Was wäre, wenn …

… es in Deutschland eine Zuckersteuer gäbe?

Ein Szenario.





• „Zucker zaubert Energie“ schwärmte 1954 eine Fernsehwerbung im Wirtschaftswunderdeutschland. Die Industrie versprach darin, dank Zucker bleibe man schlank „wie eine Pinie“ und schlussfolgerte: „Nimm deshalb mehr!“ Heute würde das keiner mehr behaupten. In Deutschland sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen und 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig – auch weil sie zu viel Süßes essen. Statt der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 25 Gramm Zucker pro Tag, verzehrt der Durchschnittsbürger 90 Gramm. Immer wieder gibt es deshalb Forderungen nach einer Sondersteuer auf extrem zuckerhaltige Lebensmittel, wie beispielsweise Limonaden. Was wäre, wenn Deutschland eine solche Steuer bekäme?

Wie bei allen Steuern, die das Verhalten der Menschen beeinflussen sollen, sollte man sich die Konkurrenz zweier Ziele vor Augen führen (siehe auch: „Was wäre, wenn es eine weltweite Finanztransaktionssteuer gäbe?“ in brand eins 10/2019). Hohe Steuereinnahmen, mit denen man Gesundheitsprojekte unterstützen könnte, setzen voraus, dass die Menschen weiterhin viel Zucker konsumieren. Tun sie das nicht, bringt die Steuer kaum Geld.

Was eine Zuckersteuer bewirken kann, zeigt das Beispiel Großbritannien. Dort wurde mit der „Soft Drinks Industry Levy“ eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt: 18 Pence pro Liter bei mehr als 50 Gramm Zucker pro Liter und 24 Pence bei mehr als 80 Gramm. Zwischen der Ankündigung der Abgabe 2016 und der Einführung 2018 hatten bereits mehr als die Hälfte aller Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke reduziert und dadurch 45 Millionen Kilo Zucker pro Jahr eingespart. Dadurch beliefen sich die Steuereinnahmen nur auf 240 Millionen Pfund. Die Regierung war von 520 Millionen Pfund pro Jahr ausgegangen.

Das bedeutete wiederum, dass weniger Geld für die Schulsportanlagen und gesünderen Schulfrühstücke zur Verfügung stand, die mit den Steuereinnahmen finanziert werden sollten.

Nicht nur bei der Herstellung, sondern auch an der Ladenkasse wirkt sich die Steuer aus: „Modellrechnungen und bisherige Erhebungen gehen davon aus, dass jede Erhöhung des Preises unmittelbare Auswirkungen auf den Konsum hat“, sagt Carolin Krieger, Expertin für Lebensmittelpolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). „In Frankreich hat beispielsweise eine 2011 eingeführte Steuer den Konsum von Süßgetränken um durchschnittlich zwei Prozent sinken lassen. Bei Haushalten mit einem hohen Verbrauch an gezuckerten Getränken lag der Rückgang mit 9,7 bis 11,4 Prozent noch deutlich höher.“ Auch in Mexiko haben mehrere Untersuchungen nachgewiesen, dass der Konsum von zuckerhaltigen Getränken infolge einer 2014 eingeführten Steuer um bis zu 12 Prozent sank. Gezuckerte Getränke waren durchschnittlich um etwa 10 Prozent teurer geworden – von den Einnahmen finanzierte die Regierung Wasserspender in Schulen.

Laut der WHO wächst der Effekt mit der Höhe der Steuer: 20 Prozent Preisaufschlag etwa bedeuteten durchschnittlich 20 Prozent weniger Konsum. Das könnte dabei helfen, Krankheiten wie Adipositas und Diabetes zu vermeiden. Eine Studie der New Yorker Columbia University kommt zu dem Ergebnis, dass eine Steuer von 34 Cent pro Liter den Konsum von zuckerhaltigen Getränken um 15 Prozent senken würde. Dadurch würden in den USA im Lauf von zehn Jahren rund 95.000 koronare Herzerkrankungen, 8000 Schlaganfälle und 26.000 weitere vorzeitige Todesfälle verhindert. Das Ausmaß an Diabetes würde so stark sinken, dass krankheitsfreie Zeit in Höhe von insgesamt 2,4 Millionen Jahre gewonnen würde. Außerdem würden Steuern in Höhe von 13 Milliarden Dollar eingenommen.

Die Verbraucherschützerin Carolin Krieger ist vorsichtiger als die amerikanischen Forscher: „Bisherige Zuckersteuern sind fast immer mit einer verbesserten Kennzeichnung und strengerer Werberegulierung einhergegangen“, sagt sie. „Man kann gesundheitliche Verbesserungen deshalb nicht allein auf die jeweilige Steuer zurückführen, sondern muss den ganzen Kanon an Maßnahmen betrachten.“ Der Verbraucherzentrale Bundesverband hält daher die alleinige Einführung einer Zuckersteuer für weniger sinnvoll als ein Maßnahmenpaket, das vor allem auch strengere Regeln für Produkte umfasst, die gezielt an Kinder verkauft werden.

Man könnte zum Beispiel damit anfangen, den veralteten Leitsatz des Deutschen Lebensmittelbuchs auszuhebeln, der vorschreibt, dass Limonaden mindestens sieben Prozent Zucker enthalten müssen, um als solche bezeichnet zu werden. Im Jahr 2019 wurde das Hamburger Start-up Lemonaid abgemahnt, weil es eines seiner Getränke Limonade nannte, obwohl es nur sechs Prozent Zucker aufwies.

Eine Zuckersteuer nur für Getränke berücksichtigt jedoch die ebenso hohen Gesundsheitsrisiken durch andere Produkte nicht. Weitete man die Steuer auf alle zuckerhaltigen Nahrungsmittel aus, wäre es wahrscheinlich, dass Hersteller die Rezepturen um Fett oder Salz anreicherten, um denselben Geschmack zu erzielen.

Wollte man dies verhindern, müsste man noch viele weitere Steuern erheben – die alle den Nachteil hätten, dass sie ärmere Menschen stärker beträfen als wohlhabende. ---