Digital Detox

Kein Netz

Digital Detox, also die Pause vom Netz, war das Heilfasten der 2010er-Jahre. Die Corona-Pandemie hat die Abhängigkeit von digitaler Kommunikation verstärkt – und die Dankbarkeit dafür. Und jetzt?





In manche Fotos projiziert die heutige Sehgewohnheit ein Handy. Die Journalistin und Buchautorin Johanna Adorján sammelt diese bei Instagram unter dem hashtag #womenwithoutmobilephones.

• Seit Jahren ist es ein Thema: Kinder, Jugendliche und Erwachsene hängen zu viel vorm Bildschirm. Es wird darüber diskutiert, ob es negative Auswirkungen hat, dass wir immer mehr Zeit mit Social Media verbringen und am Wochenende auch mal berufliche E-Mails bearbeiten (siehe auch brand eins 01/2018: „Am Haken“). Digital Detox, also die regelmäßige Auszeit von großen und kleinen Bildschirmen, ist als Heilmittel fast so alt wie die Sorge vor dem übermäßigen Smartphone-Gebrauch selbst. Die Geräte mal weglegen, lautet der wichtigste Ratschlag, und rausgehen unter Menschen. Freunde treffen, statt zu chatten. Sich im Fitness-Studio verausgaben, statt bei „Brawl Stars“ virtuelle Gegner zu vermöbeln.

Doch als das Sozialleben beschränkt wurde, war davon nicht mehr viel möglich. Gezwungenermaßen gab es für alle noch viel mehr Screentime als je zuvor: Videokonferenzen mit Kollegen, die sonst im Büro nebenan sitzen. Digitalunterricht für Schüler, aber keinen Pausenhof mehr. Abendlicher Zoom-Aperitivo mit Freunden, Skype-Calls mit Verwandten, Essensbestellung per App statt Restaurantbesuch. Das Leben wurde über Nacht radikaler digitalisiert als in den Jahren zuvor. Und was ist mit Digital Detox? Braucht das noch jemand?

„Es gibt noch keine verlässlichen Zahlen und Erhebungen, aber wir sehen vermehrt Hinweise darauf, dass suchtartige Phänomene quer durch alle Altersgruppen während der Kontaktbeschränkungen zugenommen haben“, sagt Hans-Jürgen Rumpf, leitender Psychologe und Suchtforscher an der Lübecker Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Gewöhnlich kann man laut Rumpf davon ausgehen, dass ein bis zwei Prozent der Erwachsenen ein Problem mit digitaler Sucht haben. Bei weiteren drei bis sechs Prozent liege ein problematisches Verhalten vor, diese beschäftigten sich tendenziell zu viel mit digitalen Inhalten. Bei beiden Gruppen müsse man „davon ausgehen, dass einige nicht mehr in die Normalität zurückfinden“.

Befördert habe diese Entwicklung neben dem Digitalisierungsschub und dem Wegfall analoger Freizeitaktivitäten auch eine entfallende soziale Kontrolle: „Wer die ganze Nacht am Computer oder Smartphone hängt und im Büro komplett übermüdet ist, wird vielleicht mal von Kollegen darauf angesprochen“, sagt Rumpf. Gerade bei Menschen, die allein leben, habe Corona zu einer Isolation ohne soziales Korrektiv geführt.

Dennoch sieht der Psychologe keinen Anlass zur Panik: „Die große Mehrheit der Menschen geht verantwortungsbewusst mit den digitalen Medien um und hat das auch zur Blütezeit der Pandemie getan.“ Obwohl Videodienste wie Netflix oder Youtube durch Tricks wie automatisches Abspielen alles dafür tun, die Nutzer zu fortlaufendem Konsum zu verleiten – eine echte Abhängigkeit von Video- oder Musikstreaming sei kaum verbreitet. Problematisch werde es nur, wenn Menschen die Kontrolle über ihre Internetaktivitäten verlören – etwa beim Glücksspiel, bei Pornografie, Videospielen, beim Onlineshopping oder der suchtartigen Nutzung von sozialen Netzwerken.

Ein vergleichsweise neues Phänomen ist durch Daytrading-Plattformen entstanden, die in der Corona-Krise vor allem in den USA großen Zulauf erhalten haben. Mehr Freizeit durch Kurzarbeit oder Jobverlust, entfallende Sportveranstaltungen und die dazugehörigen Wetten haben dazu geführt, dass vor allem junge Män- ner das Zocken mit Börsenkursen ausprobierten. Zusätzliche Anreize waren wohl die niedrigen Kurse zu Beginn der Krise und später die starken Anstiege. „Wenn die Zeit zu Hause lang wird, sind solche Angebote und die Versuchung, scheinbar mühelos reich zu werden, für manchen naheliegend“, sagt Hans-Jürgen Rumpf. Ebenfalls problematisch sei, dass manche App-Anbieter Daytrading so gestalteten wie ein unterhaltsames Handy-Spiel.

Bei der amerikanischen Trading-App Robinhood war der Andrang sogar so groß, dass die Firma eine Warteliste zur Kontoeröffnung einführte. Wer auf ihr schneller vorrücken wollte, konnte 1000-mal am Tag auf den App-Bildschirm tippen. Gamification heißen solche Tricks. Wenn ein Kunde einen Handel abgeschlossen hat, regnet es Konfetti. Hochriskante Geschäfte wie mit Bitcoin werden prominent präsentiert, konservativere Anlagen wie Indexfonds in den Menüs versteckt.

Millionen von Menschen suchen seitdem ihr Glück auf diese Weise, die meisten haben noch nie mit Wertpapieren gehandelt. Wohin es führen kann, wenn eine launige Candy-Crush-Optik und Fehlspekulationen zusammenkommen, zeigt der Fall von Alexander Kearns. Der 20-Jährige nahm sich im Juni 2020 das Leben. Er glaubte (wenn auch irrtümlich), bei Robinhood 730 000 Dollar Schulden angehäuft zu haben.

Also höchste Zeit für Digital Detox? In solchen Fällen, sagt Hans-Jürgen Rumpf, bringe das nicht viel. Die moderne Form des Fastens sei ein interessanter Trend, und „Menschen, die mal ein Wochenende in der Natur verbringen, ohne gleich ein Foto davon zu machen, erleben das sicherlich als eine positive Erfahrung. Aber es ist keine Maßnahme, mit der man einen riskanten oder suchtartigen Gebrauch verhindert.“ Damit erreiche man eher die, die ohnehin auf sich achten.

Diejenigen mit ernsthaften Problemen ließen sich auf so eine Auszeit gar nicht ein – oder könnten es sich nicht leisten. „Wir sehen eine digitale Suchtproblematik vermehrt bei Migranten, Arbeitslosen und Menschen mit psychischen Vorerkrankungen wie Depressionen“, sagt Rumpf. „Denen ist mit dem freundlichen Ratschlag: ‚Mach doch mal ein bisschen Detox‘ nicht geholfen.“

Überhaupt hat diese Idee ihre Schwächen. Das beginnt schon mit dem Bild der Entgiftung. Schließlich sind digitale Tätigkeiten kein Gift, das sich im Körper anreichert und während einer Fastenkur ausgeschwemmt werden kann. Ähnliches gilt für die analogen Entgiftungen: Diese versprechen, den Körper von im Darm abgelagerten Schadstoffen durch Umweltgifte, falsche Ernährung oder Medikamente zu befreien. Doch diese sogenannten Schlacken im Darm gibt es gar nicht. Und bislang auch keine wissenschaftlichen Beweise, dass eine Fastenkur irgendeine medizinische Wirkung hat – mal abgesehen davon, dass es grundsätzlich gesünder ist, Tee und Gemüse zu sich zu nehmen als Bratwürste und Bier.

Digital-Detox-Skeptiker empfehlen für den Umgang mit digitalen Geräten, Social Media und den Ablenkungen des Netzes: Lieber eine dauerhaft gesunde Nutzung lernen, statt zwischen Vollgas im Alltag und radikaler Enthaltsamkeit im teuren Wochenendseminar zu wechseln. „Digital Detox versucht, gesellschaftliche und strukturelle Probleme durch Askese des Einzelnen zu beheben“, schreibt der Netzexperte Jürgen Geuter in einem Gastbeitrag in der »Süddeutschen Zeitung«. Er hält es für rückschrittlich, die vermeintlich echte analoge und die minderwertige digitale Welt voneinander trennen zu wollen, und den Wunsch, in erstere zurückzukehren, für naiv. „Legten wir doch nur alle unsere Handys weg und gäben uns bewusst dem Erleben des Stehens in einer überfüllten S-Bahn hin, so würde unser Leben plötzlich erfüllt, ja glücklich.“

Aber vielleicht kann eine gezielt eingesetzte Pause helfen, dauerhaft ein gesünderes Verhältnis zur digitalen Sphäre zu entwickeln und Gefühle von Stress, Isolation und Überforderung gar nicht erst aufkommen zu lassen? Schließlich ist die durch Digitalisierung vorangetriebene Entgrenzung von Arbeit ein reales Problem.

Das Kloster Dießen am Ammersee will erschöpfte Führungs- kräfte beim Weg zurück unterstützen. Der weitläufige Klostergarten, die ruhigen, langen Flure und der plätschernde Brunnen strahlen selbst im Webvideo Entspannung aus.

Für Bert te Wildt, Chefarzt der Klinik und Experte für Verhaltenssüchte und Internetabhängigkeit, ist dieses Ambiente ein wichtiger Faktor: „Es hilft nichts, jemandem nur das Smartphone zu verbieten.“ Diese Leerstelle müsse neu gefüllt werden. „Viele Menschen müssen wieder lernen, etwas mit ihrer Zeit und ihrem Körper anzufangen.“ Ein Spaziergang im Wald helfe dabei nicht, ein Wechsel aus An- und Entspannung dagegen schon. „Das kann Kampfsport sein, Klettern, Ausdauersport – in Kombination mit Yoga, Meditation oder kulturellen Erlebnissen wie Konzerten oder Lesungen. Dinge, die sinnstiftend sind, aber keiner Verwertungslogik folgen.“

Die Auswirkungen der Corona-Krise könne man derzeit nur schwer abschätzen, sagt te Wildt. Er habe allerdings zunehmend Patienten, die über Nacht ihrer beruflichen Existenz beraubt worden seien oder es zumindest fürchten. „Diese Angst, die Lebensgrundlage zu verlieren, vielleicht das Haus nicht halten zu können, belastet Menschen sehr stark. Und verleitet sicherlich einige, noch mehr um ihren Job zu kämpfen, noch mehr zu arbeiten und sich noch mehr unter Druck zu setzen.“

Mehrere Untersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass Menschen im Home Office mehr arbeiten. „Wer dazu neigt, seine Grenzen zu überschreiten, sich selbst auszubeuten oder ausbeuten zu lassen, tut das zu Hause oft noch stärker. Dazu kommt für viele die Einsamkeit“, sagt te Wildt. Er fürchtet, „dass wir es in Zukunft mit einer neuen Art von arbeitsbezogenen Problemen zu tun haben werden.“

Digital Detox mag für viele ein Wellness-Trend sein. Trotzdem hätten freiwillige kleinere Pausen eindeutig einen Erholungseffekt, auch für gesunde Erwachsene und Jugendliche, ist Eva Möhler überzeugt, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bert te Wildt sagt: „Solche analogen Reservate – sei es ein Tag in der Woche ohne Smartphone oder ein Urlaub in einem Hotel, das dezidiert kein Netz hat – werden eher zunehmen. Denn die Digitalisierung wird ja weitergehen, egal ob nun im Corona-Eiltempo oder nicht. Und somit wird auch das Bedürfnis der Menschen eher noch zunehmen, für gewisse Zeiträume ganz gezielt auf digitale Medien oder Bildschirmnutzung zu verzichten.“ ---

Markenzeichen
Digital Detox ist seit 2014 ein eingetragenes Warenzeichen der Digital Detox Holdings LLC. Die Firma verdient ihr Geld augenscheinlich mit Vorträgen, der Zertifizierung von Schulen und einem Angebot zur Erholung. Tausende von Teilnehmern waren bereits jeweils vier Tage lang ohne digitale Geräte, Uhren und Alkohol im soge- nannten „Camp Grounded“, wo sie über alles reden durften außer über ihre Arbeit, ihr Alter und ihre echten Namen. Die Kosten des Aufenthalts mit Übernachtungen im Stockbettzimmer: 950 Dollar. Vorerst sind die Camps wegen Covid-19-Reisebeschränkungen abgesagt.

Mudita
Lange Zeit war das Nokia 3310 das Handy der Wahl für alle, die mal digital pausieren wollten. Mit dem im Jahr 2000 veröffentlichten und 2017 erneut auf den Markt gebrachten Gerät kann man telefonie- ren und SMS schreiben, aber nicht stundenlang im Instagram- oder Twitter-Feed versacken. Die polnische Firma Mudita will nun mit einem schlichten Gerät namens Pure ein Produkt für Digital- Asketen auf den Markt bringen. Kein Internetzugang, dafür Meditationstimer und „ultraniedrige“ Strahlung.

Für 295 Dollar vorbestellbar auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo.

Detox Destinations
Für Hotels mit ungünstigem Standort bietet der Digital-Detox-Hype ungeahnte Möglichkeiten. Statt Entfernungen zu Sehenswürdigkeiten schönzurechnen, kann ein Almgasthof oder Landhotel nun damit werben, dass man bei ihnen kein Netz hat. Das Berliner Start-up Digital Detox Destinations listet auf seiner Website aktuell 51 Unterkünfte, in denen entweder Handyverbot oder kein beziehungsweise eingeschränkter Empfang herrscht. Die Auswahl reicht vom Bauernhof in den Niederlanden bis zur Gletscher-Lodge in Grönland.

Die Kosten variieren je nach Unterkunft, bislang verdient die Website noch nicht an der Vermittlung. Das soll sich nach Auskunft der beiden Gründerinnen aber bald ändern.

Offtime
Je größer die Rolle der digitalen Medien im Alltag, desto größer auch die Auswahl an Werkzeugen, um sich gegen den Sirenengesang von Facebook, Ebay oder dem Bundesliga-Liveticker zu wappnen. Programme wie Freedom, Rescuetime oder Cold Turkey Blocker bieten unterschiedliche Möglichkeiten, den Internetzugang des eigenen Rechners oder bestimmte Websites für einen festgelegten Zeitraum zu blockieren. Eine der bekanntesten vergleichbaren Apps für das Smartphone ist Offtime: Auch hier lässt sich eine digitale Auszeit festlegen, in der bestimmte Apps, sämtliche Social-Media-Programme oder Spiele geblockt werden können.

Aus der Ausgabe

Die Arbeit kennt keinen Feierabend mehr, die Pause ist nur noch Lückenfüller und Freizeit schon lange nicht mehr freie Zeit, sondern die Aufforderung, etwas für sich, die Familie, die Freunde zu tun. Die Pause ist unerträglich, wenn sie keinen Anfang und kein Ende hat. Sie ist unnütz, wenn wir sie hastig füllen. Und sie kann der Anfang von etwas Neuem sein.

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