, die anders sein wollten. Sie lockten Mitarbeiter mit Espresso, einer Lounge – und einem Kickertisch. Rasch folgten Konzerne dem Beispiel, der Kicker wurde in der Welt der Büros zum Symbol einer neuen Arbeitswelt mit selbst gewählten Pausen. Während die Zahl der Kneipen nach 2005 um etwa 31 Prozent schrumpfte und die alte Heimat der Spieltische an Bedeutung verlor, wuchs eine neue Szene heran, mit Millionen Fans, meist männlich, viele aus der IT-Branche.

„Beim Kickern geht es nicht nur um eine Pause von der Arbeit, sondern auch um eine Pause von der normalen Kommunikation und der Hierarchie“, sagt Matthias Biehler, Chef von Flix. „Auf einmal spielt der Lehrling mit dem Chef. Auf einmal heißt es: ‚Dich mache ich platt!‘. Plötzlich halten Kollegen zusammen, die sich sonst nicht leiden können.“ Kickern sei integrativ, fördere den Teamgeist und schaffe besondere Momente.

Patrick Postel, Geschäftsführer der Hamburger IT-Beratung Silpion, hat ein Firmenturnier auf die Beine gestellt, an dem beim vergangenen Mal 2550 Spieler an 160 Tischen teilnahmen, sie kamen von Unternehmen wie Otto, SAP, Adobe oder Kühne + Nagel. „Kickern ist die ideale Pause, gerade auch für Wissensarbeiter“, sagt er, bei Silpion dient das Spiel auch dem Marketing, dem Netzwerken mit Kunden und mehr. „Wir rekrutieren darüber auch gute Leute“, sagt Postel. „Und ein neuer Mitarbeiter, der Tischfußball spielt, hat nach zwei Wochen viele Freunde im Haus.“

Der Deutsche Tischfußballbund (DTFB) zählt aktuell 400 Vereine mit 8000 Mitgliedern. „Wir wachsen an allen Ecken“, sagt Klaus Gottesleben, der Präsident. Immer professioneller geht es zu, mit Trikots, Flutlicht, Trainern, Schiedsrichtern, Ranglisten, Meisterschaften. Kickern entwickelt sich zum Breitensport. „Klar tut die Krise weh“, sagt Gottesleben, „aber die Hersteller werden das überleben und danach weiter wachsen.“

Bevor Helmut Isbrecht seine Firma gründete, arbeitete er als Ergotherapeut – und ärgerte sich, dass er beim Kickern in der Kneipe „jedes Mal den Hintern versohlt“ bekam. Ein Tisch zum Üben musste her, und weil sich die Suche nach einem guten, aber nicht teuren Exemplar schwierig gestaltete, ließen er und sein Cousin 50 Stück nach ihren Vorstellungen in China anfertigen. Sie stellten die Geräte als Auktionsware bei Ebay ein, Startpreis: ein Euro – und konnten alle binnen weniger Tage an Privatkunden verkaufen, für 400 bis 650 Euro: „Die Kicker waren noch nicht eingetroffen, aber schon weg.“

Da geht was, dachten sich die beiden und tüftelten weiter. Die Szene wurde auf Ullrich Sport aufmerksam, der Umsatz legte zu. Weil die Qualität der Ware schwankte und die Wege sehr lang waren, verlegten sie die Produktion 2010 nach Deutschland. Zunächst griffen sie auf externe Schreiner zurück, seit 2018 produzieren sie – abgesehen von Stangen und Figuren – alles selbst. Bis 2019 habe die Firma stets Gewinn erzielt, sagt Isbrecht, und im vergangenen Jahr 3,4 Millionen Euro Umsatz gemacht. Die Marge eines Kickers sei schmal, das Geschäft rechne sich über die Masse: Der Klassiker, das Modell „Home“ für zuletzt 449 Euro, verkaufte sich jährlich rund 2000-mal.

Manche Unternehmenskunden lassen ihre Mitarbeiter die Tische selbst gemeinsam aufbauen oder entwickeln – wie Bosch Rexroth – einen lernfähigen Automaten als Gegenspieler. Viele vergeben Kicker als Prämie. OBI, Lidl oder die Techniker Krankenkasse hätten sie beliefert, sagt Isbrecht, von Porsche ein Lob der Designabteilung bekommen. Nur fünf Prozent des Umsatzes habe man vor Corona mit der Gastronomie gemacht, 60 Prozent mit Unternehmen. Nun herrscht Flaute, aber er glaubt an die Zukunft seiner Firma: „Wir können die Kosten decken und sind nicht im Minus. Es sieht so aus, als würden wir es schaffen.“

Seiner Umtriebigkeit hat die Krise nichts anhaben können, ständig entwickelt Isbrecht Neues. So hat der gelernte Modellschlosser in seinem Werkkeller – „mein zweites Büro“ – eine Multifunktionswand für Fitness- und Dehnübungen gebaut, außerdem einen Einsatz, der aus einem Kicker einen Flippertisch macht. Noch fehlt das Geklingel, doch Isbrecht hofft auf „ein neues Spielerlebnis“. Außerdem will er untersuchen lassen, was beim Kickern geschieht – motorisch, kognitiv, sensorisch. Der langjährige Ergotherapeut glaubt, dass das Spiel Potenzial hat für mehr – zum Beispiel bei Reha-Maßnahmen nach Schlaganfällen eingesetzt werden könnte.

Inklusive Weihnachtsgeschäft rechnet Isbrecht in diesem Jahr mit Einbußen von 20 Prozent. „Corona wird einiges verändern“, sagt er. „Das Geschäft wird nicht eins zu eins wiederkommen.“ Andererseits: 2021 könnten seine Entwürfe marktreif sein, und wenn dann die EM kommt …

Wie heißt es in der Szene gern? „Mit sportlichen Grüßen.“ ---


Links: Eine Palette mit Profigeräten verlässt den Versand. Rechts: Die Montage der Spieler-Figuren geschieht von Hand

So geht es anderen Produzenten:

Bei Leonhart wurde über längere Zeit der Großauftrag eines Unternehmens abgearbeitet. „Bis Mai waren wir gut ausgelastet“, sagt der Geschäftsführer Christian Fiedler. Die bayerische Firma kommt auf eine niedrige vierstellige Stückzahl im Jahr und macht 70 bis 80 Prozent ihres Umsatzes mit Sportlern und Privatkunden. Inzwischen spürt auch Leonhart die Krise, allerdings gelten Juli und August ohnehin als schwache Monate. Im September beginnt das Weihnachtsgeschäft, das von Privatkunden lebt. „Wie 2020 wird, können wir erst nach Weihnachten sagen. Aber wir denken, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen“, sagt Fiedler.

Ähnlich sehen es die Anbieter sehr teurer Kicker. Die Schreinerei von Alfred Lettner, die schon Tische für den FC Barcelona gebaut hat, verkauft zwar weniger Kicker, verdient aber zwei Drittel ihres Geldes mit Möbeln und Innenausbau – was gerade gut läuft. „Im Juni lagen wir beim Umsatz insgesamt wieder bei 90 Prozent des Vorjahres“, sagt Lettner. „Wir sind optimistisch, dass wir vernünftig durchs Jahr kommen.“

Matthias Biehler von Flix ist bewusst, dass gerade kaum jemand einen Kicker für 4000 Euro braucht, allerdings ging es bei seiner Firma noch nie ums Brauchen. „Kaum jemand kauft unseren Tisch aus rationalen Gründen“, sagt der Geschäftsführer. Hersteller von Luxuswaren leben von Liebhabern, Leuten mit Geld, daher ist er guter Dinge: „Wir denken, dass wir ab Herbst wieder genug zu tun haben.“