Gabriela Muri im Interview

Das Verschwinden der Pause

Die Züricher Kulturwissenschaftlerin Gabriela Muri über die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit.





brand eins: Frau Muri, was sind Pausen?

Gabriela Muri: Rein formal sind es Zeitspannen, in denen wir nicht arbeiten müssen, und Zeiten außeralltäglicher Erlebnisse, etwa im Urlaub. Diese Auszeiten sind durch gesellschaftliche und kulturelle Muster bestimmt. Im Mittelalter war eine Pause etwas anderes als in der Industriegesellschaft. Pausen sind der Versuch, für eine bestimmte Zeit der Gesellschaft und ihren Routinen zu entfliehen. Das ist ein Paradox: Man ist gleichzeitig in der Gesellschaft und außerhalb der Gesellschaft, in der Ordnung und außerhalb der Ordnung.

Gehört zur Pause das Wissen, dass sie vorbeigeht?

Ja. Das zeigt sich zum Beispiel im Sabbatical oder im Urlaub. Die freie Zeit ist kostbar. Man will möglichst viel möglichst intensiv erleben. Das ist eine Verdichtung von Zeit. In der Arbeitslosigkeit dagegen dehnt sie sich. Das beschrieb schon in den Dreißigerjahren die berühmte Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“, ein Klassiker der empirischen Sozialforschung. Drei Wissenschaftler hatten beobachtet, wie die Arbeitslosen alltägliche Handlungen wie Kartoffelnschälen, Gehen, Putzen verlangsamten, um mehr Zeit mit ihnen zu füllen. So ähnlich sieht man das auch bei älteren Menschen, die viel Zeit allein in ihrer Wohnung verbringen. Zeitwahrnehmung hat also absolut eine gesellschaftliche Dimension.

In Ihrem Buch „Pause!“ verwenden Sie den Begriff der „kontinuierlichen Gesellschaft“. Der amerikanische Kunsttheoretiker Jonathan Crary spricht von der „24/7“-Gesellschaft. Verschwindet die Pause, wenn wir 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche verfügbar sein sollen?

Flexible Arbeitszeiten, Projektarbeit und ständige Erreichbarkeit durch digitale Medien tragen zur Entgrenzung der Arbeitszeit bei. Wir haben das an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in einer qualitativen Studie mit 30- bis 39-jährigen Gutverdienern aus der Stadt untersucht. Sie sind eingespannt zwischen Arbeit, Zeit mit Familie, Partner, Freunden, Hausarbeit und Freizeitaktivitäten. Das erfordert ein ständiges Reflektieren und Verhandeln: Wie kann ich die Anforderungen der Familie, der Arbeit und möglichst intensive Freizeiterlebnisse sinnvoll miteinander in Einklang bringen?


Das Management der eigenen Zeit ist eine anspruchsvolle und notwendige soziale Kompetenz wie Lesen und Schreiben.

Die Synchronisation der Zeit, etwa mit dem Partner oder der Partnerin, ist kompliziert. Etwas Unerledigtes bleibt immer zurück. E-Mails, die man beantworten, Meetings, die man vorbereiten sollte. Es gibt immer noch ein Projekt, an dem man eigentlich arbeiten will, erst recht, wenn man die eigene Arbeit als sinnvoll erlebt. Die Zeit jenseits der Arbeit wirklich als freie Zeit zu erleben, wird schwieriger. Und auch Freizeit kann sich wie Arbeit anfühlen, wenn man sie mit Terminen durchtaktet.

Sind das nicht Luxusprobleme gut verdienender Akademiker?

Jemand, der zwei Jobs braucht und nach der Nachschicht noch putzen geht, um über die Runden zu kommen, hat sicherlich andere Probleme. Womöglich muss er zusätzlich jeden Tag eine Stunde zur Arbeit pendeln, weil er sich in der Stadt keine Wohnung leisten kann. Zeitautonomie ist auch eine soziale Frage.

Animieren Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu, den Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit zu verwischen?

Bei Start-ups sollten lange Zeit Bällebäder und Tischfußball im Büro Spaß und Lockerheit verbreiten. Die Arbeitsumgebung in Konzernen wie Google wirkt spielerisch, bunt und informell. Es gibt Freizeitangebote wie Yoga oder Fitness und gute Restaurants. Außerdem Firmen-Events oder gemeinsame Ausflüge. Alles Einladungen, jenseits der Arbeit in dieser Umgebung zu verweilen, eine subtile Vereinnahmung. In anderen Branchen gibt es firmenintern große Unterschiede. Bei Großbanken etwa gibt es wissensbasierte Arbeit – anspruchsvolle Projekte wie die Entwicklung neuer Produkte und Anlagestrategien –, aber auch Bereiche, in denen Mitarbeiter Aufgaben mechanisch abarbeiten und einer rigiden Zeitkontrolle unterliegen.

Kulturwissenschaftler wie Sie untersuchen die subtilen Mechanismen, wie Firmen Arbeits- und Pausenzeit miteinander verschmelzen lassen. Welche Erkenntnisse gibt es dazu?

Eine Studie von Andreas Wittel an der Universität Tübingen, beschreibt beispielsweise, wie ein Dienstleistungsunternehmen aus der Medizinbranche Treffpunkte mit teuren Kaffeemaschinen einrichtet. Die Getränke kosten nichts. Der informelle Austausch unter Kollegen soll gefördert werden – es entsteht eine Art sozialer Zwang, dort gemeinsam Zeit zu verbringen. Eine Sekretärin, die ihre Mittagspause anderweitig verbringt, muss sich dafür vor ihrem Vorgesetzten rechtfertigen. Die Pause wird von den sozialen Erwartungen der Arbeitssituation dominiert. Gleichzeitig herrscht ein hoher Leistungsdruck.

Gegen gute Kaffeemaschinen in der Firma ist doch eigentlich nichts einzuwenden.

Nein, interessant ist aber der historische Vergleich. In der alten Industriegesellschaft waren nicht nur die Arbeitszeiten, sondern auch die Pausenzeiten strikt geregelt. Heute gibt es diese Kontrollen oft nicht mehr. Das ist eine Befreiung vom Regel-Regime, aber auch ein Mechanismus, der zur Entgrenzung der Zeit, die dem Unternehmen, und der Zeit, die mir selbst gehört, führt. Dabei können die Pausen verschwinden, wenn der Einzelne sie sich nicht bewusst nimmt und verteidigt.

Eine Wiedereinführung der Stechuhr ist aber auch nicht wünschenswert, oder?

Die Fabrikordnungen der frühen Industriegesellschaft waren streng. Sie legten fest, wie unerlaubte Unterbrechungen oder das Schlafen während der Arbeit zu bestrafen waren. Im Krupp’schen Stahlwerk in Essen beispielsweise wurden Pausen 1871 durch Läuten angekündigt. Hörte ein Arbeiter schon früher auf oder gar nicht, drohten Sanktionen.

Der Historiker Alf Lüdtke beschreibt das als „Zerlegung der betrieblichen Praxis in kontrollierbare Tatbestände“. Informelle Gespräche zwischen Kollegen und selbst Toilettengänge unterlagen den Kontrollen der Aufseher. Die Arbeiter kämpften auch für ihre Rechte. Für geregelte Arbeitszeiten, angemessene Pausen – und gegen das Kontroll- und Strafsystem.

Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg befassten sich Wissenschaftler mit Zwischenmahlzeiten. Wie viele sind zuträglich, wie sollten sie sich zusammensetzen? Es ging um Leistungsoptimierung. Ich will das Kontrollsystem der Fabriken keinesfalls romantisieren. Aber die formal geregelte Pause hat gegenüber den fließenden Grenzen zumindest den Vorteil, dass man sie klar verhandeln und in Gesetzen oder Betriebsvereinbarungen festschreiben kann. Das schützt im Zweifel den Einzelnen.

Wem fehlt heute solcher Schutz?

Zum Beispiel prekären Dienstleistungsfreiberuflern wie dem Uber-Fahrer, der auf Abruf zur Verfügung stehen muss. Die Gig-Ökonomie hat eine gewisse Parallele zu mittelalterlicher Tagelöhnerarbeit. Sie kennen die Fotos aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise – Menschen, die auf dem Gehsteig auf einen Job warten. Heute stehen die Arbeitsuchenden nicht mehr auf der Straße, sondern konkurrieren über ihre Smartphones um Arbeit. Das Phänomen ist unsichtbar geworden.

Aber in vielen Berufen endet die Beschäftigung mit den Arbeitsthemen ja nicht abrupt mit dem Feierabend. Ihre besten Ideen haben manche Kreative vielleicht beim Schwimmen oder Radfahren. Wieso ist das ein Problem?

Es wäre sicher eine grobe Vereinfachung, zu sagen, dass diese Entgrenzung automatisch zu entfremdeten Zeitverhältnissen führt. Viele Wissensarbeiter sind in einer relativ privilegierten Situation. An unserer Studie mit 30- bis 39-jährigen Gutverdienern aus Zürich hat zum Beispiel ein Fotograf teilgenommen. Er betonte, dass er als Selbstständiger viele Freiheiten habe und gern auch am Wochenende arbeite. Schwierig wird es, wenn Frei- berufler immer erreichbar sein und zur Verfügung stehen müssen oder wenn ihre Bezahlung so gering ist, dass sie gezwungen sind, sehr viel zu arbeiten. Es hängt von den ökonomischen Rahmenbedingungen ab, ob entgrenzte Arbeit Entfremdung, Ausbeutung und Selbstausbeutung bedeutet.

Sie haben die Geschichte der Pause untersucht. Wie hat sich ihre Bedeutung historisch verändert?

Im Mittelalter gab es für die meisten Menschen keine exakten Arbeitszeiten. Sie waren von den Entscheidungen eines Meisters abhängig, vom Tageslicht und der Natur, etwa in der Landwirtschaft. Zünfte regelten Arbeitszeiten im Handwerk, aber das betraf nur eine Minderheit.

Die ersten öffentlichen Uhren, die von der Obrigkeit in Städten aufgestellt wurden, führ- ten zum Ende des 14. Jahrhunderts dazu, dass der Umgang mit Zeit genauer geregelt wurde. Mit dem Eintritt dieser Zeitordnung in die kollektive Wahrnehmung verlor die Zeit ihre Elastizität. Ende des 18. Jahrhunderts, im Übergang zur frühen Industrieproduktion, wurden erste Fabrik-Zeitordnungen etabliert. Die Ordnung der Zeit wurde damals oft mit moralischen Appellen verbunden, etwa mit der Aufforderung, sie zu nutzen und sich selbst zu disziplinieren.

Erleben wir nach den rigiden Regeln der Industriegesellschaft jetzt ein Auflösen der starren Zeitordnung?

Wie wir unsere Zeit nutzen, ist individueller und flexibler geworden. Der Soziologe Norbert Elias beschreibt die Zeitordnung als eine der wirksamsten Institutionen sozialer Kontrolle. Selbstregulierung spielt dabei eine große Rolle: Jeder ist für die Organisation seiner Aktivitäten selbst verantwortlich. Das ersetzt die Disziplin- und Kontrollsysteme aus der frühen Phase der Industrialisierung.

Schon Kinder sind heute damit konfrontiert: von wann bis wann die Eltern arbeiten, wie lange sie in der Schule oder Kita sind, zu welchen Uhrzeiten Busse oder Bahnen fahren. Hinzu kommen dicht getaktete Termine für Verabredungen, Sport oder Musikunterricht. Kindheit ist heute zeitlich stark verregelt. Das Management der eigenen Zeit ist eine anspruchsvolle und notwendige soziale Kompetenz wie Lesen und Schreiben.

Äußere Kontrolle wird also durch innere Kontrolle ersetzt?

Das kann man so sagen. Diese Selbstregulierung ist keine Zeitautonomie. Wie lange bin ich zur Arbeit unterwegs? Muss ich pendeln, wenn alle pendeln, und stehe dann jeden Tag im Stau? Wie viel Zeit muss ich für die Kinder oder für Pflegearbeit aufwenden? Wie lange muss ich arbeiten? Wie wechseln meine Arbeitszeiten in der Schichtarbeit, und habe ich Zeitressourcen für eine Fortbildung? All diese Aspekte betten mich in ein Netzwerk von raum- und zeitbezogenen Abhängigkeiten und Chancen ein.

Während Norbert Elias für die beginnende Moderne von der Synchronisierung der Zeit gesprochen hat, die uns fordert, erleben wir heute eher ihre Individualisierung und Singularisierung im Sinne des Soziologen Andreas Reckwitz.

Auch der Konsum ist heute atemloser denn je. Wenn ich heute ein neues Smartphone kaufe, kommt es mir ein Jahr später veraltet vor, weil es schon wieder neue Modelle gibt. Bei Fast Fashion wechseln die Kollektionen noch schneller.

Das folgt nicht zwangsläufig echter Innovation, sondern der pausenlosen Suche nach Aufmerksamkeit. Dieser Markt muss permanent mit neuen Reizen versorgt werden. Wir haben das in einem Forschungsprojekt der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften am Beispiel der Event-Branche untersucht. Die Anträge, um ein Event hier im Stadtraum zu veranstalten, haben sich von 200 im Jahr 1980 auf 1100 im Jahr 2018 mehr als verfünffacht. Zugleich wurden die Events größer und aufwendiger, die Branche ist enorm gewachsen.

Wenn selbst im beschaulichen Zürich mehr oder weniger pausenlos Festivitäten aller Art stattfinden – ist das außeralltägliche Erlebnis dann gar keines mehr?

Die Unterscheidung zwischen Alltag und dem Fest als dem Außeralltäglichen, Besonderen, verwischt. Offenbar gibt es ein großes Bedürfnis, freie Zeit immer dichter und intensiver mit dramaturgisch inszenierten, kommerziell vermarkteten Erlebnisangeboten zu füllen.

Folgt der Entgrenzung der Arbeit also auch die Entgrenzung der Freizeit? Es gibt ja schon so eine Art öffentliche Dauer-Party.

Der Unterschied zu den zahlreichen Festen im Mittelalter ist die Permanenz und die Individualisierung. Feste wie Karneval, Winter- und Sommersonnenwende, religiöse Feiertage, Hochzeitsbräuche, konnten durchaus etwas Exzessives haben, aber sie waren zeitlich begrenzt, kollektiv und ritualisiert. Bei der heutigen Event-Kultur sprechen Soziologen von ritualisiertem Anti-Ritualismus: Das Angebot, dauernd Höhepunkte zu erleben, ist inflationär. Die regenerative Bedeutung von Festen als Auszeiten des Alltags wird damit entwertet. Es ist eine interessante Frage, welche Folgen die Corona-Pause auf diese Event-Kultur haben wird. Das ist ein offenes Experiment. ---

Professor Gabriela Muri, 57, forscht und lehrt am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich und am Institut für Kindheit, Jugend und Familie am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Zu ihren Publikationen zählt das Buch „Pause! Zeitordnung und Auszeiten aus alltagskultureller Sicht“, das 2004 im Campus Verlag erschienen ist.